Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

7. Sonntag C
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Predigten

Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

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Predigt zur 2. Lesung:  1 Kor 15,45-49

Predigt zum Evangelium:  Lk 6,27-38

 

Predigtext:  1 Kor 15,45-49

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Der Apostel Paulus macht es einem manchmal ganz schön schwer, nicht nur den Lektoren (innen), sondern auch einem Prediger. Wie soll ein einfacher Bibelleser denn die Sätze aus der heutigen Lesung verstehen: „Adam der Erste Mensch wurde ein irdisches Lebewesen. Der Letzte Adam wurde ein lebendig machender Geist. Aber zuerst kommt nicht das Überirdische; zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische ...“ Da hat man es wahrlich nicht leicht.

Aber da kommt uns unsere deutsche Sprache mit ihren Redensarten zu Hilfe, um auch so einen schwierigen Text zu verstehen: Wenn bei uns einer etwas falsch macht, vielleicht sich sogar sich etwas zu Schulden kommen lässt, dann entschuldigt er sich mit der Redensart: ‚Ich bin ja schließlich auch nur ein Mensch.’ Wenn einer einen anderen provoziert hat, und der schreit zurück und fährt aus der Haut, dann sagt er anschließend als Entschuldigung: ‚Es kann ja keiner aus seiner Haut, das ist doch menschlich, wenn man zurückschimpft.’ Ja, es stimmt, das ist menschlich. Menschlich ist es: Wenn mich einer schlägt, dann kriegt er’s zurück.

Und genau das ist es, was Paulus meint, wenn er vom ‚Ersten Adam’ spricht. Das hebräische Wort Adam ist ja ursprünglich nicht ein Eigenname. Adam heißt übersetzt: Mensch. Immer wenn wir so entschuldigend sagen: ‚Ich bin ja schließlich auch nur ein Mensch’, dann sagt uns Paulus: Genau so ist es! Das gehört zum ‚Alten Adam’, zum unerlösten Menschen, der durch den Sündenfall geprägt ist. Wir sind nun einmal so.

Aber: Wenn wir uns mit so einer Redensart ‚Das ist nun mal menschlich’ entschuldigen dann zeigt das aber auch, dass tief in uns das richtige Empfinden steckt: Ich bin zwar so, weil ich zum Alten Adam gehöre, aber eigentlich sollte das nicht so sein. Eigentlich sind wir anders gedacht (und von Gott gewollt). Und hier hakt Paulus noch einmal ein:

Du bist ‚eben auch nur ein Mensch’; du gehörst zum ‚Alten Adam’. Das stimmt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt einen ‚Neuen Adam’, und dieser Neue Adam ist Jesus Christus, der Auferstandene. Und wenn Du getauft bist, dann gehörst Du zu diesem Neuen Adam Jesus Christus. Gott möchte, dass Du nicht resignierend feststellst: ‚das ist eben menschlich’. Du kannst es Dir leisten zu sagen: ‚Ich handle christlich’; ich handle aus der Auferstehungskraft Christi heraus.

Wenn wir das Evangelium dieses Sonntags dazu nehmen (Lk 6,27-38), dann kann auch man sagen: Überall wo einer fähig wird, seine Feinde zu lieben; wo er in der Lage ist, für einen Menschen zu beten, der ihn misshandelt hat; wo er einen segnen kann, der ihn verflucht hat, überall dort wird sichtbar, dass so ein Leben geprägt ist von der Auferstehungskraft des ‚Neuen Adam’. Da werden die Kräfte der himmlischen Welt hier in dieser unserer Welt erfahrbar.

Ich denke an einen Mann wie Martin Luther King. Mitten in den Rassenunruhen der sechziger Jahre in den USA, die geprägt waren von schrankenlosem Hass, da ruft Martin Luther King in einer Rede den Weißen zu: „Ihr seid meine Brüder, und ich liebe euch. Ihr könnt meinen Leib in Stücke reißen; dann wird jedes einzelne dieser Stücke euch zurufen: Ihr seid meine Brüder und ich liebe euch.“ Man hat ihn erschossen. Man konnte ihm das Leben gewaltsam nehmen. Aber gesiegt hat in diesen ganzen Rassenunruhen die Auferstehungskraft des ‚Neuen Adam’, die in Martin Luther King sichtbar wurde.

