Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

10. Sonntag A
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Predigten

Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

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Predigt zur 1. Lesung: Hos 6,3-6

Predigt zur 2. Lesung:  Röm 4,18-25

Predigt zum Evangelium: Mt 9,9-13

Predigttext:      Hos 6,3-6

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Können Sie sich vorstellen, dass Gott, der allmächtige Gott, ratlos ist?

So klingt das hier mitten im Text der ersten Lesung aus dem Propheten Hosea. Da sagt Gott: „Was soll ich mit dir tun Ephraim? Was soll ich mit dir tun Juda?“ Und es hat den Anschein, als wenn Gott die Achseln zuckt und sagt: Was soll ich denn noch tun, was ich noch nicht getan hätte?

Gott scheint angesichts der Haltung seines Volkes ratlos zu sein.

 

Ganz ähnlich sagt das der Prophet Jesaja, der im 8. Jahrhundert vor Christus ein Zeitgenosse des Propheten Hosea ist. Der Prophet Jesaja kleidet das im fünften Kapitel in ein Lied von einem Weinberg. Da vergleicht er das Volk Israel mit einem Weinberg, den Gott gehegt und gepflegt hat. Und schließlich kommt auch da Gott zu der Erkenntnis: Was hätte ich denn meinem Weinberg noch tun können, das ich nicht für ihn getan habe? Warum habe ich erwartet, dass er Trauben bringt, und er bringt nur bittere Trauben?

Beide Male geht es gleichsam um ein Achselzucken Gottes: Was soll ich dir denn noch tun, was ich noch nicht getan hätte?

 

Gut, das Volk Israel sagt hier beim Propheten Hosea: „Lasst uns nach Erkenntnis streben, nach Erkenntnis des Herrn.“ Es hat den Anschein, als würde eine große Bußbewegung im Volk Israel ausbrechen. Aber Gott sieht, dass die Bußbewegung nicht tief genug geht. Gott sagt: „Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“ So wie die Wolken am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, sich in der Hitze auflösen, besonders in den Ländern des Südens, und wie Tau, der noch in der Frühe die Gräser und Pflanzen benetzt hatte, wie der vertrocknet, sobald die Sonne aufgeht, so ist es mit eurer Liebe.

Und Liebe ist hier beim Propheten Hosea ein Wort, das man eher mit „Treue“ übersetzen müsste. Es hat nicht in erster Linie etwas mit dem Gefühl zu tun, sondern mit der Bundestreue Gott gegenüber. Mit eurer Treue ist es nicht weit her, sagt Gott.

„Was soll ich mit dir tun mit dir, Ephraim? Was soll ich mit dir tun, Juda?“

 

Ephraim ist der Name für das Nordreich Israel; Juda der Name für das Südreich. Ganz Israel steht da vor Gott, Nordreich und Südreich. Und Gott steht scheinbar ratlos vor diesem Volk. „Was soll ich tun mit dir, Ephraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“

 

Was hier geschrieben ist, das hat auch in unseren Tagen Bedeutung. Es gibt auch heute in unserer Zeit in der Kirche Erweckungsbewegungen, geistliche Aufbrüche. Es entstehen neue geistliche Gemeinschaften. Es geschieht eine neue Bewegung hin zu Katholikentagen, zu Kirchentagen, zu Exerzitien. Aber ist diese Liebe, diese neu aufflammende Liebe zu Gott von Dauer? Oder ist sie auch wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau der vergeht, sobald die Sonne kommt. Wir müssen aufpassen, dass wir solche geistlichen Aufbrüche nicht verwechselt mit einem soliden geistlichen Wachstum, das gegründet ist auf wirkliche Umkehr und Buße, und das dann Beständigkeit hat. Darum geht es Gott.

