Pfarrer Karl Sendker

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Gottesdienste - geistliches Leben

 

12. Sonntag C
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Predigten

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Predigt zur 2. Lesung:   Gal 3,26-29

Predigt zum Evangelium:   Lk 9,18-24

Predigttext:    Gal 3,26-29

 

Dies ist die dritte Predigt einer fünfteiligen Predigtreihe zum Galaterbrief.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Die Botschaft, die der Apostel Paulus im Galaterbrief den Christen verkündet, dass es den Himmel umsonst gibt, dass wir uns den Himmel nicht verdienen müssen, diese Botschaft hat Anstoß erregt. Daran haben sich die Leute gerieben, besonders die Christen aus dem Judentum. „Paulus, wenn das so ist, dann können wir ja die Hände in den Schoß legen …“ Auf diese Frage, die auch uns bedrängt, wird Paulus uns eine sehr eindeutige Antwort geben. Wie ist das eigentlich mit unseren Tun? Können wir wirklich die Hände in den Schoß legen? Aber dazu mehr in der nächsten Predigt.

 

Zunächst einmal ist Paulus immer noch voll von dem Gedanken, dass wir durch die Taufe „in Christus“ sind, dass Christus in uns lebt. Das sprudelt geradezu immer wieder aus ihm heraus. Am letzen Sonntag sagt er: Wenn ihr in Christus seid, dann seid ihr mit Christus gekreuzigt, dann ist die Strafe für alle Sünden bereits bezahlt, dann habt ihr den Himmel umsonst. Das ist absolut sicher. Dann ist die Hölle für euch kein Thema mehr.

Aber Christus ist der nicht nur der Notausgang aus der Hölle, sondern Christus ist gleichsam hier in dieser Welt die Türe zu einem Leben in neuen Dimensionen, in göttlichen Dimensionen.

Darüber redet Paulus heute. Er sagt: Wenn ihr mit Christus verbunden seid, wenn ihr „in Christus“ seit, dann seid ihr Söhne Gottes. Wir sagen das so schnell, etwa bei der Einleitung zum Vater unser in der heiligen Messe: „Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es …“ Aber es lohnt sich, dem einmal nachzudenken, sich da hinein zu vertiefen. Was das bedeutet, dass wir Söhne und Töchter Gottes sind?

 

Wenn wir verstehen wollen was Gott damit meint, dann brauchen wir uns nur das Leben Jesu anzuschauen, wie er auf dieser Erde gelebt hat. Jesus war der Sohn Gottes schlechthin, der Sohn Gottes von Natur aus. Und an ihm können wir ablesen, wie Gott sich das mit uns gedacht hat., wenn wir Söhne Gottes sind.

Gott traut uns zu, dass wir ein so persönliches, intimes Verhältnis zu ihm als Vater haben, wie Jesus es gehabt hat. Gott traut uns zu, dass wir mit gleichsam göttlicher Vollmacht hier in dieser Welt leben, so wie Jesus damals. Das alles ist gemeint, wenn wir Söhne und Töchter Gottes sind. Das alles ist damit verbunden, wenn wir „in Christus“ sind.

 

Heute möchte ich eigentlich den Akzent auf einen anderen Punkt legen. Paulus schreibt: Durch die Taufe und durch den Glauben, in dem ihr das angenommen habt, dass ihr „in Christus“ seid, gibt es jetzt nicht mehr den Gegensatz ‚Juden und Heiden’, nicht mehr den Gegensatz ‚Sklave und Freier’, nicht mehr den Gegensatz ‚Mann und Frau’, sondern dann seid ihr alle eins in Christus. Die ganze Zerrissenheit in Gegensätze wird überwunden.

Wenn damals die ersten Christen eine solche Ausstrahlungskraft gehabt haben, dann hat es nicht zuletzt daran gelegen, dass die der Welt eine Einheit vorgelebt haben, die es in der Welt nicht gab. Wenn damals in der christlichen Gemeinde ein Sklave am gleichen Tisch gesessen hat wie sein Herr, dann war das in der Umwelt damals undenkbar. Die sozialen Gegensätze, die damals extrem scharf waren, waren auf einmal aufgehoben. Da haben Sklaven und Herren zusammen Abendmahl gefeiert und zu Abend gegessen. Und das hat die Menschen überzeugt. Da muss doch etwas dran sein an diesem Christentum.

Als ich diese Predigt vorbereitet habe, da hab ich mich gefragt, ob das für uns so noch zutrifft? Bei uns gibt es der den Gegensatz zwischen Juden und Heiden in dieser Weise gar nicht mehr. Dass ist historisch vergangen.