Oder (in einem ganz anderen Bereich): Ich denke an einen Mann wie Papst Johannes Paul II. Ein Mann, der von seiner Krankheit und von seiner körperlichen Schwäche gezeichnet ist. Das ist der ‚Alte Adam’ Da wird die ganze menschliche Schwachheit und Gebrochenheit spürbar. Aber was strahlt dieser körperlich ‚gebrochene’ Mann eine Kraft aus, die Millionen von Menschen prägt und in Bann zieht. Das ist die Auferstehungskraft des ‚Neuen Adam’, die da durchschlägt.

Ich denke an eine Frau wie Therese Neumann von Konnersreuth, die vor einigen Jahren gestorben ist. Mein Vater hat sie in Konnersreuth noch besucht. Diese Frau hat über lange Jahre nur von der heiligen Kommunion gelebt. Sie hat keine sonstige Nahrung zu sich genommen. Das ist bezeugt. Menschlich gesehen, ist das unmöglich. Ein nur vom ‚Alten Adam’ geprägter Mensch kann das nicht. Aber an solchen Beispielen wird deutlich, warum Paulus im Philipperbrief sich danach sehnt: „Ihn (Christus) möchte ich erkennen und seine Auferstehungskraft.“ Es ist immer wieder die Kraft der überirdischen Welt.

Es trifft sich, dass diese Lesung aus dem 15 Kapitel des Ersten Korintherbriefes (vom 7. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C) gelesen wird in der Karnevalszeit. Im Karneval geht es darum, dass man sich verkleidet. Man möchte den ‚Alten Adam’ hinter sich lassen und gleichsam in eine neue Haut (in ein Kostüm) schlüpfen. Man möchte wenigsten für einige Stunden ein ganz anderer sein; nicht festgelegt auf eine bestimmte Rolle; nicht eingeengt durch alle möglichen Konventionen (So benimmt man sich doch als Erwachsener nicht!). Aber das Problem ist: Niemand kann ja aus seiner Haut heraus. Du musst das Kostüm wieder ausziehen; Du musst Dich abschminken, und dann bist Du am nächsten Morgen wieder der alte; vielleicht noch etwas muffeliger, weil Du einen Kater hast. Aber auch hier hakt Paulus ein. ‚Keiner kann aus seiner Haut’, sagst Du? Das stimmt so gar nicht. Als Du Christ geworden bist, da hast Du gleichsam den ‚Alten Menschen’, den ‚Alten Adam’ ausgezogen und hast einen ‚Neuen Menschen’, einen ‚Neuen Adam’ angezogen, der erneuert ist nach dem Bild des Schöpfers. Aber das Anziehen des ‚Neuen Menschen’ geschieht nicht von außen, durch Verkleidung, sondern von innen, durch Verwandlung des Wesens.

Damit wir uns jetzt nicht missverstehen: Auch der ‚Neue Adam’ in uns kann sündigen; ich kann auch jetzt noch ‚sauer reagieren’. Aber das ist nicht mehr das Prägende in meinem Leben. Die prägende Kraft ist jetzt die Auferstehungskraft des ‚Neuen Adam’. In ganzer Vollendung wird dieser ‚Neue Adam’ in uns erst ausgeprägt sein, bei der Auferstehung der Toten, wenn der ‚Neue Adam’ schlechthin, nämlich Christus, erscheint. Aber die Kräfte der himmlischen Welt schlagen jetzt schon in dieser Welt durch.

Schließlich: Wie bekommt man diese verwandelnde Kraft, oder wie erneuert man sie, wenn man sie verloren hat? Es gibt bei den neueren geistlichen Liedern einen Liedvers, der einen Text aus dem zweiten Korintherbrief des Apostels Paulus aufnimmt. In diesem Liedvers heißt es: „Im Anschauen seines (Christi) Bildes da werden wir verwandelt in sein Bild.“ Schau Dir diesen Jesus an z.B. indem Du ihn anschaust, wie er uns in den Evangelien anschaulich gemacht wird. Nimm Dir dafür eine gute Zeit der ‚Betrachtung’ (wie man früher sagte). Oder schau Jesus an, indem Du eucharistische Anbetung hältst vor dem ausgesetzten Allerheiligsten, einfach in der Weise ‚Er schaut mich an und ich schaue ihn an’. Du wirst die Wirklichkeit dieses Satzes erfahren: „Im Anschauen seines Bildes da werden wir verwandelt in sein Bild.“ Da wird Dich der ‚Neue Adam’ prägen.

