Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

3. Sonntag C
Home Nach oben

Predigten

Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

Alle Predigten dieser Homepage dürfen für die Verkündigung benutzt werden.

Eine Veröffentlichung schriftlich oder auf Tonträgern ist nicht erlaubt.

Über Predigten auf Kassetten informieren Sie sich

unter dem Stichwort Kassettendienst .

Predigt zur 2. Lesung: 1 Kor 12,12-32a 

 1. Predigt zum Evangelium:  Lk  1,1-4;  4,14-15  

               2. Predigt zum Evangelium: Lk 4,14-21

                    Predigttext: 1 Kor 12,12-31a

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Manchmal sagen die Menschen heute: „Damals hatten es die Menschen doch einfacher als wir heute. Sie konnten Jesus leibhaftig sehen. Sie konnten ihm gehören sie konnten ihn anfassen. Sie konnten miterleben was er redete und tat. Wir können das heute so nicht. Wir müssen das eben alles glauben.“ Nach dem Motto: Selig, die nicht sehen und doch glauben.

Aber das stimmt so nicht. Wussten Sie, das Jesus Christus, der Sohn Gottes, heute einen sichtbaren Leib hat, hier bei uns in unserer Zeit?

Paulus schreibt heute in der Lesung: „Ihr seid der Leib Christi.“ Ihr, die Gemeinde, seid der Leib Christi, und jeder einzelnen ist ein Lied an diesem Leib. Das bedeutet: Wir, die Gemeinde Gottes, sind die sichtbare Gegenwart Christi hier in dieser Welt. Das ist unsere Würde, die wir haben.

Wenn ich heute zu Ihnen predige, dann hören Sie Christus selbst predigen. Ich leihe ihm nur meine Stimme. Sie hören in Wirklichkeit Christus selbst. Nun sagen Sie vielleicht: Der ist aber arrogant. Nein, bin ich nicht. Jesus selbst hat im Evangelium zu den Jüngern gesagt, als er sie ausgesandt hat: „Wer euch hört, wer hört mich.“ Und der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher: „Ich danke Gott, dass ihr meine Predigt als Gottes Wort angenommen habt und nicht als Menschenwort, denn sie ist wirklich Gottes Wort.“

Das gilt aber nicht nur für den Priester, das gilt für jeden in der Gemeinde.

Wenn irgendein Gemeindemitglied einen Krankenbesuch macht und einem Schwerkranken vielleicht am Krankenbett die Hand hält, dann hält Christus selbst diesem Kranken die Hand. Wenn ein Gemeindemitglied die Kinder vorbereitet auf die Erstkommunion, auf die Beichte, auf die Firmung, dann ist Christus selbst der Lehrende. Das bedeutet: Christus steht mit seiner ganzen Autorität hinter diesen Müttern, die Kinder auf die Sakramente vorbereiten.

Das ist unsere Würde, die wir haben. Wir sind der Leib Christi; und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

 

Aber wenn das so ist, dann gilt auch noch ein Anderes: Wenn jemand heute in zerstörerischer Absicht den Leib Christi, die Kirche angreift, dann greift er Christus selbst an. Der Apostel Paulus hat vor seiner Bekehrung die Kirche bis aufs Äußerste verfolgt. Als ihm dann bei seiner Bekehrung vor Damaskus Christus erscheint, da ruft Christus ihm zu: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ Es ist interessant, dass Christus nicht ruft: „Warum verfolgst du meine Kirche?“ Nein, er ruft: „Warum verfolgst du mich?“ Das bedeutet, dass Christus sich mit seiner Kirche vollkommen identifiziert. Und wenn Paulus die Kirche verfolgt, dann verfolgt er in Wirklichkeit Christus selbst.

Was für die Kirche als Ganzes gilt, das gilt auch für jedes einzelne Glied der Kirche. Paulus schreibt heute in unserer Lesung: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit.“

Wie oft geschieht es heute in unseren Gemeinden: Da hat sich jemand zu einem Dienst bereit erklärt, und dann steht er natürlich in hervorgehobener Position. Und wie oft wird dann so ein Gemeindemitglied angegriffen, vielleicht sogar verleumdet. Aber auch hier gilt: Wer ein Gemeindemitglied in liebloser Weise angreift, der greift Christus selbst an.

