Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (8)
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Grundton Freude

Kapitel 8

Über die Einmütigkeit

Phil 1,27 – 2,4  und  4,2-3

 

„Vor allem: lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht. Ob ich komme und euch sehe oder ob ich fern bin, ich möchte hören, dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst. Das wird für sie ein Zeichen dafür sein, dass sie verloren sind und ihr gerettet werdet, ein Zeichen, das von Gott kommt. Denn euch wurde die Gnade zuteil, für Christus da zu sein, also nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch seinetwegen zu leiden. Denn ihr habt den gleichen Kampf zu bestehen, den ihr früher an mir gesehen habt und von dem ihr auch jetzt hört.

 

Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“  (1,27 – 2,4)

 

„Ich ermahne Evodia, und ich ermahne Syntyche, einmütig zu sein im Herrn. Ja, ich bitte auch dich, treuer Gefährte, nimm dich ihrer an! Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern. Ihre Namen stehen im Buch des Lebens.“  (4,2-3)

 

 

In diesem Abschnitt kommt Paulus auf eine Grundhaltung zu sprechen, die in der Kirche des Anfangs eine ganz zentrale Rolle spielt, das Stichwort „Einmütigkeit“. Es gibt nur wenige Ermahnungen im Neuen Testament, die so hervorgehoben werden, wie die Mahnung zur Einmütigkeit. Jesus selbst hat dem einmütigen Gebet eine ganz große Verheißung gegeben:

 

„Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19b-20)

 

Die Einheitsübersetzung ist hier etwas blass. Wörtlich übersetzt müsste es heißen: „Wo zwei von euch auf Erden eins werden, was sie erbitten …“ Dem einmütigen Gebet wird hier Erhörung verheißen.

Im Hohepriesterlichen Gebet unmittelbar vor der Leidensgeschichte im Johannesevangelium ist die Einmütigkeit ein zentrales Gebetsanliegen Jesu.

 

„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. … Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.“ (Joh 17,21-23)

 

Auch in der Apostelgeschichte spielt die Einmütigkeit der Urgemeinde eine ganz zentrale Rolle.

 

„Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ (Apg 2,44-47)

 

„Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.“ (Apg 4,32-35)

 

Hier ist ausdrücklich davon die Rede, dass ‚die Menge’ der Gläubiggewordenen (so die wörtliche Übersetzung) ein Herz und eine Seele war, und nicht nur ein kleiner Hauskreis von Gleichgesinnten. Außerdem hörte bei ihnen die Einmütigkeit nicht dort auf, wo bei uns oft die Freundschaft endet: beim Portmonee. Die Einmütigkeit der ersten Christen hatte ganz handgreifliche Formen: Es gab keinen Notleidenden unter ihnen. Wenn die ersten Christen es geschafft haben, in einer Generation die Botschaft von Jesus Christus im ganzen Mittelmeerraum zu verbreiten, dann lag es nicht zuletzt an dieser gelebten Einmütigkeit. Das hatte Ausstrahlungskraft.

Das „Einssein“ der Christen, um das Jesus betet, hat seine tiefste Bedeutung in Folgendem: In der gelebten Einmütigkeit der Christen wird das Glaubengeheimnis der Dreieinigkeit Gottes gleichsam handgreiflich erfahrbar. Ein einziger Gott in drei Personen, und doch nicht drei Götter. Erklären kann man dieses Geheimnis wohl nicht. Aber man kann es ein Stück weit erleben durch die gelebte Einmütigkeit der Christen.

Hier wird auch deutlich, dass Einmütigkeit oder Einheit nicht Gleichmacherei ist. In der Dreieinigkeit Gottes bleibt der Vater unverwechselbar der Vater, der Sohn unverwechselbar der Sohn, und ebenso der Heilige Geist. Genauso ist es auch bei der Einheit und Einmütigkeit der Christen. Jeder einzelne behält seine eigene Prägung, seinen eigenen Charakter, seine eigene Begabung und Veranlagung, seine Stärken und auch seine Schwächen. Jeder ist wirklich eine unverwechselbare Persönlichkeit. Und trotzdem sind sie eins und leben die Einmütigkeit. Das ist offensichtlich in der Welt so nicht machbar. Aber es wird möglich durch das Wirken des Heiligen Geistes.

 

In diesem Abschnitt des Philipperbriefes finden wir den Gedanken der Einmütigkeit in verschiedenen Ausfaltungen.  In Phil 1,27-28 lesen wir:

 

„Vor allem: lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht. Ob ich komme und euch sehe oder ob ich fern bin, ich möchte hören, dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst.“

 

Hier ist in Bezug auf Einmütigkeit der Schwerpunkt: Dass ihr einmütig kämpft für den Glauben an das Evangelium.

