Pfarrer Karl Sendker

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Predigt zur 2. Lesung:  1 Kor 15,54-58

Predigttext:      1 Kor 15,54-58

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Es war eine meiner schmerzhaftesten Kindheitserinnerungen, im buchstäblichen Sinne. Mein Vater war dabei, Brennholz zu spalten. Wir Kinder mussten die Holzscheite in Körben in den Keller bringen und dort aufschichten. Und da passierte es, dass ich mir einen langen Splitter in die Fingerkuppe drückte. Es hat furchtbar weh getan. Ich habe laut aufgeschrieen. Meine Mutter hat dann versucht, mit einer Pinzette den Splitter herauszuziehen. Doch der Splitter brach dabei ab, und wir sahen nicht, dass er noch zum Teil im Finger steckte. Die Wunde eiterte und schließlich wurde ein blauer Streifen am Arm sichtbar. Es war der Anfang einer Blutvergiftung. Dann ging es schnell zum Arzt, und der hat den Finger vereist und den Splitter herausgeschnitten. Das ganze war furchtbar schmerzhaft.

Nun sagt uns der Apostel Paulus in der Lesung aus dem ersten Korintherbrief: So ein giftiger Splitter, ein Stachel, wie er es nennt, steckt in der ganzen Menschheit, ja gleichsam in der ganzen Schöpfung. Und dieser Stachel ist die Sünde. Sünde nicht in dem vordergründigen Sinn, dass man einzelne Gebote übertreten hat, ‚Ich habe gelogen; ich habe die Ehe gebrochen usw.’ Sünde vielmehr in dem ganz ursprünglichen Sinn, wo sich der Mensch, ja die Menschheit von Gott abgekoppelt hat, und damit natürlich auch von seinen Weisungen. In dem Wort ‚Sünde’ steckt ja das Wort ‚sondern, absondern’. Der Mensch hat sich von Gott getrennt, das ist die eigentliche Sünde, dass Gott in unserem praktischen alltäglichen Leben keine Rolle mehr spielt. Und weil dieser Stachel der Sünde von den ersten Menschen an in der Menschheit steckt, steht die Menschheit unter dem Stichwort ‚Tod’.

Auch hier, beim Stichwort Tod geht es nicht um den Augenblick, wo einer seinen letzten Atemzug tut. Das Stichwort Tod meint etwas viel Grundsätzlicheres. Wir sprechen ja in der Umgangssprache davon, dass eine Ehe tot ist, dass jemand totgeschwiegen wird. Gestern habe ich in einem Radiokommentar gehört: Angesichts der BSE-Krise, jetzt noch verbunden mit der grassierenden Maul- und Klauenseuche, sei das der Tod der britischen Landwirtschaft. Tod meint dann bei Paulus die Gebrochenheit, die Vergänglichkeit der Menschheit, ja der Schöpfung. Und wenn wir in unsere Welt heute hineinschauen, dann entdecken wir in einem erschreckenden Maße die Spuren dieser Gebrochenheit; ja man möchte sagen, es sind nicht nur Spuren, es ist fast die durchgehende Prägung. Angesichts dieser Gebrochenheit der Existenz beschleicht die Menschen immer mehr eine tiefe Lebensangst. Man kann die mit einer oberflächlichen Lustigkeit überspielen wie jetzt im Karneval. Aber glaub mir, diese Angst sitzt tief. Wenn Du auf die Finanzmärkte schaust, dann findest Du einen dramatischen Einbruch der einzelnen Börsenkurse. Seuchen, die wir längst überwunden glaubten, treten plötzlich wieder auf. Die Folgen der globalen Klimaveränderung werden uns schwarz vor Augen gemalt. Kaum ist Aids nicht mehr in aller Munde, macht uns die BSE-Krise Angst vor dem, was man noch essen kann. Überall kommt uns diese Gebrochenheit der Existenz entgegen. Und auch wenn wir das leibliche Sterben mit in die Betrachtung einbeziehen: Sterben muss ein jeder von uns. Aber ob wir „durch die Furcht vor dem Tod unser Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“, wie der Verfasser des Hebräerbriefes es ausdrückt (Hebr 2,15), oder ob wir mit einer zuversichtlichen Hoffnung dem Sterben ins Auge blicken, das ist ja doch ein großer Unterschied. Aber auch hier ist keine Frage, was den Menschen heute mehr prägt, nämlich die Angst.