Das bedeutet nun nicht, dass man keine Kritik mehr äußern dürfte. Aber es gibt eine zersetzende, zerstörerische Kritik, die nicht aufbaut, sondern die nur kaputtmachen will.

 

„Ihr seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.“

Das bedeutet aber auch noch ein Drittes:

Wenn jeder von uns ein Glied am Leib Christi ist, dann haben wir, jeder von uns, Verantwortung für den ganzen Leib. Wenn wir unseren irdischen Körper war einmal anschauen, dann ist ja bei jeder Tätigkeit der ganze Körper mit beteiligt. Wenn eine Frau Kartoffeln schält, dann arbeiten nicht nur ihre Hände und ihre Finger, nein dann arbeitet die ganze Frau. Und genau so ist das auch in der Kirche. Im Leib Christi hat jedes einzelne Glied Verantwortung für das Ganze.

Hier möchte ich in diesem Zusammenhang ein Stichwort zu sprechen kommen, das heute ganz dringlich ist, auf das Stichwort ‚Verbindlichkeit’. Wo sind heute die Menschen, die sich in der Gemeinde noch verbindlich engagieren? Es ist doch ein Leiden in unseren Gemeinden, dass z.B. in den Verbänden, in der Frauengemeinschaft, in der KAB und den anderen Gruppierungen zwar viele Mitglieder ihren Beitrag zahlen und beim gemeinsamen Kaffeetrinken auch alle anwesend sind. Aber diejenigen, die sich verbindlich in der Gemeinde engagieren, die kann man an zwei Händen abzählen.

Wir können das auch durchbuchstabieren etwa am Gottesdienstbesuch: Heute ist es bei vielen Christen üblich, den Gottesdienst nur dann zu besuchen, wenn man gerade die Lust dazu habt. Aber was soll mein Körper denn machen, wenn mein Herz sagt: Ich schlage in nur, wenn ich Lust dazu habe. Dann geht der ganze Leib zugrunde. Aber in der Gemeinde, im Leib Christi, da machen wir das so.

Nun könnten Sie ja sagen: Warum predigen sie das uns? Diejenigen, die das angeht, die sind ja heute gar nicht hier.

Aber auch da muss man sagen: Es geht ja nicht nur um Anwesenheit, sondern es ist wichtig, dass jeder von uns im Gottesdienst ein lebendiges Glied der Kirche und nicht nur ein totes Glied. Jeder von uns hat Verantwortung für das Ganze. Der Priester ist dafür verantwortlich, dass er eine gute Predigt hält. Der Organisten ist dafür verantwortlich, dass er die Lieder gut begleitet. Der Lektor ist dafür verantwortlich, dass er vorher in der Sakristei die Lesung gründlich durchliest. Jeder Einzelne in der Kirche ist für den Gottesdienst verantwortlich. Wie soll ein Gottesdienst Atmosphäre haben, wenn die Gottesdienstteilnehmer nicht einmal mitsingen.

Vielleicht sagt einer: „Ich kann aber nicht singen.“ Mag sein. Nur ist es schon eigenartig, dass im Karneval jeder singen kann. Aber selbst wenn jemand wirklich nicht singen kann, dann kann er doch zumindest das Gebetbuch aufgeschlagen, um zu zeigen, dass er jetzt wirklich mit dabei ist.

Ich will es einmal an einem anderen Beispiel zu erklären versuchen:

Da kommt der Priester aus der Sakristei zur Predigt. Er schaut in die Gemeinde und merkt: Jeder erwartet jetzt etwa. Es ist eine gespannte Aufmerksamkeit da. Dann macht dem Priester das Predigen Freude. Und weil es ihm Freude, macht kommt die Predigt auch mit Freude heraus. Und weil man die Freude am Predigen spürt, überträgt sich das auf die Zuhörer. Und weil die Zuhörer erbaut werden, sagen sie hinterher: Der Gottesdienst heute hat Atmosphäre gehabt. Da spricht sich herum. Und beim nächsten Mal sind vielleicht zehn Leute mehr in der Kirche als vorher. Das heißt: Es entsteht ein positiver Kreislauf.