Diesen Ausdruck „kämpfen für das Evangelium“ finden wir im Philipperbrief noch einmal am Anfang des 4. Kapitels. Da ermahnt Paulus die beiden Frauen Evodia und Syntyche, einmütig zu sein im Herrn. Von denen sagt er dann: „Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft“.

 

Ich muss hier eine Zwischenbemerkung machen: Im Griechischen gibt es drei verschiedene Wort für unseren Ausdruck ‚Kampf’.

Das eine Wort ist im Griechischen ‚Polemos’. Daher kommt unser Fremdwort ‚Polemik’. Polemos ist der Kampf im Sinne einer militärischen Auseinandersetzung.

Das andere griechische Wort ist ‚Athlon’. Auch dafür gibt es bei uns ein oft gebrauchtes Fremdwort: Athlet oder Athletik. Athlon ist schwerpunktmäßig der Wettkampf.

Das dritte griechische Wort ist: ‚Agon’. Wenn ein Mensch den Todeskampf kämpft, dann gebrauchen wir bei uns den Ausdruck ‚Agonie’.

 

Diesen letzten Ausdruck ‚Agon’ gebraucht Paulus, wenn er schreibt:

 

„Euch wurde die Gnade zuteil, für Christus da zu sein, also nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch seinetwegen zu leiden. Denn ihr habt den gleichen Kampf zu bestehen, den ihr früher an mir gesehen habt und von dem ihr auch jetzt hört.“

(Phil 1,29-30)

 

Hier in Phil 1,28 schreibt Paulus: „Kämpft für den Glauben an das Evangelium“, und da gebraucht er für Kampf das Wort ‚Athlon’, ein Wort aus dem sportlichen Wettkampf.

Es ist auffällig, wie oft Paulus in seinen Briefen das Leben als Christ in Verbindung bringt mit Bildern aus dem sportlichen Wettkampf. Dafür einige Beispiele:

 

„Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde (disqualifiziert werde)“.

(1 Kor 9,24-27)

 

„Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.“ (2 Tim 4,7-8)

 

„Da uns eine solche Wolke von (Glaubens-) Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens.“ (Hebr 12,1-2)

 

Immer wieder finden wir bei Paulus dieses Bild vom Sportler, vom sportlichen Wettkampf.

 

 

Anknüpfend an diese Bilder aus dem sportlichen Wettkampf möchte ich einmal die Kirche vergleichen mit einer Fußballmannschaft.

 

Bei einer Fußballmannschaft gibt es den Torwart und die Verteidiger, die hinten dicht machen und dafür sorgen, dass der Gegner kein Tor schießt. Solche „Verteidiger“ des rechten Glaubens gibt es in der Kirche auch. Vielleicht sind die in der Kirche nicht immer sonderlich beliebt, aber sie sind notwendig.

Es gibt auf dem Fußballfeld aber auch die „Sturmspitzen“, die nach vorn preschen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie einmal abseits stehen und dann zurückgepfiffen werden. Auch in der Kirche brauchen wir solche „Sturmspitzen“.

Ausgesprochen wichtig sind bei einem Fußballspiel die Flügelstürmer, die „Rechtsaußen“ und die „Linksaußen“. Auch die haben in der Kirche eine wichtige Funktion. Aber: Die Stürmer rechts außen und links außen müssen daran denken, dass das gegnerische Tor nicht an der Eckfahne steht. Sie müssen den Ball rechtzeitig in die Mitte spielen.

 

Vielleicht haben manche noch die Bilder von ganz alten Filmen vor Augen, wie damals Fußball gespielt wurde. Da rannten alle Spieler gleichzeitig hinter dem Ball her.

Heute wissen wir, wie wichtig das „Spiel ohne Ball“ ist, das „Stellungsspiel“. Es geht nicht darum, in jedem Augenblick Ballkontakt zu haben, sondern die Position auf dem Spielfeld zu halten, die der Trainer mir zugedacht hat.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis auf den Trainer. Der entscheidet über die Taktik, welcher Spieler wo eingesetzt ist. Aber: Der Trainer ist nicht der Papst oder der Pfarrer. Der Trainer ist Jesus Christus. Es kann durchaus sein, dass Jesus Christus einen Menschen lange auf der „Reservebank“ sitzen lässt, bis er ihn dann schließlich (vielleicht wie einen Joker) einsetzt.

