Pfarrer Karl Sendker

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4. Ostersonntag C
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Predigt zur 2. Lesung:   Offb 7,9.14b-17

Predigt zum Evangelium:   Joh 10,27.30

Predigttext:   Offb 7,9.14b-17

 

Dies ist die dritte Predigt einer siebenteiligen Predigtreihe zur Offenbarung des Johannes.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Die Offenbarung des Johannes, aus der auch heute wieder die Lesung genommen ist, führt uns in die Zeit der ersten systematischen Christenverfolgungen im römischen Reich. Der Kaiser Domitian in Rom beanspruchte für sich göttliche Verehrung. Und jeder im römischen Reich musste vor seinem Standbild oder vor seinem leeren Thron Weihrauchkörner in ein Kohlenfeuer werfen als Zeichen dafür, dass er den Kaiser als Gott anerkannte und verehrte. Und Christen sind oft in furchtbare Konflikte gekommen.

Auf der einen Seite hat der römische Kaiser versucht, es den Christen ganz einfach zu machen. Er hat gesagt: Was ihr in eurem Herzen glaubt, das ist mir völlig egal. Hauptsache, ihr streut Weihrauch in das Kohlenfeuer. Dieses äußere Zeichen hat doch nichts mit dem zu tun, was ihr in eurem Herzen glaubt. Auf dieses äußere Zeichen kommt es doch nicht an.

Auf der anderen Seite: Wenn die Christen sich geweigert haben, weil sie gesagt haben: „Wir können doch nicht äußerlich etwas tun, wo von wir innerlich nicht überzeugt sind“, dann drohte ihnen nicht nur Schikane, dann drohte ihnen Folter und Tod. Um die Christen mürbe zu machen, hat man sie manchmal stundenlang in einer Arena in der glühenden Sonnenhitze stehen lassen. Sie bekamen weder etwas zu essen noch zu trinken. Wenn sie sich dann immer noch weigerten, dann wurden sie manchmal als lebendige Fackel verbrannt. Oder sie wurden in einem großen Spektakel Raubtieren zum Fraß vorgeworfen.

 

Das alles hat Johannes, der alte Apostel, vor Augen, als er auf Patmos, einer kleinen Insel im Mittelmeer, in der Verbannung sitzt und nichts mehr für die Gemeinden tun kann. Natürlich kommt dann in ihm die bange Frage auf: Ob die wohl durchhalten? Oder ob sie abfallen und dieses äußere Zeichen setzen, das der Kaiser von ihnen fordert? Ob es nur wenige sind, die dann am Ende gerettet werden?

Das haben im Evangelium die Jünger Jesus schon gefragt: Herr, sind es nur wenige die gerettet werden? Und Jesus hat ihnen zur Antwort gegeben: „Seht zu, dass ihr durch die enge Tür eingeht in die Herrlichkeit. Denn weit und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die ihn gehen. Aber eng und schmal ist der Weg, der ins Leben führt, und nur wenige sind, es ihnen finden.“

Wird es am Ende nur ein kleines Häufchen von Christen geben, die man im Himmel wieder findet? Wird die große Masse verdammt werden? Das alles geht dem Johannes durch den Kopf. Und er bekommt schon Angst bei diesen Gedanken.

 

Und dann lässt ihn Gott in einer Vision, einen Blick in den Himmel tun. Vielleicht erinnern Sie sich: Am letzten Sonntag stand in der Lesung im Mittelpunkt der Thron Gottes im Himmel. Heute sieht Johannes um den Thron Gottes herum eine unübersehbar große Schar aus allen Völkern und Nationen, aus allen Stämmen und Sprachen. Niemand konnte sie zählen. Sie alle stehen um den Thron Gottes. Nicht nur ein kleines Häufchen von Erlösten, sondern eine unübersehbar große Schar. Johannes sieht sie um den Thron Gottes stehen.

