Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (3)
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Grundton Freude

Kapitel 3

Über die Entstehung des Briefes

 

 

Die Frage, wer den Philipperbrief geschrieben hat, ist zunächst leicht beantwortet. Gleich am Anfang des Briefes stellt sich der Verfasser vor: Paulus. Auch an wen der Brief geschrieben ist, erfahren wir sofort im ersten Vers. Das war übrigens damals der übliche Briefstil.

 

Schwieriger ist schon die Frage zu beantworten, wo Paulus sich aufhält, als er den Philipperbrief schreibt. Aus dem Brief geht eindeutig hervor, dass Paulus sich in Gefangenschaft, in Ketten befindet (z.B. Phil 1,13.17) Ihm wird der Prozess gemacht, und er muss damit rechnen, dass der Prozess möglicherweise mit einem Todesurteil endet. (vgl. Phil 1,20-24; 2,17)

An dem Ort, wo Paulus im Gefängnis ist, gibt es einen kaiserlichen Hof (Phil 4,22) und ein Prätorium (Phil 1,13). Ein Prätorium ist die Unterkunft der so genannten Prätorianergarde, der Leibgarde des römischen Kaisers. Diese Bemerkungen scheinen darauf hinzudeuten, dass Paulus sich in Rom in Haft befindet. Von einer römischen Haft des Paulus erfahren wir ja auch im letzten Kapitel der Apostelgeschichte. In der Apostelgeschichte (ab Kapitel 23,23) wird allerdings auch von einer Gefängnishaft des Paulus in Cäsarea berichtet. Und auch in Cäsarea gab es einen kaiserlichen Hof.

Sollte der Philipperbrief in Rom oder in Cäsarea geschrieben sein, dann wäre er einer der spätesten Paulusbriefe.

 

Es gibt aber auch gewichtige Argumente gegen Rom oder Cäsarea als Ort, wo der Philipperbrief geschrieben wurde.

Wenn man den Philipperbrief liest, so wird an etlichen Stellen deutlich, dass zwischen Philippi und dem Ort, wo Paulus sich bei der Abfassung des Briefes befindet, eine rege Kommunikation bestand:

Die Philipper hatten dem Paulus durch Epaphroditus eine Spende ins Gefängnis geschickt. Sie hatten (durch Boten?) erfahren, dass ihr Abgesandter Epaphroditus sterbenskrank geworden war. Paulus schickt den Epaphroditus nach Philippi zurück. Er will auch den Timotheus schicken, damit er erfährt, wie es den Philippern geht.

Eine solch rege Kommunikation hin und her ist aber bei der weiten Entfernung zwischen Philippi und Rom oder Cäsarea nur schwer vorstellbar.

 

Nun erfahren wir in den beiden Korintherbriefen so beiläufig von einer Gefangenschaft des Paulus in „Asien“ (Kleinasien = heutige Türkei), in Ephesus.

Im zweiten Korintherbrief schreibt Paulus:

 

„Wir wollen euch die Not nicht verschweigen, Brüder, die in der Provinz Asien über uns kam und uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war erschöpft, so sehr, dass wir am Leben verzweifelten. Aber wir haben unser Todesurteil hingenommen, weil wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen wollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.“ 

(2 Kor 1,8-9)

 

Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus in dem großen Kapitel über die Auferstehung:

 

„Wenn Tote gar nicht auferweckt werden, ... Warum setzen dann auch wir uns stündlich der Gefahr aus? Täglich sehe ich dem Tod ins Auge ... Was habe ich dann davon, dass ich in Ephesus, wie man so sagt, mit wilden Tieren gekämpft habe? Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot.“ (1 Kor 15,29-32)

 

Könnte es sein, dass unser Philipperbrief in Ephesus geschrieben wurde? Jedenfalls war die Entfernung von Ephesus nach Philippi so, dass eine Kommunikation durch Boten hin und her recht leicht möglich war.

Auch der Hinweis am Ende des Philipperbriefes auf den kaiserlichen Hof muss nicht gegen Ephesus sprechen. Genau so wie es im Mittelalter in den deutschen Landen an verschiedenen Orten eine „Kaiserpfalz“ gab, von wo aus der Kaiser auf seinen Reisen regierte, so gab es auch im römischen Reich an den größeren Orten einen „kaiserlichen Hof“ mit einem Prätorium. Und die Stadt Ephesus war damals eine der großen Metropolen im westlichen Teil Kleinasiens.

Lassen wir die Frage, an welchem Ort der Brief geschrieben wurde, einfach so stehen.

 

Aus dem ganzen Philipperbrief leuchtet ein ausgesprochen herzliches Verhältnis des Paulus zu den Philippern und umgekehrt heraus. (vgl. bes. Phil 1,3-11) Philippi war die einzige Gemeinde, von der Paulus Spenden angenommen hat. (Phil 4,15-16) Daher wird verständlich, warum der ganze Brief durchzogen ist vom „Grundton Freude“.

 

Umso auffälliger ist ein abrupter Stimmungswechsel im dritten Kapitel zwischen Vers 1 und Vers 2, der schon beim flüchtigen Lesen ins Auge fällt. Vers 1 ist noch ganz überschwänglich geprägt vom Grundton Freude:

 

„Vor allem, meine Brüder, freut euch im Herrn! Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig, euch aber macht es sicher.“

 

Dem gegenüber wird der Ton in Vers 2 ohne erkennbare Überleitung hart, ja geradezu sarkastisch:

„Gebt acht auf diese Hunde, gebt acht auf die falschen Lehrer, gebt acht auf die Verschnittenen!“

 

Wenn man Phil 3,1 liest, und dann ohne Übergang in Phil 4,4 weiter liest, würde man den dazwischen liegenden Abschnitt gar nicht vermissen:

 

„Vor allem, meine Brüder, freut euch im Herrn! Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig, euch aber macht es sicher. (3,1) ... (4,4) Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch!“

 

Manche Bibelwissenschaftler stellen die Frage, ob es sich bei dem dazwischen liegenden Kapitel vielleicht um einen eigenen Brief handelt, der erst später in den jetzigen Philipperbrief hineingeraten ist, als man anfing, die Briefe des Apostels Paulus zu sammeln.

Natürlich kann es auch sein, dass Paulus beim Diktieren des Philipperbriefes eine längere Pause gemacht hat, und dass ihn in der Zwischenzeit aus Philippi neue Nachrichten erreichten von Irrlehrern, die in die Gemeinde gekommen waren. Auffällig ist dieser Stimmungswechsel in jedem Fall.

 

Es gibt Bibelwissenschaftler, die noch einen Schritt weiter gehen. Sie stellen die Vermutung an, dass auch der Abschnitt 4,10-19 ursprünglich vielleicht ein eigener Brief war. Richtig ist, dass dieser Abschnitt durchaus für sich allein stehen könnte: Paulus bedankt sich kurz bei den Philippern für ihre großzügige Spende.

 

Alle diese Einleitungsfragen sind für eine geistliche Erschließung des Philipperbriefes nicht unmittelbar entscheidend. Da man aber manchmal in Auslegungen auf solche Fragen und Hinweise stößt, ist es hilfreich, wenigstens in Kürze darum zu wissen.

Wir wollen uns dem Brief jetzt zuwenden, so wie er uns im Neuen Testament vorliegt.

 

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