Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (1)
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Grundton Freude

Kapitel 1

Paulus kommt nach Philippi

Apg 15,36 – 16,40

 

Bevor wir uns mit dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi beschäftigen, wollen wir uns in der Apostelgeschichte zunächst den Bericht anschauen, wo Paulus auf seiner zweiten Missionsreise nach Philippi kommt. In den meisten Bibelausgaben finden Sie hinten einige Landkarten, unter anderem auch eine Karte, wo die Missionsreisen des Apostels Paulus eingezeichnet sind. Es ist hilfreich, wenn Sie diese Karte einmal aufschlagen. Den Verlauf der zweiten Missionsreise finden wir in der Apostelgeschichte Kapitel 15 und 16.

 

„ Nach einiger Zeit sagte Paulus zu Barnabas: Wir wollen wieder aufbrechen und sehen, wie es den Brüdern in all den Städten geht, in denen wir das Wort des Herrn verkündet haben.  ...  Als sie nun durch die Städte zogen, überbrachten sie ihnen die von den Aposteln und den Ältesten in Jerusalem gefassten Beschlüsse und trugen ihnen auf, sich daran zu halten.  ...  So wurden die Gemeinden im Glauben gestärkt und wuchsen von Tag zu Tag. Weil ihnen aber vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land. Sie zogen an Mysien entlang und versuchten, Bithynien zu erreichen; doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht. So durchwanderten sie Mysien und kamen nach Troas hinab. Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden.“

(Apg 15,36; 16,5-10)

 

Wir stehen hier an einem ganz wichtigen Einschnitt in der Missionstätigkeit der frühen Kirche. Das Evangelium kommt zum ersten Mal nach Europa. Dieser Einschnitt auf der zweiten Missionsreise des Paulus beginnt mit einem zweifachen Nein Gottes. Gott sagt zu den Reiseplänen des Paulus zweimal: „Nein!“

Da heißt es in der Apostelgeschichte: Sie reisten durch Phrygien und das galatische Land, denn der Heilige Geist verwehrte es ihnen, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden. (Asien bedeutet Kleinasien, die Provinz um Ephesus herum, der westliche Teil der heutigen Türkei.) Paulus hatte normalerweise folgende Missionsmethode: Er ging zur Verkündigung des Evangeliums in die Großstädte. Und er vertraute darauf, dass das Evangelium von den Städten aus in die ländlichen Gebiete weitergetragen wurde. Und das große Zentrum im westlichen Teil Kleinasiens war damals Ephesus. Daher ging das ganze Bestreben des Paulus dahin, nach Asien in die Großstadt Ephesus zu gelangen. Aber der Heilige Geist verwehrte es ihnen.

Auch der zweite Reiseplan, über Mysien nach Bithynien zu gelangen, wurde vom Heiligen Geist durchkreuzt. So zogen sie dann durch Mysien durch und kamen nach Troas.

Zweimal wird hier deutlich gesagt, dass Gott durch den Heiligen Geist die Reisepläne des Paulus und seiner Gefährten durchkreuzt und die Türen für die Verkündigung zu macht.

 

Das ist auch für uns heute bedeutsam. Wenn jemand in die Nachfolge Jesu geht, wenn jemand einen Glaubensweg geht, dann darf er damit rechnen, dass Gott ihn führt. Man macht dann vielleicht seine eigenen Pläne. Aber man muss und darf damit rechnen, dass Gott entweder die eigenen Pläne bescheunigt, dass er aber andererseits auch Türen schließt. Es kann sein, dass Gott zu unseren „Missionsplänen“, zu unseren Arbeitsplänen im Reich Gottes nein sagt. Das gilt auch für unseren Dienst in den Gemeinden heute.

Wenn wir heute Pläne machen in unseren Pfarrgemeinderäten, in unseren Gebetskreisen, dann brauchen wir auch da die Führung durch den Heiligen Geist. Und dass kann bedeuten, dass Gott unsere Pläne durchkreuzt.

