Pfarrer Karl Sendker  

 

   Predigten  -  Hilfen zur Bibelarbeit -  Gottesdienste  -  geistliches Leben

 

6. Ostersonntag B
Home Nach oben

Predigten

Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

Alle Predigten dieser Homepage dürfen für die Verkündigung benutzt werden.

Eine Veröffentlichung schriftlich oder auf Tonträgern ist nicht erlaubt.

Über Predigten auf Kassetten informieren Sie sich

unter dem Stichwort Kassettendienst .

horizontal rule

Predigt zur 1. Lesung:  Apg 10,25-26.34-35.44-48      als Video

Predigt zur 2. Lesung:  1 Joh 4,7-10

Predigt zum Evangelium: Joh 15,9-17

horizontal rule

Predigttext:    Apg 10,25-26.34-35.44-48

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Ordnung ist das halbe Leben“, sagt der Volksmund. „Ordnung muss sein“, das ist eine Binsenweisheit. Ich kann mich noch gut erinnern: Als ich Schüler war, wenn ich dann mein Zimmer nicht aufgeräumt hatte, obwohl Mutter mich mehrmals darauf hingewiesen hatte, dann konnte es passieren, dass ich als Strafe fünfzig mal den Satz schreiben musste: „Lerne Ordnung, übe sie, sie erspart dir Zeit und Müh.“ Damit das so richtig in Fleisch und Blut übergeht. „Ordnung ist das halbe Leben.“

Auch im Glaubensleben gilt das: Ordnung ist das halbe Leben. Und darum gibt es in der Kirche einen Katechismus, wo die ganze Glaubenslehre in systematischer Ordnungen aufgeschrieben ist. Die vielen Aussagen der Bibel werden im Katechismus in ein Ordnungsgefüge gebracht. Und weil Ordnung wichtig ist, gibt es zum Beispiel in der Kirche auch das Kirchenrecht, wo das Ordnungsgefüge des Katechismus noch einmal in Rechtssatzungen gegossen wird. Da kann man ganz klar und präzise sagen, was geht und was nicht geht, welche Rechte und welche Pflichten man hat. Ordnung ist das halbe Leben.

Das galt übrigens auch schon im Judentum damals. Das Judentum hatte ganz klare Ordnungen, wie man als Jude leben sollte. Da gab es im Judentum zum Beispiel die Vorschrift, dass es auf keinen Fall erlaubt war, als Jude das Haus eines Heiden zu betreten. Wenn einer zu einem Heiden ins Haus ging, wurde er unrein, religiös unrein. Das bedeutete, er durfte nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen.

Und nur mal in Klammern gesagt: Vielleicht konnte man sich dann vorstellen, was das für eine Gunsterweisung war. Als die Juden Jesus angeklagt haben vor Pontius Pilatus, da kommt Pontius Pilatus zu ihnen heraus. Normalerweise hätten die jüdischen Ankläger reingehen müssen, um ihn anzuklagen. Aber Pontius Pilatus hat diese Ordnung der Juden respektiert, dass ein Jude nicht das Haus eines Heiden betreten durfte.

Und dann gab es im Judentum die Ordnung, dass man bestimmte Sorten von Kleintieren nicht essen durfte: Kriechtiere, manche Vögel, alles was im Wasser schwimmt und keine Flossen hat. Wenn einer das aß, wurde er religiös unrein. Er durfte am Gottesdienst der Synagoge nicht teilnehmen.

Oder ich denke an eine Ordnung, die es bei uns in der Kirche gibt. Wenn ein Kind zur Erstkommunion gehen will, dann geht das nur, wenn es vorher getauft ist. Sonst geht das nicht. Und deswegen kommt es gelegentlich vor, wenn wir ein Kind haben, das zur Erstkommunion angemeldet ist, und noch nicht getauft ist, dass wir das dann im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung im Familiengottesdienstes ein Kommunionkind taufen.  

Ordnung ist das halbe Leben, das gilt. Aber eins müssen wir lernen. Das mussten die Juden lernen, das musste Petrus lernen, das mussten die Apostel lernen und das müssen auch wir lernen: Gott ist größer als unsere Ordnungen. Ordnungen sind wichtig und notwendig. Aber, Gott lässt sich nicht einzwängen in ein System von Ordnungen wie in eine Zwangsjacke. Und davon redet heute die Lesung aus der Apostelgeschichte.

