Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (2)
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Grundton Freude

 

Kapitel 2

Brief oder Perikope

 

Vor vielen Jahren, als ich noch Kaplan war, hatte ich einmal Religionsunterricht im sechsten Schuljahr einer Hauptschule. Nach dem Lehrplan waren die Berichte über die Missionsreisen des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte zu behandeln. Da mir das Erzählen immer sehr viel Freude gemacht hat, habe ich den Schülerinnen und Schülern die Missionsreisen des Paulus einfach ausführlich erzählt.

Wir kamen zu der Stelle im 16. Kapitel der Apostelgeschichte, wo Paulus zum ersten Mal in eine europäische Stadt kommt, nach Philippi im Norden Griechenlands. Ganz beiläufig habe ich den Schülern gegenüber erwähnt: An die Gemeinde in Philippi hat Paulus später einen Brief geschrieben. Den hab ich zu Hause. Die Schülerinnen und Schüler starrten mich ungläubig an: „Sie haben einen Brief von Paulus? Einen echten?“ Das konnten sie fast nicht glauben.

Wie oft mögen diese Schüler schon in der heiligen Messe gehört haben, wenn die Lesung vorgelesen wird: „Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper“! Aber keiner hat sich dabei bewusst gemacht, dass er einen Abschnitt aus einem echten Brief des Apostels Paulus vorgelesen bekommt.

 

Wir sind gewohnt, die Paulusbriefe im Gottesdienst normalerweise immer abschnittsweise vorgelesen zu bekommen. Dabei geht das Bewusstsein dafür verloren, dass es sich bei den Paulusbriefen um echte Briefe handelt, die damals in Philippi, in Korinth und an anderen Orten als Brief ganz in der Gemeindeversammlung vorgelesen wurden.

 

Es lohnt sich auch heute, einen Paulusbrief, etwa den Philipperbrief, einmal in einem Zug ganz zu lesen. Sie werden dann Zusammenhänge und auch Bruchstellen wahrnehmen, die man nicht erkennt, wenn man immer nur abschnittsweise hört oder liest.

Das gilt übrigens nicht nur für die Paulusbriefe, sondern auch etwa für die Evangelien.

 

Die meisten Menschen schrecken zurück, wenn man ihnen zumutet (im buchstäblichen Sinn: Mut macht zu ...), ein biblisches Buch (Evangelium oder Paulusbrief) einmal ganz zu lesen. Sie meinen, dass sie dafür sehr viel Zeit brauchen. Aber diese Befürchtung ist unbegründet, wenn man vergleicht, wie viel Lesezeit man braucht für einen Roman oder einen Artikel in einer Zeitschrift. Um etwa das Markusevangelium mit seinen sechzehn Kapiteln ganz zu lesen, braucht man ungefähr neunzig Minuten. Ich habe vor Jahren einmal das ganze Johannesevangelium für eine blinde Frau auf Kassette gesprochen, und habe dafür etwas mehr als zwei Stunden gebraucht. Wenn Sie die vier Kapitel des Philipperbriefes ganz lesen, benötigen Sie etwa 15 bis 20 Minuten. Doch das ist eine Zeit, die sich lohnt.

 

Vielleicht nehmen Sie beim Lesen des Briefes einen Bleistift zur Hand. Bei allen Stellen, die Ihnen beim ersten Lesen wichtig werden, machen Sie mit dem Bleistift an den Rand ein Rufzeichen. Bei allen Stellen, die Sie nicht verstehen, machen Sie mit dem Bleistift ein Fragezeichen. Wenn Sie dann diese Auslegung zum Philipperbrief zu Ende gelesen haben, können Sie hinterher kontrollieren, ob Ihnen die Fragezeichen vom ersten Lesen immer noch unverständlich sind.

Natürlich ist es hilfreich, wenn Sie auch zwischendurch noch einige Male den Philipperbrief ganz lesen. Im Mittelpunkt soll ja der Bibeltext als „Wort des lebendigen Gottes“ stehen und nicht die Auslegung.

 

Wenn Sie den ganzen Brief im Laufe der Zeit noch mehrmals lesen, könnten Sie jeweils auf einen der folgenden Aspekte achten:

 

1.   Achten Sie darauf, wo die Stichworte „Freude“ und „freuen“ vorkommen, und in welchem Zusammenhang sie vorkommen.

 

2.   Achten Sie darauf, wo die Bemerkungen „in Christus“ bzw. „im Herrn“ vorkommen. Lesen Sie in diesem Zusammenhang die Erläuterungen zu Phil 1,1.

 

3.   Was erfahren Sie über den Absender des Briefes?

      a) Wer hat den Brief geschrieben?

      b) Wo ist der Brief geschrieben?

      c) In welcher (äußeren und inneren) Situation ist der Verfasser?

 

4.   Was erfahren Sie über die Empfänger des Briefes?

      a) An wen ist der Brief geschrieben?

      b) Wie ist die Situation der Gemeinde?

          Werden irgendwelche Schwierigkeiten oder Missstände

          erkennbar?

      c) Werden irgendwelche äußeren Anlässe erkennbar,

          warum der Brief geschrieben wurde?

 

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