Und er sieht, dass sie weiße Gewänder tragen. Wissen Sie eigentlich, was das weiße Gewand bedeutet? Wenn damals im Altertum jemand im Gericht angeklagt war, dann musste er als Zeichen des Angeklagten ein graues Sackleinen tragen. Und wenn er dann in Gericht freigesprochen wurde, oder wenn er begnadigt wurde, dann wurde ihm das grauen Sackleinen ausgezogen und er bekam ein leuchtend weißes Gewand angezogen. Nun sieht Johannes die Christen um den Thron Gottes mit weißen Gewändern bekleidet, mit dem Zeichen: Ihr seid begnadigt, ihr seid im Gericht Gottes freigesprochen.

Außerdem ist das weiße Gewand ein Hinweis auf die Verklärungsgeschichte Jesu auf dem Berg Tabor. Da heißt es auch: Während er betete, wurde sein Aussehen leuchtend, und seine Kleider wurden strahlend weiß. Das war der Vorgeschmack der Herrlichkeit. Und jetzt sieht Johannes: Nicht nur Christus steht da in einem weißen Gewand, sondern eine unübersehbar große Schar steht in weißen Gewändern um den Thron Gottes.

Und sie tragen Palmzweige in ihren Händen. Auch das muss man erklären. Der Palmzweig ist ein Zeichen des Siegers. Wenn der römische Kaiser damals eine Schlacht gewonnen hatte, und als Triumphator in Rom einzog, dann mussten Sklaven Palmzweige vor ihm hertragen als Zeichen dafür: Der Kaiser ist in einer wichtigen Schlacht Sieger geblieben. Auf diesem Hintergrund ist es auch zu sehen, wenn die Menschen am Palmsonntag beim Einzug Jesu in Jerusalem Palmzweige von den Bäumen brechen und vor ihm hertragen. Jesus kam als der Messias und zog als Messias in Jerusalem ein.

Jetzt sieht Johannes die ganzen Menschen um den Thron Gottes stehen mit dem Zeichen des Siegers in der Hand. Aber denk daran: Sieg kann man nur haben, wenn man vorher auch Kampf gehabt hat. Die haben Kampf gehabt dem römischen Reich. Aber jetzt sieht Johannes sie um den Thron Gottes stehen als Sieger mit Palmzweigen in den Händen.

Und dann denkt sich Johannes: Das kann doch nicht das kleine Häufchen von Christen sein, die ich kenne hier in Kleinasien, in der heutigen Türkei. Diese Christen, die so sehr kämpfen müssen, die oft abgefallen sind, die schwach geworden sind. Die können das doch nicht sein, die hier um den Thron stehen. Und er fragt einen Engel: „Wer sind diese, und woher kommen sie?“ Und dann gibt ihm ein Engel eine zweiteilige Antwort:

Erstens: „Das sind die, die aus der großen Drangsal kommen, die aus der großen Bedrängnis kommen.“ Das typische Kennzeichen eines echten Christen ist, dass er Drangsal erlebt, dass er Druck bekommt, dass er Bedrängnis erlebt. Es gibt manchmal Prediger bei Evangelisationen, die dann sagen: „Wenn du zu Christus kommst, dann hast du keine Probleme mehr!“ Das ist der größte Quatsch! Christen sind nicht Menschen, die auf einer Wolkenbank über den Problemen dieser Welt hinwegschweben. Wenn es hier in dieser Welt eine Inflation gibt, wenn es Krieg gibt, wenn des Naturkatastrophen gibt, dann sind die Christen genauso davon betroffen wie alle anderen auch. Aber sie bekommen noch zusätzlich Druck um ihres Glaubens willen, weil sie lächerlich gemacht werden, weil sie verspottet werden, auch heute noch bei uns.

Der Engel sagt: „Das sind die, die aus der großen Drangsal kommen.“ Das ist das erste Kennzeichen.

Wenn man diesen Gedanken einmal umkehrt, dann bedeutet das aber auch: Wenn wir Christen heute in unserem Land geduldet werden, ohne dass wir Druck bekommen, wenn die Menschen uns in Ruhe lassen, dann ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Es ist möglicherweise ein Zeichen, dass wir als Christen eigentlich gar nicht mehr auffallen, dass wir in unserer Gesellschaft zu angepasst sind.