Da hält Petrus in der Mittagszeit auf einem flachen Hausdach ein Mittagsschläfchen. Und im Mittagsschlaf hatte er einen Traum, eine Vision. Er sieht im Traum, wie vom Himmel ein großes Tuch heruntergelassen wird. In diesem Tuch sind alle möglichen Kleintiere drin. Ausgerechnet Kleintiere, die ein Jude nicht essen durfte. Und dann hört er eine Stimme vom Himmel, die ihm zurief: „Petrus, nimm diese Tiere, schlachte sie und iss.“ Petrus schrickt zurück: „Herr, ich habe noch nie etwas Unreines gegessen; das kommt gar nicht in Frage.“ Und dann sagt die Stimme vom Himmel: „Wenn ich etwas für rein erklärt habe, dann sag du nicht: das ist unrein.“

Als Petrus dann wach wird, dann hört er unten auf der Straße lautes Rufen: „Wohnt hier ein Petrus?“ Petrus geht nach unten und sieht auf der Straße einige römische Soldaten. Die sagen dem Petrus: „Wir sind Abgesandte des römischen Hauptmann Cornelius. Der hat uns beauftragt, dich zu Cornelius zu holen. Cornelius möchte gerne das Wort Gottes hören.“ Petrus schrickt zurück. Zu einem Heiden soll ich gehen, zu einem heidnischen Hauptmann. Da werde ich ja unrein, das darf ich gar nicht.

Aber dann ging es dem Petrus auf einmal durch den Kopf: Mensch, der Traum! Da kamen diese ganzen unreinen Tiere, und Gott hat gesagt: „Wenn ich etwas für rein erkläre, dann sag du nicht: Das darf ich nicht essen.“ Es ging Gott im Traum ja gar nicht um Tiere. Petrus merkt auf einmal, dass Gott ihm diesen Traum nur deswegen geschickt hatte, um ihm Mut zu machen, mit den römischen Soldaten zum heidnischen Hauptmann Cornelius zu gehen. Gott ist größer als unsere Ordnung.

 

Und dann passiert im Haus des Hauptmanns Cornelius noch etwas Abenteuerliches. Petrus verkündet ihnen das Wort Gottes. Und während Petrus redet, kommt auf die Heiden, die da versammelt sind, der Heilige Geist herab. Das durfte eigentlich gar nicht sein. Die waren ja alle noch nicht getauft. Wieso kommt der Heilige Geist auf die Heiden herab, die doch noch gar nicht getauft sind?

Und man konnte das merken, dass der Heilige Geist auf sie gekommen war. Die fingen nämlich an in neuen Sprachen an zu reden, genauso wie die Apostel damals am Pfingstfest in Jerusalem. Sie begannen Gott zu loben und zu preisen. Und die waren ja noch nicht einmal getauft.

Petrus steht ganz ratlos und hilflos da. Was soll ich denn jetzt machen? Gott selber hat ja eingegriffen. Er hat den Heiligen Geist auf die Heiden herab gesandt. Und wie könnten wir denen die Taufe wohl verweigern, wenn Gott selber ihnen den Heiligen Geist geschenkt hat. Ordnung ist wichtig, und die Ordnung heißt: Erst Taufe, dann Erfüllung mit dem Heiligen Geist und dann die Erstkommunion usw.

Aber Gott erlaubt es sich, die wichtigen Ordnungen auch einmal zu durchbrechen. Er lässt sich nicht in diese Ordnungen einsperren.

Nun könnte man ja sagen: Das ist eine Geschichte von damals. Das betrifft uns ja heute nicht mehr, das mit den unreinen Tieren. Und dass wir heute zu einem heidnischen Hauptmann gehen, ist für uns auch kein Thema mehr. Also ist das nur noch historisch interessant.

