Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (5)
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Grundton Freude

Kapitel 5

Danksagung

Das herzliche Verhältnis des Paulus zur Gemeinde

Phil 1,3-11

 

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.  Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe. Denn ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist. Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat. Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.“   

(Phil 1,3-11)

 

 

Im vierten Kapitel unseres Briefes legt Paulus den Philippern nahe:

 

„Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht.“ (Phil 4,8)

 

Dieser Weisung entsprechend, beginnt Paulus seinen Brief nach der Anschrift und dem Gruß mit einer Danksagung:

 

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.“

 

Bei einer Gemeinde, mit der Paulus so herzlich verbunden ist wie mit der Gemeinde in Philippi, ist das nicht verwunderlich. Aber auch wenn er an die Korinther schreibt, beginnt Paulus mit einer Danksagung. In der Gemeinde von Korinth gab es viele Missstände, die Paulus auch der Reihe nach anspricht. Außerdem haben die Korinther den Paulus nicht gerade mit Freundlichkeiten überschüttet. Aber Paulus trägt zuerst einmal alles zusammen, was es in Korinth zu loben gibt. Und dafür dankt er Gott (1 Kor 1,4-9).

 

Nun könnte man sagen: Das war damals der übliche Briefstil, dass man mit einem Dank an die Götter begann. Paulus passt sich diesem Briefstil einfach an. Dann wäre so ein Dank am Anfang seines Briefes nicht viel mehr als eine übliche Floskel, zumal Paulus jeden seiner Briefe so beginnt.  Wirklich jeden??

Da gibt es noch den Galaterbrief. Und da schreibt Paulus an der Stelle, wo üblicherweise eine Danksagung steht, ein sehr hartes:

 

„Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet.“ (Gal 1,6)

 

Wenn die Einheitsübersetzung den Anfang übersetzt „Ich bin erstaunt …“ dann ist das noch sehr milde übersetzt. Jedenfalls steht hier nichts von einer Danksagung. Hier bei den Galater ging es nicht um Missstände in der Gemeinde, wie in Korinth. Bei den Galatern stand das Fundament des Glaubens auf dem Spiel, und da konnte Paulus sehr scharf und hart werden. An diesem Beispiel wird aber auch deutlich, dass die Danksagung am Anfang seiner Briefe durchaus nicht nur eine übliche Floskel ist, sondern ein eigenes geistliches Gewicht hat. Schauen wir uns nun die Danksagung am Beginn des Philipperbriefes etwas naher an.

 

Bereits hier in der Danksagung leuchtet etwas auf, was dann den ganzen Philipperbrief durchzieht: das herzliche Verhältnis des Paulus zu dieser Gemeinde und der Gemeinde zu ihm.

 

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.“ (Vers 3) „Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe.“ (Vers 7) „Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne …“ (Vers 8)

 

Später erwähnt Paulus, dass Philippi die einzige Gemeinde gewesen ist, von der er Unterstützung angenommen hat (4,10-15). Es ist doch wunderbar, wenn ein Seelsorger sagen kann: „Jedes Mal, wenn ich an euch denke, habe ich Anlass, Gott zu danken. Und jedes Mal, wenn ich für euch alle bete … Da steht „für euch alle“. Nicht nur für ein paar Auserwählte, mit denen Paulus besonders gut konnte. Paulus hat auch die im Blick, die ihm in seiner Verkündigung gleichsam Knüppel zwischen die Beine werfen. Darauf kommen wir im nächsten Abschnitt noch zu sprechen.

 

Vor vielen Jahren bin ich einmal in einem Interview gefragt worden: „Sind Sie eigentlich gerne Pfarrer in Ihrer Pfarrei?“ Ich habe damals spontan geantwortet: „Ja, ich bin gerne Pfarrer hier.“ Hinterher habe ich mich dann in einer stillen Gebetszeit gefragt: „Stimmt das eigentlich so selbstverständlich, dass ich gerne Pfarrer in der Pfarrei bin?“ Könnte ich so selbstverständlich wie Paulus sagen:

 

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.“ „Immer wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude.“ „Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne …“?

 

Ist es nicht manchmal umgekehrt. Viele Pfarrer (und ich selbst auch oft) sehnen sich danach, einmal aus der Pfarrei rauszukommen. Oder: Wenn ich für die Gemeindemitglieder bete, für die Gemeindemitglieder in ihrer Gesamtheit, tue ich es als Pfarrer dann mit Freude? Oder vielleicht eher mit Sorge? Vielleicht sogar mit Bitterkeit?