Aber es gibt auch das Umgekehrte, den umgekehrten Kreislauf:

Da kommt der Prediger aus der Sakristei, er schaut in die Gemeinde und merkt, dass keiner etwas erwartet. Die einen schauen auf die Uhr. Die anderen denken: Hoffentlich predigt er nicht so lange. Und weil bei den Menschen keine Erwartungshaltung da ist, macht dem Prediger sein Dienst keine Freude. Und weil es ihm keine Freude macht, kommt die Predigt bei den Menschen nicht an. Sie gehen enttäuscht nach Hause. Und auch das spricht sich herum. Und beim nächsten Mal sind vielleicht zehn Menschen weniger in der Messe.

Hier merkt man, das jeder von uns Verantwortung hat für das Ganze. Ob unsere Gottesdienste attraktiv sind anziehend sind, das entscheidet sich nicht daran, ob wir eine moderne Kirche haben, oder ob wir eine alte Kirche haben. Das entscheidet sich auch nicht daran, ob wir lateinischen Choral singen, oder ob wir moderne Kirchenlieder singen. Entscheidend ist, dass die Menschen merken können: Wenn die Gemeinde Gottesdienst feiert, dann ist Christus in ihrer Mitte erfahrbar, und zwar in der Weise, wie sie Gottesdienst miteinander feiern.

 

Ich will schließen: Es gibt in unserer Bischofstadt Münster eine Kirche, die Ludgerikirche, die im Krieg durch Bomben zerstört worden ist. Hinten in der Ludgerikirche war ein großes Kreuz aufgehängt. Auch dieses Kreuz ist von Bombensplittern getroffen worden. Dem wertvollen Korpus des Kreuzes sind durch Bombensplitter beide Arme abgerissen worden. Als man nach dem Krieg den Korpus ohne die Arme wieder gefunden hat, und als man dann das Kreuz restauriert hat, da hat man die Arme nicht wieder ergänzt, sondern man hat auf den Querbalken geschrieben: Ich habe keine anderen Hände als die euren.

Das ist es!

„Ihr seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an diesem Leib.“

„Ich habe keine anderen Hände als die eueren.“  Amen.

               

Zurück zum Seitenanfang

Predigttext: Lk  1,1-4;  4,14-15   (Evangelium gekürzt)

   

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vom heutigen Sonntag an werden in diesem Jahr die Evangelientexte im Sonntagsgottesdienst aus dem Lukasevangelium genommen. Das Lukasevangelium hat am Anfang eine Besonderheit: Der Evangelist Lukas hat nämlich seinem Evangelium eine Einleitung vorangestellt, die wir eben gehört haben. In dieser Einleitung erfahren wir andeutungsweise etwas darüber, wie das Evangelium entstanden ist. Zu diesem Thema: Wie die Evangelien entstanden sind, heute einige Gedanken und Hinweise.

Am Ende des Evangelientextes haben wir eben gehört: „Die Kunde von Jesus verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen.“ So wie dieser Jesus hatte schon lange keiner mehr in Israel gepredigt und gelehrt. Die Menschen hingen nur so an seinen Lippen. „Noch nie hat einer so geredet“, sagen sie von ihm. „Er lehrt wie einer, der Vollmacht hat und nicht wie die Schriftgelehrten.“ Die Schriftgelehrten haben meistens gesagt: „Rabbi sowieso sagt das und Rabbi Sowieso sagt jenes“ und dann kommt dieser Jesus und spricht: „Ich aber sage euch ...“ Er redet mit letzter Autorität, mit göttlicher Vollmacht.

Aber wenn sie Jesus mit Bewunderung zugehört haben, da ist doch keiner auf die Idee gekommen, seine Worte mitzuschreiben. Sie haben es ja alle mit eigenen Ohren gehört. Sie haben es weitererzählt, um andere zu Jesus hinzuführen. Aber mitgeschrieben hat da keiner. Ganz abgesehen davon, dass die meisten gar nicht schreiben konnten.