 

Die Klage Gottes, diese scheinbar ratlose Klage Gottes, geht dann weiter: „Darum schlage ich drein durch die Propheten. Ich töte sie durch die Worte meines Mundes.“

Da fällt mir ein Wort ein, das Gott beim Propheten Jeremia gesprochen hat: „Ist nicht mein Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt, und wie ein Feuer, das brennt, das zerstört?“ Ja, Gott hat durch die Propheten gewarnt, gemahnt, geklagt und angeklagt. Er hat manchmal ganz drastische Bilder gebraucht. Das Wort Gottes war oft wirklich wie ein Hammer, der zugeschlagen hat.

 

Oder ich denke an eine Szene im Neuen Testament, wo der Bußprediger Johannes der Täufer am Jordan den Frommen Israels zuruft: „Ihr Schlangenbrut, ihr Natterngezücht! Wer hat euch beigebracht, ihr könntet dem Zorngericht Gottes entgehen? Zeigt Früchte, die eure Umkehr unter Beweis stellen.“ So ein hartes Wort aus dem Munde Johannes des Täufers ist wie ein Knüppel, den Gott den scheinbar Frommen in die Beine wirft, um ihnen zu zeigen: Ihr seid auf dem falschen Weg.

 

In diesen Zusammenhang gehört auch ein Satz, der mehrmals in der Bibel, im Alten Testament und im Neuen Testament erscheint, und der heute oft Anstoß erregt: „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“ Den nimmt in Zucht. Ja, wenn Gott uns in Zucht nimmt, wenn er straft, wenn er uns manchmal Leiden schickt, dann kann es sein, dass das so ein Knüppel ist, den Gott uns zwischen die Beine wirft, ein Hammer, mit dem Gott zuschlägt, weil wir auf dem falschen Weg sind. Oder dass wir auf einem scheinbar guten Weg sind, der aber so oberflächlich ist, dass in dem Augenblick, wo die Hitze kommt, wo Druck entsteht, wo man um des Glaubens willen Nachteile in Kauf nehmen muss, wo dann diese Liebe, diese Umkehr, keinen Bestand mehr hat.

Ja, sagt Gott: „Ich schlage drein durch die Propheten, durch den Hauch meinem Mundes, durch mein Wort töte ich sie.“

 

Scheinbar ist Gott ratlos. Aber dann sagt er am Ende wie eine große Quintessenz: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer.“

So ein Wort kann man in unserer Zeit heute leicht missverstehen. Da sagen heute die Menschen: Ich bin kein Kirchgänger. Und es steht ja schon beim Propheten Hosea: Ich will nicht Opfer, ich will keine Schlachtopfer, ich will Liebe. Ich bin zwar kein Kirchgänger, aber ich bin ein ganz umgänglicher Mensch. Also bin ich doch wohl im Willen Gottes, oder?

Nein, Gott ist nicht gegen Opfer. Und Gott ist auch nicht gegen Gottesdienst. Da würden wir so ein Wort total missverstehen. Aber es gibt eine veräußerlichte Form des Gottesdienstes, die mit einer persönlichen Hinwendung zu Gott nichts mehr zu tun hat. Ich will es einmal sehr einfach sagen: Wenn der Gottesdienst nur noch darin besteht, dass wir eine so genannte Sonntagspflicht erfüllen, dann bringt der Gottesdienst nichts. Das ist es, was hinter diesen Satz bei Hosea steht.

Oder wie hat Gott einmal beim Propheten Jesaja gesagt: „Dieses Volk ehrt mich nur mit den Lippen, mit ihrem Herzen sind sie weit weg von mir.“ Und darum: die Hinwendung des Herzens, das ist es, worum es Gott geht: Gotteserkenntnis, nicht Brandopfer.

 

Gotteserkenntnis bedeutet aber nicht, dass man viel über Gott weiß, dass man vielleicht Theologie studiert haben muss. Das ist mit „erkennen“ ist nicht gemeint. Erkenntnis meint im Tiefsten die liebende Erkenntnis. Darum wird das Wort erkennen auch gebraucht für den Beischlaf von Mann und Frau. Im Neuen Testament, in der Geburtsgeschichte bei Matthäus heißt es: „Josef erkannte Maria nicht, bis sie ihren Sohn geboren hatte.“ Das heißt: Er schlief nicht mit ihr. Das ist die Gotteserkenntnis, die hier gemeint ist.