Aber mir ist dann klar geworden, wie auch unsere Welt heute in Gegensätze zerrissen ist. Überall, wohin wir schauen, wird eine abgrundtiefe Zerrissenheit sichtbar?

Was Paulus hier am Ende schreibt, ist auch heute noch eine der brennenden Fragen: der Unterschied ‚Mann und Frau’. Wie wird heute gerungen, gekämpft und gestritten um die Gleichberechtigung der Frau. Und was sagt Paulus im Auftrag Gottes: Wenn ihr „in Christus“ seid, dann ist auch dieser Gegensatz, diese Zerrissenheit überwunden. Das schenkt Gott. Das brauchen wir nicht zu erkämpfen.

 

Schwestern und Brüder, das hat für uns eine ganz wichtige Konsequenz. Wir müssen aufpassen, wenn uns die Einheit der Welt ein Anliegen ist, dass wir nicht an Symptomen herumkurieren. Es ist gut, wenn wir für Menschenrechte demonstrieren. Es ist gut, wenn wir heute darum kämpfen, dass eine Frau die gleiche Würde und die gleichen Rechte hat wie ein Mann, auch in der Kirche. Aber das sind die Symptome. Unsere ureigenste Antwort als Christen auf diese Zerrissenheit ist, dass wir die Menschen hinweisen: Ihr müsst mit Christus verbunden werden. In dem Augenblick, wo ihr „in Christus“ seid, dann wird ER diese Gegensätze aufheben.

 

Ich will ihnen dafür ein Beispiel sagen, was mich vor Jahren ganz tief betroffen gemacht hat. Vor Jahren habe ich in Braunschweig eine große christliche Konferenz besucht. Da waren Katholiken, evangelische Christen, Klarissen, Ordensleute; da waren Baptisten, Methodisten, da waren Menschen, die gehörten zu gar keiner Kirche, Christen verschiedenster Arten. Und ich habe vorher noch nie erlebt, wie auf dieser großen Konferenz von mit tausenden von Leuten, dass wir eins waren. Da waren wir wirklich untereinander Brüder und Schwestern, weil wir uns auf den gemeinsamen Herrn, auf Jesus Christus, eingelassen hatten.

Und dann ging es um die Frage des gemeinsamen Gottesdienstes. Sollen wir einen großen ökumenischen Gottesdienst feiern. Und manche kamen dann auf den Gedanken: Jetzt könnten wir doch zusammen das Abendmahl feiern. Wir sind hier in einer so tiefen Weise eins geworden. Sollen wir das nicht einfach tun?

Aber wir haben es nicht getan. Wir haben nicht eine Einheit gespielt, die im Tiefsten unehrlich gewesen wäre. Wir haben gemeinsam darunter gelitten, dass die evangelischem Christen Abendmahl gefeiert haben, und wir Katholiken haben Eucharistie gefeiert.

Aber das merkwürdige war: Was eigentlich das Trennende zwischen uns war, wurde auf einmal zu einer neuen Erfahrung der Einheit: Dieses gemeinsame „darunter leiden“ hat uns so tief zusammengebunden, wie es ein ökumenischer Gottesdienst nie hätte tun können. Da hat Gott selbst gewirkt. Er hat auf einer ganz neuen Ebene Einheit gestiftet.

 

Ich will es einmal in einem Bild sagen. Man könnte die Christenheit vergleichen mit einem Swimmingpool. Ursprünglich war das so von Gott gedacht, dass alle das ganze Becken gemeinsam hatten. Und dann haben die Christen angefangen, mitten in dieses Becken eine Mauer zu ziehen. Dann haben sie noch eine Mauer gezogen und noch eine Mauer und noch eine Mauer. Hinterher hat jeder nur eine kleine Ecke für sich gehabt. Keiner hatte mehr das Ganze. Und dann nach fast 2000 Jahren sind sie auf einmal dahinter gekommen: Es hatte jeder nur noch eine kleine Ecke für sich. Wir müssen die Mauern nieder reißen. Dann kam die ökumenische Bewegung. Da haben die Menschen einen Presslufthammer genommen und haben versucht, diese Mauern niederzureißen. Aber die waren so solide gemauert, dass man die Mauern nicht beseitigen konnte. Wir haben es einfach nicht geschafft. Und das ist die Situation der Ökumene heute.