Später ist Paulus eine längere Zeit in Ephesus gewesen. Sein ursprünglicher Plan war richtig gewesen. Aber jetzt, in Apg 16 war in den Augen Gottes etwas anderes dran. Das Evangelium sollte nach Europa kommen.

Beim Propheten Jesaja steht einmal die Verheißung Gottes: „Deine Ohren werden es hören, wenn er dir nachruft: Hier ist der Weg, auf ihm müsst ihr gehen, auch wenn ihr selbst rechts oder links gehen wolltet.“ (Jes 30,21)

Man muss sehr wach und aufmerksam sein für die Führung Gottes.

 

Manchmal hab ich schon gedacht: Ich wüsste gerne, wie die Führung Gottes bei Paulus ganz praktisch aussah. Der hat doch keinen Knopf im Ohr gehabt, wo Gott ihm etwas zugeflüstert hat. Wie hat Paulus das erkannt, dass Gott ihn durch den Heiligen Geist hinderte? Möglicherweise sind das ganz natürliche Ursachen gewesen. Es mag sein, dass auf dem Weg des Paulus ein Pass im Gebirge zugeschneit war, so dass sie nicht weiter kamen. Und Paulus, der gewohnt war, auf die Stimme Gottes zu hören, hat erkannt: das ist der Fingerzeig des Heiligen Geistes. Andererseits kommt Paulus in seinem ältesten erhaltenen Brief, im ersten Thessalonicherbrief, auch auf Reisepläne zu sprechen. Da schreibt: Wir haben uns in größter Sehnsucht bemüht, euch wiederzusehen.

 

„Wir hatten uns fest vorgenommen, zu euch zu kommen, und das wollte ich, Paulus, schon einige Male; aber der Satan hat uns daran gehindert.“

(1 Thess 2,18)

 

Nun muss man doch fragen: Wie hat Paulus das unterschieden? Auf der einen Seite: Der Satan hinderte uns. Und auf der anderen Seite: Der Heilige Geist verwehrte es uns. Man merkt: Dazu gehört eine ganze Portion geistliches Unterscheidungsvermögen, die Geistesgabe der Erkenntnis und der Unterscheidung. Da muss man vielleicht einen langen Glaubenweg mit Gott gegangen sein, um da deutlich Klarheit zu haben. Wichtig ist in jedem Fall: Wenn wir in den Dienst Gottes gehen, dürfen wir damit rechnen, dass er uns führt.

 

Schließlich kommt Paulus nach Troas und hat nachts eine Vision.

 

„Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden“ (Apg 16,9-10)

 

In Vers 10 steht hier die kleine Bemerkung „denn wir waren überzeugt ...“ Wenn man das wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, dann würde es heißen: „wir sind durch Diskussionen dazu gekommen“. Das bedeutet: So eine Vision zu haben, ist nicht nur eine Sache des frommen Gefühls. Es ist auf der einen Seite die Führung Gottes etwa durch einen Traum. Auf der anderen Seite hat Paulus dann mit seinen Mitarbeitern diskutiert und beraten. Und nach dieser Beratung sind sie zu der Gewissheit gekommen: Wir sollen nach Europa gehen, und dort in Mazedonien das Evangelium verkünden. Eine ganz praktische, vernünftige Überlegung und die Führung Gottes durch eine Vision schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Wir brauchen beides.

 

 

Wir lesen weiter in der Apostelgeschichte:

 

„So brachen wir von Troas auf und fuhren auf dem kürzesten Weg nach Samothrake und am folgenden Tag nach Neapolis. Von dort gingen wir nach Philippi, in eine Stadt im ersten Bezirk von Mazedonien, eine Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf.“ (Apg 16,11-12)

 

Mazedonien ist der Norden Griechenlands. Philippi ist eine Stadt in Mazedonien und zwar eine römische Kolonie. Philippi war in sofern bedeutsam, als eine wichtige Handelsstraße, die so genannte „via egnatia“, von Rom in den vorderen Orient durch Philippi führte. Der Hinweis auf „eine Kolonie“ bedeutet, dass in Philippi altgediente römische Söldner, Veteranen, angesiedelt waren.