 

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Predigttext:      Lk 6,27-38

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Mit diesen Weisungen Jesu über die Feindesliebe und über die absolute Gewaltlosigkeit: „Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, halt ihm auch die andere hin“, damit sind wir wohl am Gipfelpunkt des Neuen Testamentes. Darüber hinaus gibt es wohl kaum noch etwas an sittlich hoch stehender Weisung.

Aber gerade diese Weisung ist auch immer sehr umstritten, gerade auch bei den Menschen heute.

Ich kann mich erinnern, dass sich einmal einen Bibelkurs für Jugendliche gehalten habe über die Bergpredigt. Da kamen wir auch diesen Text zu sprechen. Wir haben Gruppenarbeit gehalten und haben miteinander über diesen Text geredet. Und als wir dann zusammengetragen haben, da kamen unter anderem zwei sehr kritische Bemerkungen heraus.

Da sagte ein junger Mann: „Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann hat ihm auch die andere hin“, da sieht man es einmal wieder: Das Christentum ist nur etwas für Schwächlinge, für Menschen, die sich nicht durchsetzen können, für Menschen, die immer nur kuschen und sich ducken. Letztlich gesehen ist das eine reine Duckmäusermoral. Und gesucht sind heute nicht Duckmäuser, gesucht sind heute Menschen, die ihre Ellenbogen gebrauchen können. Schon die Kinder im Kindergarten lernen heute: Wenn dich einer schlägt, dann musst du lernen, dich zu wehren.

Ein anderer sagte in diesem Gruppengespräch: „Liebe deinen Feind, tu dem Gutes, der dich hasst“, das geht überhaupt nicht, dass es eine reine Utopie, eine totale Überforderung. Wie soll ich einen lieben, der mein Feind ist? Für den kann ich doch nichts fühlen.

Lasst uns da einmal ein wenig genauer hinschauen. Bleiben wir einmal beim ersten, bei der Duckmäusermoral.

Stimmt das wirklich, dass das nur für Schwächling ist, wenn Jesus sagt: „Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann hat ihm auch die andere hin“? Nun muss man sagen, das war damals in Israel die größte Beleidigung, die man einem anderen antun konnte, wenn man ihn mit dem Handrücken auf die Wange schlug. Da wird der andere gleichsam weggewischt. Du bist für mich Null und nichtig. Das ist die tiefste Demütigung, die man einem anderen zufügen konnte. Und da soll man dann kuschen und die andere Wange auch noch hinhalten?

Jetzt ist eins sehr interessant: Sie kennen vielleicht die Stelle aus der Leidensgeschichte, wo Jesus kurz vor seinem Tod vom Hohenpriester verhört wird. Da wird er von einem, der dabei stand, ins Gesicht geschlagen. Und Jesus hält ihm da nicht die andere Wange hin. Jesus sagt in aller Ruhe und in aller Klarheit: „Wenn ich Unrecht geredet habe, dann weise mir das Unrecht nach. Wenn ich aber recht geredet habe, warum schlägst du mich dann?“ Jesus hat nicht einfach nur mechanisch gesagt: „Hier kannst noch einmal zuschlagen auf die andere Wange.“ So nicht! Aber eins tut Jesus auch nicht: Er schlägt nicht zurück, und er giftet auch nicht mit Worten zurück. Das hat später Paulus einmal getan, als er verhört wurde. Da hat er den Schlagenden angegiftet: „Du übertünchte Wand, Gott wird dich richten!“ Das ist nicht die Sprache Jesu. Jesus hat in aller Ruhe und in aller Klarheit auf seinem Recht bestanden. Aber er hat mich zurückgeschlagen, und er hat auch nicht geschimpft.

Wenn Jesus das so sagt: „Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“, dann steht dahinter folgendes: Du kannst mich schlagen, du kannst mich bis aufs Äußerste demütigen und beleidigen, aber eins schaffst du nicht, dass ich dich als Feind betrachte.

Und wenn man das einmal sieht, dann merkt man: Das ist nichts für Schwächlinge. Da braucht es einen gestandenen Mann und eine gestandene Frau, um eine solche Haltung leben zu können: „Du kannst mich behandeln wie du willst, du kannst mich noch so sehr demütigen, du schaffst es nicht, dass ich dich als Feind betrachte.“ Das ist etwas Großes.

