Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (4)
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Grundton Freude

Kapitel 4

Mehr als eine Formalität

Die Anschrift des Briefes (Phil 1,1-2)

 

„Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, all alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Bischöfen und Diakonen. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.“ (Phil 1,1-2)

 

Der Anfang des Briefes entspricht ganz dem damaligen Briefstil. Absender und Empfänger werden genannt und ein Gruß wird angefügt. Scheinbar nur eine Formalität. Aber schon diese ‚Formalität’ ist in hohem Maße Verkündigung.

 

Wenn wir fragen, wer der Verfasser des Philipperbriefes ist, dann liegt die Antwort nahe: „Paulus“. Auch von den kritischsten Bibelwissenschaftlern wird nicht in Zweifel gezogen, dass der Philipperbrief ein „echter“ Paulusbrief ist.

Aber die Antwort „Paulus“ auf die Frage nach der Verfasserschaft ist doch etwas ungenau. „Paulus und Timotheus“ stellen sich als Verfasser vor. Natürlich redet Paulus im Folgenden immer in der Ich-Form. Aber es ist doch bedenkenswert, dass im Briefkopf Paulus und Timotheus diesen Brief gemeinsam verantworten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass nach der jüdisch-biblischen Tradition nur das als glaubwürdig anerkannt wurde, was durch zwei Zeugen übereinstimmend bezeugt wurde.

Wie tiefgehend die Übereinstimmung zwischen Paulus und Timotheus war, erfahren wir im zweiten Kapitel des Philipperbriefes:

 

„Ich habe keinen Gleichgesinnten, der so aufrichtig um euch besorgt ist  ...  Ihr wisst ja, wie er sich bewährt hat: Wie ein Kind dem Vater – so hat er mit mir zusammen dem Evangelium gedient.“ (Phil 2,20.22)

 

Wenn heute in unserer Kirche die Verkündiger in der Regel „Einzelkämpfer“ sind, dann ist das keine gute Entwicklung.

 

Paulus und Timotheus bezeichnen sich hier bei der Vorstellung als „Knechte Christi Jesu“, wörtlich könnte man sogar übersetzen: „Sklaven Christi Jesu“. In den meisten anderen Briefen stellt Paulus sich vor als „Apostel Christi Jesu“. Dort muss er offensichtlich seine Autorität als Apostel herauskehren, weil man ihm in der Gemeinde seine Autorität streitig machen wollte. Hier bei den Philippern hat er das nicht nötig.

 

Der Titel „Gottesknecht“ ist in der Sprache des Alten Testamentes ein Ehrentitel. Der deutlichste Beleg dafür sind die so genannten „Gottesknechtslieder“ beim Propheten Jesaja (Jes 42,1-7; 49,1-6; 50,4-9; 52,13 – 53,12), die schon sehr früh auf den Messias bezogen wurden.

 

Dass Paulus sich am Anfang des Briefes als Knecht vorstellt, ist aber auch für die heutige innerkirchliche Diskussion bedeutsam. Knechtsein bedeutet ja: Ein anderer darf über mich verfügen. Ich will nicht das Sagen haben; ich bin bereit, mich kommandieren lassen.

Ähnlich drückt es die Gottesmutter aus, als der Engel ihr die Botschaft bringt, dass sie die Mutter des Allerhöchsten werden soll. Da nennt sie sich „Magd des Herrn“.

Was das bedeutet in unserer kirchlichen Situation, etwa bei der Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wenn wir alle, Männer und Frauen lernen würden, dass im Reich Gottes die groß sind, die bereit sind, Knecht bzw. Magd zu sein, dann würde die ganze Diskussion über Ämter in der Kirche, über die Stellung der Frau in der Kirche deutlich entkrampft. Nicht wer das Sagen hat, ist groß, sondern wer bereit ist, über sich verfügen zu lassen.