Wir haben im Deutschen, im Umgangsdeutsch eine Redensart, die dem etwas nahe kommt: Wir reden manchmal von unseren „Bekannten“. Wenn wir von einem Mensch sagen: Er gehört zu unseren Bekannten, dann bedeutet das ja nicht unbedingt, dass wir viel über diesen Menschen wissen. Es bedeutet vielmehr, dass er ein Stückchen mit uns vertraut geworden ist. Es ist nicht so intensiv wie eine Freundschaft, aber dieser Mensch ist ein Stück mit uns vertraut geworden, er gehört zu unseren „Bekannten“. Gott möchte, dass so ein Vertrauensverhältnis zwischen uns und ihm wächst, dass wir uns darum bemühen, zu seinen „Bekannten“ zu gehören. Und letztlich sollen wir vom Neuen Testament her gesehen sogar zu seinen Freunden werden.

 

Dieser letzte Satz: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“, ist der Grund, warum diese Lesung am heutigen Sonntag gelesen wird. Denn dieses Wort wird zitiert im Evangelium des heutigen Sonntags (Mt 9,9-13). Als Jesus sich mit den Sündern einlässt, und als die anderen darüber murren und ihn kritisieren, sagt Jesus: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“

 

Hier wird auch ein Stückchen deutlich, dass diese Ratlosigkeit Gottes nur eine vordergründige, scheinbare Ratlosigkeit ist. Gott hat seinerseits einen Weg, einen Ausweg gefunden, um seine Liebe zu den Menschen im Tiefsten unter Beweis zu stellen. Als Jesus Mensch wurde, als in Jesus, die menschgewordene Liebe und Barmherzigkeit Gottes hier in dieser Welt erschienen ist, als er aus Liebe zu uns ans Kreuz gegangen ist, da hat Gott im Tiefsten erfüllt, was er von den Menschen eigentlich erwartet: Liebe will ich, nicht Opfer. Da ist beides zusammengekommen. Da ist das Opfer Christi das äußerste Zeichen der Liebe Gottes geworden. Amen.

 

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Predigttext:    Röm  4,18-25

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Am Ende des Evangeliums sagt Jesus wie einen programmatischen Satz: „Lernt es: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ So steht es schon im Alten Testament. Wenn man einmal in diesem programmatischen Stil bleibt, dann könnte man zur Lesung aus dem Römerbrief schreiben:

 

„Glaube will ich, nicht gute Werke!“

 

Das ist das zentrale Anliegen des Paulus im ersten Teil des Römerbriefes. Es geht ihm in den ersten vier Kapiteln um die ganz wichtige Frage: Wie wird ein Mensch in den Augen Gottes gerecht? Dabei bedeutete ‚gerecht’ damals etwas anderes, als was wir heute unter gerecht verstehen. Wenn man es salopp formuliert, könnte man sagen: Wie wird ein Mensch in den Augen Gottes okay, so dass Gott an ihm Wohlgefallen haben kann? Wie kommt ein Mensch dahin?

 

Wenn man damals einen Juden gefragt hätte: Wie wird man in den Augen Gottes okay, wohlgefällig?, dann hätte ein Jude darauf sofort die Antwort gewusst: Du musst gute Werke tun. Wenn du die Gebote erfüllst, dann bist du in den Augen Gottes okay.

 

Paulus würde antworten: Einverstanden, du musst die Gebote halten. Aber, wenn das für dich der Weg ist, um in den Augen Gottes okay zu werden, dann denk daran: Du bist ja gar nicht in der Lage, die Gebote zu halten. Wenn du auch nur ein einziges Gebot übertreten hast, dann hast du das ganze Gesetz übertreten, dann bist in den Augen Gottes schon nicht mehr okay. Also ist der Weg, Gebote zu erfüllen, kein Weg, um wohlgefällig vor Gott zu werden. Aber was dann?