Aber man muss das auch noch einmal von einer anderen Seite betrachten. Und auch da merkt man, dass es nichts für Schwächling ist: Wenn jemand mich schlägt, und ich schlage zurück, dann bin ich ja gar nicht mehr frei. Ich re-agiere ja nur auf das, was der andere tut. Begegnet er mir freundlich, dann bin ich auch freundlich; schlägt er mich, dann schlage ich zurück. Ich bin ja gar nicht frei. Ich reagiere ja nur auf seine Handlungen. Aber in dem Augenblick, wo ich es mir leisten kann, auf Rache zu verzichten, auf das Zurückschlagen zu verzichten, in dem Augenblick zeigt sich meine wirkliche Freiheit. Dass ich über dem anderen stehe, über seinen spottenden Bemerkungen, über seinen Beleidigungen, auch über die Demütigung, dass ich geschlagen werde. Ich stehe darüber. Und darum kann ich es mir leisten, auf den Gegenschlag zu verzichten. Auch hier merkt man wieder: Das ist nur etwas für gestandene Persönlichkeiten und bei weitem keine Duckmäusermoral.

 

Gehen wir einmal zu den zweiten Einwand, den ein Jugendlicher gemacht hat. Er hatte gesagt: Das Gebot der Feindesliebe ist eine totale Überforderung. Ich kann doch nichts für einen anderen fühlen, wenn der mir quer kommt. Nun muss man eins wieder als Vorbemerkung sagen: Der Feind, der hier gemeint ist, der sitzt nicht irgendwo im Nahen Osten oder sonst irgendwo weit weg. Der Feind ist derjenige, der mir ständig auf die Nerven geht, der mich hier in unserem Ort verleumdet, der Böses über mich erzählt, der mich beim Chef angeschwärzt hat, so dass ich den Arbeitsplatz verloren habe. Das ist mein Feind. Und da merkt man auf einmal, wie das weh tut. Dann kann man diesen jungen Mann verstehen, der den Einwand hatte: Für so einen Menschen kann ich doch nichts fühlen.

Aber es geht auch gar nicht um das Fühlen. Da muss man es ein paar Dinge wissen: Es gibt im Griechischen zwei Ausdrücke für unser deutsches Wort „lieben“. Das eine Wort heißt „philein“ oder als Hauptwort „Philia“, das ist die Freundesliebe oder die Liebe zu einem Hobby. Wenn ich mich zu etwas hingezogen fühle, dann sagt der Grieche „philein“ dazu. Das ist natürlich etwas, was mit dem Gefühl zu tun hat, wenn ich mich zu etwas hingezogen fühlen.

Aber daneben gibt es im Griechischen noch ein anderes Wort für „lieben“, und das heißt „agapán“ oder als Hauptwort „Agape“. Das ist die bedingungslose göttliche Liebe. Und die ist hier gemeint. Die hat zunächst einmal nichts mit dem Gefühl zu tun. Sondern das ist eine Entscheidung, die ich für den anderen treffe. Ich treffe eine Wahl: Ich will für dich sein und nicht gegen dich. Und wenn meine Gefühle noch so sehr rebellieren. Es ist eine Entscheidung, die ich für den anderen treffe.

Es ist ungefähr zu vergleichen mit der Situation in einem Hochzeitsgottesdienst. Wenn sich da zwei Menschen vor dem Altar das Jawort geben, und die Taufzeugen stehen dabei. Die Trauzeugen brauchen noch nicht bezeugen, dass da Tränen der Rührung geflossen sind, und dass das Brautpaar große Gefühle der Liebe gezeigt hat. Sie müssen bezeugen, dass diese beiden sich ein Jawort gegeben haben: „Ich will dich lieben und ehren in guten und in schlechten Tagen.“ Da wird eine Entscheidung getroffen für den anderen. Ich will dir die Treue halten, bis der Tod uns scheidet.

Das ist die Liebe, die hier gemeint ist, dass ich für den anderen eine Entscheidung treffe: Ich will zu dir stehen, auch wenn es schwer wird.

Wir gebrauchen im Deutschen anstelle des Wortes ‚lieben’ manchmal den Ausdruck: „Ich mag dich leiden.“ Da steckt das Wort Leid drin. Ich bin bereit, für dich Leid auf mich zu nehmen. Diese Liebe ist gemeint.