 

„Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten.“  (Apg 16,13)

 

Normalerweise ist Paulus auf seinen Missionsreisen immer zuerst in die jeweilige Synagoge gegangen. Paulus war selbst Jude, und so hat er in der Synagoge den Anknüpfungspunkt für seine Verkündigung gesucht. Erst dann, wenn ihn die Juden aus der Synagoge rausgeworfen haben (was ziemlich regelmäßig geschah), erst dann hat er sich an die Heiden gewandt.  

Hier in Philippi hat es keine Synagoge gegeben. Um eine Synagoge zu gründen, mussten zwölf jüdische Männer da sein. Offensichtlich gab es keine zwölf jüdischen Männer hier in dieser römischen Kolonie. So geht Paulus an den Fluss, weil er wegen der vielen kultischen Waschungen und Reinigungen der Juden da am Fluss eine Gebetsstätte vermutet. Dort hofft er Juden zu finden, bei denen er mit seiner Verkündigung anknüpfen kann.

Und wen trifft er da am Fluss? Nur ein paar Frauen. Der Lauf des Evangeliums in Europa beginnt mit „nur ein paar Frauen“. Das ist insofern bedeutsam, als das Judentum eigentliche eine „Männerreligion“ ist.

 

„Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige, und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte. Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr überzeugt seid, dass ich fest an den Herrn glaube, kommt in mein Haus, und bleibt da. Und sie drängte uns.“ (Apg 16,14-15)

 

Die erste Christin in Europa hat den Namen Lydia. Diese Lydia muss eine sehr reiche Frau gewesen sein. Von ihr heißt es, dass sie von Beruf Purpurhändlerin war. Purpur wird gewonnen aus den Tropfen einer zerquetschten Purpurschnecke. Purpur war der teuerste Farbstoff der damaligen Zeit. Und in einer römischen Kolonie mit den vielen Soldatenveteranen, die alle ihren roten Soldatenmantel hatten, wurde viel Purpur zum Färben gebraucht.

 

Von Lydia wird weiter gesagt: Sie war „eine Gottesfürchtige“. „Gottesfürchtige“ war ein Fachausdruck für Menschen, die nicht zum Judentum gehörten, die aber mit dem Judentum sympathisierten. Lydia war offensichtlich eine Suchende. Sie war mit ihrem Heidentum nicht zufrieden. Sie war auf der Suche nach einem neuen Zugang zu Gott. Auf dieser Suche war sie zum Judentum gekommen.

 

Aber es kann ein Mensch noch sehr ein Suchender sein. Es muss einmal der Punkt kommen, wo es wie bei der Lydia heißt:

 

„Der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“

 

Ich kann mich hinsetzen und kann eine Reihe von Bibelkommentaren studieren. Und vielleicht bleibt mein Herz dabei ganz kalt. Und dann sitzt da irgendwo ein Mensch, der noch nie einen Bibelkommentar in der Hand gehalten hat. Und wenn Gott dem das Herz öffnet, dann fällt möglicherweise ein einziges Wort der Verkündigung in sein Herz, vielleicht eine Bibelstelle, vielleicht eine Nebenbemerkung in einer Predigt. Und das verwandelt einen solchen Menschen, dass er nicht mehr der gleiche ist.

 

Wir müssen uns immer darüber klar sein: Bibelkenntnis, dass die Bibel wirklich „Wort des lebendigen Gottes“ wird, das bekommt man nicht durch einen Bibelkurs, auch nicht dadurch, dass man ein geistliches Buch liest. Es müssen immer diese zwei Schritte passieren: Ich muss selbst ein Suchender sein, und Gott muss mir das Herz aufschließen für seine Botschaft. Wir können in dieser Hinsicht nichts „machen“. Und da wir heute weitgehend eine „Machermentalität“ haben, ist es besonders wichtig, das zu betonen.