Es ist meine Sorge, dass wir Seelsorger und auch die Gemeinden dieses herzliche Verhältnis im seelsorglichen Umgang miteinander weitgehend verloren haben.

Häufig werden die Pfarrer heute mehr angefragt als Manager, denn als Seelsorger. Vor einigen Jahren hat ein jüngerer Pfarrer sein Priesteramt niedergelegt. Als Begründung schrieb er in der Tageszeitung: „Für das, wo ich als Pfarrer angefragt werde, hätte ich besser Betriebswirtschaft und Jura studiert und nicht Theologie.“ Mancher Pfarrer, der in der Pfarrei mehrere Kindergärten hat, zu dessen Pfarrei ein Altenwohnheim gehört, der vielleicht im Kuratorium eines Krankenhauses sitzt, ist in seinem Ort der größte Arbeitgeber. Auch die Tendenz, dass Pfarrgemeinden zu immer größeren Einheiten fusioniert werden, führt dazu, dass „Seelsorge“ wohl noch irgendwie „funktioniert“, aber eine solche Herzlichkeit, wie sie der Apostel Paulus hier ausdrückt, wird immer weniger möglich. Wird unsere Seelsorge eine Arbeit ohne Gesicht und Herz?

 

Das ist sicher auch ein wechselseitiges Geschehen. Wenn z.B. Gemeindemitglieder auf ihr angebliches Recht pochen, etwa eine eigene Tauffeier zu bekommen, weil man ja schließlich Kirchensteuer bezahlt. Wenn evtl. sogar damit gedroht wird, im anderen Fall aus der Kirche auszutreten, dann unterscheiden wir uns kaum noch von irgend einem Verein. Vielleicht haben wir als Kirche in Deutschland deswegen kaum noch Ausstrahlungskraft, weil dieses herzliche Verhältnis zwischen Seelsorger und Gemeinde nicht mehr da ist.

 

Ich habe es einige Male erlebt, dass katholische Christen, auch engagierte Christen, abgewandert sind zu Sekten, etwa zu den Zeugen Jehovas oder zur Neuapostolischen Kirche. Wenn ich nachgefragt habe, warum sie weggegangen sind, dann wurden ganz oft solche Gründe genannt: Unsere Gemeinden sind so kalt und so von reiner Geschäftigkeit geprägt, dass man menschlich gesehen keine „Wärmestube“ mehr findet.

Wo findet man denn in unseren Gemeinden noch jemanden, der mit mir in meinen ganz persönlichen Anliegen betet, nicht nur für den Frieden im Nahen Osten, sondern in meinen ganz persönlichen Anliegen?

Ich kenne einen Mitbruder in Süddeutschland, der hat in seiner Kirche in sehr schönes Beichtzimmer. Aber es kommt ja keiner mehr zur Beichte. Da hat er (nach einer Predigt über diese Frage) ein Schild an sein Beichtzimmer gehängt: „Ich bete für Sie.“ Seitdem kommen nach und nach immer mehr Menschen, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Die Menschen können mit ihren Sorgen und Nöten kommen und finden dort jemanden, der in ihren Sorgen mit ihnen betet.

Was hier gilt im Verhältnis der Seelsorger zur Gemeinde, das gilt mit ähnlichen Vorzeichen auch im Umgang der Gemeindemitglieder untereinander. Wir brauchen in unserer Kirche dringend eine neue Herzlichkeit im Umgang miteinander.

 

Nun sind wir heute in einer anderen Situation wie die Gemeinden zu Zeiten des Apostels Paulus. Im Gegensatz etwa zur Gemeinde in Philippi zählen unsere Großgemeinden oft etliche tausend Gemeindemitglieder. Aber hier liegt heute in unseren Gemeinden die Chance etwa von Verbänden, Kolping, KAB, Frauengemeinschaft usw. In diesen Untergruppierungen ist es leichter möglich, menschliche und auch geistliche Nähe zu schaffen. Hier können menschliche Beziehungen gelebt werden, wo man Freud und Leid miteinander teilt. Natürlich ist es da aber auch wichtig, dass diese Gruppierungen nicht nur untereinander ein Gemeinschaftsleben pflegen, sondern dass da auch ein missionarischer Impuls sichtbar wird, wo man bewusst auf Außenstehende zugeht.

 

Vielleicht liegt hier eine Wurzel für die große Ausstrahlungskraft, die die christlichen Gemeinden in den ersten Jahrzehnten hatten. Es ist ja geradezu überwältigend, dass die ersten Christen die Botschaft des Evangeliums in wenigen Jahren im ganzen Mittelmeerraum verbreiten konnten, ohne moderne Verkehrsmittel, ohne die Medien, die uns heute zur Verfügung stehen. Vielleicht liegt es daran, weil es diese Herzlichkeit, die Menschlichkeit und Liebe in der heidnischen Umwelt so nicht gab.

