Pfarrer Karl Sendker

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Predigt zur 1. Lesung:  Gen 12,1-4a    Predigt im mp3 Format     als Video

Predigt zum Evangelium:  Mt 17,1-9     Predigt im MP3 Format

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Predigttext:      Gen 12,1-4a

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen. Das sagt bei uns eine Redensart. Damit meinen wir normalerweise: Einen alten Menschen soll man nicht mehr verpflanzen. Das geht normalerweise nicht gut.

Der Mann, von dem wir heute in der Lesung gehört haben, Abram, war 75 Jahre alt, als er von Gott den Ruf bekommt: „Zieh weg! Zieh weg aus deinem Heimatland, aus deiner Verwandtschaft, aus deinem Vaterhaus. Zieh weg!“ Und er bekommt von Gott noch nicht einmal ganz klar gesagt, wohin er ziehen soll. Gott sagt nur so andeutungsweise: „…in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Und Abraham ist losgegangen mit 75 Jahren.

 

Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen.

Der Baum der Kirche ist inzwischen mehr als zweitausend Jahr alt. Und es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Kirche heute in unseren Tagen von Gott gerufen wird: Zieh weg! Und wiederum: Zieh weg aus einer dreifachen Verwurzelung: aus deinem Heimatland, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus. Zieh weg!

Ich will Ihnen erklären, was ich damit meine.

 

Das erste, woraus die Kirche heute wegziehen muss, ist das Heimatland. Wir leben alle hier in Europa in dem so genannten christlichen Abendland. Aber das Unheilvolle in unserem christlichen Abendland ist: Es gibt heute zu viele Menschen, die sind christlich, aber sie sind keine Christen. Es gibt bei uns so eine Redensart: Wenn etwas nicht rot ist, dann ist es rötlich, wenn etwas nicht richtig grün ist, dann ist es grünlich. Und man könnte weiter sagen: Wenn etwas nicht richtig Christ ist, dann ist es christlich.

Es gibt zu viele Menschen, die sind getauft, aber sie können nichts dafür. Wenn die Menschen heute für die Taufe eine persönliche Entscheidung treffen müssten, wenn wir nur die in unserer Kirche hätten, die wirklich aus Entscheidung getauft sind, dann können wir einen Altenclub aufmachen.

 

Es ist einer der großen Schäden in unserer Kirche, dass wir weitgehend zu einem Kulturverein verkommen sind. Gut, man braucht die Kirche noch, um zum Beispiel Familienfeste zu verschönen, etwa die Erstkommunion oder die kirchliche Trauung. Christus braucht man nicht mehr. Aber dann kommen die Leute hinterher und sagen: „Herr Pfarrer, sie haben es aber schön gemacht.“ Ob da Christus vorkommt, das ist eine ganz andere Frage. Die Hauptsache ist: Sie haben es aber schön feierlich gemacht.

Wir haben zu Viele heute, die die Kirche nur noch dazu gebrauchen, um unser kulturelles Erbe ein bisschen zu verbrämen. Wenn irgendwo ein Sportplatz eingesegnet werden soll, dann muss der Pfarrer kommen, sonst ist das nicht feierlich genug. Aber ansonsten kommt Christus im Sportverein nicht vor.

Vor einigen Jahren habe ich einmal bei einem Tennisclub ein neues Sportheim einweihen sollen. Sie hatten eine neue Kantine gebaut, und da fand jetzt der große Festakt statt. Da musste natürlich auch ein Pfarrer dabei sein und mit Weihwasser durch die Räume gehen. Das hab ich auch gemacht. Aber wissen Sie, was das Allernächste war, nachdem ich mit Weihwasser durch die Räume gegangen war: Da kommt vom benachbarten Tennisclub jemand und überreicht feierlich einen Gutschein für ein Zweijahresabonnement der Zeitschrift Playboy: „…damit die Leute zwischen den Spielen auch gute Lektüre haben“. Auf diesem Niveau bewegen wir uns.