 

Und nun nennt Paulus seine Alternative: Wenn du in den Augen Gottes wohlgefällig sein willst, dann musst du im Glauben gleichsam bei Gott verankert sein. Du musst verwurzelt sein in Gott durch den Glauben, verwurzelt sein in Gott und in seinen Verheißungen. Dann bist du in den Augen Gottes okay.

 

Und als Beispiel, an dem Paulus das verdeutlicht, nennt er den Stammvater Abraham.

Gott hatte dem Abraham die Zusage gegeben: Du wirst ein Vater vieler Völker werden. Das heißt: von dir werden viele Völker abstammen. Abraham hat das geglaubt, weil Gott es gesagt hatte. Nun, wenn man in seiner besten Manneskraft steht, kann man das leicht glauben. Aber Abraham wurde 70 Jahre alt, er wurde 80, er wurde 90, er wurde 99 Jahre, und er hatte immer noch keinen Sohn. Dann daran festzuhalten: Gott hat es versprochen, und darum klammere ich mich an dieses Versprechen und halte im Glauben daran fest. Das kostet etwas. Und genau das hat Abraham getan. Und genau das meint Paulus, wenn er von Glauben spricht: Festhalten an der Zusage Gottes, auch wenn alle Umstände dagegen sprechen.

 

Wenn man das tut, wenn man so durch Glauben in Gott verwurzelt ist, verankert ist, dann wird man dadurch noch nicht automatisch ein besserer Mensch. Abraham, der Stammvater des Glaubens, manchen „Bock geschossen“. Er ist auch als Glaubender manchen Irrweg gegangen.  

Als die Zeit immer länger und er immer älter wurde, und Sara seine Frau war auch schon 90 Jahre, da hat er gemeint, er müsse dem lieben Gott auf die Sprünge helfen. Er ist zu seiner Magd gegangen, und hat mit der Magd einen Sohn gezeugt. (Das war damals nichts moralisch verwerfliches, das war damals so üblich.) Und als Gott dann wieder zu ihm sagt: Ich werde dir einen Sohn schenken, da hat er ganz laut und keck geantwortet: „Hab ich schon!“ Aber Gott hat gesagt: Nein,. nicht der, nicht der Ismael von der Magd Hagar. Nein, von deiner Frau Sara, die schon längst über die Wechseljahre hinaus ist, die gar kein Kind mehr bekommen kann, von Sara wird dir Nachkommenschaft werden. Von ihr sollst du einen Sohn bekommen. Und Abraham hat daran festgehalten, er hat Gott das geglaubt. Er hat sich ganz mit den Verheißungen Gottes eins gemacht.

Das Entscheidende bei ihm war: Er hat seinen Blick nicht gerichtet auf die widrigen Umstände. Die sprachen alle dagegen: Ich schon 99, Sarah schon 90 usw. Nein, er hat geglaubt: Wenn Gott es gesagt hat, dann hat er auch die Macht, das zu tun. Das ist der Glaube, den Paulus hier meint. An diesem Glauben hat Abraham festgehalten; da war er mit Gott im tiefsten verwurzelt.

 

Aber das ist nicht nur für Abraham aufgeschrieben, sondern auch für uns.

Ich will noch einmal auf den Anfang zurückkommen: Gott möchte ja, dass wir gute Werke tun. Gott möchte auch, dass wir seine Gebote halten. Aber wie gehen wir denn damit um, wenn wir plötzlich merken: Wir schaffen es ja gar nicht, die Gebote Gottes zu halten? Wenn einer hier in der Kirche ist, der sagen kann: Ich kann alle Gebote Gottes halten, der soll aufzeigen. Das kann keiner von uns. Was machen wir denn dann? Resignieren wir und sagen: Das darf man nicht alles so eng sehen? - Doch Gott sieht das ganz eng.