 

Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude.“

 

Jetzt müssen wir fragen, wie denn der Apostel Paulus dazu kommt, dass er ein so herzliches Verhältnis zur Gemeinde hat. Paulus schreibt wenige Verse später:

 

„Einige verkündigen Christus zwar aus Neid und Streitsucht, andere aber in guter Absicht …  nicht in redlicher Gesinnung; sie möchten die Last meiner Ketten noch schwerer machen.“ (Phil 1,15.17) 

 

Diese Gemeindemitglieder hat er doch auch vor Augen gehabt. Er hat auch die beiden Frauen vor Augen gehabt: Evodia und Syntyche, die offensichtlich Streit miteinander hatten (Phil 4,2-3). Er hat auch vor Augen, dass sich die Gemeinde Irrlehrern geöffnet hatte (Kapitel 3). Es war durchaus nicht alles nur eitel Sonnenschein in der Gemeinde von Philippi. Wie kommt Paulus dazu, dass er einen solchen Satz schreiben kann: „Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke“?

 

An zwei Stellen bekommen wir einen Hinweis, der uns weiter hilft: Im Mittelpunkt steht bei Paulus das Evangelium. Wir lesen hier in Vers 5:

 

Ich „danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt.“

 

Die Gemeinde hat Gemeinschaft am Evangelium, heißt es in einer anderen Übersetzung.

Ich habe eins festgestellt: Es gibt zunehmend (auch katholische) Christen, die Gemeinschaft am Evangelium haben. Mit Evangelium sind hier nicht unsere vier Evangelien gemeint; die gab es zu der Zeit noch gar nicht. Evangelium meint die Frohe Botschaft, die verkündigt wurde. Es gibt zunehmend Menschen, die über dieser Frohen Botschaft Gemeinschaft haben. Und wo das Evangelium im Mittelpunkt steht, da entsteht eine neue Form von Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, da entsteht diese innere Herzlichkeit.

 

In den Evangelien wird uns berichtet, dass Jesus einmal in einem Haus sitzt und die Frohe Botschaft verkündet. Da kommen seine Brüder und seine Mutter und fragen nach ihm. Da schaut Jesus sich um und antwortet:

 

„Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln.“ (Lk 8,19-21)

 

Da stiftet Jesus gleichsam eine neue geistliche Familie um das Wort Gottes herum.

 

Das ist es, was wir in unsern Gemeinden brauchen. Ich erlebe das als Priester immer wieder: Ich kann nach Bayern fahren, nach Österreich, in die Schweiz: Wenn ich Menschen treffe, die sich um das Wort Gottes scharen, da bin ich sofort zu Hause. Und dann ist es auch nicht entscheidend, ob diese Menschen katholisch sind, oder Lutheraner und Baptisten. Ich fühle mich sofort wie unter Brüdern und Schwestern.

 

In einer Gemeinde, in der ich Kaplan war, gab es eine kleine Gruppe von älteren Frauen. Die trafen sich jeden Dienstag zum Kaffeetrinken und zum Stricken. Irgendwann sind die auf die Idee gekommen (als ich das in einer Predigt angesprochen hatte), beim Stricken über das Evangelium des kommenden Sonntags zu sprechen, so gut, oder auch so schlicht, wie sie es konnten. Das hat diese älteren Frauen tief mit einander verbunden. Es hat ihnen eine ganz neue Freude am Gottesdienst geschenkt.

Etliche Male habe ich erlebt, dass sie mich nach einer Sonntagspredigt angerufen haben, und wie sie sich gefreut haben, dass sie das Gleiche „rausbekommen“ haben wie ich. Manchmal war es auch umgekehrt: „Das haben wir aber ganz anders gesehen. Das müssen Sie uns noch mal erklären.“

Bei diesem „Kaffeekränzchen“ ist nie ein Priester gewesen, um mit ihnen in der Bibel zu lesen. Aber man spürte, wie immer mehr eine Freude und eine Herzlichkeit gewachsen war. Und weil diese Frauen davon auch ganz beiläufig immer wieder in der Gemeinde erzählt haben, hat das auch in die Gemeinde hineingestrahlt und hat andere (auch Jugendliche) ermutigt, miteinander in der Bibel zu lesen.

Das ist das eine, was dem Paulus diese Herzlichkeit ermöglicht: Wir alle, ihr und ich, haben Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tag an bis heute.