 

Eine Kirche, die nur noch ein kulturelles Erbe zu verwalten und zu verteidigen hat, die ist von Gott aufgefordert: Zieh weg! Zieh weg aus diesem so genannten christlichen Abendland. Der frühere Bischof von Münster, Reinhard Lettmann hat immer wieder darauf hingewiesen: Wer heute in unserer Zeit nicht aus Entscheidung Christ ist, weil er eine Entscheidung für Jesus Christus getroffen hat, der wird irgendwann keinen Bestand haben. Und eine Kirche, die nur noch aus Mitläufern besteht, aus Taufscheinchristen, die wird keinen Bestand mehr haben.

 

Man kann es auch einmal von einer anderen Seite her betrachten: Es gibt heute zu viele Katholiken, die leben ihr Christsein gleichsam aus zweiter Hand. Weil der Pfarrer das gesagt hat, glauben Sie es. Oder weil sie das irgendwo gelesen oder in einer Fernsehsendung gesehen haben. Aber sie haben keine eigenen Glaubenserfahrungen mehr. Man hat keinen heißen Draht mehr zu Gott. Eine solche Kirche wird keinen Bestand haben. Ich zitiere nicht gerne Theologen, aber der große katholische Theologe Karl Rahner hat kurz vor seinem Tod ungefähr Folgendes gesagt: „Entweder werden die Christen Erfahrung haben mit dem lebendigen Gott, oder sie werden aufhören zu existieren.“

Gott ruft der Kirche heute zu: Zieh fort! Zieh fort aus dieser Form des christlichen Abendlandes! Zieh in das Land der Verheißung, wo ein Christsein aus Entscheidung und nicht nur aus Tradition gelebt wird.

 

 

Ein Zweites: Abram wird gerufen: „Zieh fort aus deiner Verwandtschaft!“

Ich höre, wie Gott der Kirche heute zuruft: „Zieh fort aus deiner Verwandtschaft!“ Wissen Sie, wer die „Verwandtschaft“ der Kirche ist? Das sind die vielen Konfessionen, in die heute die Kirche zerspalten ist. Es ist ein Krebsschaden an der Kirche, der ganz tief sitzt, dass wir zerspalten sind in unzählige Konfessionen. Das verhindert unser glaubwürdiges Zeugnis vor der Welt. Eigentlich dürfte die Kirche nichts Wichtigeres zu tun haben, als dafür zu sorgen, dass diese Spaltung ein Ende hat. Alles andere in der Kirche ist von Jesus her gesehen zweitrangig. Wenn die Kirche nicht eins ist, sind wir keine Zeugen Jesu Christi in dieser Welt. Denn er ist eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist.

 

Aber man muss hier auch vorsichtig sein. Es geht nicht darum, dass wir einen ökumenischen Gottesdienst machen. Es geht um etwas ganz anderes.

Vor Jahren hat Gott mir einmal in einem Bild gezeigt, wie Ökumene aussehen kann. Stellen Sie sich einmal vor: Das Christentum war am Anfang wie ein Swimmingpool. Alle hatten das ganze Wasserbecken gemeinsam, und alle haben sich gefreut. Und dann sind die Christen hingegangen, und haben durch dieses Wasserbecken eine Mauer gezogen und noch eine Mauer und noch eine Mauer und noch eine Mauer. Jeder hat behauptet: Wir haben das ganze Becken. In Wirklichkeit aber hatte jeder nur noch ein kleines Eckchen.

Und dann, nach dem man fast 2000 Jahre lang immer mehr Mauern aufgerichtet hatte, ist man so ehrlich geworden und hat gesagt: Wir müssen die Mauern nieder reißen. Es kam die so genannte ökumenische Bewegung, die bis heute andauert. Aber die Not besteht darin: Wir haben so gründlich gemauert, dass wir diese Mauern selbst mit einem Presslufthammer nicht mehr niederreißen können. Das ist unsere Not. Bemühungen ökumenische Art gibt es genug. Aber wir schaffen uns einfach nicht.

Aber dann hat der Heilige Geist, der ja der „Schöpfer Geist“ ist, eine ganz andere Idee gehabt. Der Heilige Geist hat den Wasserspiegel so hoch angehoben, dass die Mauern darunter verschwunden sind, und das Wasser über den Mauern wieder zusammen gelaufen ist.

 

Dieses Bild ist mir sehr wichtig. Die Mauern in der Kirche werden möglicherweise bleiben. Es wird vieles, was sich in unseren Kirchen verhärtet hat, bleiben. Aber diese Verhärtungen verlieren ihren trennenden Charakter, weil oben darüber das Wasser wieder zusammenfließt.