Nein, ist es nicht. Das ist heute genauso aktuell. Ich will ein Beispiel sagen. Es gibt in der katholischen Kirche die Ordnung, dass evangelische Christen nicht zur Kommunion zugelassen sind, dass sie nicht zur Kommunion gehen dürfen. Diese Ordnung gilt. Aber dann passiert vor den Augen der Weltöffentlichkeit im Fernsehen folgendes: Da ist auf dem Petersplatz in Rom das Totenamt für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. Das wurde weltweit im Fernsehen übertragen. Und dann nimmt an diesem Totenamt im Rollstuhl ein evangelischer Christ teil, Roger Schütz, der Prior der Gemeinschaft vom Taizé. Und was macht Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, der auch damals nach den Tod des verstorbenen Papstes schon die höchste Instanz war: Er geht selber zu dem evangelischen Christen Roger Schütz hin und reicht ihm die Kommunion. Das hat viel Aufsehen erregt, das hat bei vielen Anstoß erregt. Aber Gott ist größer.

Natürlich kann man jetzt hingehen und sagen. Wie kann die Kirche auf der einen Seite verbieten dass evangelische Christen zur Kommunion gehen. Und dann kommt der oberste Chef, damals Kardinal Ratzinger, und reicht selber dem evangelischen Christen Roger Schütz die Kommunion.

Ich weiß nicht, wie er dazu gekommen ist. Möglicherweise hat Gott selber eingegriffen, ihm in diesem Augenblick den Impuls ins Herz gegeben: Geh zu ihm hin.

Man muss ja auch sagen: In seinem Herzen war Roger Schütz längst katholisch, aber er war es nicht formal.

Nun kann man natürlich hingehen und kann sagen:. Wenn der das darf, warum wir nicht? Wenn der zur Kommunion zugelassen wird, warum darf meine Ehefrau, mein Ehemann nicht zur Kommunion gehen, wenn ich in einer konfessionsverschiedenen Ehe lebe?

Aber genau das ist unsere Not, dass wir aus einem Einzelfall, wo Gott möglicherweise einen Impuls gegeben hat, einen Präzedenzfall machen. Und dieses Denken in Präzedenzfällen, das ist wieder dieses Denken in Ordnungskategorien: Wenn der das darf, muss ich das auch dürfen.

Gott erlaubt es sich immer wieder, einzugreifen und zu sagen: Ordnung ist wichtig, nur jetzt ist das und das und das angesagt, auch wenn man sich damit über die Ordnung hinwegsetzt.

 

Übrigens, Kardinal Ratzinger und auch Petrus damals, haben sich ja nicht willkürlich über die geltende Ordnung hinweggesetzt. Hier ist ein Stichwort wichtig, das in der Lesung vorkam. Da sagt Petrus: „Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jeden Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet.“

Hier geht es um eine ganz wichtige Grundhaltung, nämlich die Grundhaltung der Gottesfurcht, oder besser ausgedrückt: der Ehrfurcht vor Gott. Nicht in Willkür und nicht in Selbstherrlichkeit. „Ich habe ja das Recht dazu!“ Oder: „Wenn der das darf, dann darf ich das auch.“ Wenn alle sich in dieser Ehrfurchtshaltung vor Gott befinden, dann kann Gott auch heute in bestimmten Situationen jemandem das Herz öffnen, so dass er sagen kann: „Ordnung ist wichtig, aber jetzt ist was anderes dran.“ Ich denke schon, dass das für uns ganz wichtig ist. Auf der einen Seite: dass wir uns an die Ordnungen halten, die nicht in die Beliebigkeit gestellt werden dürfen. Auf der anderen Seite: dass wir immer in aller Ehrfurcht vor Gott auch wissen: Gott ist größer als unsere Ordnung.  Amen

 

Zurück zum Seitenanfang

horizontal rule

Predigttext:      1 Joh 4,7-10

 

Predigt im MP3 Format

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es ist ganz eigenartig. Wenn wir Katholiken von Gott reden, dann reden wir fast immer vom „lieben Gott“. Wenn man Kindern gegenüber von Gott redet, dann ist das ja noch verständlich. Bei Kindern gebraucht man ja auch sonst Verkleinerungsformen. Aber auch Erwachsene reden entweder vom „Herrgott“, aber noch viel häufiger vom „lieben Gott“.