 

Übrigens: Zu einer erfolgreichen Fußballmannschaft gehört auch, dass sie vor wichtigen Spielen in ein „Trainingslager“ fährt. Das (eingedeutschte) lateinische Wort für Trainingslager heißt „Exerzitien“. Da merken wir sofort den Zusammenhang mit dem Leben als Christen.

 

Wenn eine Mannschaft über den Durchschnitt hinauskommen will, dann müssen die Spieler auf manches verzichten. Sie können nicht bei jeder Party mitmachen. Sie können sich nicht bei jeder Gelegenheit mit Alkohol volllaufen lassen. Aber die Spieler wissen auch: Es geht nicht um den Verzicht als Selbstzweck. Nein, sie tun das, weil sie ein Ziel vor Augen haben.

 

Wenn ein Spieler mitten im Spiel auf dem Platz ist, dann muss er vorher die Regeln kennen, die im Fußball gelten. Ein Spieler kann nicht mitten im Spiel hingehen und erst einmal in seinem Regelheft nachschauen, was er in der konkreten Situation darf oder nicht. Die Regeln muss er vorher gelernt haben.

Ich glaube, dass heute eine große Not in der Kirche darin besteht, dass viele Christen die ‚christlichen Spielregeln’ nicht kennen. Für die meisten Christen hat die religiöse Weiterbildung mit dem Schulabschluss aufgehört. Und da wundern wir uns, dass unser christliches Leben so wenig effizient ist.

 

Und schließlich: Wenn es bei einem Fußballspiel um die Lautstärke ginge, dann wären die wichtigsten Leute im Stadion die Schlachtenbummler. Was so ein richtiger Fan ist, der begleitet seine Mannschaft bei Heimspielen und Auswärtsspielen, und feuert lautstark seine Mannschaft an. Die jubelnde Begeisterung kennt kein Ende, wenn der eigene Verein ein Tor schießt.

Aber wehe, wenn die Spieler unten auf dem Rasen nicht das bringen, was die Fans erwarten. Dann werden sie gnadenlos ausgepfiffen.

Jesus hat auch solche ‚Schlachtenbummler’ gehabt, Menschen, die immer mitgezogen sind, die gejubelt haben. Als Jesus den Gelähmten heilt, der durchs Dach heruntergelassen wurde, da heißt es am Ende:

 

„Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.“ (Mk 2,1-12)

 

Sie gerieten außer sich – da steht im Griechischen das Wort „Ekstase“. Diese „geistlichen Schlachtenbummler“ haben Jesus beim Einzug in Jerusalem einen triumphalen Empfang bereitet.

Aber als dieser Jesus nicht das brachte, was sie von einem (politischen) Messias erwarteten, da schreien sie wenige Tage später gnadenlos: „Kreuzige ihn!“

Jesus hat nicht einen Fanclub gegründet, sondern er hat Menschen als Jünger in seine Nachfolge berufen, die bereit sind, ihr Leben ganz einzusetzen. Ein Fußballspiel wird nicht gewonnen durch die Schlachtenbummler, sondern durch die Spieler auf dem Rasen, die alles einsetzen. Und das Reich Gottes wird nicht gebaut durch Mitläufer, sondern durch Jünger, die sich ganz in Dienst nehmen lassen.

 

 

Ich komme nach diesem Intermezzo wieder zurück auf unseren Text im Philipperbrief:

 

„Ich möchte hören, dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst.“ (Phil 1,28)

 

Bei dem letzten Ausdruck möchte ich noch einen Augenblick verweilen: Lasst euch in keinem Fall einschüchtern von euren Gegnern.

Ich sehe eine große Not der Christen in unserem Land genau darin, dass wir uns ständig einschüchtern lassen. Wie oft lassen wir uns in eine Ecke drängen, wo wir uns dann immer rechtfertigen müssen, warum wir das alles noch glauben. Und wenn man dann nicht antworten kann, dann zieht man sich eingeschüchtert zurück. Da gilt es, die entgegen gesetzte Haltung an den Tag zu legen.

 

Ich persönlich will wohl ganz klar sagen, wo der Halt in meinem Leben ist, auf welches Fundament ich mein Leben gebaut habe.

Aber dann sollen die anderen sich doch einmal rechtfertigen. Sollen die doch einmal sagen, wo sie ihren letzten Halt haben, ihre Verankerung, ihr Fundament, das auch dann noch trägt, wenn das eigene Leben in die Krise kommt, wenn alles anfängt zu wackeln.

Wir brauchen uns nicht einschüchtern lassen. Wenn jemand einen ganz anderen Lebensentwurf hat, gut, es wird sich zeigen, ob sein Lebensentwurf trägt. Meinen Lebensentwurf darf ich aber in aller Schlichtheit bezeugen.

