Pfarrer Karl Sendker

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Predigt zum Evangelium:   Lk 18,9-14

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Predigttext:    Lk 18,9-14

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es kann manchmal ganz schön peinlich und unangenehm werden, wenn uns das Evangelium plötzlich einen Spiegel vorhält. Und unser Evangelium, das ich gerade gelesen habe, ist so ein Spiegel, den Gott uns vorhält. Und dann kann man plötzlich nicht mehr ausweichen.

Sehen Sie, wir alle haben von Jesus her die Berufung, Zeugen Gottes dieser Welt zu sein in. Aber die Frage ist doch: Welches Christentum bezeugen wir den Menschen denn? Welches Christentum leben wir ihnen vor, ganz praktisch? Und da hält uns dieses Evangelium heute einen Spiegel vor.

 

Da sind zwei Männer, die kommen zum Tempel, zum Gotteshaus, um zu beten. Genauso wie wir ja heute zur Kirche gekommen sind zum Gebet, zum Gottesdienst. Der eine von den beiden ist ein Pharisäer. Nun muss man wissen: Damals hat das Wort Pharisäer nicht den negativen Klang, den es bei uns heute hat. Die Pharisäer waren damals in Israel hochangesehene Leute. Das waren die, die es mit dem Glauben ganz besonders genau nahmen; die mehr taten als man normalerweise tun muss. Auf die Pharisäer schaute jeder in Israel mit Hochachtung.

Und dann ist da der andere, der Zöllner. Und ein Zöllner ist genau das Gegenteil vom Pharisäer. Der Zöllner gehört zum Abschaum der jüdischen Gesellschaft. Auf den hat jeder mit dem Finger gezeigt, denn die Zöllner waren Menschen, die mit der römischen Besatzungsmacht gemeinsame Sache machten. Ungefähr so, wie wir heute auf die zeigen, die in der ehemaligen DDR bei der Stasi gearbeitet haben. Die Zöllner waren diejenigen, die die Leute nach Strich und Faden ausgebeutet haben. Das war anders als heute bei den Zöllnern, die genau ihre Vorschriften haben. Damals konnten die Zöllner nehmen, was sie wollten. Sie hatten im Zweifelsfall immer das Recht auf ihrer Seite; sie konnten mit Militärgewalt die Zölle und Steuern eintreiben. Manche Familie hat erleben müssen, dass ein Kind in die Sklaverei verkauft wurde, weil der Zöllner es aus der Familie herausgerissen hat. Die Zöllner waren damals in Israel, wir würden fast sagen, der letzte Dreck. Diese beiden, der Pharisäer und der Zöllner kommen zum Tempel, um zu beten. Und jetzt schauen wir uns das Gebet dieser beiden Männer einmal an.  

 

Der Pharisäer stellt sich vorne hin und spricht ein Dankgebet, wahrscheinlich mit ausgebreiteten Armen, so betete man damals in Israel. Aber so eine kleine winzige Bemerkung, die dabei steht ist schon verräterisch. Normalerweise heißt ja beten, dass wir mit Gott sprechen, d.h., unser Gebet geschieht vor dem Angesicht Gottes. Aber hier bei dem Pharisäer heißt es: „Er betete bei sich.“ (Die Einheitsübersetzung übersetzt: Er betete still. Aber genau muss es heißen: Er betete bei sich.) Der ist nicht vor Gott, sondern der ist bei sich

Und wenn man sich dieses Gebet einmal anschaut: der führt ein Selbstgespräch; da dreht sich alles um das eigene Ich. Ich lese ihnen das Gebet noch einmal vor: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin. Ich bin nicht wie die Räuber, wie die Betrüger, die Ehebrecher; ich bin nicht wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, wo es nur einmal vorgeschrieben ist ... Ich, ich, alles nur ich.

 

Die Frage an uns: Wenn wir diesen Spiegel einmal ernst nehmen: Wie sieht denn unser Gebet aus? Ist das wirklich ein Stehen vor dem Angesicht Gottes? Oder dreht sich bei unserem Gebet auch alles nur um das Ich, ich, ich? Aber das nur mal nebenbei gefragt.

Wir wollen uns den Inhalt dieses Gebetes einmal anschauen, dieses Dankgebetes: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, wie die Räuber, die Betrüger, die Ehebrecher (Und er hatte ja Recht, dieser Pharisäer; das stimmte ja!) Ich faste zweimal in der Woche, wo es nur einmal im Judentum vorgeschrieben war. Ich gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens für die Kirche, für den Tempel, wo es nur vorgeschrieben war, dass man 10% von den Erntegaben geben soll. Ja, er tat wirklich viel mehr als vorgeschrieben war. Der Mann hatte ja recht.