 

Paulus schreibt seinen Brief an die „Heiligen in Christus Jesus“. Wohin würde wohl heute ein Briefträger einen Brief bringen, der geschrieben ist: „An die Heiligen in ...“? Interessant ist, dass Paulus auch den ersten Korintherbrief an die „Heiligen in Korinth“ schreibt. Dabei gab es in der Gemeinde von Korinth viele, zum Teil schwerwiegende Missstände, auf die Paulus der Reihe nach zu sprechen kommt. Und trotzdem schreibt er seinen Brief an die Heiligen in Korinth.

Allerdings formuliert Paulus in 1 Kor 1,2 geringfügig anders. Er schreibt an die „Geheiligten“ in Christus Jesus. Das hilft uns etwas auf die Sprünge.

 

„Heilig“ ist nicht in erster Linie eine Qualitätsaussage, wie man gemeinhin denkt: Ein Heiliger bist du dann, wenn du dir nichts hast zu Schulden kommen lassen, wenn du wie der heilige Aloysius mit der Lilie in der Hand da stehst, und nie auch nur der Schatten einer Sünde auf dein Leben gekommen ist.

Noch heute ist ja in der katholischen Kirche Voraussetzung für eine Selig- und Heiligsprechung, dass der (die) Betroffene einen „heroischen Tugendgrad“ erreicht hat. Viele haben ein solches Bild, ich möchte fast sagen „Zerrbild“ vor Augen, wenn sie an „Heilige“ denken.

Im Gloria der heiligen Messe beten wir: „Du allein bist der Heilige ...“ In dem Maße, wie wir zum „dem Heiligen schlechthin“ in Beziehung stehen, uns von ihm heiligen lassen, haben wir Anteil an seiner Heiligkeit. „Heilig“ ist also zunächst eine Beziehungsaussage und nicht eine Qualitätsaussage. Weil wir durch Glaube und Taufe zu Jesus in Beziehung stehen, von ihm geheiligt worden sind, könnte Paulus auch an unsere Gemeinden schreiben: „An die Heiligen in ...“

 

Man liest beinahe darüber hinweg. Aber wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass Paulus hier zwei verschiedene „Ortsangaben“ macht: Paulus schreibt an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind. Die erste „Ortsangabe“ ist: „in Christus Jesus“; die zweite „Ortsangabe“ ist: „in Philippi“. Wenn man dem im Neuen Testament einmal nachgeht, dann findet man ganz wichtige Sachverhalte, die sich mit diesen zwei „Ortsangaben“ verbinden.

 

Ein Christ lebt immer gleichzeitig auf zwei Ebenen. Die eine, die untere Ebene, ist „in Philippi“; die andere, obere Ebene ist „in Christus Jesus“. Die untere Ebene „in Philippi“ bedeutet für Paulus: Gefängnis; das mögliche Todesurteil vor Augen; von manchen Verkündigern gleichsam in die Enge gedrängt (Phil 1,15-17). Die obere Ebene „in Christus Jesus“ wird in Folgendem erkennbar: Der Grundton des Briefes ist Freude; das mögliche Sterben ist für ihn Gewinn (Phil 1,21), er vermag alles in Christus, der ihm Kraft gibt (Phil 4,13), er hat ein weites Herz gegenüber den unredlichen Verkündigern (Phil 1,18).

Es lohnt sich, beim Lesen des Briefes einmal darauf zu achten, wie oft Paulus Formulierungen gebraucht: „im Herrn“, „in Ihm“, „in Christus“, und in welchen Zusammenhängen er diese Formulierungen gebraucht.

 

Wenn wir, ausgehend von den beiden unterschiedlichen „Ortsangaben“ einmal einige Seitenblicke in die übrigen Schriften des Neuen Testamentes tun, dann finden wir den gleichen Sachverhalt an vielen Stellen ausgedrückt, z.B. am Ende der Abschiedsreden des Johannesevangeliums. Da sagt Jesus in Joh 16,33:

 

„Dies habe ich zu euch gesagt, damit in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut, ich habe die Welt besiegt.“

 

Auch hier die zwei Ebenen: Auf der Ebene „in mir“ habt ihr Frieden. Auf der Ebene „in der Welt“ habt ihr Bedrängnis.