Aber dann hat Gott eine ganz andere Idee gehabt: Gott hat in diesem Swimmingpool den Wasserspiegel so hoch angehoben, dass unten drunter die Mauern verschwunden sind. Die Mauern sind noch geblieben, sie war nicht weg. Die Gegensätze sind noch da. Und trotzdem, auf einer ganz anderen Ebene schenkt er eine tiefe Einheit. Das bewirkt Gott.

 

Und sehen Sie, wenn wir das übertragen auf unserer sozialen Gegensätze. Wir meinen, immer so viel dafür „tun“ zu müssen. Nein, unser Dienst ist nicht, etwa um die Position der Frauen in der Kirche zu kämpfen. Die Lösung liegt nicht darin, dass die Männer in der Kirche Positionen krampfhaft verteidigen, und auf der anderen Seite Frauen meinen, sie müssen sich ihre Rechte erkämpfen. Nein ,es geht darum, dass wir den Einheit stiftenden Pol wieder finden, nämlich Jesus Christus. Dann sind die ganzen sozialen Fragen „Mann und Frau“ „Sklave und Freier2, gar kein Problem mehr. Diese Fragen werden von Christus gelöst, die lösen sich auf in nichts.

Ich will schließen mit noch einem kleinen Bild: Man könnte diese Einheit vergleichen mit einem großen Speichenrad. Je näher die einzelnen Speichen zur Narbe, zum Mittelpunkt kommen, um so mehr kommen sie sich auch untereinander näher, bis sie sich schließlich in der Narbe, im Mittelpunkt vereinen. Je mehr wir Menschen wir Christen zu Jesus Christus kommen, um so näher kommen wir uns auch untereinander. Amen.

 

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Predigttext:      Lk 9,18-24

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es gibt wohl nur wenige Worte Jesu, die in der Kirche so gründlich missverstanden worden sind, wie dieses Wort Jesu von der Kreuzesnachfolge. „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst; er nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Fragen Sie einmal irgendeinen durchschnittlichen Katholiken, was er sich Kreuzesnachfolge vorstellt? Dann bekommt man normalerweise folgende Antwort: Wenn jemand ein Leiden, eine Krankheit hat, wo ihm die Ärzte nicht mehr helfen können, und wenn er sich dann geduldig darunter beugt, dann ist das sein Kreuz. Oder wenn es in einer Familie einen Schicksalsschlag nach dem anderen gibt, und wenn dann die Familie das im Glauben annimmt und nicht daran zerbricht, dann sagen die Menschen: Das ist das Kreuz, das Gott ihnen auferlegt hat. Aber das ist total falsch.

Jesus, der das Kreuz als erster für uns getragen hat, ist ja nicht an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Er ist auch nicht gestorben, weil er Probleme in seiner Familie hatte. Das war nicht sein Kreuz. Nein, da ging es da ging es um etwas ganz anderes.

Damit wir uns jetzt nicht missverstehen, muss ich eine wichtige Zwischenbemerkung machen: Wenn es einen Menschen gelingt, sein Leid, seine Krankheit in der Kraft des Glaubens zu tragen, dann ist das etwas ganz Großes, was man nicht im Geringsten abwerten darf. Und wenn eine Familie, die wirklich von Schicksalsschlägen gebeutelt ist, das ohne Murren von Gott annimmt, ohne daran zu zerbrechen, dann ist das ein ganz starkes Glaubenszeugnis. Das darf man überhaupt nicht abwerten. Aber ‚Kreuz tragen’ ist etwas anderes.

 

Jesus selbst hat das Wort von der täglichen Kreuzesnachfolge erläutert. Er sagt: „Wenn einer mein Jünger sein will, dann verleugne er sich selbst.“ Das ist die Erläuterung des Wortes vom Kreuz tragen: „der verleugne sich selbst“. Auch hier muss man einmal fragen: Was bedeutet das denn ganz praktisch, sich selbst verleugnen? Das ist so ein großes Wort.

Sehen Sie, als Petrus dreimal seinen Herrn verleugnet hat, wissen Sie, wie das ganz praktisch zuging: Petrus sitzt am Feuer, ein Dienstmädchen kommt und sagt: „Du gehörst doch auch zu diesem Jesus.“ Und dann sagt Petrus: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Das war seine Verleugnung: Ich kenne den Menschen nicht, von dem da redest.

Etwas salopp gesagt würde Selbstverleugnung dann so aussehen: Du stehst morgens vor dem Spiegel, schaust dich selbst im Spiegel an, und sagst zu dem, den du im Spiegel siehst: „Ich kenne den Menschen nicht. mit dem habe ich nichts zu tun.“ Das Gleiche ohne Bild gesagt heißt dann: Das eigene Ich, das bei uns immer so im Vordergrund steht - im Wort im ‚Egoismus’ steckt das Wort ‚Ego’ drin, das Wort ‚Ich’. Wenn ich zu diesem Ich sage: Mit dir habe ich nichts zu tun, das ist selbst Verleugnung.