 

Das Zweite, warum Paulus eine solche Herzlichkeit an den Tag legen kann:

Da finden wir einen Hinweis in Vers 8:

 

„Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne, mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat.“

 

Dass Jesus Christus die Gemeinde liebt, ist unbestritten. In dem Maße, wie ich als Seelsorger meinen Blick nicht gerichtet habe auf die Menschen mit ihren Stärken, Fehlern und Schwächen, wo vielmehr mein Blick auf Christus gerichtet ist, und ich mich an seine Liebe anhängen kann, da kann ich auf einmal Liebe empfinden auch zu denen, die mir menschlich nicht liegen, oder die ich menschlich vielleicht kritisieren muss.

Nicht mit meiner eigenen Liebe, sondern mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat, liebe ich euch.

 

In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch einmal einen kleinen Seitenblick tun:

Ich leide oft unter der Kirche, auch als Priester. Unter manchen Entscheidungen, die von Rom kommen, leide ich auch. Oft sind es nicht die gleichen Dinge, die mir weh tun, wie vielen Kirchenmitgliedern. Aber mir tun manche Dinge auch weh.

Aber ich habe eins gelernt: In dem Maße, wie ich die Kirche nicht mehr als eine Organisation sehe, wo es viele Missstände gibt, sondern wo ich meinen Blick darauf gerichtet habe, dass diese konkrete Kirche der Leib Christi ist, dass in dieser Kirche Christus sichtbar ist in dieser Welt, da wird es mir möglich, trotz vieler Missstände mit einem bewussten und sogar herzlichen Ja zu dieser Kirche zu stehen.

 

Wir merken auch an dieser Stelle wieder, wie wichtig es ist, auf Christus ausgerichtet zu sein. Wie wir schon früher gesehen haben: Auf der Ebene „in Philippi“ gibt es Missstände, gibt es Reibereien und Streitigkeiten. Aber auf der Ebene „in Christus“ kann Paulus mit der Liebe Christi eine herzlich Verbindung zur Gemeinde pflegen.

 

Ein Drittes, was es dem Paulus ermöglicht, solche Herzlichkeit zu haben, finden wir in Vers 6. Da finden wir bei Paulus eine Haltung, die uns oft fehlt: die Geduld. Paulus schreibt:

 

„Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.“

 

Das heißt: Der Zielpunkt seiner Seelsorge ist nicht ein Pastoralplan für fünf Jahre. Der Zielpunkt ist auch nicht der Termin seiner Abreise. Der Zielpunkt ist vielmehr der Tag der Wiederkunft Christi. Bis zu dem Tag wird Gott ans Ziel kommen. Gott macht keine halben Sachen. Wenn er ein gutes Werk in euch begonnen hat, dann wird er es auch vollenden.

 

Entscheidend ist nicht, dass wir als Seelsorger das noch erleben. Wir dürfen als Seelsorger Geduld mit Menschen haben, einen langen Atem haben. Wir dürfen den Menschen auch gestatten, Irrwege zu gehen.

Mir hat vor vielen Jahren einmal ein Mitbruder ein Bildwort an die Hand gegeben: Es gibt heute Hundeleinen, die einen langen dehnbaren Zug haben, wo man dem Hund „lange Leine“ lassen kann. So etwas hat Gott für uns. Wichtig ist, dass wir bei ihm an der Leine sind. Gott lässt den Menschen oft an der langen Leine laufen, er lässt ihn vielleicht an vielen Bäumen schnuppern. Aber du bist bei ihm an der Leine. Und wenn es kritisch wird, zieht er die Leine an.

Wenn wir bei Gott verankert sind, angeleint sind, dann wird Gott zum Ziel kommen. Und genau so dürfen wir mit den Menschen einen langen Weg gehen und viel Geduld haben. Das können wir von Paulus lernen.

 

Wir gehen noch einen kleinen Schritt weiter: „Und ich bete darum …“

Jetzt fragen Sie sich einmal, wenn Sie an Ihre Gemeinde denken: Was würden Sie denn für die Gemeinde, aus der Sie kommen, im Gebet erbitten?

Wenn Paulus sagen kann: „Ich denke in meinen Gebeten immer mit Freude an euch …“, soll man dann überhaupt noch etwas erbitten? Und wenn ja, was soll man erbitten?