 

Von daher werden dann auch manche Berichte der Apostelgeschichte verständlich, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Da lässt der Hohe Rat die Apostel auspeitschen und gibt ihnen Predigtverbot. Das ist die untere Ebene „in der Welt“, „in Philippi“. Aber dann heißt es: Die Apostel „aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen (Jesu) Namen Schmach zu erleiden.“ (Apg 5,40-41) Das ist die obere Ebene „in Christus Jesus“.

 

Kurz darauf wird in der Apostelgeschichte Stephanus gesteinigt. Das ist wieder die Ebene „in der Welt“, „in Philippi“. Aber dann heißt es von Stephanus:

 

„Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,55)

 

Wieder wird hier die obere Ebene sichtbar: „in Christus“.

 

Diese beiden Ebenen ziehen sich auch wie ein roter Faden auch durch das ganze Leben Jesu. Man kann das ganze Leben Jesu beschreiben von der unteren Ebene her „in der Welt“, „in Philippi“. Dann geht seine Lebensbeschreibung etwa folgendermaßen:

Er kommt in den Augen der Menschen als uneheliches Kind zur Welt.

Er wird in äußerster Armut in Bethlehem geboren.

Er erleidet bereits kurz nach seiner Geburt das Flüchtlingsschicksal; seine Eltern müssen mit ihm nach Ägypten fliehen.

Schon zu Beginn seines öffentlichen Wirkens beschließen die Pharisäer, ihn umbringen zu lassen. (Mk 3,6)

Die eigenen Angehörigen sagen über ihn: „Er ist von Sinnen.“ (Mk 3,20-21)

Die Theologen sagen über ihn: „Er ist mit dem Teufel im Bunde; durch Beelzebub treibt er die Dämonen aus. (Mk 3,22)

Die Menschen beschimpfen ihn „Vielfraß“ und „Säufer“. (Lk 7,34)

Auf dem Höhepunkt seines Wirkens wird ihm klar, dass sein Weg in Jerusalem am Kreuz endet. (Lk 9,30-31.51)

Er wird von den Zwölf im Stich gelassen; von Judas für 30 Silberstücke verraten. (Mt 26,15)

Petrus beteuert (mit einem Schwur): „Ich kenne ihn gar nicht.“ (Mk 14,66-72)

Er stirbt zwischen zwei Verbrechern am Kreuz. (Mk 15,27)

Sein Leben endet mit einem lauten Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,33-37)

 

Genau parallel zu dieser Lebenslinie verläuft im Leben Jesu eine „obere Ebene“:

Bei seiner Geburt wird die Herrlichkeit Gottes erfahrbar auf den Feldern von Bethlehem, als die Engel erscheinen.

Der Beginn seines öffentlichen Wirkens wird als der „galiläische Frühling“ bezeichnet, wo die Menschen ihm nur so zuströmen.

Zwischen den ersten beiden Leidensankündigungen wird die Herrlichkeit Gottes sichtbar in der Verklärungsgeschichte. (Lk 9,28-36 zwischen Lk 9,22 und Lk 9,44)

Als er am Ölberg gleichsam den Todeskampf kämpft, erscheinen Engel und stärken ihn. (Lk 22,42-44)

Neben dem Schrei der Gottesverlassenheit am Kreuz steht der Ruf: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Neben dem grausamen Geschehen der Kreuzigung steht die Erfahrung der Auferstehung.