Ist Gott eigentlich lieb? Ist Liebe eine Eigenschaft Gottes? Wenn das so wäre, dann könnte er ja auch einmal böse sein. Wenn man in die Bibel hineinschaut, ins Neue Testament, da werden von Gott viele Eigenschaften ausgesagt: Gott ist allmächtig, Gott ist gütig, Gott ist barmherzig; sogar vom zornigen Gott ist die Rede, von einem Gott, der eifersüchtig ist. Aber nirgendwo wird gesagt, dass Gott lieb ist.

Statt dessen sagt das Neue Testament, im ersten Johannesbrief, aus dem wir eben die Lesung gehört haben, sehr nachdrücklich etwas anderes: Gott ist nicht lieb, sondern „Gott ist die Liebe“. Gott ist die Liebe, das bedeutet: Liebe ist nicht eine Eigenschaft Gottes, sondern Gott ist seinem Wesen nach Liebe. Das heißt mit anderen Worten: Er kann überhaupt nicht anders als lieben.

Und selbst wenn in der Bibel manchmal vom Zorn Gottes die Rede ist, dann ist der Zorn Gottes nur die Kehrseite seiner Liebe. Bei Gott liebt dich so sehr, dass er nicht zulassen wird, dass du kaputt gemacht wirst. Und Sünde macht den Menschen kaputt. Darum wird der Zorn Gottes die Sünde erbarmungslos treffen, nicht den Sünder, aber die Sünde.

Gott ist seinem Wesen nach Liebe. Das bedeutet aber auch: Es kann mit dir passieren was will, ob du ganz oben bist oder ganz unten: Gott wird nicht aufhören, dich zu lieben. Das ist wohl eine der  größten Aussagen, die über Gott gemacht worden sind: Gott ist die Liebe.

Es gibt keine Religion, die eine solche Aussage über Gott macht: Gott ist die Liebe. Das hat Gott sich vorbehalten, als er sich durch seinen Sohn uns offenbart hat. Dazu ist Jesus Mensch geworden.

Wie heißt es hier im ersten Johannes Brief: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat.“

Dazu ist Jesus Mensch geworden, dass wir an ihm ablesen können, an seinem Umgang mit den Menschen, wie die Liebe Gottes ist. Wenn Sie die Evangelien lesen oder wenn Sie die Evangelien Gottesdienst am Sonntag hören, achten Sie einmal darauf, mit welcher Liebe Jesus jedem Menschen begegnet.

Er kann einer Dirne begegnen. Jesus schenkt ihr als Zeichen seiner Liebe eine neue Würde.

Da kann man eine Ehebrecherin zu ihm bringen. Jesus lässt nicht zu, dass die Leute Steine werfen, weil er auch diese Frau liebt. Gewiss, er nennt Ehebruch Sünde, aber er lässt nicht zu, dass man diese Frau steinigt.

Da kann ein Zöllner kommen, ein „Berufssünder“. Jesus geht mit ihm essen, mit dem Zachäus, weil er diesen Menschen liebt.

Und wenn seine eigenen Angehörigen kommen und sagen: „Er ist von Sinnen“, und wenn die Theologen kommen, die Schriftgelehrten: „Er ist mit dem Teufel im Bunde“, weil Jesus Dämonen austreibt, und wenn schließlich einer seiner 12 Apostel ihn mit einem Kuss verrät, dann hört Jesus immer noch nicht auf, diesen Menschen zu lieben.

Als Judas ihn mit einem Kuss verrät, da tritt Jesus ihm entgegen und sagt zu ihm: „Freund! Wo zu bist du gekommen?“ Er redet ihn immer noch an als Freund. Und denken Sie immer daran: Jesus hat auch dem Judas im Abendmahlssaal die Füße gewaschen.

Man kann Jesus ans Kreuz schlagen; man kann ihm das Leben nehmen; man in die letzte Ehre rauben, weil er zwischen zwei Verbrechern hängt. Aber eins kann man nicht: man kann diese Liebe nicht töten, die in ihm war.