Ähnlich wie mit den Reden Jesu war es mit seinen Taten. Die Menschen waren dabei, wenn Jesus Kranke geheilt hat, die blinden Bartimäus, den Gelähmten, den sie durchs Dach heruntergelassen haben. Die Menschen erlebten, wie Jesus Wasser in Wein verwandelte, wie er mit 5 Broten 5000 Männer satt machte, wie er Tote auferweckten. Als Jesus den Serum auf dem Meer gestillt hat, da staunen sie: „Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen!?“

Aber auch hier galt: Keiner hat das aufgeschrieben, was Jesus gewirkt hat. Das brauchten sie auch gar nicht. Sie waren ja selbst dabei; sie waren ja Augenzeugen. Ans Aufschreiben hat keiner gedacht, auch nicht, als Jesus in den Himmel aufgefahren war.

Aber dann passierten in der frühen Christenheit zwei Dinge, die es notwendig machten, die Ereignisse um Jesus aufzuschreiben.

1. Als die Christen anfingen, über Jerusalem und Galiläa hinaus Mission zu treiben, da spürten sie, dass es hilfreich sein könnte, wenn man für die Predigt ein Stichwortkonzept hatte. Und so hat man angefangen, gestimmte Kernsätze der Predigten Jesu aufzuschreiben. Zum Beispiel. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war.“ Oder: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Oder: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Solche Kernsätze der Predigt Jesu haben sie gesammelt und aufgeschrieben. (Im 7. Kapitel des 1. Korintherbriefes unterscheidet Paulus noch sehr genau: „Für den Fall habe ich ein Wort des Herrn  ...  Für den Fall habe ich kein Wort des Herrn, da gebe ich euch einen Rat von mir aus.) Ganz offensichtlich hat es bei den frühen Christen eine Sammlung von solchen Jesusworten gegeben.

2. Der zweite Anlass, der zum Aufschreiben der Jesusereignisse führte, war die Tatsache, dass die Augenzeugen im Laufe der Zeit starben. Solange Petrus noch lebte oder die anderen Augenzeugen, konnte man im Zweifelsfall immer noch nachfragen, wie das denn damals gewesen war. Aber als die Augenzeugen nach und nach starben, da sagten sich die Christen: Wir müssen das alles aufschreiben. Sonst kann nachher jeder behaupten, was er will und keiner kann es mehr kontrollieren. So fing man dann an, nicht nur die Worte Jesu aufzuschreiben, sondern auch die Berichte über sein Wirken. Das erste, was man wohl zusammenhängend aufgeschrieben hat, war die Leidensgeschichte, denn die war ja für die Christen von besonderer Bedeutung.

Kurz vor dem 70 nach Christus (Tod und Auferstehung Jesu lagen schon etwa 30 Jahre zurück) hat Markus dann als erster ein Evangelium geschrieben. Das Markusevangelium ist das älteste unserer vier Evangelien. Man weiß es nicht genau, aber möglicherweise war Markus der Begleiter des Petrus auf seinen Missionsreisen und hat die Predigten des Apostel Petrus aufgeschrieben. Nach dem Tod des Petrus hat er diese Petruspredigten in eine bestimmte Ordnung gebracht und dann als Evangelium aufgeschrieben.

Wiederum vielleicht 10 Jahre danach schreibt Lukas seinen Bericht, unser Lukasevangelium. Und jetzt sind wir beim Evangelium dieses Sonntags. Lukas schreibt da am Anfang: „Schon viele haben es unternommen, einen Bricht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet hat.“ Offensichtlich hat also nicht nur Markus eine Schrift über die Ereignisse um Jesus abgefasst, sondern noch manche andere. Als nun Lukas sein Evangelium schreibt, da hat er das Markusevangelium bereits schriftlich vor sich. Man kann das daran merken, dass Lukas den Inhalt des Markusevangeliums weitgehend abgeschrieben hat. Aber neben dem Markusevangelium benutzt Lukas auch die Sammlung von Jesusworten, die noch älter war, als das Markusevangelium, Worte und Reden Jesu, die im Markusevangelium nicht vorkommen. Darüber hinaus hat Lukas noch alles mögliche andere Material gesammelt, das er über das Wirken Jesu in Erfahrung bringen konnte. Viele Jesusgeschichten, die uns ganz besonders kostbar sind, finden wir nur im Lukasevangelium: Die Geschichte von der Geburt Jesu, die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, die Geschichte von Zachäus, das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, die Erzählung von den Emmausjüngern und noch manche andere. Lukas ist – wie er schreibt – allem sorgfältig nachgegangen und hat es dann der Reihe nach aufgeschrieben.