Wenn man dieses Bild vom Anheben des Wasserspiegels einmal vom Bildcharakter löst, dann bedeutet das: Nicht, dass wir einen ökumenischen Gottesdienst machen, weder Abendmahl noch Eucharistiefeier, noch sonst irgend etwas, sondern: Wenn jede Konfession ihren eigenen Glaubensstand von Gott anheben lässt, dann werden wir eins werden. Und es ist meine tiefste Überzeugung, dass wir dann eins werden im Lobpreis Gottes. Das ist es, was Gott will.

Zieht weg, aus diesen Denkstrukturen: evangelisch - katholisch. Lasst euch vom Heiligen Geist erneuern. Lasst euren Glaubensbestand anheben, damit ihr eins werdet auf einer ganz neuen Ebene.

 

Jesus ist einmal von der Samariterin am Jakobsbrunnen gefragt worden: „Ich, die Samariterin, bin „evangelisch“, die anderen sind „katholisch“. Was ist denn nun richtig?“ Damals gab es den Unterschied evangelisch - katholischen nicht. Da war der Gegensatz: Samariter und Juden. Jesus hat ganz klar geantwortet: „Das Heil kommt von den Juden.“ Aber er sagt auch: „Es kommt die Stunde, und sie ist da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden.“ Das heißt: Sie werden Gott anbeten auf einer ganz anderen, neuen Ebene, auf einer höheren Ebene. Auf dieser Ebene wird es den Unterschied Juden und Samariter, evangelisch und katholisch nicht mehr geben. Dann werden wir eins sein, weil der Geist es geschenkt hat.

 

 

Ein Drittes: Abram soll ausziehen aus seinem Vaterhaus.

Das ist hier die tiefste Verwurzelung, die ein Mensch hat: sein Vaterhaus. Und auch hier bin ich im Tiefsten davon überzeugt, dass die Kirche heute aufgerufen ist, sich von „Mutter“ Kirche zu trennen. Nicht dass wir aus der Kirche austreten soll, keine Sorge. Aber eine der Nöte unserer Kirche ist die Tatsache: Die Kirche ist so sehr unsere „Mutter“ geworden, dass sie bei uns für alles sorgt. Wir brauchen uns nicht mehr selbst zu versorgen, „Mutter Kirche“ sorgt für alles. Das ist eine große Not.

Gott möchte nicht, dass da Millionen von Katholiken sind, die sich immer nur versorgen lassen von „Mutter Kirche“. Nein, es soll Millionen von Christen geben, die selber hingehen und Glaubenszeugen sind, die selber die Sache in die Hand nehmen, die selber die Initiative ergreifen und nicht immer nur warten: Wann tut denn einmal einer von „den Hauptamtlichen“ etwas. Das ist im unguten Sinn das Prinzip von „Mutter Kirche“. Das fängt an beim Geld, wenn immer gefragt wird: Welche Zuschüsse gibt der Bischof oder der Pfarrer für alle möglichen Dinge? Und das hört damit auf, dass es zu viele Menschen gibt, die zum Beispiel beim Gottesdienst so leichthin sagen: „Der Gottesdienst gibt mir nichts mehr.“ Wie viele Jugendliche haben gesagt: „Der Gottesdienst gibt mir nichts mehr.“ Statt dass sie einmal umgekehrt fragen: Was kann ich denn in den Gottesdienst einbringen?

 

Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, dass damals J.F. Kennedy, als er an die Regierung kam, ein sehr markantes Wort geprägt und den Amerikaner zugerufen hat: „Frag nicht immer, was der Staat für dich tun kann, sondern frag, was du für die Gesellschaft du kannst.“

Wir sind heute aufgerufen: Frag nicht immer, was die Kirche, die Amtskirche, für dich tun kann, sondern frag, was du einbringen kannst.

Ich bin im Tiefsten davon überzeugt: der Priestermangel, den wir hier in der westlichen Welt haben, ist von Gott zugelassen, damit alle ihre Berufung zum allgemeinen Priestertum erkennen, und dass sie entdeckten, dass man aus diesem „Vaterhaus“ aufbrechen muss und aufbrechen darf.