Überlegen Sie einmal, was das bedeutet heute in unserer Gesellschaft, die wesentlich geprägt ist von Selbstverwirklichung und nicht von selbst Verleugnung. Bei vielen Menschen geht es heute fast ausschließlich darum, dass ICH mein Recht bekomme, dass MEINE Meinung beachtet wird, dass MEINE Vorstellungen zum Zuge kommen. Das ist heute das Lebensgefühl der Menschen.

Und wenn angesichts dieser Lebenshaltung jemand Selbstverleugnung übt, dann bedeutet das ganz praktisch: Ich bin nicht mehr daran interessiert, dass ICH mein Recht bekomme. Dann es geht mir darum, dass die Sache Gottes zum Zuge kommt. Dann geht es nicht mehr darum, wie ICH das sehe, sondern dann geht es um die Frage, wie Gott das sieht, wie Gott die Dinge beurteilt. Dann geht es nicht mehr darum, dass ICH meinen Willen durchsetze. Dann steht im Mittelpunkt: Dein Wille geschehe. Und dann geht es nicht mehr um MEINE Angelegenheiten, sondern dann ist es mir ein Herzensanliegen, dass die Dinge des Reiches Gottes zum Tragen kommen. Das ist selbst Verleugnung. Und das hat Jesus exemplarisch vorgelebt, und dafür ist er in den Tod gegangen. Und jeder der heute versucht, diese Form der selbst Verleugnung zu leben, der wird schon merken, wie das quer heute liegt in unserer vom Egoismus geprägten Welt. Und das bedeutet Kreuz.

 

Es aber gibt noch einen zweiten Gesichtspunkt zum Thema Kreuz tragen: Man muss so ein Wort Jesu ja auch aus der damaligen Zeit heraus verstehen. Wenn damals in Jerusalem die Menschen auf der Straße einen sahen, der sein Kreuz trug, dann gingen ihm sofort dabei folgende Gedanken durch den Kopf: Erstens: Das ist ein Schwerverbrecher, der rechtskräftig zum Tode verurteilt ist. Zweitens: Er ist dem Weg zur Hinrichtungsstätte, wo das Todesurteil Kreuzigung vollstreckt wurde. Das bedeutete es, wenn die Leute jemanden sahen, der sein Kreuz trug.

Wenn Jesus uns zumutet, das Kreuz auf uns zu nehmen, dann ist das die Zumutung: Betrachtet dich als einen Verbrecher, der zum Tode verurteilt ist, der in den Augen Gottes den Tod verdient hat. Und das tut keiner gerne. Aber genau das ist unsere Situation. In dem Maße, wie wir nicht die Wege Gottes gegangen sind, wie wir Sünder sind, stehen wir unter dem Urteil, unter dem Todesurteil Gottes. Der Sold der Sünde ist der Tod, schreibt Paulus. Kreuzesnachfolge bedeutet dann: Ich beuge mich unter das Urteil Gottes. So wie es im Psalm 51 heißt: „Du hast recht mit deinem Urteil.“

Wenn jemand heute in dieser Weise das Kreuz auf sich nimmt, sich unter das Urteil Gottes beugt, dann wird so ein Mensch wird wieder nach einen Erlöser suchen. Er spürt auf einmal: Ich kann mich nicht selbst aus dem Dreck herausziehen. Der wird auch nicht mehr so großspurig daherredeten: „Bei mir ist nichts vorgekommen.“ So ist das ja heute aber uns in den Kirchen oft. Nein, wenn das Kreuz trägst, dann wirst du fragen, ob es nicht doch einen Erlöser gibt. Auf einmal wird Jesus Christus, der Erlöser, wieder wichtig.

Aber dann geschieht noch ein Zweites: Wenn einer sich unter dieses Urteil Gottes beugen, das Kreuz auf sich nimmt, dann wird er merken, dass es tatsächlich einen Erlöser gibt, der stellvertretend das Kreuz auf sich genommen hat. Und er wird auch merken, dass am Ende eines Kreuzwegs nicht die Vernichtung steht, sondern neues Leben. Die Herrlichkeit der Auferstehung steht am Ende, bei Jesus und auch bei uns.