 

Und es ist sehr interessant, was Paulus hier für die Gemeinde erbittet:

 

„Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird.“

 

Hier steht im Griechischen ein Ausdruck, der gleichsam ein Lieblingsausdruck des Paulus ist. Dieser griechische Ausdruck heißt: „perisseuein“. Er wird übersetzt: überströmen, überfließen, überreich, überschwänglich. Paulus sagt, und das ist die typische Weise, wie er die Menschen ermahnt und ermutigt: Ihr habt ja Liebe, aber ihr könnt in der Liebe immer noch überfließender werden, immer noch reicher werden. Liebe kann man nie genug haben. Paulus ist ein sehr überschwänglicher Mensch, und an dieser Überschwänglichkeit lässt er im Gebet die Gemeinde teilhaben.

 

Aber jetzt kommt etwas Interessantes. Woran soll denn ihre Liebe immer reicher werden? Nicht an Gefühl oder Empfindung oder an Herzlichkeit. Nein, die Liebe soll

 

„immer noch reicher werden an Einsicht und Verständnis damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi.“

 

Dem Paulus ist eins wichtig, und da machen wir heute oft einen Fehler: Liebe hat nicht nur etwas zu tun mit dem Gefühl. Viele junge Menschen heiraten aus Liebe und meinen das Gefühl der Liebe, gleichsam so ein Kribbeln in der Bauchgegend.

Wichtig ist, dass Liebe gepaart ist mit Einsicht und Verständnis. Das ist eine Sache des Kopfes.

Dahinter steht auch der folgende Gedanke: Wenn Paulus darum betet, dass die Liebe an Einsicht und Verständnis wächst, dann bedeutet das auch, dass sie fähig wird, selbständig zu prüfen und zu beurteilen, war richtig ist. Dass die Philipper nicht einfach unkritisch alles annehmen, nur weil etwa Paulus das gesagt hat. Nicht, weil der Paulus das gesagt hat, und weil wir ein so herzliches Verhältnis zu ihm haben. Nein, wir prüfen das nach.

Dahin geht das Gebet des Apostels, dass sie prüfen und beurteilen können. Und gleichzeitig muss dieses Prüfen und Beurteilen gepaart sein mit Liebe und nicht mit Besserwisserei.

 

In der Apostelgeschichte gibt es eine kurze Notiz, die in diesem Zusammenhang wichtig ist. Paulus kommt auf seiner Missionsreise von Thessalonich nach Beröa. Und da heißt es von den Menschen in Beröa:

 

„Mit großer Bereitschaft nahmen sie das Wort auf und forschten Tag für Tag in den Schriften nach, ob sich dies wirklich so verhielte.“ (Apg 17,10)

 

Was würde ich mir als Prediger Menschen wünschen, die sonntags nach der heiligen Messe nicht nur sagen: „Was hat der Pfarrer heute wieder schön gesprochen!“ Sondern die in der Bibel forschen, ob es sich wirklich so verhält.

 

Wenn wir von da aus einmal einen Blick tun in unsere heutige kirchliche Situation:

Wir erleben heute eine weit gehende geistliche Unwissenheit. Das kann dann dahin führen, dass derjenige automatisch Recht hat, der sich heute in der Kirche am lautesten zu Wort meldet,. Wer von uns traut sich denn noch ein Urteil zu, ob das, was die einzelnen Theologen von sich geben, richtig ist. Ich will hier gar keine Namen nennen. Den meisten Christen fehlt die Kenntnis des eigenen Glaubens. Die meisten Katholiken sind doch mit ihrem geistlichen Wissen auf dem Stand des 9. oder 10 Schuljahres stehen geblieben. Danach hat sich kaum noch einer weiter geistlich weitergebildet.

Auf der anderen Seite hat die Theologie eine so abgehobene Sprache entwickelt, dass es für viele gar nicht mehr möglich ist, zu prüfen. Heute kann ein Theologe die abwegigsten Thesen behaupten. Wenn er sie fünfmal behauptet, hat er Recht. Und wenn er dann in einer Talkshow im Fernsehen seine Thesen noch mit einem Gag versehen kann, so dass er Lacher auf seiner Seite hat, dann hat einer, der abwägend prüft, kaum noch eine Chance.

 

Da merkt man, wie wichtig das Gebetsanliegen des Paulus auch heute ist: dass unsere Liebe wächst an Einsicht und Verständnis, damit wir prüfen und beurteilen können, worauf es ankommt.

Es geht dabei nicht darum, alles kritisch zu hinterfragen. Deshalb steht das Wort Liebe im Mittelpunkt. Nein, wir wollen prüfend gemeinsam der Wahrheit auf die Spur kommen.

Und wenn das geschieht, dass unsere Liebe überfließend wird an Einsicht und Verständnis, sodass wir beurteilen können, worauf es ankommt, dann werden wir

 

„reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.“

 

Dann werden Früchte in unserem Leben sichtbar, und das dient Gott zur Ehre und zum Lob.

 

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