 

Es ist ganz wichtig, zu Beginn der Beschäftigung mit dem Wort Gottes darum zu beten, dass Gott mir das Herz und das Ohr öffnet (vgl. auch Jes 50,4-5). Ich will es einmal ganz praktisch sagen. Wir sind ja alle (mehr oder weniger) Gottesdienstbesucher. Da wird uns in jeder heiligen Messe das Evangelium verkündet. Unmittelbar vorher betet der Priester (der Verkündiger) still etwa mit folgenden Worten: „Heiliger Gott, reinige mein Herz und meine Lippen, dass ich würdig und recht dein Evangelium verkünde.“ Wäre es nicht gut, wenn alle Gottesdienstbesucher, alle Hörer des Wortes, in dieser kurzen Gebetsstille selbst still für sich beten würden: „Herr, öffne mir jetzt das Herz und das Ohr, damit ich wie ein Jünger höre.“ Dann fällt die Verkündigung auf bereiteten Boden.

 

Wir gehen zurück nach Philippi.

Paulus hat verkündigt. Gott hat der Lydia das Herz geöffnet für die Verkündigung des Paulus. Und dann heißt es in Vers 15:

 

„Sie ließ sich mit ihrem ganzen Haus taufen.“

 

Das ist doch merkwürdig. Eigentlich sollte man doch denken, dass da vorher ein katechetischer Grundkurs fällig gewesen wäre. Offensichtlich hat man zur damaligen Zeit eine andere Taufpraxis gehabt als heute. Das Samenkorn des Evangeliums war in ihrem Herzen auf fruchtbaren Boden gefallen, und die Missionare rechneten damit, dass dort auch geistliche Frucht wächst. Und so ist die logische Konsequenz: Sie lässt sich mit ihrem ganzen Haus taufen. Die Taufe ist das öffentliche Bekenntnis: Ich will zu diesem Jesus gehören. Hier heißt es: Sie ließ sich taufen mit ihrem ganzen Haus. Wo einer sich entschieden auf die Seite Jesu Christi stellt, da zieht er sofort andere mit.

 

Und dann kommt bei der Lydia sofort ein nächster wichtiger Schritt:

 

„Wenn ihr überzeugt seid, dass ich fest an den Herrn glaube, kommt in mein Haus, und bleibt da. Und sie drängte uns.“ (Apg,16,15)

 

Hier kommt sofort nach der Taufe etwas ins Spiel, was in der Urchristenheit ganz wichtig war, die Gastfreundschaft.

 

Ich glaube, das ist für uns ein wichtiger Hinweis. In unseren großen, anonymen Gemeinden, wo in den Städten kaum jemand den anderen kennt, brauchen wir wieder solche familiäre Atmosphäre, wo Menschen ihre Türen aufmachen. Viele geistliche Erneuerungsbewegungen im Lauf der Kirchengeschichte und auch in unserer Zeit haben ihre Wurzel in Hauskreisen, wo in familiärer Atmosphäre die Botschaft Jesu weitergegeben wird, wo man sich gegenseitig ermutigt und sich auch Korrektur schenkt.

 

Gehen wir in der Apostelgeschichte einen Abschnitt weiter.

 

„Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte. Sie lief Paulus und uns nach und schrie: Diese Menschen sind Diener des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils. Das tat sie viele Tage lang. Da wurde Paulus ärgerlich, wandte sich um und sagte zu dem Geist: Ich befehle dir im Namen Jesu Christi: Verlass diese Frau! Und im gleichen Augenblick verließ er sie. Als aber ihre Herren sahen, dass sie keinen Gewinn mehr erwarten konnten, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Stadtbehörden, führten sie den obersten Beamten vor und sagten: Diese Männer bringen Unruhe in unsere Stadt. Es sind Juden; sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder annehmen können noch ausüben dürfen. Da erhob sich das Volk gegen sie, und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen. Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis bringen; dem Gefängniswärter befahlen sie, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss zur Sicherheit ihre Füße in den Block.“ (Apg, 16.16-24)

 

Ich möchte zu der ganzen Angelegenheit mit dem Wahrsagegeist an dieser Stelle nichts sagen. Von vielen aufgeklärten Menschen werden solche Phänomene heute mit einem Achselzucken abgetan. Ich bin jedoch persönlich der Meinung, dass diese Frage in den kommenden Jahren noch eine große Dringlichkeit erfahren wird.