 

Dass es einen Erlöser gibt, und wie das dann ist wenn man seinen Erlöser findet, das möchte ich Ihnen an Hand einer kurzen Geschichte aufzeigen:

In Jerusalem sitzt im Gefängnis ein junger Gefangener. Er war Straßenräuber und Mörder. Er war beinahe das, was man heute Terrorist nennt. Die Soldaten hatten ihn gefangen. Er war verurteilt: Todesstrafe durch Kreuzigung. Jetzt sitzt er in seiner Gefängniszelle auf dem Boden und wartet darauf, dass man ihn holt. Sein Name ist Barabbas.

Es war Freitag Mittag; da hört er, wie draußen auf dem Gang ein Gefängniswärter mit seinem großen Schlüsselbund klappert und den Schlüssel in die Zellentür steckt. Die Tür geht auf:

„Bist du Barabbas?“

„Ja!“

„Dann pack deine Sachen und hau ab. Du kannst gehen!“

„Aber ich bin doch Barabbas. Ich soll doch gekreuzigt werden. Du willst doch nicht jetzt noch Scherze mit mir machen. Du musst dich vertan haben.“

„Wenn du Barabbas bist, dann pack deine Klamotten und geh! Du bist freigelassen.“

„Ja, aber wieso denn? Ich bin doch rechtskräftig verurteilt.“

„Interessiert mich nicht. Ich habe Befehl, dich freizulassen. Geh!“

In aller Eile packt Barabbas seine wenigen Sachen zusammen; und ehe er lange überlegen kann, steht er draußen vor dem Gefängnistor auf der Straße.

Auf der Straße draußen ist ein großer Menschenauflauf. Hunderte, ja vielleicht Tausende laufen johlend durch die Gassen zum Stadttor. Barabbas kann sich fast nicht wehren. Er muss einfach mitlaufen. Draußen vor dem Stadttor liegt ein kleiner Hügel. Er war oben ganz kahl, wie ein Totenschädel. Darum hieß dieser Hügel in Jerusalem nur ‚Schädelstätte’. Da oben fanden immer die Kreuzigungen statt. Jetzt strömte die Menschenmenge zur Schädelstätte, und Barabbas ließ sich einfach in der Menge mitziehen.

Oben auf der Schädelstätte standen drei Kreuze. Die Menschen trauten sich nicht, bis unter die Kreuze zu gehen. Sie hatten Angst vor den römischen Soldaten. Aber Barabbas stand unter den drei Kreuzen und schaute hinauf.

Zuerst schaute er den rechten Gekreuzigten an. „Ja“, brummte er vor sich hin, „der war auch dabei als wir beim Anschlag auf die Römer erwischt wurden. Jetzt hängt er da.“ Dann schaut er auf das linke Kreuz: „Den kenn ich auch. Der hat mit uns gemeinsame Sache gemacht. Jetzt muss er büßen.“

Schließlich schaut er den in der Mitte an. Er schaut ihn lange an. „Den kenn ich gar nicht.“ Er fragt einen, der auch unter den Kreuzen steht: „Wer ist denn der in der Mitte?“

„Das ist Jesus von Nazareth.“

„Und warum hängt der da am Kreuz? Was hat der den verbrochen?“

„Verbrochen hat der eigentlich nichts. Pilatus, der Statthalter hat bei der Verhandlung ausdrücklich gesagt: Ich finde keine Schuld an ihm“.

„Und warum haben sie ihn dann gekreuzigt, wenn er nichts getan hat?“

Da schaut ihn der Mann an und sagt: „Warst du denn nicht eben bei der Verhandlung vor dem Palast des Pilatus dabei? Pilatus wollte ihn freilassen, weil er nichts getan hatte. Aber die ganze Menge hat geschrieen: ‚Barabbas freilassen! Jesus ans Kreuz’ Sie haben so lange geschrieen, bis Pilatus ihrem Geschrei nachgegeben hat. Darum hängt der hier.“

Da schossen dem Räuber und Mörder Barabbas die Tränen in die Augen. Er schaute lange zum Kreuz in der Mitte hoch. Es war ihm klar: Das Kreuz in der Mitte war eigentlich das Kreuz für mich. Wenn der nicht da hängen würde, dann würde ich jetzt da hängen. Sein Kreuz ist mein Kreuz.

 

Es ist gut, wenn wir Menschen uns unter das Kreuz Jesu stellen, zu ihm dem Gekreuzigten aufschauen und dann entdecken: Sein Kreuz ist mein Kreuz. Es ist gut, diesen Gekreuzigten vor Augen zu haben, wenn wir uns anschicken, täglich unser Kreuz zu tragen. Amen.

 

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