 

Da sagt uns nun Paulus: Schau auf Abraham. Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, und er, nämlich Jesus Christus, hat alle Gebote Gottes erfüllt. Vielleicht erinnern sie sich an ein Wort in der Bergpredigt, wo Jesus gesagt hat: „Ich bin nicht gekommen das Gesetz und die Propheten aufzuheben, ich bin gekommen, um es zu erfüllen.“ Das heißt aber: ER, Jesus erfüllt das Gebot. Unsere Aufgabe ist es jetzt, uns im Glauben so sehr in Jesus zu verankern, dass wir wie Paulus im Galaterbrief sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Ich bin total mit ihm eins geworden. Und wenn Christus in mir lebt, wenn ich im Glauben mit ihm total verankert, verwurzelt, eins geworden bin, dann wird der Christus, der in mir lebt, die Gebote Gottes erfüllen.

Aber wenn ich sündige, was ist dann? Wir werden ja nicht automatisch bessere Menschen dadurch, dass wir uns im Glauben mit Jesus Christus eins machen. Genauso wie Abraham, der auch als Glaubender Irrwege gegangen ist.

Aber eins gilt auch: Wenn wir als Glaubende sündigen, dann ist Jesus auch die Sühne für unsere Sünden. Wenn Du in Deinem Leben „Mist baust“, dann denke daran: Auf Mist wächst etwas. Das ist das Geheimnis Jesu. Und wo wir sagen: Das ist alles „Mist“, da sagt Jesus uns: Lass mich das machen. Theologisch gesagt: Ich bin die Sühne für deine Sünde.

 

Halte im Glauben an Gott und seinen Verheißungen fest. Schau nicht auf die widrigen Umstände. Jeder von uns wird vermutlich einmal in eine Situation kommen, wo er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

Da kommt jemand zu mir mit der Bitte: Können Sie nicht für meine Tochter beten, die unheilbar krank ist. Die Ärzte können nicht mehr helfen. - Aber Gott kann! Es gibt für Gott kein „Unmöglich“.

Da ist jemandem die Frau weggelaufen. Dann kommt er und sagt: „Es ist alles aus. Zwischen uns ist nichts mehr.“ Doch, Gott kann die Beziehung wieder heilen! Halte daran fest, auch wenn alles dagegen spricht. Halte daran fest, dass Gott heilen kann auch da, wo menschlich gesehen nichts mehr zu machen ist.

 

Die entscheidende Frage ist: Lassen wir uns in unserem ganz praktischen Leben bestimmen von den widrigen Umständen, die uns immer beeinflussen wollen: „Das geht doch nicht! Wie soll das den funktionieren?“ Oder lassen wir uns prägen von der Zusage Gottes: „Ich kann!“

 

Wenn zu mir jemand kommt: Können Sie nicht für meine Tochter beten, oder für unseren Vater, oder für wen auch immer, es ist eine unmögliche Situation. Dann bete ich natürlich für den betreffenden Menschen z.B. um Heilung. Aber was ich zu allererst für den Betreffenden bete: dass Gott seinen Glauben stärkt. Dass Gott den Glauben stärkt, und dass der Mensch sich nicht beeinflussen lässt von den widrigen Umständen.

Abraham glaubte Gott. Er schaute nicht auf seinen erstorbenen Leib und auf den erstorbenen Mutterschoß Saras. Er hielt vielmehr daran fest: „Wenn Gott eine Zusage gegeben hat, dann kann er es auch tun.“ Das ist das Geheimnis des Christenlebens. Und auf diese Spur möchte der Apostel Paulus uns im Römerbrief bringen. Amen.

 

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Predigttext:    Mt 9,9-13

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Eine Berufungsgeschichte, ganz kurz und knapp, nur in einem einzigen Vers.

Jesus sah einen Mann namens Matthäus an der Zollstätte sitzen und sagte zu ihm: „Folge mir nach!“ Und Matthäus stand auf und folgte ihm. Eine ganz knappe Berufungsgeschichte.