Oder noch einmal anders gesagt: Als Jesus am Kreuz hing und dort verblutet ist, meinen sie, dass Jesus da noch große Gefühle gehabt hat für die da unten. Aber er hatte eine Entscheidung für diese Menschen getroffen, auch für die, die ihn verspottet haben. Und so sucht er noch in seinem Schmerz für die Spötter eine Entschuldigung: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

 

Schauen wir uns einen Glaubenzeugen aus unserer Zeit an, den zumindest die Älteren alle noch kennen dürften: Martin Luther King in den sechziger Jahren in den USA. Wie der damals inmitten des ganzen Rassenhasses in den USA, als Blut geflossen ist, und der Hass von beiden Seiten geschürt wurde, wie er damals in einer Ansprache den Weißen zugerufen hat: „Ihr seid meine Brüder! Ihr werdet es nicht schaffen, dass ich euch als Feinde betrachte. Ich betrachte euch als Brüder. Ihr könnt mich in Stücke reißen. Aber eins sollt ihr wissen: Jedes einzelne Stück von mir wird euch noch zurufen: Ihr seid meine Brüder, ich liebe euch.“ Wenige Tage später ist ermordet worden. Aber eins haben die Menschen nicht geschafft: dass er die Weißen als seine Feinde betrachtete. Sie waren seine Brüder.

 

Oder eine andere Begebenheit, die mir selbst vor einigen Jahren begegnet ist: Ich durfte einmal Schulendtage Tage halten für Schülerinnen eines Mädchengymnasiums. Das war eine sehr schwierige Klasse; es war kaum möglich mit denen zu arbeiten. Aber noch schwieriger war eine alte Lehrerin, die als Begleitperson mitgefahren war. Die war so eine richtige Beißzange. Der konnte man es vorn und hinten nicht recht machen. Die Schülerinnen haben sehr unter der gelitten, genau so wie das Personal der Bildungsstätte. Überall hatte diese Lehrerin nur etwas zum nörgeln. Sie lief immer nur mit eisigen Gesicht herum; sie war wie ein Panzer.

Aber dann kam der Abschlussgottesdienst. Wir haben die heilige Messe gefeiert und saßen alle im Kreis um den Altar. Beim Friedensgruß habe ich dann wie immer gesagt: „Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung.“ Dann liefen die Schülerinnen Kreis alle durcheinander, gaben sich die Hand, und wünschten sich den Frieden. Sie gingen auch zu der Lehrerin hin, dass gehörte sich ja schließlich so. Man konnte die Lehrerin ja nicht einfach ausschließen. Aber dann ging eine Schülerin zu der Lehrerin hin, wünschte ihr den Frieden, und sagte dann noch einen Satz dazu: „Ich bin so froh, dass sie mitgefahren sind.“

Hinterher habe ich erst erfahren, was die Schülerin damit meinte. Bei dieser Klasse wollte nämlich kein anderer Lehrer mitfahren, weil die Klasse wirklich schwierig war. Und wenn diese alte Lehrerin nicht mitgefahren wäre, hätten die gar nicht fahren können. „Ich bin so froh, dass sie mitgefahren sind.“

In dem Augenblick fing die alte Lehrerin an zu weinen, dass ihr die Tränen nur so die Wangen herunter liefen. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie das ganze Make up herunter lief. Dann lief sie aus der heiligen Messe raus, weil sie es nicht mehr aushalten konnte. Nach der Messe bin ich dann zu ihr aufs Zimmer gegangen. Da saß sie immer noch weinend in ihrem Zimmer. Und dann sagte sie mir: „Ich bin jetzt kurz vor der Pensionierung. Das hat mir im Leben noch nie jemand gesagt, dass er froh ist, dass ich da bin.“

Von diesem Augenblick an war die alte Lehrerin wie verwandelt. Mit den Tränen war auch ihre ganze Maske weg geflossen, der ganze Panzer war weg, die ganze Wand, die sie aufgebaut hatte. Auf einmal konnte man mit ihr reden, und konnte auch mit ihr froh sein.

Ich hab mit einigen Schülerinnen anschließend noch eine Zeit lang brieflich Kontakt gehabt. Sie haben mir geschrieben, dass diese Lehrerin total verändert war, und dass das auch so geblieben ist. - Weil eine Schülerin den Mut hatte, obwohl es vielleicht gegen ihr Gefühl war, dieser alten Lehrerin ein freundliches Wort zu sagen. Das hat die Veränderung bewirkt. So wirkt Liebe.

 

Es geht nicht darum, dass ich etwas fühle, sondern dass ich dem Anderen etwas Gutes tue.

Wenn du möchtest, dass aus deinem Feind ein Freund wird, dann tu ihn etwas Gutes. Schreib ihm einen lieben Brief, sagt ihm ein freundliches Wort. Und wenn du das tust, dann wirst du merken, dass da auch Gott noch seine Hand im Spiel hat.   Amen.

 

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