 

Das zweite Kennzeichen eines Christen, das der Engel nennt: „Sie haben ihre Gewänder gewaschen und weiß gemacht im Blut des Lammes.“ Das ist eigentlich paradox. Man kann nicht im Blut ein Gewand weiß machen. Das geht eigentlich nicht.

Dahinter steht Folgendes: Dieses weiße Gewand, dass sie bekommen haben, und das heute noch jeder Täufling bei der Taufe bekommt als Zeichen der Erlösung, der Begnadigung durch Jesus Christus, dieses Zeichen des weißen Gewandes wird im Laufe des Lebens durch unseren Lebenswandel oftmals beschmutzt und besudelt. Wer von uns, ich fange bei mir selbst an, kann denn sagen, dass er sein weißes Gewand noch so unbefleckt bewahrt hat, wie er es bei der Taufe bekommen hat, das weiße Gewand seines Herzens?

Aber es gibt Hoffnung! Da hat einer drei Stunden am Kreuz geblutet, damit mein Gewand wieder weiß werden kann. Da ist Jesus am Kreuz verblutet, damit meine Würde, die ich vielleicht durch Sünde verloren habe, erneuert und wiederhergestellt wird.

Das sind die beiden Kennzeichen eines Christen: Drangsal, in der sie Sieger geblieben sind. Und: Sie haben ihre Kleider weiß gemacht im Blut des Lammes.

 

Aber noch etwas sieht Johannes in seiner Vision: Gott, der Allmächtige, wird über denen, die um den Thron stehen, sein Zelt aufgeschlagen. Sie werden keinen Hunger mehr haben, sie werden keinen Durst mehr leiden.

Am Anfang dieser Predigt habe ich darauf hingewiesen, wie man die Christen schikaniert hat, um sie mürbe zu machen: Sie mussten stundenlang in der glühenden Hitze stehen, ohne dass sie etwas zu essen oder zu trinken bekamen.

Und hier heißt es nun: Gott wird über ihnen in ein Zelt aufgeschlagen, so dass Hitze und Durst ihnen nicht schaden kann.

Und ein letztes tröstliches Bild: „Gott wird alle Tränen aus von ihren Augen abwischen.“ Ja, es werden Tränen fließen. Das bleibt den Christen nicht erspart. Aber Gott wird jede Träne abwischen. Wenn am Ende der Offenbarung von der Neuschöpfung durch Gott die Rede ist, dann steht diese Bemerkung wieder dabei: Gott wird jede Träne abwischen. Gott sind unsere Tränen nicht egal.

Das Ganze ist ein großes Bild der Ermutigung. Es wird nicht ein kleines Häufchen von Christen sein, die gerettet werden, sondern eine unübersehbar große Schar. Und wir können sicher sein: Wenn Du möchtest, ist für Dich dort um den Thron Gottes herum ein Platz reserviert.  Amen.

 

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Predigttext:    Joh 10,27-30

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Fragen Sie einmal einen ganz normalen Durchschnittschristen, ob er schon einmal die Stimme Gottes gehört hat. Was meinen Sie, was Sie dann für Antworten bekommen? Wahrscheinlich würden die meisten Sie ratlos anschauen, mit den Achseln zucken: „Ja, kann man denn die Stimme Gottes überhaupt hören??“

Um so merkwürdiger ist es nun, wenn in unserem Evangelium heute Jesus als eines der typischen Kennzeichen der Seinen nennt: „Meine Schafe hören meine Stimme.“ Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme“, und kaum ein Christ traut sich, in aller Schlichtheit zu sagen: Ich hab die Stimme Gottes gehört. Auf der anderen Seite ist es immer wieder die große Klage Gottes im Alten Testament bei den Propheten: „Ihr habt nicht auf meine Stimme gehört.“ Aber so eine Klage Gottes ist doch nur sinnvoll, wenn man die Stimme Gottes auch wirklich hören kann. Oder?

Meine Schafe hören meine Stimme. Darüber wollen wir heute nachdenken. Wie geht das, wenn man die Stimme Gottes hören will.