Ich habe heute manchmal den Eindruck, dass das Thema „Berufung durch Jesus Christus“ in unseren Gemeinden, in unserer Kirche praktisch nicht mehr vorkommt. Vor allem bei jüngeren Leuten kommt das Thema Berufung nicht mehr vor. Und die Folge davon ist die Tatsache, dass sich in Deutschland immer weniger Priesteramtskandidaten in den Priesterseminaren anmelden, vom Ordensnachwuchs ganz zu schweigen. Das Thema Berufung kommt nicht mehr vor.

 

Natürlich kann man hingehen und alles auf den Zölibat schieben. Der ist ja immer für alles verantwortlich. Oder man kann auch hingehen und auf die verknöcherte Kirche schimpfen. Wenn die nicht so wären, der Papst und die Bischöfe und die ganze Amtskirche, dann gäbe es auch mehr Berufungen. Aber ich weiß nicht. Das macht man sich vielleicht doch ein bisschen zu einfach.

 

Von dieser ganz kleinen Berufungsgeschichte des Matthäus heute einmal ein paar Gesichtspunkte zum Thema Berufung, die mich nachdenklich gemacht haben.

 

Ein Erstes:

Auffällig ist: Jesus sieht den einzelnen Menschen. Diese Berufungsgeschichte des Matthäus spielt in einem Umfeld, wo die Menschen in Scharen  Jesus zugeströmt sind.

Es ist die Zeit nach der Bergpredigt, wo die Leute gestaunt haben: Was ist das für ein Mann! Der redet nicht wie die Pharisäer und wie die Schriftgelehrten, sondern er redet mit Vollmacht.

Es ist die Zeit, wo Jesus unmittelbar vorher einen Gelähmten geheilt hat, wo er einen Aussätzigen gesund gemacht hat. Die Leute strömten nur so zu ihm hin, weil sie spürten: Hier ist einer, der redet und handelt in göttlicher Vollmacht.

Und trotzdem, obwohl die Menschenmenge nur so zu ihm hinströmt, sieht Jesus den Einzelnen, diesen einen Matthäus, der an der Zollstätte sitzt. Und den beruft er, diesen einzelnen Menschen.

 

Ich habe manchmal Sorge, dass wir heute zu sehr auf die Masse schauen. Natürlich ist das schön, wenn man jeden Sonntag eine volle Kirche hat wie zu Weihnachten. Aber wir dürfen über der Menge den Einzelnen nicht aus dem Blick verlieren.

Sehen Sie, da kommen die Leute und sagen: „Die Fronleichnamsprozession war in diesem Jahr aber schlecht besucht.“ Mag ja sein, dass die Fronleichnamsprozession schlecht besucht war. Aber das Entscheidende ist nicht die Menge. Es ist der Einzelne, den Jesus im Blick hat und anspricht.

Und wenn wir in der Seelsorge den Einzelnen nicht mehr im Blick haben, dann wird auch keine Berufung geschehen; oder sagen wir vorsichtig: dann wird Berufung sehr erschwert.

Ein berühmter englischer Prediger im 19. Jahrhundert, C.H. Spurgeon, hat fast jeden Tag zu Tausenden von Menschen gepredigt. Da musste man in London extra eine Versammlungshalle bauen, weil keine Kirche groß genug war, um die Hörerschaft aufzunehmen, die diesen Prediger hören wollte. Dieser Spurgeon ist einmal von Studenten gefragt worden, von Theologiestudenten, was er den jungen Predigern mit auf den Weg gibt, was in seinen Augen am Wichtigsten ist. Da hat er ihnen ohne Zögern geantwortet: Du darfst den Einzelnen bei der Predigt nicht aus dem Blick verlieren.

Nicht die Menge macht es, sondern dass Jesus in der ganzen Menschenmenge den Einzelnen sieht. Auch jetzt, durch diese menschliche Predigt heute hindurch will Jesus nicht die nur die Menge ansprechen, sondern das Herz des Einzelnen erreichen. Das war das Geheimnis Jesu. Und das ist das Geheimnis von Berufung.