Wie oft ist das passiert, wenn wir für die Kommunionvorbereitung Gruppenmütter gesucht haben, die die Kinder vorbereiten, dass die Eltern dann beim ersten Elternabend gesagt haben: „Dafür ist doch ‚die Kirche’ zuständig, nicht wir.“ Diese Mütter und Väter haben vergessen, dass sie bei der Trauung und bei der Taufe versprochen haben, die Kinder, die Gott ihnen schenken will, im Glauben zu erziehen. Und jetzt kommen sie und sagen: Dafür ist ‚die Kirche’ zuständig.

Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir uns nicht nur versorgen lassen, sondern dass wir mitsorgen. Wie viele Pfarrgemeinderäte gibt es, die Ausschüsse gebildet haben. Aber wenn der Pfarrer nicht den Ausschuss einberuft, dann passiert nichts. Alles muss von den Hauptamtlichen kommen.

Und da ruft Gott uns zu: „Zieh weg aus deinem Vaterhaus!“

 

 

Ich will das hier abschließen. Noch zwei Nachbemerkungen:

Dieses Wort, das Gott an Abram richtet: „Zieh fort!“, das heißt, wenn man es aus dem Hebräischen wörtlich übersetzt: „Geh für dich alleine!“

Die Kirche, und jeder in der Kirche, der sich heute von Gott herausrufen lässt, wird spüren, dass er einen einsamen Weg geht. Da wird die Mehrzahl der Gesellschaft gegen ihn sein, auch die Mehrzahl der ‚christlichen’ Gesellschaft. Es wird ein einsamer Weg sein, genauso wie auch Jesus einen einsamen Weg gehen musste bis hin zum Kreuz. Rechne damit, dass plötzlich alle gegen Dich sind. Es wird ein einsamer Weg sein.

 

Und eine letzten Nachbemerkung:

Viele Verantwortliche in der Kirche, angefangen von den Bischöfen, haben Angst, die Kirche könnte dann schrumpfen, die Kirche könnte zur kleinen Herde werden, wo nur noch ein paar Wenige kommen. Ja, das kann sein. Es ist in der Bibel oft die Rede vom „Heiligen Rest“ und von der „kleinen Herde“.

Aber da gibt uns unsere Lesung heute auch eine Ermutigung. Gott hat zu Abram gesagt: „Wenn du alleine losgehst, dann werde ich dich zu einem großen Volk machen.“ Wir brauchen keine Sorge zu haben. Wenn wir eine Entscheidung treffen für Gott, uns herausrufen lassen aus verfestigten Strukturen, dann wird Gott dafür sorgen, dass daraus ein großes Volk wird. Wir brauchen keine Sorge zu haben, dass wir nur noch ein Häufchen von Übriggebliebenen sind. Gottes Ziel ist nicht ein kleines Häufchen. Vielmehr: „Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Und Gottes Zusage geht noch weiter: „Nicht nur, dass du selbst zu einem großen Volk wirst. Durch dich sollen alle Völker gesegnet werden.

Das ist das Ziel Gottes auch heute für die Kirche. Durch dich, durch die Kirche, die sich hat herausrufen lassen, sollen alle Menschen gesegnet werden.

 

Am Ende der Lesung heißt es so ganz schlicht: „Und Abram zog fort.“

Ob die Kirche heute auch aufbricht und dem Ruf Gottes folgt? Ich würde es wünschen.  Amen.

       

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Predigttext:   Mt 17,1-9

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Wenn im Fernsehen am Sonntagabend ein spannender Film gezeigt werden soll, dann ist das heute meistens so, dass in den Tagen vorher zwischen den einzelnen Programmteilen ein Programmhinweis gesendet wird, eine Vorschau. So ein Programmhinweis soll die Leute auf den Geschmack bringen, damit sie am Sonntagabend dieses Programm einschalten und den Film anschauen. Bei solchen Programmhinweisen werden für ein paar Sekunden die spannendsten Szenen aus dem Film zusammengeschnitten. Und manchmal, wenn ich das gesehen habe, habe ich schon gedacht: Ach wenn es doch jetzt weiter ginge. Aber auf dem Höhepunkt, wenn es am spannendsten wird, dann bricht es plötzlich ab. Und dann kommt der Hinweis: Sonntag, 20.15 Uhr auf diesem Kanal.