An einem lässt Lukas keinen Zweifel: Er ist kein Augenzeuge, er hat vielmehr die Überlieferung der Augenzeugen gesammelt und das – wie er schreibt – mit großer Sorgfalt.

Noch ein paar kleine Bemerkungen sind mir in diesem Vorwort des Lukas wichtig:

1. Lukas schreibt einen Bericht über das, „was sich unter uns ereignet und erfüllt hat“. Lukas legt Wert darauf, dass es hier um Ereignisse geht und nicht um irgendwelche Märchen, Mythen oder Legenden, die man sich eben über Jesus erzählte. Das ist mir wichtig angesichts der Tatsache, dass heute (sogar von Theologen) immer wieder behaupten wird ‚Die Jungfrauengeburt ist ein ägyptischer Mythos; die Auferstehung Jesu ist kein Ereignis, sondern eine Legende, er ist in den Glauben der Jünger hinein auferstanden usw. usw. Gegenüber allen solchen Tendenzen stellt Lukas klar: Hier geht es um Ereignisse, über die die Augenzeugen glaubhaft berichtet haben.

2. Aber in diesem Satz „was sich ereignet und erfüllt hat“, steht ja noch die Bemerkung „erfüllt“. Was hat es damit auf sich? Als Lukas alles aufschreibt, was er über Jesus in Erfahrung bringen konnte, da ist ihm beim Schreiben klar geworden: In diesem Jesus, in seinem Reden und Wirken erfüllt sich alles, was Gott in der Bibel (Die Bibel war ja damals nur das Alte Testament.) angekündigt und verheißen hatte. Folgerichtig besteht die Antrittspredigt Jesu in der Synagoge zu Nazaret nur in dem einzigen Satz: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“

Wir erfahren aber in diesem Vorwort des Lukas auch, für wen er sein Evangelium geschrieben hat: Ich habe mich entschlossen, „es für dich, hoch verehrter Theophilus der Reihe nach aufzuschreiben, damit du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen kannst, in der du unterwiesen wurdest“. Der Mann für den das Lukasevangelium geschrieben ist, ist dieser Theophilus. Wer dieser Mann war, das wissen wir nicht. Möglicherweise war es ein Mäzen, ein Geldgeber, der es durch seine Spende möglich machte, dass das Lukasevangelium verbreitet werden konnte. Auf jeden Fall ist es ein Mann, der bereits eine grundlegende Glaubensunterweisung bekommen hatte. Heute würden wir vielleicht sagen. Er hatte Taufkatechese, Beicht- und Kommunionvorbereitung schon hinter sich. Lukas schreibt sein Evangelium ausdrücklich: „damit du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen kannst, in der du unterwiesen wurdest.

Es ist aber auch möglich, dass dieser Theophilus gar keine Einzelperson war. Das Wort Theophilus ist ein griechisches Wort, und wenn man das Wort Theophilus wörtlich übersetzt, dann heißt es: „Gottesfreund“. Möglicherweise schreibt Lukas sein Evangelium für jeden, der ein Gottesfreund ist, der bereit die Taufkatechese und andere Grundeinführung in den Glauben bekommen hat. Dann aber wären wir alle, die heute hier in der Kirche sind, damit gemeint. Wenn wir das für uns in Anspruch nehmen dürfen, dass wir ein Gottesfreund sind, dann schreibt Lukas sein Evangelium für uns, für dich und für mich.

Noch ein letzter Gedanke:

Lukas schreibt für den Gottesfreund, damit er sich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen kann, in der er unterwiesen wurde. Was würde ich mir heute „Gottesfreunde“, Gottesdienstbesucher wünschen, die im Laufe dieses Jahres einmal das Lukasevangelium zur Hand nehmen, die dann darin lesen, um sich davon zu überzeugen, dass das stimmt, was der Prediger am Sonntag in der Predigt gesagt.

