Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (7)
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Grundton Freude

Kapitel 7

Das Leben ist für mich Christus

Phil 1,18b-26

 

„Aber ich werde mich auch in Zukunft freuen. Denn ich weiß: Das wird zu meiner Rettung führen durch euer Gebet und durch die Hilfe des Geistes Jesu Christi. Darauf warte und hoffe ich, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit - wie immer, so auch jetzt - durch meinen Leib verherrlicht wird, ob ich lebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Im Vertrauen darauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen ausharren werde, um euch im Glauben zu fördern und zu erfreuen, damit ihr euch in Christus Jesus um so mehr meiner rühmen könnt, wenn ich wieder zu euch komme.“  (Phil 1,18b-26)

 

Mit der ersten Hälfte von Vers 18 endet ein Rückblick des Apostels Paulus: Christus wird verkündigt, so oder so, und darüber freue ich mich.

Ab der zweiten Hälfte von Vers 18 richtet Paulus seinen Blick nach vorne:

 

„Aber ich werde mich auch in Zukunft freuen.“

 

Und auch bei dem Blick in seine persönliche Zukunft wird eine ungeheure Freiheit des Apostels sichtbar.

Paulus ist im Gefängnis. Ihm wird der Prozess gemacht, und es ist durchaus ungewiss, wie der Prozess ausgehen wird. Es kann sein, dass der Prozess mit einem Freispruch endet, es kann aber auch sein, dass am Ende das Todesurteil steht. Aber auch hier geht es dem Paulus nicht um sein eigenes Wohlergehen. Im Mittelpunkt steht wiederum Christus:

 

„Darauf warte und hoffe ich, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit - wie immer, so auch jetzt - durch meinen Leib verherrlicht wird, ob ich lebe oder sterbe.“ (Vers 20)

 

Christus wird verherrlicht, so oder so. Und darüber freut Paulus sich. Das ist der Inhalt seines Lebens. Wenn er sterben muss, dann weiß jeder im Prätorium, dass er als Zeuge für Jesus Christus gestorben ist.

 

Und dann kommt Paulus auf sein Sterben zu sprechen.

In dem großen 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes über die Auferstehung hatte Paulus am Ende gleichsam wie einen Triumphschrei geschrieben:

 

„Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,54-55)

 

Das war ein programmatisches Kapitel über Tod und Auferstehung. Hier im Philipperbrief, wo es um sein eigenes Sterben geht, formuliert Paulus nicht mehr so programmatisch. Und doch wird auch hier in seinen Worten eine unglaubliche Freiheit dem Sterben gegenüber deutlich:

 

„Das Leben ist für mich Christus, das Sterben ist für mich Gewinn.“ (Vers 21)

 

Diesen Satz wollen wir einmal etwas abklopfen.

 

Normalerweise gilt im natürlichen Leben: Das Sterben ist Verlust. Da verliere ich alles. Im Sterben müssen wir alles lassen, da kannst Du nichts mitnehmen, nicht einmal den geliebtesten Menschen. Wir sagen in einer Redensart: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Das ist es ja, was uns den Gedanken an unser Sterben so schwer macht. Sogar beim Eheversprechen am Traualtar heißt es: „… bis der Tod uns scheidet.“ Selbst diese tiefste Beziehung wird durch den Tod geschieden. Im Sterben verlierst du alles.

Auf diesem Hintergrund muss man die Aussage des Paulus hören: „Das Sterben ist für mich Gewinn.“

Nun, auch heute gibt es vielleicht manchen, der sagt: „Das Sterben ist für mich Gewinn!“, weil er mit seinem Leben nicht mehr klar kommt. Und dann nimmt er vielleicht einen Strick oder eine Überdosis Tabletten. Aber Paulus ist ja nicht einer, der mit dem Leben nicht mehr klar kommt. Er schreibt hier ja auch:

 

„Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit.“ (Vers 22)

 

So spricht kein Lebensmüder.

Wenn wir das Geheimnis seiner inneren Freiheit dem Sterben gegenüber verstehen wollen, müssen wir den Vordersatz anschauen. Wenn Paulus schreibt: „Das Sterben ist für mich Gewinn“, dann sagt er im gleichen Atemzug im Vordersatz: „Das Leben ist für mich Christus.“ Dieser Satz bedeutet, anders ausgedrückt: Mein ganzer Lebensinhalt, alles, was mein Leben ausmacht, ist Christus.

