Pfarrer Karl Sendker

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15. Sonntag C
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Predigt zur 2. Lesung:  Kol 1,15-20

Predigt zum Evangelium:  Lk 10,25-37      Predigt als Video

Predigttext:   Kol 1,15-20

 

Diese Predigt ist die erste einer vierteiligen Predigtreihe

zu den zweiten Lesungen des 15.-18. Sonntags  C

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass die geistige Situation in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten gekennzeichnet ist durch eine ganz massive Hinwendung zum Okkulten. Zu übersinnlichen Praktiken, wo man Phänomene, die man mit den Händen nicht greifen kann, wo man übersinnliche Kräfte in den Griff bekommen will. Die Menschen lesen Horoskope und leben auch danach. Auf Partys wird Tischrücken praktiziert. Man lässt sich Karten legen, aus der Hand lesen. Im alltäglichen Leben werden Gegenstände und Lebensmittel ausgependelt, weil da irgendwelche Kräfte am Werk sein sollen. Und man möchte herausbekommen, welche Kräfte da am Werk sind, die Einfluss haben auf das Leben der Familie und auf mein persönliches Leben.

Viele Menschen versuchen heute auf den Wegen der fernöstlichen Religionen, mit der Gottheit eins zu werden. Immer mehr Menschen glauben heute an die fernöstliche Lehre von der Wiedergeburt. Wenn man den Umfragen Vertrauen schenken darf, glauben fast 50 Prozent der Bundesbürger, dass das Leben mit dem Tod nicht aus ist, sondern dass man noch einmal wieder neu auf die Welt kommt, wenn man im ersten Leben nicht genügend gute Werke getan hat. Erst dann, wenn man in irgendeinem Leben genügend gute Werke getan hat, dann geht man ins ewige Leben ein, ins Nirwana, oder wie man das dann immer nennt. Es ist ein ewiger, großer Kreislauf. Wie viele Menschen behaupten heute, sie hätten irgendwann in einem früheren Leben schon einmal gelebt. Es gibt eine massive Hinwendung zum Okkulten und zu übersinnlichen Praktiken.

 

Eins zeigt sich hier ganz deutlich: In einer Welt, die heute so sehr von der Technik geprägt ist, wo alles machbar geworden ist, wo alles einfach nur funktioniert, da spürt man: diese Welt ist dem Menschen im tiefsten nicht angemessen. Der Mensch ist ein geistiges Wesen, und eine Welt, die nur funktioniert, genügt dem Menschen nicht. Er sehnt sich und streckt sich aus nach übersinnlichen Erfahrungen.

 

Auf der anderen Seite finden wir parallel zu dieser Entwicklung eine Abwendung der Menschen von der christlichen Religion, wie sie in der Kirche gelebt wird. Die Religion hat ja nur noch mit Verboten und Geboten zu tun. Man muss seine religiösen Pflichten erfüllen, dann ist man ein guter Christ.

Zudem ist dieser Gott, der in den christlichen Kirchen verkündet wird, so weit weg von uns. Den hat ja noch nie einer gesehen. Wer weiß denn, wie Gott überhaupt ist, ob er überhaupt eingreift in unser Leben? Und da sucht man sich dann eben Erfahrungen übersinnlicher Art, die handgreiflich sind.

 

Diese ganzen Phänomene sind nicht neu. Der Apostel Paulus hat sich bereits damit auseinander setzen müssen, als er den Brief an die Kolosser schreibt, aus dem wir heute die Lesung gehört haben. Kolossä ist eine Stadt in der heutigen Türkei. Paulus hat die Gemeinde dort nicht gegründet; er ist auch nie dort gewesen. Aber er hat aus Kolossä Nachrichten bekommen, dass der Glaube der Kolosser massiv bedroht ist. Da waren Lehrer in die Gemeinde gekommen, die behauptet haben: der Glaube an Jesus Christus allein genügt nicht. Man muss noch tieferer Formen der Erkenntnis haben, um wirklich als Christ leben zu können. Paulus spürt, dass hier die Fundamente des Glaubens in Gefahr sind. Darum wendet er sich massiv gegen diese Irrlehre.