 

Ein Erstes:

Wenn man die Stimme Gottes hören will, dann muss man eine Voraussetzung erfüllen: Man muss hören können. Nun sagen Sie nicht gleich: Hören kann doch jeder. Ich glaube, wir haben es heute dringend nötig, hören zu lernen. Natürlich, Geräusche, Laute wahrnehmen, das kann wirklich jeder, wenn er nicht taub ist. Aber ist das schon hören? Sehen Sie, wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ein Kind sprechen lernen muss. Auch hier kann man sagen: Jedes Kind kann Laute hervorbringen, ohne dass es das lernen muss. Aber damit daraus Sprechen wird, da muss das Kind üben, lange üben. Und das gilt für das Hören genau so. Ich will Ihnen das an einigen Beispielen deutlich machen:

Als Schüler habe ich in meiner Heimatstadt im Musikverein mitgesungen. Kurz nach meinem Abitur haben wir in der Stadtkirche das Oratorium von Joseph Haydn „Die Schöpfung“ aufgeführt. Vorher hatte ich die Gelegenheit, einen ganzen Nachmittag lang die Orchesterprobe mit zu erleben. Es war bei den großen Chorpartien ein gewaltiger Orchesterklang, noch dazu in der leeren Kirche mit ihrem Nachhall. Aber dann mitten eine diesen gewaltigen Klangmassen klopfte der Dirigent plötzlich ab: „Die Klarinette spielt falsch!“ Ich war total überrascht. Wie konnte der Dirigent bei diesem gewaltigen Klang von etwa 70 Orchestermusikern die einzelne Klarinette hören, die falsch spielte? Ich habe ihn nach der Probe gefragt. Da sagte er mir: „Mein Ohr ist dafür geschult. Ich habe gelernt, mitten in dem großen Klang die einzelne Stimme zu hören. Außerdem habe ich die Partitur vorher gründlich studiert.“ Da ist mir bewusst geworden: Hören muss man lernen.

Vor einigen Jahren war einmal ein großer christlicher Kongress in der Dortmunder Westfalenhalle. Da waren auch Geschäftsleute und Wissenschaftler aus allen möglichen Fachbereichen dabei. In einer Pause ging ich mit einem Bänker und einem Professor für Botanik kurz an die frische Luft. Wir schlenderten so ein Stück an der B1 entlang. Die B1 mitten in Dortmund: eine sechsspurige Straße, dazwischen noch die Straßenbahnlinie. Es war so ein Lärm, dass man fast sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Aber dann blieb der Botaniker plötzlich stehen: „Still! Hört mal! Da zirpt hier irgendwo eine Grille!“ Wir blieben etwas belustigt stehen: „Wie willst Du denn mitten in diesem Lärm eine Grille hören?“ Aber der lauschte nur: „Hört Ihr das nicht? Eine Grille!“ Hinterher erklärte er uns: Ich höre das, weil ich gelernt habe, diese Stimmen zu unterscheiden; weil mein Ohr darauf trainiert ist. Jeder hört das, worauf sein Ohr trainiert ist. Dann schaute er den Bänker mit einem ironischen Lächeln an: „Das kann ich dir sofort demonstrieren:“ Er zog seine Geldbörse aus seiner Hosentasche, holte ein Geldstück heraus und ließ es auf den gepflasterten Gehweg fallen: „Ping!“ Und sofort drehten sich drei oder vier Leute in der Nähe um, ob sie vielleicht das Geldstück verloren hatten. „Siehst du“, sagte er, jeder hört das, worauf sein Ohr trainiert ist.“ Hören muss man lernen.

Wenn ich die Stimme Gottes hören will, muss ich hören lernen. Ich muss lernen, aus den vielen Geräuschen der Welt die leise Stimme Gottes herauszuhören. Vielleicht muss ich auch die „Partitur“ studieren, das Wort Gottes, um in dem großen Klangkörper dieser Welt die Stimme Gottes herauszuhören. Ich will es noch einmal ganz banal sagen: Wenn Du im Radio WDR 4 hören willst, dann darfst du nicht die Frequenz vom Deutschlandfunk einstellen. Genau so musst Du lernen, Dich auf die Wellenlänge Gottes einzustellen. Wenn die „Antenne“ deiner Weltanschauung ausgerichtet ist auf Zeitschriften wie „Bravo“ oder „Stern“ oder ähnliches, dann wirst Du wohl kaum die Stimme Gottes darin finden.