 

Als Christen leben wir immer gleichzeitig auf diesen beiden Ebenen. Wer die „untere Ebene“ leugnet, der wird leicht ein Spinner. Wir dürfen aber auch nicht die „obere Ebene“ nicht aus dem Blick verlieren. Wird dürfen und sollen unser Leben bestimmen lassen von dieser Ebene „in Christus“. Das war eines der ganz großen Lebensgeheimnisse des Apostels Paulus.

 

 

Interessanterweise erwähnt Paulus hier zwei Arten von „Amtsträgern“ in der Gemeinde in Philippi: „Bischöfe und Diakone“ (so die Einheitsübersetzung). Hat es wirklich zu dieser frühen Zeit in den Gemeinden des Paulus schon so eine Ämterstruktur gegeben? Aus der Apostelgeschichte erfahren wir, dass Paulus in den Gemeinden Kleinasiens (Lystra, Ikonium und Antiochia) Älteste eingesetzt hat (Apg 14,23). Aber hier im Philipperbrief ist von Bischöfen und Diakonen die Rede, deren Amt dann erst im ersten Brief an Timotheus näher beschrieben wird. Ist das vielleicht ein Hinweis, dass der Philipperbrief doch ein sehr später Paulusbrief ist?

 

Nun dürfen wir uns unter den Bischöfen sicher nicht ein kirchliches Amt in unserem heutigen Sinn vorstellen. Das griechische Wort für Bischof heißt „Episkopos“. Man könnte es wörtlich übersetzen mit „Aufseher“. Gemeint ist wohl jemand, der in den Gemeinden nach dem Rechten sieht, jemand, der die Situation der Menschen in der Gemeinde im Blick hat, der die Not der Menschen sieht und sich darum kümmert. Solche „Kümmerer“ sind auch heute in den Gemeinden sehr wichtig.

 

Ich habe in meiner Priesterzeit viele Exerzitien und geistliche Bibelkurse gehalten. Da brechen dann bei den Teilnehmern oft geistliche Prozesse auf, die manchmal auch schmerzlich sein können. Als Referent eines Kurses kann ich mich gar nicht immer um diese geistlichen Prozesse im einzelnen kümmern; ich kann die innere Situation der Teilnehmer nicht immer im Blick haben. Dann ist es mir wichtig geworden, in einem Kurs geistliche Begleiter zu haben, die in diesem Sinne Episkopoi sind, Menschen, die ein waches Auge haben für die Situation der Teilnehmer.

Vielleicht sind auch die „Bischöfe“, „Episkopoi“, die Paulus erwähnt, in dieser Weise zu verstehen, und nicht so sehr als Beginn einer formalen Ämterstruktur.

Auch die erwähnten „Diakone“ (diakonoi = Diener) sind wohl von daher zu verstehen. Es sind vielleicht Menschen, die anderen in der Gemeinde ganz praktisch gedient haben, Hilfestellung geleistet haben in den alltäglichen Angelegenheiten.

Wichtig ist vielleicht festzuhalten, dass jede Ämterstruktur in der Kirche sowohl Aufsichtsfunktion haben muss wie auch Dienstfunktion.

 

 

Im zweiten Vers spricht Paulus der Gemeinde zu:

 

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“

 

Auch hier passt sich Paulus dem damals üblichen Briefstil an. Im Unterschied zum heute üblichen Briefstil, wo die Grüße meist am Ende des Briefes stehen, schrieb man zur Zeit des Apostels Paulus den Gruß am Anfang im Zusammenhang mit der Anrede.

Dafür ein Beispiel: Als Paulus in Jerusalem in Haft genommen war, schickt der Oberst den Paulus zum Statthalter Felix nach Cäsarea. Er gibt den Soldaten einen Brief mit, der so beginnt:

 

„Klaudius Lysias entbietet dem erlauchten Statthalter Felix seinen Gruß“  (Apg 23,26)

 

Für „Gruß“ steht da im Griechischen das Wort „chairein“. Mit diesem Wort „chairein“ begrüßte man sich unter Griechisch sprechenden Menschen im Mittelmeerraum. Im Judentum dagegen hieß der übliche Gruß „Schalom“, „Friede“.

