Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (6)
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Grundton Freude

Kapitel 6

Dem Evangelium geht es gut

Phil 1,12-18a

 

„Ihr sollt wissen, Brüder, dass alles, was mir zugestoßen ist, die Verbreitung des Evangeliums gefördert hat. Denn im ganzen Prätorium und bei allen übrigen ist offenbar geworden, dass ich um Christi willen im Gefängnis bin. Und die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen um so kühner, das Wort Gottes furchtlos zu sagen. Einige verkündigen Christus zwar aus Neid und Streitsucht, andere aber in guter Absicht. Die einen predigen Christus aus Liebe, weil sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums bestimmt bin, die andern aus Ehrgeiz, nicht in redlicher Gesinnung; sie möchten die Last meiner Ketten noch schwerer machen. Aber was liegt daran? Auf jede Weise, ob in unlauterer oder lauterer Absicht, wird Christus verkündigt, und darüber freue ich mich.“ (Phil 1,12-18a)

 

In meiner Arbeitsbibel (alte Herderübersetzung) steht als Überschrift über diesem Abschnitt: „Persönliche Lage des Apostels“. Und in der Tat, dieser Abschnitt liest sich wie die Antwort des Apostels auf eine Frage der Philipper: „Paulus, wie geht es dir?“

 

Aber im Mittelpunkt der Antwort des Apostels steht nicht, wie es ihm geht. Seine Antwort heißt: „Dem Evangelium geht es gut!“ Auch hier spüren wir wieder, wie sehr im Mittelpunkt das Evangelium steht und nicht seine eigenen Person. Achten Sie einmal beim Lesen des Abschnitt darauf: Da geht immer um die Verkündigung des Evangeliums.

Die Verbreitung des Evangeliums wird gefördert. (Vers 12) Das Wort Gottes wird furchtlos verkündet. (Vers 14) Christus wird verkündet, aus Neid oder in guter Absicht. (Vers 15) Ich bin zur Verteidigung des Evangeliums bestimmt. (Vers 16) Und der ganze Abschnitt gipfelt in der Aussage:

 

„Auf jede Weise, ob in unlauterer oder lauterer Absicht, wird Christus verkündigt, und darüber freue ich mich.“ (Vers 18)

 

Seine persönliche Lage ist nur die Hintergrundfolie. Im Vordergrund leuchtet die Botschaft: „Mit dem Evangelium steht es gut.“

 

Dahinter steht die Tatsache, dass man den Boten fesseln und ins Gefängnis werfen kann. Aber das Wort Gottes kann man nicht fesseln.

Ganz am Ende der Apostelgeschichte ist Paulus als Gefangener in Rom. Aber auch dort heißt es:

 

„Er (Paulus) verkündete das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, denn Herrn, vor.“ (Apg 28,31)

 

Das Wort Gottes entfaltet eine Eigendynamik. Wo das Wort Gottes verkündet wird, da breitet es sich aus, auch wenn der Bote gefangen gesetzt wird. Paulus ist in einem Prätorium in Gefangenschaft, (Wo er im Gefängnis ist, das haben wir anfangs in den Einleitungsfragen kurz angesprochen.) und er ist in Fesseln. Paulus hat sich um des Evangeliums willen ins Gefängnis werfen lassen. Aber die Wirkung ist, dass die anderen jetzt um so unerschrockener das Wort Gottes verkünden.

Nicht umsonst gibt es seit den Tagen der frühen Kirche den Grundsatz: Das Blut der Märtyrer ist die Saat für neue Christen. Das griechische Wort „martys“ heißt „Zeuge“. Wo ein Zeuge mit seinem Leben für seine Botschaft einsteht, da provoziert das Unerschrockenheit in der Verkündigung bei den anderen.

 

Werfen wir noch einmal einen Blick in die Apostelgeschichte, nur mit ein paar ganz kurzen Strichen. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte finden wir immer wieder Aussagen wie diese: „Die Menge der gläubig Gewordenen war ein Herz und eine Seele.“ Die waren aber so sehr ein Herz und eine Seele, dass der missionarische Impuls zu versiegen drohte.

Und dann hat Gott eingegriffen. Stephanus wird gesteinigt. Und dann steht da in Apg 8,1.4

 

„An jenem Tag brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein. Alle wurden in die Gegenden von Judäa und Samarien zerstreut, mit Ausnahme der Apostel….Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort.“

 

Nachdem Stephanus mit seinem Leben dafür eingestanden war, verkündigen die, die zerstreut werden, mit wachsender Unerschrockenheit das Wort überall, wohin sie kamen. (vgl. auch Apg 11,19) Und es steht ausdrücklich dabei „nicht die Apostel“. Die Apostel blieben in Jerusalem.

 

Ähnlich ist das bei Paulus hier im Philipperbrief. Und das macht ihn froh.