Paulus wird im weiteren Verlauf des Briefes noch sehr deutliche Worte sagen. Aber das erste, ganz am Anfang, malt Paulus angesichts dieser Irrlehren den Kolossern Jesus Christus ganz groß vor Augen:

Ihr möchtet die Fülle des Lebens haben. Euch genügt die Religion nicht, ihr möchte die Fülle haben. Ja, ihr habt Recht, sagt Paulus. Aber, so sagt er: In Christus wohnt die ganze Fülle. Wenn ihr die ganze Fülle haben wollt, dann wendet euch an Christus. „In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Und wenn du glaubst, dass dieser Gott so weit von uns weg ist, wenn du sagst: den hat ja noch nie einer gesehen. Wer weiß denn schon, wie er ist? Dann sagt Paulus: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ Als dieser Jesus Mensch geworden ist, da hat der unsichtbare Gott ein Gesicht bekommen. Du kannst an Jesus von Nazareth ablesen, wie Gott ist, wie er denkt, wie er fühlt, wie er reagiert.

Ich weiß heute, wie Gott zu mir steht, zu mir, dem Sünder. Ich weiß nämlich, wie Jesus mit Sündern umgegangen ist. Ich weiß, worüber sich Gott freut, weil ich weiß, worüber sich Jesus gefreut hat.

Ich habe meinem Leben immer wieder die Bibel zur Hand genommen und darin gelesen. Ich tue das nicht, um eine bessere Predigt zu halten, oder um tiefere Bibelkenntnisse zu haben, sondern weil ich Gott kennen lernen möchte. Und in dem Antlitz Jesu, in diesem ganz einfachen Geschichten der Evangelien, da leuchtet mir Tag für Tag das Antlitz Gottes auf. Und das tut so gut.

Es tut so gut zu wissen, dass Gott sich uns offenbart hat, dass wir wissen können wer ist, wie er denkt wie er fühlt, wie er reagiert. All das kannst du an Jesus ablesen.

 

Auf der anderen Seite: Wenn Menschen heute übersinnlich Kräfte praktizieren wollen, Kräfte, die in dieser Welt schlummern, die wir nicht sehen können: Glaub mir, das ist gefährlich, Du weißt nämlich nicht , ob diese Kräfte dann von Gott sind, oder ob sie vom Teufel sind. Das kann man nicht immer einfach unterscheiden. Aber eins sagt uns Paulus: Alle Kräfte, die es in der Welt gibt, sind doch hingeordnet auf Christus. Wenn Du Dich an Christus hältst, dann stehen Dir diese Kräfte, die Gott in die Welt gelegt hat, zur Verfügung.

Auch hier wieder einen Blick auf Jesus von Nazareth: Sind nicht die Kräfte Gottes in seinem Leben sichtbar geworden, wenn er Tote auferweckt hat, wenn der Kranke geheilt hat, wenn er Wasser in Wein verwandelt hat, wenn er übers Meer gegangen ist. Da sind die Kräfte der Neuen Welt, die Kräfte Gottes am Werk.

Und sag mir nicht: das war nur für Jesus da. Die gleichen Kräfte stehen uns heute zur Verfügung. Jesus hat gesagt: „Wer an mich glaubt, der wird die gleichen Werke, die ich tue, auch tun, und er wird noch größere Werke als ich tun.“ Schauen Sie einmal in das Leben der Heiligen, in das Leben der großen Glaubenszeugen in der katholischen und in der evangelischem Kirche. Sind da nicht diese Kräfte des Himmels immer wieder sichtbar geworden? Das ist nicht nur für ein paar auserwählte Heilige, sondern Christus bietet es uns an.

Wir haben es gar nicht nötig, Aberglauben zu praktizieren und so Kräfte der jenseitigen Welt zu mobilisieren. Nimm diese Erfahrung an, die Jesus Christus Dir im Heiligen Geist schenkt.

 

Ich will noch einmal auf die Lehre von der Wiedergeburt zu sprechen kommen, auf die Lehre, dass man noch einmal geboren wird, bis man schließlich genügend gute Werke getan hat, um ins ewige Leben einzugehen. Mir tun die Menschen, die das glauben, im Tiefsten leid. Christus hat mir und jedem einzelnen Menschen diese Erlösung geschenkt. Die musst Du Dir nicht erst verdienen. Die hat er am Kreuz für uns erworben.

Wie heißt das bei uns heute in der Lesung aus dem Kolosserbrief: „Gott wollte durch Christus alles mit sich versöhnen.“ Du brauchst nicht erst viel Werke zu tun in einem späteren Leben. Nein, Christus hat Frieden gestiftet zwischen Gott und den Menschen durch sein Blut, das er am Kreuz vergossen hat. Es gibt die Erlösung gratis.

Die armen Menschen, die heute glauben, dass sie sich das alles selber verdienen müssen. Es gibt die Erlösung von Christus her umsonst.