Und als die Leute, die ihn gekreuzigt haben und ihn verspotten und höhnen: „Komm doch herunter vom Kreuz“, da findet Jesus in dieser Situation noch eine Entschuldigung für diese Menschen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“

Das ist das Geheimnis der göttlichen Liebe. Sie hört niemals auf, weil Gott seinem Wesen nach Liebe ist. Und jeder darf wissen: Ich bin von Gott geliebt. Wahrscheinlich wird man dann erst im tiefsten spüren und erfahren, was diese Liebe Gottes bedeutet, wenn man einmal selber so ganz unten gewesen ist, und wenn alle mit dem Finger auf mich gezeigt haben. Dann erst wird man erfahren: Ich war ganz unten, und er hat mich nicht von oben herab angeschaut, sondern er hat sich so klein gemacht, dass er noch zu mir aufschauen kann. Gott ist die Liebe.

 

Wenn wir Christen von Liebe reden, dann liegen wir meistens von der Nächstenliebe. Vielleicht sogar einmal von der Feindesliebe. Das ist ja auch richtig. Jesus sagt zum Beispiel heute am Ende des Evangeliums: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“

Aber das ist nicht das erste. Das erste ist, dass Gott dich liebt. Der erste Johannesbrief sagt uns heute: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat.“ Und erst dann, wenn ein Mensch sich von Gott hat lieben lassen, wenn er diese Liebe Gottes in seinem eigenen Leben erfahren hat, dann erst wird er fähig und bereit, den anderen zu lieben, auch wenn der vielleicht gar nicht liebenswert ist.

Solange ein Anderer uns Liebe entgegenbringt, fällt es uns nicht schwer, ihn auch zu lieben. Aber wenn der Andere uns quer liegt, ihn dann zu lieben, dazu bedarf es der göttlichen Liebe.

Aber so geht Gott mit uns um. In dem Augenblick, wo an uns nichts Liebenswertes mehr zu finden war, da zeigt sich erst die tiefste Kraft der göttlichen Liebe.

Bei meiner Priesterweihe 1973 habe ich mir einen Primizspruch ausgesucht. Bei der Priesterweihe ist es üblich, dass man sich einen Primizspruch wählt. Ich habe mir damals einen Primizspruch ausgesucht aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Mein Primizspruch ist: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi.“

Als wir Priester wurden, sollte jeder einmal zu seinem Primizspruch ein paar Worte sagen, warum er sich den gewählt hatte. Ich habe damals gesagt, und das gilt heute auch noch: Solange das stimmt, „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“, solange will ich gerne Priester sein. Und wenn ich jetzt viele Jahre auf den Tag der Priesterweihe zurückblicke, kann ich sagen: Es ist in dieser Zeit bei mir durch Höhen und Tiefen gegangen. Aber eins habe ich immer wieder gespürt: Gott hört nicht auf, mich zu lieben. „Nichts kann uns scheiden von den Liebe Gottes.“ Das gilt einem Priester, das gilt aber für jeden von uns. Denn Gott ist nicht ‚lieb’, sondern Gott ist ‚die Liebe’.  Amen.

 

Zurück zum Seitenanfang

horizontal rule

Predigttext: Joh 15,9-17

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige. Wer in mir bleibt, und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.Das war das Evangelium des letzten Sonntags. Das heutige Evangelium schließt unmittelbar an Evangelium des letzten Sonntags an. Noch einmal geht es um das Stichwort „bleiben“. Heute wird uns im Evangelium die Frucht vorgestellt, die bei uns wächst, wenn wir mit Jesus verbunden sind.

 

Drei dieser Früchte schauen wir uns heute einmal an:

Die erste und grundlegende Frucht, die in uns wächst, wenn wir mit Jesus verbunden sind, ist die Liebe. Aber Liebe nicht in erster Linie als Gebot: „Liebt einander!“ Nein, Liebe bedeutet zunächst einmal etwas ganz anderes, nämlich die Tatsache: Du bist von Gott geliebt!

„Bleibt in meiner Liebe“, sagt Jesus. Es geht nicht darum, dass wir uns Liebe irgendwie aus den Fingern saugen, sondern dass Gott uns liebt. Die Lesung aus den ersten Johannesbrief, die wir eben gehört haben, hat gesagt: „Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Gott uns geliebt hat. Und erste derjenige, der sich so richtig „eingehüllt“ weiß in die Liebe Gottes, der kann überhaupt erst den Anderen lieben.