 

Als Paulus und Silas diese Frau von dem Wahrsagegeist befreien, entsteht ein Aufruhr mit der Folge, dass die Missionare ins Gefängnis geworfen werden. Sie wurden mit den Füßen in den Block gesperrt, heute würden man vielleicht sagen: sie bekamen Handschellen oder Fußfesseln mit einer Kette, damit sie nicht fliehen konnten. Der Kerkermeister eines Gefängnisses haftete damals mit seinem eigenen Leben dafür, dass die Gefangenen nicht flohen. Eins ist ganz sicher: Die Gefängnisse der damaligen Zeit hatten keinerlei Ähnlichkeit mit unseren modernen Justizvollzugsanstalten.

 

 

Gehen wir weiter in der Apostelgeschichte:

 

„Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf, und allen fielen die Fesseln ab“. (Apg 16,25-26)

 

Es ist interessant, dass hier ausdrücklich gesagt wird: „... die Gefangenen hörten ihnen zu ...“, nämlich als Paulus und Silas um Mitternacht beteten. Die beiden haben offensichtlich laut gebetet, so dass man das hören konnte. Wir sind ja heute als Katholiken nicht mehr gewohnt, laut mit eigenen Worten zu beten. Aber jeder, der das praktiziert, merkt, welche Kraft in dem „lauten“ Beten liegt.

Wenn ich laut bete, rechne ich ja damit, dass jemand da ist, der mein Beten hört. Sonst hat lautes Beten ja keinen Sinn.

Gleichzeitig ist lautes Beten aber auch ein Glaubenszeugnis vor den Anderen, die - wie die Gefangenen bei Paulus - das Gebet hören. Es ist ein Glaubenszeugnis, das beim Anderen auch etwas provoziert.

 

Hier wird weiter ausdrücklich gesagt, dass Paulus und Silas Loblieder sangen. Es ist auffällig, das sie nicht Klagelieder angestimmt haben sondern Loblieder, und das angesichts der Tatsache, dass sie im Gefängnis saßen.

 

Es gibt ein Buch mit dem Titel: „Lobpreis schafft Veränderungen“. Was dieser Titel aussagt, ist Realität. Hier, bei Paulus und Silas besteht die Veränderung darin, dass plötzlich ein starkes Erdbeben kommt. Nun weiß man ja heute, dass der Norden Griechenlands ein von Erdbeben gefährdetes Gebiet ist. Nur, dass ein Erdbeben just in dem Augenblick kommt, als Paulus und Silas im Gefängnis Loblieder singen, das ist „Zufall“. So würde wenigstens ein ungläubiger Zeitgenosse sagen. Nur kann ich dem entgegenhalten, dass sich solche „Zufälle“ immer häufen, wenn Christen um solche „Zufälle“ beten. Ich habe einmal eine Spruchkarte bekommen: „Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er nicht persönlich unterschreiben will.“ Der gläubige Mensch erkennt ist diesen „Zufällen“ die eingreifende Hand Gottes.

 

Der Kerkermeister wird wach und sieht, dass den Gefangenen die Fesseln abgefallen sind, und dass die Türen des Kerkers offen stehen. Natürlich ist der Kerkermeister entsetzt. Es steht ja sein eigenes Leben auf dem Spiel, wenn die Gefangenen fliehen. Und Flucht wäre ja das Natürlichste, was man erwarten konnte. Und so will sich der Kerkermeister selbst das Leben nehmen.

Aber dann kann er es einfach nicht fassen, dass Paulus ihm mit lauter Stimme zuruft: „Tu dir kein Leid an! Wir sind alle noch da!“ So etwas hatte der Kerkermeister noch nicht erlebt.

Mit zitternder Stimme fragt er Paulus und Silas: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Das kann man natürlich in einem ganz vordergründigen Sinn verstehen: „Was muss ich tun, dass ich aus meiner misslichen Lage herauskomme?“ Aber in der biblischen Redeweise geht es in dem Ausdruck „gerettet werden“ um das Heil in Jesus Christus.