 

Oder überlegen Sie: Wenn Menschen heute Horoskope lesen, dann steckt oft im Tiefsten eine Angst vor der Zukunft dahinter. Wir möchten gerne die Zukunft erfahren, weil uns alles so unsicher ist, was wohl noch alles auf uns zukommt. Weil wir keiner festen Boden mehr unter den Füßen haben. Da versucht man dann, einen Blick in die Zukunft zu werfen durch Horoskope.

Aber was tut das gut, wenn ich einen Gott habe, von dem ich ehrlichen Herzens mit dem Blick auf die Zukunft sagen kann: „Meine Zeit ruht in deinen Händen.“ „In deiner Hand liegt mein Geschick.“ Was tut das gut, dass ich weiß: „Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“, auch die Schicksalsschläge in meinem Leben. Diese Haltung ist aus dem Vertrauen geboren. Und es tut gut, wenn man mit einem großen Vertrauen in die Zukunft blicken kann, Weil man einen Gott hat, der einen trägt. Dann brauchst Du nicht mehr das Horoskop.

Wenn wir das noch einmal in eine größere Dimension stellen: Es ist doch ein furchtbar, wenn in den Zeitungen berichtet wird, dass große Politiker anfangen, Horoskope zu befragen, wann politische Entscheidungen dran sind.

Wir brauchen dafür nicht Horoskope. Gott hat uns in seinem Wort Aufschluss gegeben über die Pläne, die er mit dieser Welt hat. In dem Maße, wie ich mich seinem Wort anvertraut habe, da hat Gott mir Einblicke geschenkt in die Zusammenhänge dieser Welt, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Es gibt so viel Zuversicht, wenn man weiß, dass Jesus der Herr der Geschichte ist, und nicht irgendwelche Mächte und Gewalten. Jesus ist der Herr auch aller Mächte und Gewalten. Paulus schreibt: Halte dich an diesen Jesus, und du wirst die Fülle haben.

 

Nun kann man natürlich sagen: Jesus ok. Aber wir haben es der praktisch immer zuerst mit der Kirche zu tun. Auch hier gibt Paulus eine Antwort. Er sagt: „Jesus ist das Haupt seines Leibes, und der Leib ist die Kirche.“ Jesus ist nicht der Chef einer Organisation, sondern wir, die Kirche, sind der sichtbaren Leib Christi hier in dieser Welt. Christus will heute durch uns, durch die Kirche, Zeichen und Wunder wirken, die Kräfte des Himmels freisetzen.

Ich weiß wohl, dass das heute in der Kirche weitgehend nicht gelebt wird. Ich selbst leide sehr darunter. Ich leide allerdings auch unter meiner eigenen Unzulänglichkeit, denn ich trage mit dazu bei, dass die Kirche so saft- und kraftlos dasteht. Aber es ist mir ein Herzensanliegen und es ist mein tiefstes Gebet, dass diese Kraft Gottes heute in der Kirche wieder sichtbar wird, in unseren konkreten Gemeinden. Ich lade auch Sie ein, das wirklich zu einem Herzensanliegen zu machen, dass wir uns als Gemeinde, als ganze Kirche wieder neu Jesus zu wenden. Denn in ihm ist die ganze Fülle.

 

Vielleicht ist es gut, wo andere Tischrücken praktizieren, einfach wieder ganz schlicht im Wort Gottes zu lesen. Es lohnt sich, sich so in dieses Wort Gottes zu vertiefen, dass man hinter den Wörtern plötzlich die Stimme Gottes hört, der Antwort gibt auf die Fragen unserer Zeit und auch meines persönlichen Lebens. Dann brauchst Du keine Horoskope mehr. Es lohnt sich, sich im Gebet Jesus wieder einmal ganz persönlich zuzuwenden, so ganz persönlich mit Jesus auf Du und Du zu sein. Es mag sein, dass unser Gebet dann unbeholfen ist. Aber das ist nicht so schlimm. Das nimmt Jesus keinem übel, wenn er dabei sehr unbeholfen und stammelnd ist. Fang doch einfach einmal wieder an, über die Ereignisse und Fragen deines Lebens mit Jesus zu sprechen. Fang an, ihn zu fragen, warum manche Dinge in deinem Leben und in dieser Welt so sind.

Du wirst spüren, dass Du Antwort bekommst. Du wirst spüren, dass Gott ganz nah ist, dass er lebendig ist.

In ihm ist die ganze Fülle da. Und an dieser Fülle wird jedem Anteil geschenkt, der sich ihm zuwendet.

 

Die heilige Teresa von Avila, eine der ganz großen Frauen der Kirchengeschichte, eine spanische Mystikerin, hat als Zusammenfassung all ihrer Glaubenserfahrung gesagt: „Gott allein genügt.“    Amen.