 

Es lohnt sich, hier wieder einmal innezuhalten. Was ist eigentlich mein Lebensinhalt? Was ist in meinem Leben das Wichtigste, das Kostbarste? Es mag sein, dass das der Ehepartner ist, die Kinder oder Enkelkinder, die Arbeit, das Hobby, das Häuschen, meine gesellschaftliche Stellung, mein ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde. Alle diese Dinge sind nicht schlecht, sind sogar gut. Aber alle diese Dinge haben einen entscheidenden Nachteil. Wenn ich sie zu meinem Lebensinhalt mache, muss ich sie alle lassen, wenn es ans Sterben geht. Da ist immer das Sterben Verlust.

Aber in dem Augenblick, wo ich Christus zu meinem tiefsten Lebensinhalt mache, da ist er der Einzige, den ich im Sterben nicht lassen muss. Johannes schreibt in seinem ersten Brief:

 

„Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1 Joh 3,2)

 

Im Sterben werden wir IHM ähnlich sein, weil wir ihn dann schauen so wie er ist. Von hier aus wird klar, dass Paulus schreiben kann: „Das Sterben ist für mich Gewinn“, da gewinne ich noch etwas dazu. Was ich in diesem Leben schon habe, dass Christus mein Lebensinhalt ist, das wird im Sterben in einer radikalen Weise vertieft: Ich werde ihm ähnlich sein, und ich werde ihn schauen so wie er ist.

Für mich ist das Leben Christus. Es lohnt sich, auf diesem Hintergrund einmal die Lebensgeschichte des Paulus abzuklopfen:

 

Wenn Paulus in der Bibel gelesen hat, dann nicht, um sein Bibelwissen zu vermehren. Nein, er schreibt in unserem Philipperbrief:

 

„Christus möchte ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden.“ (Phil 3,10)

 

Wenn Paulus die Bibel gelesen hat (Seine Bibel war ja unser Altes Testament; das Neue Testament gab es noch gar nicht.), dann findet er überall Hinweise auf Christus.

Wenn Paulus Reisen unternommen hat, dann hat er es nicht getan, um am Strand von Korinth Urlaub zu machen. Nein, er muss allen Menschen die Botschaft von Jesus Christus weiter erzählen.

 

„Die Liebe Christi drängt uns …“, schreibt er im zweiten Korintherbrief (5,14).

„Ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“  (1 Kor 9,16)

 

Wenn Paulus Briefe geschrieben hat, dann nicht, um alte Bekanntschaften aufzufrischen. Er hat vielmehr jede Möglichkeit genutzt, um Christus zu verkündigen. Selbst ein kleiner Privatbrief, der Philemonbrief, wo es eigentlich nur darum geht, einen entlaufenen Sklaven mit einem Empfehlungsschreiben an seinen Herrn Philemon zurückzuschicken, gerät dem Paulus unter der Hand zur Christusverkündigung.

Sollte es richtig sein, dass der Abschnitt Phil 4,10-20, wo Paulus sich für eine Spende der Philipper bedankt, ursprünglich ein eigener Brief war, dann hat Paulus selbst so ein kleines Dankesschreiben umfunktioniert zur Christusverkündigung. Im Mittelpunkt dieses „Dankesbriefes“ steht die Aussage:

 

„Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“ (Phil 4,13)

 

Paulus hat jede Möglichkeit genutzt, um Christus in den Mittelpunkt zu stellen. Wir haben das im vorigen Abschnitt erlebt, wir merken es auch hier. In dieser Hinsicht war Paulus ein Radikaler. Aber weil er in diesem Punkt so radikal ist, kann mit großer Zuversicht schreiben: „Das Sterben ist für mich Gewinn.“

 

Diese Freiheit dem Sterben gegenüber durchzieht auch die folgenden Aussagen unseres Abschnitts:

 

„Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.“ (Phil 1,22-23)

 

Man muss sich wieder vor Augen halten: Paulus hat einen Prozess am Hals, er hat möglicherweise das Todesurteil zu erwarten. Und dann spricht dieser Mann noch vom „Wählen“. Ich weiß überhaupt nicht, was ich wählen soll, was ich vorziehen soll. Auf der einen Seite: Wenn ich schon wählen müsste, dann würde ich lieber bei Christus sein. Das wäre das weitaus bessere. Hier wird übrigens ganz deutlich: Sterben ist für Paulus gleichbedeutend mit ‚bei Christus sein’. Auf der anderen Seite ist es um euretwillen notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Den gewaltsamen Tod vor Augen, sprich Paulus vom „Wählen“.