Aber jetzt nehmen wir dieses Evangelium einmal wieder als Spiegel. Und dann höre ich auf einmal das Reden von Tausenden und Abertausenden gestandenen Katholiken, die vor Gott stehen, oder vielleicht auch vor sich selber stehen: „Gott, bei mir ist nichts vorgekommen. Ich hab keinen umgebracht, ich habe keinen Ehebruch begangen, bin jeden Sonntag in die Kirche gegangen, wenigstens recht und schlecht jeden Sonntag. Ich bin früher Messdiener gewesen. Und wenn die Misereorkollekte war, dann hab ich mich auch nicht lumpen lassen ... Lieber Gott, eigentlich musst du doch mit mir ganz zufrieden sein.“

Genau das denkt dieser Pharisäer hier auch. Aber dann kommt das Urteil Jesu, und das heißt: Daumen runter! Der ist nicht gerecht! (Gerecht sein bedeutet: in den Augen Gottes ok sein.) Der steht in den Augen Gottes nicht richtig da. Das sagt Jesus über den Pharisäer damals, und das sagt er wohl auch über manche gestandenen Katholiken, die heute so vor Gott stehen.

 

Und dann dieser Zöllner da hinten. Der bleibt ganz hinten stehen; der traut sich gar nicht bis nach vorne. Gut, das tun manchmal heute die Leute auch, dass sie lieber hinten stehen bleiben. Aber der Zöllner wagt es auch nicht, seine Augen zu erheben. Er schaut vor sich hin, weil er genau weiß, was mit ihm los ist. Er schlägt sich an die Brust, wie wir das beim Schuldbekenntnis tun und betet nur schlicht: „Gott sei mir Sünder gnädig.“

Wenn wir das auch wieder mal als Spiegel nehmen, dann steht auf einmal die Frage im Raum: Wann hast Du zum letzten Mal so vor Gott gestanden, mit den Worten: „Gott sei mir Sünder gnädig“? Oder hast du auch immer nur gesagt: „Bei mir ist ja nichts vorgekommen.“ Es kommt mir hier nicht auf die Worte an, sondern auf diese Herzenshaltung: „Gott, ich bin Sünder, ich bin in deinen Augen Versager. Ich brauche Vergebung; ich brauche dein Gnädigsein; ich brauche dein Erbarmen.“ Wann hast du zum letzten Mal so ehrlich vor Gott gestanden?

 

Und jetzt kommt das Große: Jesus richtet diesen heruntergekommenen Zöllner wieder auf und sagt: Der geht gerechtfertigt nach Hause, der ist in den Augen Gottes ok. Und Gott sagt es jedem, der heute mit dieser Haltung vor ihn hintritt: „Ich bin Sünder und brauche Vergebung“. Gott verurteilt nicht, nicht mit einem Wort, sondern Gott hebt den Menschen, der so vor ihm steht empor und sagt: Du bist ok in meinen Augen. Ich habe dich gerecht gemacht.

 

Es geht um die Frage: Welches Christentum leben wir den Menschen vor. So oder so, irgendein Christentum leben wir den Menschen mit Sicherheit vor. Entweder ein selbstgenügsames Christentum: „Bei mir ist ja nichts vorgekommen; ich hab meine religiösen Pflichten erfüllt; Gott muss doch mit mir zufrieden sein.“ Oder diese Haltung: „Gott sei mir Sünder gnädig.“

 

Das eine aber ist gewiss: Wenn wir möchten, dass die Menschen in unserer Welt an einen Gott glauben können, der die Sünder annimmt, der auf die Heruntergekommenen nicht mit dem Finger zeigt. Wenn wir möchten, dass die Menschen einen Gott annehmen, der die ganz unten Stehenden hochhebt, ihnen eine neue Lebenschance gibt, wenn das unser Ziel ist, dann wird es wohl nur über diesen Weg gehen: dass wir selber in der Haltung leben: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Und dass wir dann die freudige Erfahrung machen: Mir ist Vergebung geschenkt worden. Er hat mich nicht da unten gelassen, sondern er hat mein Gesicht emporgehoben, so dass es leuchten kann.  Amen.

 

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