 

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Predigttext:   Lk 10,25-37

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Gesucht sind Menschen mit Herz. Das könnte man wie eine Überschrift setzen über diese Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Gesucht sind Menschen mit Herz.

 

Sehen Sie, da kommt ein Gesetzeslehrer zu Jesus, ein Theologe, würde man heute sagen, und er möchte mit Jesus diskutieren über die Frage: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Und anschließend will er diskutieren über die Frage: Wer ist denn mein Nächster? Natürlich, wichtige Fragen, damals wie heute. Aber gesucht sind nicht Leute, die über theologische Fragen diskutieren; gesucht sind Menschen mit Herz! Und dann erzählt Jesus ihm diese Geschichte von dem Mann, der da von Jerusalem nach Jericho hinabgeht, der ausgeplündert wird, von Räubern halbtot geschlagen wird; und dann lassen sie ihn da hilflos liegen. Ich hab mir sagen lassen: der Weg von Jerusalem nach Jericho ist ein ziemlich einsamer Weg. Und es ist schon fast ein Wunder, dass ausgerechnet jetzt, wo der da halbtot liegt, drei Leute da vorbeikommen.

 

Der erste, der vorbeikommt, ist ein Priester. Er sah ihn -  und ging weiter. Furchtbar! Nun, wenn der Priester noch wenigstens auf dem Weg zum Tempel in Jerusalem gewesen wäre, dann hätte man ja noch nach jüdischer Vorschrift sagen können: Der durfte kein Blut an den Händen haben, denn sonst war er unrein und konnte den Gottesdienst nicht leiten, das Opfer nicht darbringen. Aber der war ja gar nicht auf dem Weg nach Jerusalem, sondern der war auf dem Rückweg. Es heißt: „Er kam den gleichen Weg herab.“ Er kam also von Jerusalem zurück. Aber vielleicht war er in seinen Gedanken noch so bei seiner Predigt oder bei dem schönen Gottesdienst: Er hat den Halbtoten wohl registriert, aber sein Herz blieb kalt dabei. Sehen Sie, gesucht sind nicht Priester, die gut predigen können, die einen festlichen Gottesdienst feiern können, so gut und wichtig das auch sein mag. Gesucht sind Menschen mit Herz.

 

Und dann kommt da ein Levit vorbei. Wahrscheinlich können Sie sich gar nicht vorstellen, was ein Levit ist. Ein Levit, wenn man es in unsere Zeit überträgt, ist so ungefähr eine Kombination zwischen Küster, Mesner, und Pastoralreferent, Gemeindereferent. Der Levit hatte auf der einen Seite dafür zu sorgen, dass für den Gottesdienst die Bücher aufgeschlagen waren, dass das Opfertier da war, dass die Lieder angestimmt wurden. Auf der anderen Seite kam es aber auch vor, dass der Levit beim Opfer mithelfen musste und gelegentlich auch einen Synagogengottesdienst leiten musste, wie bei uns ein Pastoralreferent einen Wortgottesdienst leitet. Die Aufgabe eines Leviten erforderte, dass der Betreffende ganz besonders korrekt, gründlich und zuverlässig war. Aber gesucht sind nicht Menschen, die einfach nur korrekt sind. Gesucht sind Menschen mit Herz. „Er sah ihn und ging weiter.“

 

Und dann kommt da ein Samariter. Ausgerechnet ein Samariter! ‚Samariter’ war damals eines der größten Schimpfworte bei den gläubigen Juden: Der Samariter da! Wir können uns wahrscheinlich gar nicht ausmalen, mit welcher  - ich möchte fast sagen -  Verachtung die Juden auf die Samariter herabgeschaut haben. Die gehören ja zu einer Sekte, die gehören ja gar nicht zu uns. Wenn man das wieder in die heutige Zeit setzen würden, dann könnte man unter Umständen sagen: So wie wir mit den Zeugen Jehovas umgehen. Um Gottes willen, nur nichts mit denen zu tun haben! Natürlich, irgendwo haben die auch noch ein bisschen ‚was Christliches’ an sich, aber am besten macht man die Haustür zu, wenn die draußen stehen und schellen. So ähnlich haben damals die Juden auf die Samariter heruntergeschaut. Und da kommt jetzt einer von diesen „Sektierern“: „Er sah ihn ...“. und dann zeigt sich auf einmal: Dieser Samariter ist ein Mensch mir Herz.