 

So ein Programmhinweis, so eine Vorschau ist eigentlich auch die Begebenheit von der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor. Es ist ein Programmhinweis Gottes auf die Herrlichkeit der Auferstehung, auf den Glanz der Himmelfahrt und auf die Herrlichkeit bei der Wiederkunft Christi. Gott schenkt uns gleichsam so einen Programmhinweis, eine Ankündigung.

 

 

Wenn man dieses Evangelium richtig verstehen will, dann muss man sich vor Augen halten, in welcher Situation Jesus und die Jünger damals waren.

Es war die Zeit, als die Pharisäer den Entschluss gefasst hatten, Jesus umzubringen.

Es war die Zeit, als Jesus selbst immer deutlicher klar wurde: Mein Weg nach Jerusalem endet nicht als strahlender Wundertäter. Nein, mein Weg endet am Kreuz.

Es war die Zeit, als Jesus anfing, zu seinen Jüngern ganz offen davon zu reden: In Jerusalem werde ich den Heiden ausgeliefert, und sie werden mich töten. Am dritten Tag aber werde ich auferstehen. Man spürt noch, wenn man die Evangelien liest, die Erschütterung, die das mit sich gebracht hat, für Jesus selbst, und auch für die Apostel. Petrus sagt zu ihm, als Jesus davon redet: „Das verhüte Gott, das darf auf keinen Fall geschehen.“

Es war die Zeit, als Jesus den Jüngern in aller Deutlichkeit sagte: Ihr werdet alle den gleichen Weg gehen, den Kreuzweg. „Wer mein Jünger sein will, der muss bereit sein, das Kreuz auf sich zu nehmen und mir so nachzufolgen.“ Es gibt da keine Abkürzung. Alle werden diesen Weg geführt.

 

Und mitten in diese Situation hinein, wo es immer dunkler wurde auf dem Lebensweg Jesu, wo sich alles über seinem Kopf zusammenbraute, wo alles aufs Sterben und aufs Kreuz hinlief, da schenkt ihm der Vater im Himmel gleichsam so eine Vorschau auf das Ende, auf das Ziel. Er zeigt ihm und den drei Aposteln, die dabei waren: Das Ende ist nicht Dunkelheit, sondern Glanz. Das Ende ist nicht das Kreuz. Das ist nur der Weg. Das Ende ist die Herrlichkeit beim Vater im Himmel.

 

Natürlich, man kann sich gut vorstellen, als der Vater im Himmel ihm die ganze Herrlichkeit zeigt, dass Petrus das festhalten will. „Herr es ist gut, dass wir hier sind; lass uns hier drei Hütten bauen.“ Sie wollen diese Erfahrung des Glanzes festhalten. Aber sie konnten es nicht festhalten. Es war noch nicht das Ziel, es war nur die Vorschau auf das Ziel.

Jesus und die drei Apostel müssen wieder vom Berg herunter. Sie müssen den dunklen Weg des Leidens bis zum Kreuz, bis zum Karfreitag weiter gehen.

 

Aber eins gilt auch: Nach dieser Erfahrung auf dem Berg Tabor, wo Gott ihnen eine Vorschau gegeben hat auf die Herrlichkeit, gehen sie diesen dunklen Weg anders als vorher.

Im Lukasevangelium wird von Jesus an dieser Stelle gesagt: „Von diesem Augenblick an nahm er entschlossen seinen Weg nach Jerusalem.“ Da war alle Unsicherheit von ihm weggenommen; er nahm entschlossen seinen Weg in die Stadt, in der er gekreuzigt werden sollte.

 

Aber auch die Apostel, die das ja anfangs überhaupt nicht verstanden haben, diese Ankündigung der Auferstehung, auch die Apostel sind von diesem Ereignis im tiefsten Herzen geprägt worden, und sie gehen ihren Weg anders weiter. Viel später schreibt der Apostel Petrus einmal einen Brief an die Gemeinden. Als er da auf die Wiederkunft Christi zu sprechen kommt, die in Glanz und Herrlichkeit sein wird, da schreibt er den Gemeinden: „Als wir euch von der Wiederkunft Christi erzählt haben, da sind wir doch nicht irgendwelchen Märchen oder Fabeln gefolgt. Nein, wir sind Augenzeugen seiner Herrlichkeit gewesen auf dem Berge und wir haben selber die Stimme Gottes gehört: „Das ist mein geliebter Sohn, ihn sollt ihr hören.“ Das war keine Einbildung.