Paulus verbindet nun zu Beginn seines Philipperbriefes den griechischen und den jüdischen Gruß. Allerdings macht er mit einer scheinbar winzigen Änderung aus dem üblichen Gruß gleich eine Verkündigung. Er schreibt nicht „chairein“, wie es üblich war, sondern „charis“ Der Wortstamm ist bei beiden Worten der gleiche. Aber das Wort „charis“ ist ein hochtheologisches Wort. Es heißt auf Deutsch „Gnade“. Es ist der gleiche Wortstamm, der in dem Wort „charisma“ steckt. Charisma ist eine Gnadengabe Gottes, näherhin des Heiligen Geistes. Auch die charismatische Erneuerungsbewegung leitet ihren Namen von diesem Wort charisma ab.

Auch das Wort Schalom, Friede, ist damals bei den Juden ein viel stärkerer Ausdruck, als wenn wir heute das Wort „Friede“ gebrauchen. Friede bedeutet nicht nur, dass die Waffen schweigen. In dem Wort Schalom, Friede ist vielmehr für den Juden das ganze Heilsangebot Gottes gemeint. Alles, was Gott dem Menschen an Heil zuwenden will, ist gleichsam gebündelt in dem Wort Schalom.

So wird aus dem üblichen Gruß bei Paulus der Zuspruch der Gnade und der Heilszuwendung Gottes:

 

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“

 

Vielleicht darf man aber bei dem Wort „charis“ noch einen Schritt weiter gehen. Der verstorbene Theologe Hans Urs von Balthasar, der am Ende seines Lebens noch zum Kardinal ernannt wurde, hat darauf hingewiesen, dass wir in der Theologie die Kategorie des „Schönen“ nicht total vernachlässigen dürfen zugunsten der Kategorie des „Guten“. Gottes Herrlichkeit ist auch seine Schönheit.

 

Von diesem Gesichtpunkt her werfen wir einmal einen Blick auf die Grußformel des Apostels Paulus, die mit dem Wort „charis“ beginnt.

Charis ist nicht nur theologisch die Gnade Gottes. Diese Gnade Gottes hat etwas zu tun mit dem Wort „Anmut“. Wir kennen das Lehnwort aus dem Französischen: „Charme“, „charmant“. Auch in diesem Lehnwort steckt der Wortstamm „charis“ bzw. „charisma“. Ähnlich ist es auch im Lateinischen. Das lateinische Wort für „charis“ heißt „gratia“. Wir kennen das aus dem Gruß des Engels an Maria: „Ave Maria gratia plena.“ „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade.“ Aber auch für das Wort „gratia“ gibt es bei uns ein Lehnwort aus dem Französischen: „graziös“. Beide Lehnworte „charmant“ und „graziös“ drücken etwas Anmutiges aus.

 

Unser Leben als Christen, das unter der Gnade und unter dem Heilangebot Gottes steht, darf und soll etwas Anmutiges, Leichtes haben, man könnte gleichsam sagen: etwas Duftendes.

Das erinnert an eine Aussage des Apostels Paulus im 2. Korintherbrief (2,14):

 

„Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet.“

 

Ich habe mir an dieser Stelle in meiner Bibel an den Rand geschrieben: Das Evangelium ist eine „dufte Sache“. In diesen Zusammenhang gehört auch ein Wort Jesus aus der Bergpredigt (Mt 5,14): „Ihr seid das Licht der Welt.“ Es ist der Wille Gottes, dass unser Christsein etwas Leuchtendes, etwas Duftendes, etwas Charmantes, Anziehendes ausstrahlt.

Alles das schwingt mir, wenn Paulus schreibt: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ All das darf auch mitschwingen, wenn uns dieser Gruß am Anfang der heiligen Messe vom Priester zugesprochen wird.

 

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