Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

11. Sonntag B
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Predigten

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Predigt zum Evangelium:   Mk 4,26-34      Predigt als Video

Predigttext:    Mk 4,26-34

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal ein Senfkorn in der Hand gehabt haben. Mir hat jemand vor einigen Wochen ein paar Senfkörner mitgebracht. Wenn man diese Senfkörner in der Hand hat, würde kaum einer auf die Idee kommen, dass es das kleinste von allen Samenkörnern ist, so wie Jesus das gesagt hat. Aber in Israel sind die Senfkörner noch viel kleiner als bei uns hier.

Kurz nach meiner Priesterweihe hat mir ein Student Senfkörner aus Israel mitgebracht. Der hatte die Senfkörner mit einem Tesastreifen auf eine Spruchkarte geklebt. Diese Senfkörner waren so winzig klein wie ein Sandkorn. Da hab ich erfahren, warum Jesus sagt: Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern.

Ich hätte ihnen so ein Senfkorn aus Israel gerne mitgebracht und gezeigt. Aber mit diesen Senfkörnern ist ein Missgeschick passiert. Ich habe einmal einen Einkehrtag gehalten für Mitglieder der Frauengemeinschaft. Und da hab ich diese Senfkörner aus Israel vom Tesastreifen losgelöst. Ich habe sie auf meine Bibel gelegt und habe sie rundgehen lassen. Jeder sollte sich anschauen, wie klein ein Senfkorn ist. Nun war da eine Frau dabei mit ganz dicken Brillengläsern. Die sagte: „Ich kann das nicht sehen.“ Ich sagte: „Dann müssen sie näher ran gehen.“ Sie ging näher ran. Und in dem Augenblick musste sie niesen; und wir haben kein einziges von den Senfkörnern wiedergefunden. Sonst hätte ich sie heute mitgebracht und hätte sie ihnen gezeigt. So klein ist ein Senfkorn.

 

Aber, das eigenartige ist, wenn das Senfkorn auch noch so ein winziges Samenkorn ist, aus diesem Senfkorn wächst in Israel eine riesige Staude. Ich habe im Lexikon gelesen, dass eine Senfkornstaude über zehn Meter hoch werden kann, etwa so hoch wie hier unser Kirchenraum. Und da kann man sich auch vorstellen, dass die Vögel des Himmels darin ihre Nester bauen konnten. In diesem winzig kleinen Samenkorn liegt soviel Kraft, dass daraus eine riesige Staude wird.

 

Aber was hat das jetzt alles mit dem Reich Gottes zu tun? Jesus sagt ja: „Womit sollen wir das Reich Gottes beschreiben?“ Und als Antwort erzählt er dieses Gleichnis vom Senfkorn. Was hat das mit dem Reich Gottes zu tun? Da muss ich ein kleines bisschen ausholen.

Als Jesus seine öffentliche Wirksamkeit begann nach der Taufe im Jordan, da hat er wie ein Posaunenstoß verkündet: „Das Reich Gottes ist nahe! Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Und was waren die Zeichen des Reiches Gottes? Das hat Jesus auch gesagt. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf. Und jeder hat damit gerechnet, dass es jetzt richtig losgeht. Und was passierte? Nichts! Gut, der blinde Bartimäus ist geheilt worden, der Gelähmte, den sie durch das Dach runtergelassen haben, der ist geheilt worden. Es sind auch ein paar Tote auferweckt worden, zum Beispiel der Lazarus. Aber aufs Ganze gesehen, waren das nur Einzelfälle. Aufs Ganze gesehen war die Herrlichkeit des Reiches Gottes ausgeblieben.

Natürlich, am Anfang, als Jesus gepredigt hatte, da sind die Leute ihm nachgelaufen und zugeströmt, etwa als er mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Leute satt gemacht hat. Natürlich wollen die Leute ihn da zum König machen. Aber dann hat Jesus in seiner Rede gesagt: „Ich selbst bin das Brot des Lebens.“ Es geht nicht nur darum einen vollen Magen zu haben. Da sagen die Leute: „Du bist das Brot des Lebens? Tschüß!“ Und sie sind weggegangen. Da blieben nur noch die Zwölf übrig. Und als Jesus am Kreuz gestorben ist, da war von den Aposteln nur noch Johannes da. Alle anderen waren abgehauen.