 

Wie dann Berufung konkret geschieht, ob durch eine Predigt oder ganz anders, das kann sehr unterschiedlich sein. Ein Freund von mir ist Priester in einem Missionsorden. Vor seiner Berufung war er Hilfsarbeiter bei der Bahn. Nach dem Krieg musste er Schwellen legen für die Straßenbahn, die wieder gebaut wurde. Vor Jahren bin ich einmal mit dem Auto mit ihm durch die Stadt gefahren, wo er damals Schwellen gelegt hat. Plötzlich da sagt er zu mir: „Fahr mal rechts an den Parkstreifen.“ Dann sagte er hier: „Ganz genau hier, an dieser Stelle, hab ich meine Berufung bekommen.“ Und dann hat er mir erzählt, wie das war: „Ich war als Bauarbeiter und habe Schwellen gelegt. Wir hatten Frühstückspause, und ich bin in den Bauwagen gegangen, habe die Tageszeitung genommen und habe die ganzen Todesanzeigen in der Zeitung gelesen Und bei den Todesanzeigen steht ja oft oben so ein Bibelvers mit drauf. Da lese ich bei einer Todesanzeige einen Vers, von dem wusste ich gar nicht, wo der in der Bibel stand: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Heute weiß ich: Das ist aus dem Propheten Jesaja. Aber damals, als ich das las, hat es mich bis ins tiefste Herz getroffen. Es war so, als hörte ich meinen Vornamen davor: ‚Martin, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.’ Es hat noch Jahre gedauert, bis ich dann den Weg gefunden habe und ins Kloster gegangen bin. Aber der erste entscheidende Anruf kam, als ich Schwellen gelegt habe und die Tageszeitung mit den ganzen Todesanzeigen gelesen habe.

Jesus ruft den Einzelnen. Und ich denke, wenn wir in unseren Pfarrgemeinden den Einzelnen immer mehr aus dem Blick verlieren, dann ist das keine gute Entwicklung. Andererseits sollten die Einzelnen in der Gemeinde auch von sich aus die Gelegenheit suchen zu einem seelsorglichen Gespräch. Vielleicht einmal irgendwo hinfahren und Exerzitien machen, wo man wirklich als Einzelner unmittelbar vor Jesus steht.

 

 

Ein Zweites, immer noch bei diesem einen Vers:

Der Ruf Jesu an Matthäus heißt nicht: „Du sollst Evangelist werden!“ Gut, er hat später der Überlieferung nach das Matthäusevangelium geschrieben. Auch heute heißt die erste Berufung für einen Menschen nicht: Geh ins Kloster, oder: Werde Priester! Die Berufung heißt: „Folge mir nach!“ Das Erste ist die persönliche Bindung eines Menschen an Jesus Christus. Für Matthäus bedeutet diese Einladung: Geh mit mir. Du sollst miterleben, wie mein Verhältnis zum Vater ist, wenn ich bete. Du sollst meine Freude kennen lernen, meine Heimatlosigkeit, meinen Schmerz. Du sollst miterleben, wie ich mit den Menschen umgehe.

Und irgendwann sollst du die Kraft haben, genauso zu leben wie ich: Du sollst lieben können wie ich; du sollst leiden können wie ich; du sollst dich freuen können wie ich; du sollst ein so persönliches Verhältnis zum Vater haben wie ich. „Komm, folge mir nach!“

 

Damals war das für den Matthäus sicher einfacher als es heute ist, aber das ist auch für uns ganz wichtig, dass wir lernen, wie Jesus denkt, wie er gelebt hat, was er fühlt, was ihm Freude macht, worüber er sich ärgert, wie er um jeden Menschen ringt. Wir lesen das in den Evangelien. Und wo Menschen anfangen, das ernst zu nehmen, wo in Menschen die Sehnsucht wächst: Ich möchte so leben wie er, da geschieht Berufung.