Was antwortet Paulus ihm nun?

 

Halten wir einmal einen kleinen Augenblick inne. Wenn jemand Sie fragen würde: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“, was sagen Sie ihm dann? Mancher von uns würde vielleicht antworten: „Geh einfach jeden Sonntag zur Kirche.“ Oder: „Nimm einmal an einem Bibelkurs oder Exerzitienkurs teil.“ Mach einmal eine Wallfahrt nach Lourdes.“  -  Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

 

Paulus antwortet ganz schlicht:

 

„Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“

 

Nun muss man bei dieser Antwort des Paulus vorsichtig sein. Das Wort „Glaube“ hat damals einen anderen Klang als heute bei uns. Heute ist „Glaube“ ein christliches Allerweltswort. Die Antwort „glauben ...“ passt heute bei uns auf fast alle geistlichen Fragen. Auf der anderen Seite ist in der Umgangssprache das Wort „Glaube“ völlig verdünnt: „Ich glaube, dass es heute Nachmittag regnet ...“

 

Der biblische Begriff „Glaube“ hängt mit einem hebräischen Wort zusammen, das wir alle gut kennen, mit dem Wort „Amen“. Das hebräische „Aman“ heißt eigentlich wörtlich: „fest machen“. Wir kennen das noch in unserer Redensart: „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ „Amen“, „Glauben“ bedeutet also biblisch: Wo habe ich mich mit meinem Leben fest gemacht? Wo habe ich in meinem Leben festen Halt? Wo bin ich verwurzelt? Das Wort „Aman“ kann in der Grundbedeutung auch heißen: „einen Anker auswerfen“. Wo habe ich mitten in den Stürmen des Lebens festen Halt? Wo habe ich in der „tobenden See“ unserer Welt meinen Anker ausgeworfen?

Das meint Paulus (und die Bibel), wenn er von Glauben redet. Es ist die Einladung an den Kerkermeister bedeutet also: Suche in Jesus Christus die Verwurzelung deines Lebens. Wer diesen Schritt getan hat, der ist gerettet.

 

Der Kerkermeister „nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. Dann führte er sie in seine Wohnung hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“ (Apg 16,33-34)

 

Wieder, wie schon bei der Lydia, fällt auf, dass sofort die Taufe folgt. Und auch hier das Element der Gastfreundschaft: Er nimmt sie mit in sein Haus, wäscht ihnen die Striemen und bewirtet sie.

 

„Als es Tag wurde, schickten die obersten Beamten die Amtsdiener und ließen sagen: Lass jene Männer frei! Der Gefängniswärter überbrachte Paulus die Nachricht: Die obersten Beamten haben (die Amtsdiener) hergeschickt und befohlen, euch freizulassen. Geht also, zieht in Frieden! Paulus aber sagte zu ihnen: Sie haben uns ohne Urteil öffentlich auspeitschen lassen, obgleich wir römische Bürger sind, und haben uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt möchten sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen. Die Amtsdiener meldeten es den obersten Beamten. Diese erschraken, als sie hörten, es seien römische Bürger. Und sie kamen, um sie zu beschwichtigen, führten sie hinaus und baten sie, die Stadt zu verlassen. Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter.“ (Apg 16,35-40)

 

Hier möchte ich ein paar wenige Anmerkungen machen, die mir wichtig sind:

Zunächst erfahren wir hier, dass Paulus das Römische Bürgerrecht hatte. Das ist eine Bemerkung, die uns im Philipperbrief noch beschäftigen wird.

Römischer Bürger konnte man auf drei verschiedene Weisen werden: Entweder war man von Geburt an römischer Bürger. Die zweite Möglichkeit: Verdienten Veteranen (altgedienten Soldaten) wurde dieses römische Bürgerrecht ehrenhalber verliehen. Schließlich gab es auch noch die Möglichkeit – davon ist später in der Apostelgeschichte einmal die Rede - , sich durch einen hohen Geldbetrag das römische Bürgerrecht zu erkaufen.