 

Die gleiche innere Freiheit dem Sterben gegenüber finden wir auch im Leben Jesu. Im Johannesevangelium sagt Jesus:

 

„Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen.“  (Joh 10,17-18)

 

Mit anderen Worten gesagt: „Ich wähle!“

 

Man hat Jesus schließlich am Kreuz gewaltsam das Leben genommen; man hat Paulus gewaltsam das Leben genommen - der Überlieferung nach ist er enthauptet worden. Aber eins konnten sie ihm nicht nehmen: die innere Freiheit dem Sterben gegenüber.

 

In diesem Zusammenhang möchte ich einmal hinweisen auf eine Stelle im 12 Kapitel der Offenbarung des Johannes. Da geht es um die christlichen Märtyrer. Von ihnen heißt es:

 

„Gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte (der Teufel). Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod.“ (Offb 12,10-11)

 

Wichtig ist mir die letzte Bemerkung „sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod“. Normalerweise hat jeder Mensch Angst vor dem Sterben. Und dadurch hat der Teufel den Menschen gegenüber ein Druckmittel in der Hand: Entweder den römischen Kaiser als Gott verehren, oder eines gewaltsamen Todes sterben. Aber hier sind Menschen, denen konnte man nicht mit dem gewaltsamen Tod drohen, weil sie sich eine innere Freiheit dem Sterben gegenüber bewahrt haben. Sie wussten, dass es ein Leben gibt über das irdische Leben hinaus. Hier wird die gleiche Freiheit dem Sterben gegenüber sichtbar wie bei Paulus. Und wer diese innere Freiheit hat, dem kann der Teufel nicht mehr mit der Todesfurcht drohen.

 

Aber noch etwas ist wichtig bei dieser inneren Freiheit des Apostels dem Sterben gegenüber. Auf der einen Seite schreibt er:

 

„Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.“

(Phil 1,23-24)

 

Paulus, der Knecht Christi Jesu, entscheidet sich auch hier, wo er für sich selbst das Sterben wählen würde, für den Dienst an der Gemeinde. Für euch ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.

Wer von uns hätte diese Freiheit dem Sterben gegenüber? Und wer von uns hätte diese tiefste Bereitschaft, auch dann noch die eigenen Wünsche hinanzustellen, um der Gemeinde zu dienen? Aber wenn wir uns diese tiefste Freiheit wünschen, hier liegt der Schlüssel: Das Leben ist für mich Christus.

 

Ich möchte noch einmal kurz zurückkommen auf den Anfang unseres Abschnitts. Da schreibt Paulus im Blick auf seine äußere Situation (Gefängnis, Prozess, mögliches Todesurteil).

 

„Ich weiß: Das wird zu meiner Rettung führen durch euer Gebet und durch die Hilfe des Geistes Jesu Christi.“ (Phil 1,19)

 

Jesus hat immer wieder betont, dass der Heilige Geist unser Beistand ist, wenn sie uns vor die Gerichte schleppen, wenn sie uns alles Böse lügnerisch nachsagen.

 

„Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“

(Mt 10,19-20)

 

„Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. … Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann.“ (Joh 15.18-19; 14,16)

 

Diese Zusagen Jesu durfte Paulus ganz für sich in Anspruch nehmen. Vgl. auch 2 Tim 4,16-17:

 

„Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden. Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören; und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen.“

 

Paulus weiß sich aber auch getragen von der Fürbitte der Gemeinde. Der Beistand des Heiligen Geistes ist das Eigentliche, aber es ist ihm auch wichtig, dass das Gebet der Gemeinde ihn trägt.

Viele Verkündiger heute stehen gleichsam an der Front, auch an der Front des Unglaubens: die Priester, die Religionslehrer(innen), die Erzieherinnen in den Kindergärten, die Eltern und Großeltern, die ihre Kinder und Enkel in den Glauben einführen. Sie alle haben es nötig, dass sie getragen sind von dem Fürbittgebet der Gemeinde. Ob wir in unseren Gemeinden und in unserem privaten Beten diese Weise der Fürbitte genügend praktizieren für die Missionare in den Missionsländern, aber auch für die Glaubensverkündiger in unserem Land?

 

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