 

Nun gibt es zwei Gruppen, die das Wort Gottes weitergeben. Auf der einen Seite die, die es aus Liebe zum Apostel tun. Sie verkünden mit wachsender Unerschrockenheit das Evangelium. Paulus ist gefesselt – Jetzt erst recht!

Es hat aber auch eine andere Gruppe gegeben. Die war offensichtlich in Kleinasien (der heutigen Türkei), aber auch in Griechenland relativ bedeutsam. Da hat man dem Paulus vorgehalten: „Paulus, eigentlich bist du gar kein richtiger Apostel. Apostel ist nur einer, der den Herrn Jesus Christus leiblich gesehen hat.“ (vgl. Apg 1,21)

Außerdem war Paulus offenbar keine attraktive Erscheinung und auch kein großer Redner. Paulus betont im 2. Korintherbrief an mehreren Stellen seine Schwachheit. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang das 11. und 12. Kapitel im 2. Korintherbrief zu lesen. Paulus schreibt da z.B.:

 

„Ich denke doch, ich stehe den ‚Überaposteln’ keineswegs nach. Im Reden mag ich ein Stümper sein, aber nicht in der Erkenntnis.“ (2 Kor 11,5-6)

 

Es hat also offensichtlich eine Gruppe gegeben, die sich dem Paulus weit überlegen gefühlt hat. Paulus nennt sie ironisch ‚Überapostel’, die möglicherweise eine große Rednergabe hatten.

Man hat dem Paulus vorgehalten (nachzulesen in 2. Kor 10,10):

 

„Ja, die Briefe, wird gesagt, die sind wuchtig und voll Kraft, aber sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig.“

 

Solche Überapostel sind wohl auch in Philippi aufgetreten. Sie haben wohl Christus verkündet, aber nur, um dem Paulus und den Philippern zu demonstrieren, was eine richtig dynamisch Verkündigung ist. Nicht immer nur diese Botschaft vom Kreuz, die Paulus verkündet hat.

 

Wahrscheinlich geht es hier im Philipperbrief um solche ‚Überapostel’. Sie verkünden keine Irrlehre, aber sie verkündigen Christus mit einer Spitze gegen den Apostel Paulus. Und der sitzt im Gefängnis, in Ketten, und kann sich nicht dagegen wehren.

 

Doch jetzt wird die wahre Größe des Apostels Paulus sichtbar:

 

„Aber was liegt daran? Auf jede Weise, ob in unlauterer oder lauterer Absicht, wird Christus verkündigt, und darüber freue ich mich.“ (Phil 1,18)

 

Christus wird verkündigt, und das allein ist mir wichtig.

Was wird da für eine Freiheit sichtbar, wo einer sich selber als Verkündiger so zurücknehmen kann: „Lass sie meinen, sie wären die Besseren. Hauptsache: Christus wird verkündigt.“ Diese Haltung ist etwas ganz Großes.

 

Das erinnert an Johannes den Täufer, der ja wirklich ein gewaltiger Bußprediger war. Eines Tages, wird eine offizielle Untersuchungskommission vom Hohen Rat zu ihm an den Jordan geschickt mit der Frage: „Bist du der Messias?“ „Ich bin nicht der Messias.“ „Bist du denn der Prophet, bist du Elija?“ „Nein!“ Die Antworten, nachzulesen im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, werden immer einsilbiger, immer kürzer. „Wer bist du denn?“ fragen sie weiter.

Und dann kommt die Größe Johannes’ des Täufers: „Ich bin nur die Stimme eines Rufenden in der Wüste: bereitet dem Herrn den Weg“. Das heißt: Meine Person ist völlig unwichtig. Es geht nur darum, dass meine Stimme eine Botschaft verkündet. Die Botschaft ist wichtig und nicht der Bote.

Für Paulus wie für Johannes den Täufer war nur eins wichtig, dass ER im Mittelpunkt steht und nicht ich, dass SEINE Botschaft zum Zuge kommt. Das ist das Entscheidende. Darüber kann Paulus sich freuen. Auch wenn die Christusverkündigung unlauter ist, dann nimmt er das nicht nur zähneknirschend zur Kenntnis. Er freut sich.

Ich wünschte manchmal, wir hätten diese Weite des Apostels Paulus und diese Freiheit anderen gegenüber.

 

Und wieder die Frage: Woher hat er diese Freiheit, diese Weite?

Ich komme zurück auf die zwei Ebenen von denen ich am Anfang gesprochen habe: „In Philippi“ sitzt Paulus im Gefängnis. Auf der Ebene „in Philippi“, muss er erleben, dass manche Leute aus Neid und Streitsucht verkündigen. Aber auf der Ebene „in Christus“ weiß er: „Christus wird groß gemacht“. Auf dieser Ebene kann er sich freuen.

 

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