Der Evangelist Lukas hat noch ein zweites Buch des Neuen Testamentes geschrieben, die Apostelgeschichte. Da berichtet er im zweiten Teil von den Missionsreisen des Apostels Paulus. (Wahrscheinlich war Lukas zeitweise bei den Missionsreisen des Paulus dabei.)  Auf seiner Missionsreise – so berichtet Lukas – kommt der Apostel Paulus nach Beröa in Griechenland und predigt dort. Und von den dortigen Christen schreibt Lukas in der Apostelgeschichte: „Mit großer Bereitschaft nahmen sie das Wort auf und forschten Tag für Tag in den Schriften nach, ob sich dies wirklich so verhielte.“ (Apg 17,11) Das wäre mein großer Wunsch, dass die Menschen nach dem Gottesdienst nicht nur sagen würden „Er hat wieder schön gesprochen“, sondern dass sie sagen könnten: Jetzt glauben wir nicht nur weil du das gesagt hast. Jetzt haben wir selber erfahren: Jesus ist wirklich der Retter der Welt, der, in dem sich die Verheißungen Gottes erfüllen. (vgl. Joh 4,42)

Unser Glaube würde eine festeres Fundament bekommen, wenn wir diesen Hinweis des Lukas ernst nehmen würden.  Amen.

 

Zurück zum Seitenanfang

Predigttext:  Lk 4,14-21

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Jedes Mal wenn ich dieses Evangelium lese, dann denke ich zurück an den Gottesdienst, in dem ich als Pfarrer eingeführt wurde. Die Kirche war gefüllt bis auf den letzten Platz. Das Evangelium wurde vorgelesen vom Diakon. Und dann stand ich als neuer Pfarrer da am Ambo, und es war genau so wie heute am Ende des Evangeliums: Die Augen aller waren auf ihn gerichtet. Was wird er jetzt wohl sagen in seiner Antrittspredigt. So ähnlich ist das heute im Evangelium. Es ist gleichsam die Antrittspredigt Jesu. Zum ersten Mal kommt er nach seiner Taufe – erfüllt vom Heiligen Geist in seine Heimatstadt Nazareth und hält dort eine Antrittspredigt. Aber diese Antrittspredigt Jesu enthält einige Merkwürdigkeiten, und die wollen wir uns heute einmal anschauen.

Die erste Merkwürdigkeit bezieht sich schon auf die Länge der Predigt. Normalerweise haben es Antrittpredigten und Antrittsreden so an sich, dass sie ein bisschen länger dauern als eine normale Predigt. Das war bei meiner Antrittspredigt auch so. Aber die Antrittspredigt Jesu ist extrem kurz. Es ist vielleicht die kürzeste Predigt, die je gehalten wurde. Sie besteht eigentlich nur in einem einzigen Satz. Jesus hatte eine Lesung aus dem Buch Jesaja vorgelesen. Er schloss das Buch und setzte sich. Und dann seine Predigt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Amen!“ Und dann war Schluss. So kurz möchte ich auch mal predigen können.

Eine zweite Merkwürdigkeit in dieser Antrittspredigt Jesu: Wenn Antrittspredigten oder Antrittsreden gehalten werden, ob das bei Predigern oder bei Politikern ist – achten Sie einmal darauf: die sind immer voll von Ankündigungen; was man alles tun will, was die Leute erwarten können und womit sie nicht rechnen müssen. Es werden fast immer eine große Menge von Ankündigungen gemacht. Bei Jesus ist das total umgekehrt. Er kündigt nicht an, sondern er sagt: Das was Gott in der Heiligen Schrift schon lange angekündigt hatte, das ist heute vor euren Ohren erfüllt. Da geht es nicht um Ankündigung, sondern um Erfüllung. Das, was ihr in eurer Bibel längst gelesen habt, das erfüllt sich jetzt vor euren Ohren und vor euren Augen, jetzt in diesem Augenblick, wo ich anfange zu wirken. Es geht nicht um Ankündigung, es geht um Erfüllung. Und das ist Wirklichkeit geworden. Was hatte Gott denn angekündigt? Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze, damit ich den Blinden das Augenlicht gebe und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Was geschieht denn im Leben Jesu? Da rufen sie den blinden Bartimäus zu ihm. Jesus schenkt ihm das Augenlicht zurück: Dein Glauben hat dir geholfen. Oder wie sie den Gelähmten durchs Dach zu ihm herunterlassen. Und Jesus steht vor ihm und sagt ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Das war Erfüllung der Verheißung Gottes, die er beim Propheten Jesaja gegeben hatte: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Oder was war das denn mit den Menschen, die damals ihre Würde verloren hatten, mit den Huren, mit der Ehebrecherin, auf die jeder mit dem Finger zeigte. Wie Jesus diesen Menschen eine neue Würde geschenkt hat. Frag einmal einen Zachäus, den Berufssünder, wie Jesus den aufgerichtet hat. Da sind wirklich die, die ganz unten waren, die Zerschlagenen, mit ganz neuem Lebensmut erfüllt worden. Es war Zeit der Erfüllung.