Es ist wie bei einem Überlaufbrunnen: Der Brunnen läuft erst dann nach allen Seiten über, wenn er selbst ganz voll von Wasser ist. Darum dürfen wir uns zunächst einmal erst selbst mit der Liebe Gottes gleichsam volllaufen lassen, bevor dann diese Liebe überstrahlt auf die anderen Menschen.

Diese Liebe ist auch nicht etwas, das wir produzieren müssten. Sie ist eine Frucht, die wächst. Ein Zweig am Baum produziert ja auch nicht Früchte, sondern er ‚trägtgleichsam diese Früchte.

Die grundlegende Frucht liegt in der Tatsache: Du bist von Gott geliebt, ohne Wenn und Aber. Und wenn nichts Liebenswertes mehr in dir ist, wenn du dich selber schon nicht mehr ausstehen kannst, wenn alle mit dem Finger auf dich zeigen, dann gilt das immer noch, dass Gott dich liebt.

Der Apostel Paulus schreibt einmal im Römerbrief mit einem jubelndem Unterton: „Was soll man dazu sagen? ... Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.Es kann mit uns passieren, was will. Gott wird nicht aufhören, uns zu lieben. Denn so sagt der erste Johannesbrief: „Gott ist die Liebeschlechthin! Er ist seinem Wesen nach Liebe. Er kann gar nicht anders, als lieben.

 

Die zweite Frucht, die in unserem Evangelium genannt wird, die wächst, wenn wir mit Christus verbunden sind, ist die Freude. Es ist der erklärte Wille Gottes, dass unser Leben geprägt ist von einer überschäumenden und überströmenden Freude, dass wir randvoll frohe Menschen sind. Nicht umsonst heißt die Botschaft, die wir zu verkünden haben, nicht „Liebesbotschaft“, obwohl die Liebe ganz wichtig ist, sondern sie heißt „Frohe Botschaft“. Es ist eine Nachricht der Freude.

Rein statistisch gesehen (Man kann das ja heute mit einem Computer leicht kontrollieren) kommt das Stichwort „Freude in der Bibel viel häufiger vor als das Stichwort „Liebe“. Unser Leben soll geprägt sein von einer ganz tiefen Freude.

Aber damit wir uns nicht missverstehen: Freude, die hier gemeint ist, ist etwas anderes als Lustigkeit. Manche Menschen sind nicht froh, sie sind nur lustig. Manche Menschen können sich freuen, wenn zum Beispiel Bayern München Deutscher Meister geworden ist, oder Sie können sich freuen beim Karneval, wenn sie reichlich getrunken haben. Dann kann man leicht froh sein. Aber die Freude, die Jesus meint, die Frucht, die aus der Verbundenheit mit Jesus wächst, die existiert auch dann noch, wenn es - menschlich gesehen - nichts Frohes mehr gibt in unserem Leben. Wenn man vielleicht von Sorge niedergebeugt ist, wenn man Lasten zu tragen hat, dann gilt diese Freude Jesu immer noch. Denn diese Freude hat ihre Wurzeln nicht in der Meisterschaft von Bayern München; diese Freude hat ihre Wurzeln in Jesus Christus.

Lesen Sie einmal in der Apostelgeschichte: Da sind die Apostel ausgepeitscht worden. Aber dann steht so ein merkwürdiger Satz dabei: „Sie gingen vom Hohen Rat weg voll auf Freude, dass sie gewürdigt waren, für den Namen Jesu Schmach zu leiden.Menschlich gesehen kann man solche Freude nicht mehr verstehen. Aber das ist dieses innere Singen, dieses Getragensein von der Gewissheit: Jesus Christus hält mich.

Der Apostel Paulus, der weiß Gott genug Sorge zu tragen hatte, sitzt einmal im Gefängnis. Er muss damit rechnen, dass sein Prozess mit dem Todesurteil endet, dass er den wilden Tieren vorgeworfen wird. Er schaut dem Tod ins Auge. Und aus dem Gefängnis heraus schreibt er einen Brief an seine Lieblingsgemeinde in Philippi, im Norden Griechenlands. Dieser Brief aus dem Gefängnis strotzt nur so von Freude. Aus diesem Brief ist die berühmte Adventslesung genommen: „Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: Freut euch!„Und selbst wenn ich jetzt als Opfergabe dargebracht werde, dann sollt ihr euch mit mir freuen.