 

Das römische Bürgerrecht bedeutete praktisch: Kein römischer Bürger durfte geschlagen werden. Das ist hier in Kapitel 16 der Apostelgeschichte bedeutsam. Kein römischer Bürger durfte ohne Verhör in den Block gespannt werden. Ein römischer Bürger durfte übrigens auch nicht gekreuzigt werden. Vielleicht hängt damit die Tatsache zusammen, dass der Überlieferung nach Petrus später gekreuzigt wurde, Paulus aber als römischer Bürger enthauptet wurde. Noch in einer anderen Hinsicht beinhaltete das römische Bürgerrecht ein besonders Vorrecht, von dem Paulus später in der Apostelgeschichte Gebrauch macht: Ein römischer Bürger hatte in jeder Gerichtsverhandlung das Recht, ohne nähere Begründung an den Kaiser in Rom zu appellieren. Dann musste der Prozess von der örtlichen Gerichtsbarkeit nach Rom ans kaiserliche Gericht verwiesen werden.

Mit dem römischen Bürgerrecht waren also einige Vorzüge verbunden. Daher ist es auch verständlich, dass die Beamten in Philippi erschraken, als sie hörten, dass Paulus römischer Bürger war.

 

Noch eine Kleinigkeit in Vers 40 ist mir wichtig. Da heißt es:

 

„Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter.“

 

Offensichtlich bildet sich in Philippi innerhalb weniger Tage eine kleine christliche Hausgemeinde bei der Lydia. Wenn da nämlich von „Brüdern“ die Rede ist, dann ist das in der Sprache der Apostelgeschichte der Ausdruck für Gemeindemitglieder.

Und dann ganz am Schluss die Bemerkung: Sie „zogen dann weiter.“

 

Ist das nicht eigentlich eine verantwortungslose Missionsmethode, die der Apostel Paulus hat? Er ist nur wenige Tage in Philippi gewesen, davon noch eine Nacht eingekerkert, und dann zieht er schon weiter. Da haben sich einige Leute bekehrt, haben sich sofort taufen lassen, haben keinen Taufunterricht bekommen; es bildet sich eine ganz kleine Zelle von Christen, eine Hausgemeinde. Und dann zieht Paulus weiter. Ist das nicht verantwortungslos, solche „Babychristen“, die dann auch noch in einer glaubens-feindlichen Umgebung leben, sich selbst zu überlassen?

 

Hier dürfen wir indirekt einen Blick tun in die Glaubenshaltung des Paulus. Als er sich in Apg 20 von den Vorstehern der Gemeinde in Ephesus (endgültig) verabschiedet, da sagt er ihnen:

 

„Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen. Seid also wachsam, und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, unter Tränen jeden einzelnen zu ermahnen. Und jetzt vertraue ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das die Kraft hat, aufzubauen und das Erbe in der Gemeinschaft der Geheiligten zu verleihen.“ (Apg 20,29-32)

 

Wenn Paulus die Gemeinde schon nach kurzer Zeit verlässt, dann überlässt er sie nicht sich selbst, sondern er überlässt sie „Gott und dem Wort seiner Gnade“.

 

Vielleicht haben Sie schon einmal im Johannesevangelium (Kapitel 17) das Hohepriesterliche Gebet gelesen. Dort tritt der erhöhte Herr am Thron des Vaters für uns ein:

 

„Vater ich bitte dich für alle, die durch ihr Wort (das Wort der Apostel) zum Glauben gekommen sind.“

 

Das bedeutet aber: Wenn durch Paulus Menschen zu Glauben gekommen sind wie hier in Philippi, dann haben sie einen Fürsprecher am Thron Gottes. Und Paulus überlässt sie diesem Fürsprecher.

Ob wir in unserer ganz praktischen Seelsorge, in unserer Arbeit mit den Menschen, diesem Fürsprecher und dem Wort Gottes nicht eigentlich doch mehr zutrauen sollten und dürfen? Was bei Paulus daraus geworden ist in Hinblick auf die kleine Gemeinde in Philippi, davon lesen wir im Philipperbrief.

 

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