Aber es geht ja noch weiter: Als einige Jahrzehnte später der Evangelist Lukas sein Evangelium und die Apostelgeschichte schreibt, und wenn er dann auf die ersten Jahrzehnte der Kirchengeschichte zurückblickt, dann kann er wieder sagen: Es ist Zeit der Erfüllung. Es war nicht nur bei Jesus so, es war in der Urgemeinde genau so. Da kommen Petrus und Johannes in den Tempel. Und dann sitzt da am Tempeltor ein Gelähmter und bettelt. Petrus sagt zu ihm: Geld hab ich nicht, kann ich dir nicht geben. Aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu steh auf! – Und der Gelähmte stand wirklich auf und sprang umher. Und es war nicht nur im Leben der Apostel so. Es ist im Laufe der ganzen Kirchengeschichte so gewesen: Zeit der Erfüllung; Zeit, wo Gott seine Verheißungen erfüllt. Einer meiner Lieblingsheiligen ist der hl. Pfarrer von Ars, der vor etwa 200 Jahren in einem ganz kleinen Dorf in Südfrankreich Pfarrer war. Intellektuell war der keine große ‚Leuchte’; er war in jeder Prüfung durchgefallen. Aber dieser Mann war ein Beter, und er wusste um diese Zeit der Erfüllung. Er hat ein Waisenhaus gebaut, das von Schwestern geleitet wurde. Und eines Tages als eine Hungersnot ausbrach, da kommen die Schwestern zum Pfarrer: Es ist nichts mehr zu essen da für die Kinder. Da geht der Pfarrer von Ars in die Kirche vor das Angesicht Gottes. Und dann, als er herauskommt, sagt er den Schwestern: Schaut mal bei euch im Waisenhaus auf dem Dachboden nach. Und dann finden die den ganzen Dachboden voll von Getreide. Es ist Zeit der Erfüllung.

Und das ist das Schöne für einen Prediger. Ich bin jetzt mehr als 25 Jahre Priester, und ich darf zur Ehre Gottes bekennen: Auch unsere Zeit heute ist Zeit der Erfüllung. Ich habe immer wieder erlebt, dass Gott eingegriffen hat, oft durch Zeichen und Wunder. Wie oft hab ich erlebt, dass wir für Kranke gebetet haben, und sie sind gesund geworden, manchmal in einer Situation, wo Menschen die Hoffnung längst aufgegeben hatten. Wie oft habe ich erlebt, dass Gott Beziehungen, die kaputt waren, geheilt hat. Wo Nachbarn, Landwirte, miteinander zerstritten waren seit mehreren Generationen; wie die sich plötzlich wieder die Hand gereicht haben. Dass Menschen, die in finanzieller Not waren, plötzlich Hilfe bekommen haben von Menschen, von denen sie es nie vermutet hätten. Gott ist auch heute noch ein Gott, der Erfüllung schenkt. Und es so wunderbar, dass wir Zeit der Erfüllung nicht nur bei Jesus haben, sondern auch noch heute.

Eine dritte Merkwürdigkeit in der Antrittspredigt Jesu: Wie hießt noch diese Antrittspredigt? „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Aber welches Schriftwort denn??