Im Sommer mache ich es manchmal so, dass ich mich am Sonntagmorgen ganz früh in der Garten setzen. Dann ist kein Straßenlärm da, nichts! Und es ist abenteuerlich, wie viele „Stimmen“ man dann hört. Nicht nur die Vogelstimmen, man hört beinahe jedes Rascheln der Grashalme Natürlich geht es mir dann auch oft so, dass ich dann „kribblig“ werde. Wir möchten ja immer etwas tun. Aber diese Stille zu erleben, sich ganz darauf einzulassen, das ist etwas ganz Kostbares. Es ist für mich als Priester immer wieder eine große Freude, dass zunehmend Gottesdienstbesucher am Samstag oder Sonntag schon etwa eine halbe Stunde früher zum Gottesdienst kommen und ihre „Antenne“ in der Stille auf Gott ausrichten. Vor etlichen Jahren habe ich hier am Niederrhein einen Einkehrtag gehalten für den Pfarrgemeinderat einer kleinen Pfarrgemeinde. In diesem Pfarrgemeinderat gab es eine Frau, die Mutter von fünf heranwachsenden Kindern war. Die hat bestimmt in ihrer Familie genug „am Kopf“ gehabt, wie man so schön sagt. Aber diese Frau war eigentlich immer ausgeglichen, man konnte sie durch nichts aus der Fassung bringen, und sie war auch immer ansprechbar für Dienste in der Pfarrgemeinde. Ich kannte diese Frau, weil ich zu der Zeit in der Nachbargemeinde Pfarrer war. Ich hab sie auf diesem Einkehrtag gefragt: „Wie machen Sie das eigentlich, dass Sie immer so ausgeglichen sind?“ Und dann stellte sich in einem Rundgespräch heraus, dass diese Frau jede Woche zwei bis dreimal werktags eine halbe Stunde in die Kirche ging und einfach in der Stille mit Gott allein war. Sie sagte uns: „In dieser stillen Zeit kann ich alles mit Gott besprechen, was mit meiner Familie ist, mit den Kindern, wo ich überfordert bin. Ich kann Gott um Rat fragen in den vielen praktischen Angelegenheit, wo eine Entscheidung ansteht. Und ganz oft bekomme ich in dieser stillen Zeit Klarheit, wie ich entscheiden soll. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer so ausgeglichen wirke.“ Es lohnt sich, hineinzuhorchen in die Stille bis man die Stimme Gottes hört.

 

Ein Zweites:

Gewöhnlich sind wir ja der Meinung: Hören tut man mit den Ohren, genau so wie man mit den Augen sieht. Aber das ist noch nicht alles. Der französische Dichter Exuperie hat in seinem Buch „Der kleine Prinz“ einen bedenkenswerten Satz geschrieben: „Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.“ Vielleicht darf man diesen Satz auch auf das Hören anwenden: „Man hört nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche bleibt für die Ohren unhörbar.“ Damit wird gesagt, dass das Hören eine Herzensangelegenheit ist. Beim Sehen haben wir die Redensart: „Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.“ Auf das Hören bezogen würde dieser Satz heißen: „Man muss lernen, mit dem Herzen hinter die vordergründigen Geräusche und Stimmen zu hören.“ Wir lernen das heute schon aus der Psychologie. Ich habe vor Jahren einmal eine jüngeres Ehepaar kennen gelernt, die hatten eine damals etwa 11 jährige Tochter. Beide Eheleute waren unheimlich aktiv in der Gemeinde und auch in vielen anderen Vereinen. Eines Tages wird die Tochter dieses Ehepaares in einer Weise frech und aufsässig, dass beide Eltern sagten: „Wir kennen unsere Tochter gar nicht wieder.“ Sie sind dann zu einer Familienberatungsstelle gegangen. Und dort haben sie gelernt, die Tochter mit den Augen des Herzens zu sehen. Sie entdeckten auf einmal, dass die Aufsässigkeit des Mädchens ein einziger lauter Aufschrei war: „Wann seid ihr endlich mal wieder zu Hause!“ Es stellte sich heraus, dass die Eltern 14 Tage lang jeden Abend außer Haus gewesen waren, eben weil sie so engagiert in der Gemeinde mitarbeiteten. Sie hörten auf einmal hinter der Aufsässigkeit den Aufschrei ihrer Tochter. Aber da mussten sie lernen, hinter die vordergründigen Töne zu hören.