So tief sind Jesus und die Apostel davon geprägt worden. Es war noch nicht das Ziel, aber es war die Vorschau auf das Ziel, die sie geprägt hat.

 

 

Schwestern und Brüder, jeder von uns wird wohl auch so einen Weg der Dunkelheit geführt werden, der eine so, der andere so. Gott bewahrt uns nicht vor diesem dunklen Weg. Gott bewahrt uns nicht vor dem Kreuz und Gott bewahrt uns nicht vor dem Leid. Aber eins tut Gott: Auf diesem dunklen Weg, im Leid bewahrt er uns. Nicht vor dem Leid, sondern im Leid. Und er schenkt uns auf diesem dunklen Weg immer wieder solche Lichtblicke, wo er uns zeigt, was das Ziel ist.

 

Ich will Ihnen dafür ein paar Beispiele sagen. Eins aus der heiligen Schrift und eins aus unserer Zeit.

Wenige Monate nach der Himmelfahrt Jesu tritt in Jerusalem ein Mann auf namens Stephanus. Der hat für Jesus geglüht, für Jesus gebrannt. Als die Juden seine Botschaft über Jesus nicht annehmen wollen und als sie dann keine Argumente mehr haben, da bleiben ihnen als letzte Argumente nur die Pflastersteine übrig, mit denen sie ihn steinigen. Aber dann, als die Steine flogen, da heißt es über diesem Stephanus: „Die Leute sahen sein Angesicht leuchten wie das eines Engels.“ Gut, der Mann ist gestorben; er ist unter den Steinen tot zusammengebrochen. Aber im Sterben, als er zusammenbricht, ruft er noch aus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ Das ist diese Erfahrung: Mitten im Zerbruch, wo es ans Sterben geht, darf er die Herrlichkeit Gottes sehen.

 

Oder ein anderes Beispiel aus unseren Tagen. Etwas, was mich bis ins Tiefste geprägt hat. Ich habe als Kaplan einen alten Mann betreut, der furchtbare Qualen gelitten hat. Ein Bergmann in Recklinghausen. Den hatten sie aus dem Krankenhaus entlassen, weil man ihm sowieso nicht mehr helfen konnte. Und die Familie hatte eine große Wohnung, die konnten ihn auch aufnehmen. Dort sollte er wenigsten die letzten Wochen, oder die Zeit, die er noch hatte, im Kreis der Familie sein. Aber alle, die ihn gesehen haben, haben ganz hilflos daneben gestanden. Ich sehe ihn noch, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht in seinem großen Opasessel saß und sich nicht helfen konnte. Die Angehörigen haben mir gesagt: Es ist manchmal nicht zum Aushalten, wenn wir mit ansehen müssen, wie unser Opa leidet; und keiner kann ihm helfen.

Ich habe diesem alten Mann an jedem Herz-Jesu-Freitag die Krankenkommunion gebracht. Da hätten sie sehen sollen, wenn ich ihm die Kommunion brachte, wie dann ein Leuchten auf sein Gesicht kam, ein Strahlen. Da war nichts mehr von diesem schmerzverzerrten Gesicht. Ich habe ihn einmal gefragt: Sagen Sie mal, haben sie denn jetzt keine Schmerzen mehr? Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. „Doch“, sagte er, „die Schmerzen sind noch genauso groß, aber jetzt ist doch Jesus da.“

Und ich weiß noch gut, am Herz-Jesu-Freitag vor Weihnachten, als ich mich verabschiedete, da sagte er zu mir: „Wissen Sie, Herr Kaplan, Weihnachten bin ich zu Hause.“ Ich sagte zu ihm: „Sie sind doch zu Hause.“ „Nein“, sagt er, „das mein ich nicht. Weihnachten, dann hat mich Jesus nach Hause geholt.“

Überlegen Sie einmal, was das bedeutet. Da hat ein Mann das Sterben vor Augen, leidet furchtbarste Qualen, und er kann so vom Sterben reden: „Dann holt mich Jesus nach Hause“, mit einem leuchtenden und strahlenden Gesicht.