 

Gesehen haben ihn alle drei. Aber nur von dem Samariter heißt es: „Er hatte Mitleid mit ihm.“ Das ist eine Sache des Herzens. Wenn man diesen Ausdruck ‚Er hatte Mitleid mit ihm’ ganz wörtlich übersetzt, dann müsste an sagen: ‚Es drehten sich ihm die Eingeweide um’. Wir haben ja auch diesen Ausdruck im Deutschen: ‚Das geht mir an die Nieren.’ Diesem Samariter ist die Not des anderen an die Nieren gegangen. Er hat die Not nicht nur mit seinen Augen gesehen, er hat die Not tief innerlich zu seiner eigenen Not gemacht. Und Jesus nimmt als Vorbild diesen Samariter, der zu einer Sekte gehört, nicht weil er die Lehre der Samariter rechtfertigen will, sondern weil dieser Samariter ein Mensch mit Herz war.

 

Und wenn man diese Geschichte einmal genau liest, man hört ja oft über die Feinheiten hinweg, dann entdeckt man, mit welcher Liebe dieser Samariter den behandelt, der unter die Räuber gefallen war. Wie viele kleine Einzelzüge werden da erzählt. Es wird ja nicht nur gesagt: Er hat ihm geholfen. Hör noch mal zu, was da alles von dem Samariter gesagt wird: Als er ihn sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin. Er hat nicht die Caritas angerufen. Er ging selber zu ihm hin. Er goss Öl in seine Wunden. Öl war ein Heilmittel; noch heute sind ja bei uns viele Salben auf Ölbasis hergestellt. Er goss Wein in seine Wunden. Wein ist ein Desinfektionsmittel gewesen damals. Er hat die Wunden verbunden. Er hat ihn auf sein eigenes Reittier gehoben. Vielleicht musste er selber dabei den ganzen Weg zu Fuß machen. Er brachte ihn zu einer Herberge und kümmerte sich dort um ihn. Und als er am anderen Morgen weiterreisen muss, da gibt er dem Wirt zwei Denare. Zwei Denare sind der Arbeitslohn, den ein Arbeiter für zwei Arbeitstage bekommt. Die gibt er dem Wirt. Und er sagt ihm: Wenn ich zurückkomme und du mehr gebraucht hast, bekommst du das übrige auch noch. So viele kleine Einzelzüge werden von diesem Samariter berichtet, wie sich seine Liebe und seine Barmherzigkeit zeigt.

 

Und die Frage an uns ist ja doch: Kann man das von uns auch sagen, wenn man unsere Haltung sieht? Kann man von uns auch so viele kleine Einzelzüge berichten, wo wir einem anderen in Not geholfen haben? Eine der große ‚Nöte’ in unserem Land ist ja: Wir haben für alles eine Behörde, die zuständig ist, entweder das Sozialamt, oder wir schicken ihn zur Caritas oder zum Diakonischen Werk. Aber hier in der Geschichte ist einer, der mit viel Liebe und mit vielen kleinen Handgriffen selber Hand anlegt. Gibt es das bei uns auch noch, dass wir selber Hand anlegen?

 

Sehen Sie, jedes Mal, wenn ich diese Geschichte vom Barmherzigen Samariter lese oder höre, dann bin ich selber tief beschämt. Dann ziehen vor meinem geistigen Auge jedes Mal die vielen Menschen vorbei, denen ich vielleicht geholfen habe, aber nicht mit so vielen liebevollen Einzelzügen. Dann sehe ich im Herzen die vielen Menschen, die ich weitergeschickt habe zum Rathaus, zur Caritas, denen ich vielleicht ein Geldstück in die Hand gedrückt habe. Aber von dieser Liebe des Samariters war doch oft nur wenig zu spüren bei mir. Und das beschämt mich jedes Mal. Und vielleicht geht es manchem von Ihnen auch so.

 

Aber dann, wenn man so beschämt ist darüber, dann leuchtet auf einmal ganz neu die Gestalt des Barmherzigen Samariters in einer anderen Weise auf. Dann tritt uns mitten in unserer Beschämung „der große Barmherzige Samariter“ vor Augen, nämlich Jesus selber, der sich ja auch in einer ganz tiefen Liebe um die Menschen gekümmert hat und auch heute kümmert, ganz gleich, ob das materielle Not ist, ob das seelische Not ist. Und der uns auch in unserer ganzen Beschämung sieht, dass wir anderen oft nicht geholfen haben. Und er kümmert sich um uns, auch in einer solchen Situation. Er ist der Barmherzige Samariter schlechthin. Und dann, wenn wir ihm begegnet sind, dem Barmherzigen Samariter, wie er uns nicht von sich stößt, wie er uns aufrichtet und aufhilft, dann vielleicht trifft uns ganz neu das Wort Jesu am Ende unseres Evangeliums: „Geh hin und handle genau so.“    Amen.

 

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