Ähnliches gilt auch, wenn wir die Stimme Gottes hören wollen. Wer gelernt hat, mit dem Herzen zu hören, der entdeckt hinter den vordergründigen Tönen plötzlich die Stimme Gottes. In der Leidensgeschichte der Evangelien hat Jesus dem Petrus angekündigt: Heute nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus hat das entrüstet von sich gewiesen. Er hatte in dieser Situation diesen Satz nur mit den Ohren gehört. Wenige Stunden später als der Hahn dann krähte, erinnerte sich Petrus an das Wort Jesu. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. Da hatte er gelernt, das gleiche Wort Jesus mit dem Herzen zu hören.

In einem Bibelkreis mit Jugendlichen, der sich wöchentlich traf, haben wir vor einigen Jahren einigen Jahren einmal im Lukasevangelium die Geschichte vom „Reichen Prasser und armen Lazarus“ gelesen. Vielleicht kennen Sie diese Geschichte. Da sagte ein Mädchen in diesem Bibelkreis: „Gott sei Dank, liegt ja in unserer Gesellschaft kein Lazarus vor der Tür. Dafür gibt es heute das Sozialamt und die Caritas und ähnliches.“ Als wir uns eine Woche später wieder zum Bibelkreis trafen, sagte dieses Mädchen: „Ich möchte noch mal was zu der Stelle vom letzten Mal sagen. Ich hab gemerkt, dass das, was ich beim letzten Mal gesagt habe, Unsinn war. Der Lazarus liegt bei uns nicht draußen vor der Tür. Er liegt mitten im Wohnzimmer.“ Dann hat sie uns das erklärt. Sie war in der letzten Woche vom Bibelkreis nach Hause gekommen; da fing gerade im Fernsehen die Nachrichtensendung „Heute“ an. Und die ersten Bilder, die sie im Fernsehen sah, waren Bilder von verhungernden Kindern in Afrika. Erst hat sie darauf gar nicht reagiert. Aber später, als sie beim Abendgebet noch einmal das Gleichnis vom „Reichen Prasser und armen Lazarus“ las, da hat Gott zu ihr gesprochen. „Durch das Fernsehen“, sagte sie uns, „kommt der Lazarus bei uns bis in die Wohnzimmer.“

Wenn wir unsere Antenne auf Gott ausgerichtet haben und lernen mit dem Herzen zu hören, dann fängt Gott an, durch die vordergründigen Stimmen zu uns zu reden, sogar durch die Stimme eines Nachrichtensprechers im Fernsehen.

 

Ein Letztes noch ganz kurz:

Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? In jeder heiligen Messe, bevor der Priester das Evangelium verkündet, verneigt er sich zum Altar hin und spricht still ein kurzes Gebet. Wissen Sie eigentlich, was der Priester da still betet? Er betet etwa mit folgenden Worten: „Heiliger Gott, reinige mein Herz und meine Lippen, damit ich dein Evangelium würdig verkünde.“ Der Priester ist ja in dem Augenblick der Verkündiger. Wie wäre das, wenn Sie alle als mitfeiernde Gemeinde, jeder still für sich, in diesem kurzen Augenblick beten würde: „Herr, öffne du mir jetzt das Herz und das Ohr, damit ich hinter den Wörtern des Evangeliums und der Predigt deine Stimme hören kann.“ Dass aus den Worten wirklich das wird, was die Lektoren am Ende der Lesung sagen: „Wort des lebendigen Gottes.“ Ich bin ganz sicher: Es würde viel mehr in der Verkündigung rüberkommen. Vielleicht würde Jesus von uns auch sagen: „Seht, meine Schafe! Sie hören meine Stimme!“  Amen.

 

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