Das ist Verklärung auf dem dunklen Weg, wo Gott uns eine Perspektive schenkt, wie es am Ziel einmal sein wird.

 

Aber ich will ihnen noch eine Erfahrung erzählen, die jetzt nicht auf einen einzelnen Menschen bezogen ist, sondern auf die Kirche als Ganzes. Ich habe als Jugendlicher schon furchtbar darunter gelitten, weil ich die Kirche sehr geliebt habe, dass die Kirche als Leib Christi in Hunderte von Konfessionen zersplittert und gespalten ist. Und ich habe so oft mit Gott in meinem Gebet gerungen: Warum lässt du das zu? Du hast doch nicht hundert Leiber, sondern einen einzigen Leib.

Dann haben wir erlebt, wie mühsam das war mit den ganzen ökumenischen Bemühungen, und wie viele Rückschläge damit verbunden waren. Wenn man gehofft hatte, jetzt kommt ein Lichtblick, dann war alles wieder nur eine Seifenblase gewesen.

Mitten in diese Zeit hinein, in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, hat Gott mir Christen über den Weg geschickt in Braunschweig und in Hannover aus allen möglichen Konfessionen: Methodisten, Baptisten, katholische Schwestern, Klarissen, katholische Pfarrer, Alte und Junge, Christen, die zu gar keiner Kirche gehörten, die sich als ‚evangelistische Speerspitze’ bezeichneten. Eine ganz bunte Schar. Aber wir sind im Lobpreis Gottes in einer ganz tiefen Weise eins geworden, wie ich das vorher nie erlebt habe und auch hinterher nie wieder erlebt habe.

Gut, wir haben nicht die Eucharistie gefeiert, wir konnten ja nicht gemeinsam zur Kommunion gehen oder zum Abendmahl. Wir haben uns über die Vorschriften der Kirche auch nicht einfach hinweggesetzt. Aber Gott hat uns eine andere Form der ‚Communio’ geschenkt. Communio heißt ja Gemeinschaft. Der Friedensgruß im Lobpreisgottesdienst ist für uns der tiefste Ausdruck der Communio, der Gemeinschaft geworden. Wir waren eins, und jeder spürte: Das war nicht nur ein Wort, wenn wir von Brüdern und Schwestern redeten, sondern wir waren wirklich vor Gott wie eine große Familie, und es war wirklich wie ein Stück Himmel auf Erden.

Und dann auf einmal, innerhalb von kürzester Zeit war das alles wieder weg. Keiner von uns weiß eigentlich genau, woran es lag. Es war irgendwie zerbrochen.

Viel später ist mir erst bewusst geworden: Damals hat Gott mir, wo ich so sehr um die Einheit der Kirche gerungen hatte, so einen Augenblick der Verklärung geschenkt. Da hat er mir gezeigt, wie er sich die Kirche denkt, welches Ziel er mit seiner Kirche hat: diese tiefste Einheit im Lobpreis Gottes.

Gut, für mich ist es heute immer noch ein Schmerz, und es ist für mich und für die ganze Kirche immer noch mühselig, die ganzen ökumenischen Schritte, die wir da machen. Letztlich kann man kann es ja gar nicht machen. Aber seit diesen Erfahrungen damals habe ich ein Ziel vor Augen. Ich lebe anders und mit einer neuen Liebe in dieser getrennten Kirche.

 

Das ist es, was Gott uns schenkt: Wir müssen den dunklen Weg zu Ende gehen; wir können ihn nicht abkürzen. Wir können die Einheit der Kirche nicht machen. Aber Gott schenkt uns eine Vorschau auf das Ziel, das er mit den Menschen hat, das er mit Dir hat, das er mit der Kirche und mit der Welt hat.

 

Eins ist sicher: Wenn Du am Freitagabend im Fernsehen einen Programmhinweis siehst auf den Sonntag, dann kommt der Film am Sonntag normalerweise wirklich. Und wenn Gott uns so eine Programmvorschau schenkt, dann dürfen wir sicher sein: Die Herrlichkeit kommt. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Aber Du gehst den Weg der Dunkelheit anders nach einer solchen Erfahrung.   Amen.

 

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