Sehen Sie, es ist Pech, wenn man bei der Lesung nicht aufgepasst hat – ich meine jetzt damals bei der Antrittspredigt Jesu in Nazareth. Dann weißt du nämlich gar nicht, was Jesus meint, wenn er einfach nur als einzigen Satz predigt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Hier an diesem Punkt liegt eine ganz große Not bei den Christen unserer Tage. Die meisten Katholiken (bei den evangelischen Christen wird es nicht viel anders sein) wissen überhaupt nicht mehr, was Gott alles verheißen hat in seinem Wort. Sie kennen die Versprechen Gottes überhaupt nicht. Aber wie soll man denn dann mit der Erfüllung der Verheißungen rechnen, wenn man die Verheißungen überhaupt nicht kennt? Das ist ungefähr so, als wenn jemand von einer Tante eine Million geerbt hat. Aber er weiß nichts davon. Er hat nie in seine Kontoauszüge geschaut. Der kann verhungern, obwohl er eine reiche Erbschaft gemacht hat, nur weil er nie auf sein Konto geschaut hat. Wir Christen haben zu wenig auf unser geistliches Konto geschaut, was Gott alles für uns ‚auf Lager’ hat; biblisch gesprochen: Was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Und weil wir es nicht kennen, können wir es auch nicht in Anspruch nehmen, können wir auch nicht auf die Erfüllung rechnen. Ich werde als Prediger nie müde, darauf hinzuweisen: Ein Christ, der das Wort Gottes nicht kennt, der wird wohl nie die Kraft Gottes erfahren, und er wird nie die Freude erleben, dass heute Zeit der Erfüllung ist. Und darum immer wieder die Bitte, inständig: Lass das Wort Gottes in dich reingehen, dass das Wort Gottes bei dir Wohnung nimmt.

Und schließlich ein Letztes: Diese Kurzpredigt Jesu kann man eigentlich gar nicht richtig übersetzen. In der Einheitsübersetzung, die wir im Gottesdienst hören, heißt es: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ In den meisten anderen Übersetzungen liest man: „Heute hat sich das Schriftwort vor euren Ohren erfüllt.“ Ich hab einmal den griechischen Urtext nachgeschlagen (Das Neue Testament ist ja ursprünglich in griechischer Sprache geschrieben). Wenn man es ganz wörtlich übersetzt, dann müsste es heißen: „Heute hat sich das Schriftwort in euren Ohren erfüllt.“ In euren Ohren.

Ich glaube, darin liegt etwas Wichtiges. Bevor wir die Erfüllung der Verheißungen Gottes in unserem alltäglichen Leben erfahren, erfüllen sie sich zunächst in unserem Innern, dadurch dass ich durch das Ohr das Wort Gottes in mein Inneres hereinlasse, dadurch dass ich dann Frieden bekomme im Herzen manchmal mitten in einer bedrängenden Notlage. Dieses Wort, das ich durch das Ohr in mich hineinlasse, bewirkt in meinem Innern den Glauben, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Die Verheißungen Gottes erfüllen sich zuerst in dir und dann sichtbar in deiner Umwelt, in deinem alltäglichen Leben.

Wie viele Menschen habe ich getroffen, die angesichts der Verheißungen Gottes gesagt haben: „Glaub ich nicht!“ Dass Gott heute noch Wunder wirkt, glaub ich nicht. Wenn ich eine Arbeitsstelle brauche, dann muss ich Bewerbungen schreiben und nicht auf Verheißungen Gottes vertrauen. Natürlich musst du Bewerbungen schreiben!   Ich habe aber auch Menschen getroffen - das waren nicht viele – ,die das geglaubt haben, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Und die haben dann erlebt, dass Gott wirklich heute in unser Leben eingreift, oft sogar mit Zeichen und Wundern. Aber zuerst realisiert es sich in meinem Innern, wenn der Glaube wächst.

Wie die Menschen damals in Nazareth auf diese Antrittspredigt Jesu reagiert haben, das erfahren wir am nächsten Sonntag in Evangelium. Bis dahin haben wir noch eine ganze Woche Zeit, in der wir überlegen können: Wie wollen wir reagieren? Lassen wir das einfach so an uns vorüberziehen und gehen zur Tagesordnung über? Oder lassen wir dieses Vertrauen, diesen Glauben in uns wecken, dass heute Zeit der Erfüllung ist.    Amen

 

Zurück zum Seitenanfang