 

Aber vor diesem dunklen Hintergrund leuchtet jetzt um so heller die Frohe Botschaft, die Paulus den Korinthern in seinem Hirtenbrief verkündet: Die ‚Todverfallenheit’ des Menschen ist nicht das Letzte. Der Tod, der alles zu verschlingen drohte, alle Vitalität, allen Lebensoptimismus, dieser Tod ist selbst verschlungen worden. Es klingt wie ein Triumphschrei: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Und wenn der Todesstachel der Sünde lähmend in der Menschheit saß, dann gilt jetzt die Botschaft: Jesus ist am Kreuz für unsere Sünde gestorben. Er ist aus den Toten auferweckt worden. Und darum gilt: „Verschlungen in der Tod vom Sieg!“ Jeder der mit Jesus verbunden ist, darf jubelnd ausrufen: „Gott sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus.“ Um es noch einmal den Worten des Hebräerbriefes zu sagen: „Jesus Christus hat durch seinen Tod den entmachtet, der die Gewalt über den Tod hat, den Teufel, um die zu befreien, die ihr Leben lang durch die Furcht vor dem Tod der Knechtschaft verfallen waren.“ Der Stachel des Todes, dieser giftige Splitter ist herausgezogen und braucht unser Leben nicht mehr zu prägen.

 

Das hat ganz handfeste Auswirkungen in unserem praktischen Leben. Ich denke an einen Mann wie meinen Namenspatron, den heiligen Karl Borromäus, der im 16. Jahrhundert Bischof in Mailand war. Als dort in Mailand 1574 die Pest ausbrach und Tausende von Menschen den Tod fanden, da sind die Menschen aus der Stadt geflüchtet, weil sie panische Angst hatten. Aber Karl Borromäus war nicht von diesem Stachel der Angst geprägt, sondern vom Ostersieg Jesu. Das hat ihn befähigt, zu den Pestkranken hinzugehen und sie zu pflegen.

Oder, in einem ganz anderen Bereich. Ich denke an die Märtyrer, die in Hitlers Gefängnissen hingerichtet wurden. Es gibt ein kleines Taschenbuch mit dem Titel „Du hast mich heimgesucht bei Nacht“. In diesem Buch sind Zeugnisse aufgeschrieben von Menschen die im KZ gestorben sind. Es ist erschütternd, diese Zeugnisse zu lesen. Da schreibt etwa Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Pfarrer, am Silvesterabend 1944 das Lied, das heute so gern gesungen wird. Aber nur wenige wissen die Umstände, unter denen es entstanden ist. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Es war der letzte Silvester, den Bonhoeffer erlebte. Am 9. April 1945 wurde er hingerichtet. Aber aus diesem Lied strahlt die gleiche zuversichtliche Botschaft: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“

Ich werde nie eine Begebenheit vergessen, die ich vor vielen Jahren erlebt habe, als ich noch als Diakon in der Ausbildung war: Mein Ausbildungspfarrer wurde zu einem Sterbenden gerufen, und ich sollte mitgehen. Dieser Mann, er war gut 60 Jahre alt und an Krebs erkrankt, war lange Jahre im Kirchenvorstand gewesen. Ein Mann, der wirklich im Glauben verwurzelt war. Aber jetzt hatte ihn eine furchtbare Angst vor dem Sterben gepackt. Als wir zu ihm kamen, schrie er immer wieder diese Angst laut heraus. Das Entsetzen stand ihm im Gesicht geschrieben. Ich konnte es fast nicht ertragen. Und dann, mitten in diesem Schreien nahm mein Pfarrer das Gotteslob zur Hand und fing an, mit lauter Stimme gegen das Schreien des Kranken anzusingen. Er sang laut die Liedstrophe, die wir auch eben nach der Lesung gesungen haben, die den Text der Lesung aufnimmt: „Wo ist dein Sieg, o bittrer Tod, du selber musst erbeben. Der mit dir rang, ist unser Gott, Herr über Tod und Leben. Verbürgt ist nun die Göttlichkeit von Jesu Werk und Wort, und Jesus ist im letzten Streit für uns ein sichrer Hort.“ Dann drückte er dem Sterbenden das Stehkreuz in die Hand, das auf einem kleinen Tischchen aufgestellt war: „Hier hast du es handgreiflich: Jesus ist im letzten Streit für uns ein sichrer Hort!“ Der Sterbende richtete sich etwas auf und schaute das Kreuz an, das er in der Hand hielt. Und dann plötzlich entspannte sich sein Gesicht völlig. Er lächelte und sagte gebrochen: „Und Jesus ist im letzten Streit für uns ein sichrer Hort!“ Und dann starb er, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Wie oft mag er dieses Lied gesungen haben! Es ist in unserer Diözese eines der beliebtesten Osterlieder. Aber jetzt war es für ihn Wirklichkeit geworden: „Und Jesus ist im letzten Streit für uns ein sichrer Hort.“

 

An solchen Begebenheiten merkt man, dass unser Leben nicht mehr unter dem Stachel der Sünde und des Todes stehen muss, sondern dass der Ostersieg Jesu unser Leben prägen darf.

Vor drei Wochen, als ich diese Predigtreihe über das 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes begonnen habe, da stand am Anfang die Frage: Was soll man eigentlich noch glauben? Jetzt sind wir ganz am Ende dieses großen Kapitels. Da schreibt Paulus: „Daher, geliebte Brüder (und Schwestern) seid standhaft und unerschütterlich ...“ Wer mit Jesus, dem Auferstandenen verbunden ist, der hat festen Boden unter den Füßen, hier in diesem Leben und auch im Sterben.

 

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