Und dann ist es ein zweiter Schritt, ob man berufen wird zum Priester, zum Diakon, zum Ordensmann, zum Pastoralreferenten, oder zum Familienvater, zum Ehemann, zur Verkäuferin oder was auch immer. Das ist die zweite Stufe der Berufung.

Die grundlegende, erste Stufe heißt: Ich möchte Jesus nachfolgen, und ich möchte leben können wie er.

 

 

Ein Drittes, so eine Kleinigkeit, über die man hier fast weg liest:

Der Überlieferung nach hat Matthäus ein Evangelium geschrieben, das Matthäusevangelium. Aber bis er ein Evangelium schreiben konnte, war es auch für Matthäus ein langer Weg. Aber wissen Sie, was die erste Stufe auf diesem Weg war? Predigen konnte Matthäus nicht. Aber eins hat er getan: Er hat sein Haus aufgemacht, hat alle seine Berufskollegen, die Zöllner, zum Essen eingeladen, und er hat auch Jesus dazu eingeladen. So bekam Jesus Gelegenheit, zu den ganzen Berufskollegen des Matthäus zu sprechen.

 

Wenn wir heute in unsern Gemeinden ein bisschen mehr Phantasie in dieser Richtung hätten, würde viel mehr geschehen auch an persönlicher Seelsorge. Was wäre das heute für eine Sache, wenn Menschen heute ihr Haus aufmachen würden, nicht nur für eine Grillparty, nicht nur für einen Nachbarschaftskaffee. Warum soll man dann nicht einmal den Pfarrer oder den Pastoralreferenten dazu einladen und dann wirklich einmal über Glaubensfragen ins Gespräch kommen. Da vervielfacht sich die Kraft der Seelsorger.

Oder: Ich habe oft erlebt, dass Menschen, die nie die Berufung hatten, zu predigen, andere Leute eingeladen haben und mit ihnen zu Hause Predigtkassetten angehört haben. Selber einen Bibelkurs halten, konnten sie nicht, aber es gibt ja Kassetten oder CDs, es gibt Hilfen dazu. Sie haben mit Hilfe von Kassetten selber einen Bibelkurs zusammen mit Anderen in ihrem Wohnzimmer gehalten, so gut sie es konnten. Darauf ruht Segen, und ich denke, in dieser Hinsicht brauchen wir viel mehr Phantasie.

 

Ich kenne ein Ehepaar, die sind vor vielen Jahren zu ihrem Pfarrer gegangen und haben ihn gefragt, ob sie das Pfarrheim benutzen dürften; sie wollten als Ehepaar Bibelstunden halten. Der Pfarrer hat das abgelehnt; es sei kein Raum dafür frei. Wissen Sie, was das Ehepaar gemacht hat? Sie haben in ihrem Ort im nördlichen Ruhrgebiet das erste Cafe am Ort angemietet. Sie haben die Besitzerin gefragt, ob sie das Lokal für einen Nachmittag in der Woche mieten könnten für Bibelarbeit. Die Besitzerin hat gesagt: „Ich habe am Donnerstagnachmittag normalerweise so und so viel Einnahmen, wenn ihr mir die garantiert, dann könnt ihr das Lokal haben und braucht keine Miete zahlen.“ Sie haben eingeladen zu Bibelstunden in das Cafe. Jeder, der kam, musste dann ein oder zwei Getränke bestellen, das war Verpflichtung. Und so brauchten sie keine Miete zu zahlen. Und was passierte? Die Leute sind „in Strömen“ gekommen, auch junge Leute. Menschen, die in ein kirchliches Jugendheim oder in eine Kirche nie mehr reingegangen wären. So mancher hat da wieder den ersten Anstoß bekommen.

 

Berufung:

Den Einzelnen im Blick haben!

Folge MIR nach! Nicht: Tu das und tu das, sondern: Folge MIR nach.

Phantasie entwickeln!

Darum geht es.   Amen.

 

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