Aber das war nicht nur damals so. Das ist in der Kirche heute oft genauso. Die Älteren müssten sich noch erinnern können. Was haben wir 1959 eine Erwartungshaltung gehabt, als Johannes XIII, der damalige Papst, das Konzil ankündigte. Er hat ausdrücklich gesagt: „Wir wollen die Türen und die Fenster öffnen, damit der ganze klerikale Mief aus der Kirche rausgeht.“ Wir haben damals, als das Konzil anfing, alle gedacht: Jetzt bricht mit einer großen Bewegung die Erneuerung der Kirche an. Und was ist daraus geworden? Wenig! Gut, es sind ein paar Reförmchen gekommen. Man feiert heute die Messe nicht mehr in Latein, sondern in Deutsch. Aber aufs Ganze gesehen ist diese große Bewegung bis auf den heutigen Tag ausgeblieben. Und wir haben den Eindruck: Das kirchliche Leben geht zurück, statt dass es wächst.

Und in so eine Situation hinein damals hat Jesus dieses Bildwort vom Senfkorn erzählt. Er sagt damit: „Genauso sicher wie aus einem winzigen Senfkorn eine große Staude wächst, genauso sicher wird aus ganz kleinen Anfängen etwas Großes wachsen. Gott ist immer ein Gott der kleinen Anfänge gewesen, von den Tagen der Bibel bis auf den heutigen Tag.

Das fängt schon an auf den ersten Seiten der Bibel, beim Turmbau zu Babel. Da wollten die Leute einen Turm bauen, der bis an den Himmel reicht. Und Gott hat die Menschen zerstreut über die ganze Welt, und keiner verstand mehr die Sprache des anderen. Aber dann hat Gott mit einem einzigen Mann wieder angefangen, mit Abraham.

Oder: Als Jesus am Kreuz gestorben ist, und nur noch Johannes mit ein paar Frauen übrig war. Da hat Jesus mit ganz wenigen Leuten angefangen und hat die Kirche gebaut. Und was ist daraus geworden!

Oder ich denk an die Zeit im Mittelalter, als es in der Kirche drunter und drüber ging. Da hat Gott mit einem Mann wieder angefangen, mit Franz von Assisi. Und man könnte das bis in unsere Zeitfortsetzen. Gott ist immer ein Gott der kleinen Anfänge.

Aber genauso sicher wie ein Landwirt weiß: Wenn ich das Samenkorn gesät habe, dann wird es auch aufgehen. Genauso sicher ist, dass aus diesen kleinen Anfängen etwas wächst. Es liegt die Kraft des Samenkorns darin, die Kraft des Wachstums.

Wir singen in unseren Gottesdiensten manchmal das Lied: „Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich pflanzen, dass es weiter wächst …“

Es gibt so viele Menschen, die säen heute nicht das Senfkorn Hoffnung, sondern die säen das Senfkorn Resignation, das Senfkorn Miesmacherei und ähnliches mehr. Und ich glaube, es ist allerhöchste Zeit, dass wir wieder anfangen, entgegen diesen Miesmachern das Senfkorn Hoffnung zu säen. Und wenn wir das tun, wenn wir solche Zeichen der Hoffnung pflanzen, dann werden wir auch die entsprechenden Früchte wachsen sehen.

Es gibt viele Zeichen solcher Hoffnung, auch in unserer Zeit. Ich denke an die Zeit, als Benedikt XVI. Papst wurde. Als er dann zum Weltjugendtag nach Köln kam, da keimte es überall auf. Es ist noch nicht ein großer Baum, es ist noch keine große Staude, aber es wächst.

Und ich will in diesem Zusammenhang auch einmal was ganz Banales sagen. Es lohnt sich, etwa hier am Niederrhein sich die Tageszeitung anzuschauen, wie viele kirchliche Nachrichten da gebracht werden. Das würde die Zeitung doch nicht regelmäßig bringen, wenn die Leute das nicht lesen würden.  

Es wächst etwas, auch wenn es noch keine Riesenstaude ist. Ich möchte allen Mut machen: Säe und pflanze das Senfkorn Hoffnung, und du wirst die entsprechenden Ergebnisse sehen.   Amen.

 

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