 

Wo er kommt diese Freude? Paulus schreibt nicht: Freut euch „überden Herren. Er schreibt: Freut euch „imHerrn. Wenn ein Mensch in Christus ist, mit Christus verbunden ist, dann wächst diese Frucht der Freude. Und das Tiefste bei dieser Freude ist dies: Das ganz große Fragezeichen hinter jeder menschlichen Freude ist ja der Tod. Der Tod ist nur noch Schmerz, Mühsal und Trauer. Aber die christliche Freude, die aus der Verbundenheit mit Jesus wächst, die bleibt auch dann noch, wenn Menschen dem Sterben in ins Auge sehen müssen. Ich habe das oft erlebt, wie Menschen, bei aller menschlichen Trauer einen tiefen Frieden hatten, ja sogar Freude.

 

Schließlich eine dritte Frucht die wächst, wenn man mit Christus verbunden ist. Diese Frucht ist die Freundschaft mit Jesus Christus. Jesus sagt heute im Evangelium: „Ich nenne euch nicht mehr Knecht, ich nenne euch Freunde.“ Nun muss man wissen: Knecht Gottes sein, das war im Alten Testament schon ein Ehrentitel. Und Jesus setzt auf diesen Ehrentitel gleichsam noch eins drauf. Nicht nur Knechte sollen wir sein; er bietet uns seine Freundschaft an.

 

Das typische Kennzeichen von Freunden ist, dass sie keine Geheimnisse vor einander haben. Jesus sagt: „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.Ich habe keine Geheimnisse vor euch. Jesus nimmt uns mit hinein in die ganz tiefe Beziehung, die zwischen ihm und seinem Vater besteht. Und wenn jemand wirklich entdeckt: Mein Leben ist eine Freundschaft mit Christus, dann hat das Auswirkungen auf ganz viele praktische, christliche Lebensbereiche. Das hat Auswirkungen auf unser Beten. Dann ist Beten nicht mehr eine Pflichtübung, dann wird Beten eine Art „Freundschaftsverkehr mit Gott“, wie Theresa von Avila einmal sagt. Wie ein Freund mit seinem Freund redet.

 

Ich kann mich erinnern: Ich habe einmal ein Kommunionkind in der Schulklasse gehabt. Dem Kind habe ich bei der Erstbeichte gesagt: Jetzt bei der Beichte ist das ungefähr so, als wenn Jesus dir seine Hand hinhält und dir sagt: „Ich bin dein Freund.Und dieser Junge hat bei der Beichte gestrahlt! Einige Monate später wollte dieser Junge sonntags nicht mehr mit den Eltern zur Kirche gehen. Weißt du, was die Mutter dem Kind gesagt hat?: Du warst doch so glücklich, dass Jesus dein Freund ist. Aber denk daran: Eine Freundschaft muss man auch pflegen. Das hat den kleinen in Jungen überzeugt. Eine Freundschaft muss man auch pflegen, sonst geht das nicht.

Jesus erwartet nicht, dass wir einen Katalog von religiösen Pflichten erfüllen. Nein, Jesus bietet uns seine Freundschaft an. Und er wirbt darum, dass wir uns auf seine Freundschaft einlassen.

Im Evangelium sagt Jesus heute: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für die Freunde.Jesus hat sein Leben in den Tod gegeben für uns, für seine Freunde. Sein Tod am Kreuz ist gleichsam das Siegel auf die Freundschaft, die er uns anbietet. Wenn wir in jeder Heiligen Messe den Leib Christi in die Hand gelegt bekommen, und wenn dann der Priester sagt: „Der Leib Christi“, und wenn wir dann unser „Amen“ dazu sagen, dann ist es gleichsam das Amen zur Freundschaft, die Jesus uns anbietet. Dieses Amen bedeutet dann: Ja Jesus, ich will auch dein Freund sein.  Amen.

 

Zurück zum Seitenanfang

horizontal rule