 

Ich weise noch einmal auf die Zusage Jesu hin:

 

„Macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“ (Mt 10,19-20)

 

Es gibt eine Geistesgabe, die so nicht in den Auflistungen der Geistesgaben bei Paulus vorkommt, die aber heute ganz wichtig ist. Ich möchte sie nennen: „geistliche Schlagfertigkeit“.

 

Wir beobachten oft im Leben Jesu, dass er seine Gegner mit einem einzigen Satz gleichsam außer Gefecht gesetzt hat, so dass sie ihm nichts mehr antworten konnten. Ich denke zum Beispiel an die Szene mit der Ehebrecherin (Joh 8,1-11), an die Steuerfrage (Lk 20,20-26), die Frage nach der Auferstehung (Lk 20,27-39), die Frage nach dem größten Gebot (Mk 12,13-34) Am Ende heißt es da in Mk 12,34:

 

„Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.“

 

Das war solche ‚geistliche Schlagfertigkeit’.

Diese Gabe der geistlichen Schlagfertigkeit ist nach der Verheißung Jesu auch uns angeboten (Lk 21,15).

 

Ich erinnere mich gut an eine Diskussion über Glaubensfragen, wo ein Mann mir vorhielt: „Sie können mir nicht beweisen, dass es Gott gibt.“ „Richtig!“ habe ich ihm geantwortet. „Aber sie können mir umgekehrt auch nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt. Also steht die Sache fünfzig zu fünfzig. Wenn die Sache aber fünfzig zu fünfzig steht, dann haben Sie mit Ihrer Haltung fünfzig Prozent Chance, in die Hölle zu kommen. Und das Risiko ist mir zu groß.“ Ich weiß wohl, dass so eine Antwort vielleicht etwas zu salopp war. Aber dieser Mann, der vorher nur so getrieft hat vor Spott, hat daraufhin den Mund nicht mehr aufgemacht.

 

In meiner Kaplanszeit hatte ich einmal Schulendtage (Tage religiöser Orientierung) für Schüler und Schülerinnen eines 9. Schuljahres der Realschule. Ich habe den Schülern am Anfang einfach von meinem Glauben erzählt und von meiner Liebe zur Heiligen Schrift.

Nun saß da im Kreis ein Schüler, von dem ich nur noch den Spitznamen weiß. Alle nannten ihn Tüni. Dieser Tüni kommentierte alles, was ich sagte, mit der Bemerkung: „Glaub ich nicht!“ Und meist haben die anderen beifällig genickt.

Ich hab mir das etwa 20 Minuten gefallen lassen. Dann habe ich den Spieß umgedreht und ihn gefragt: „Tüni, was du nicht glaubst, das weiß ich jetzt. Du hast mir 20 Minuten lang gesagt: Glaub ich nicht! Jetzt möchte ich von dir wissen, was du glaubst.“

„Nicht so eine schwere Frage“, war seine Antwort. Ich sagte ihm: „Ich kann das auch anders formulieren: Was ist für dich das Wichtigste in deinem Leben, wo du deine Erfüllung findest?“ „Ach so“, meinte er: „Späßchen haben; Mofa fahren, in die Disco gehen usw.“

Nun wusste ich, dass er seine Mofa immer in den Keller des Elternhauses bringen musste. Ich hab ihn gefragt: „Wenn du übermorgen abends deine Mofa die Kellertreppe herunter trägst, dabei stürzt und gelähmt bist, was ist denn dann mit ‚Späßchen haben’?“

Da sagte er wörtlich: „Scheiße, darüber hab ich noch nie nachgedacht.“ Nach einer kurzen Pause sagte er: „Dann nehme ich einen Strick.“

Die Mitschüler im Kreis wurden kreidebleich. Schließlich sagte eine Mitschülerin zu ihm: „Tüni, hast du einmal überlegt: Wenn du gelähmt bist, dann kannst du nicht einmal mehr einen Strick nehmen.“ Da wurde der Tüni kreidebleich. Aber von dem Augenblick an konnte man mit ihm wieder vernünftig reden, sogar über Glaubensfragen.

 

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang kurz zu sprechen kommen auf die Verse Phil 4,2-3, wo Paulus ebenfalls von Einmütigkeit spricht und vom Kampf für das Evangelium:

 

„Ich ermahne Evodia, und ich ermahne Syntyche, einmütig zu sein im Herrn. Ja, ich bitte auch dich, treuer Gefährte, nimm dich ihrer an! Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern. Ihre Namen stehen im Buch des Lebens.“ (Phil 4,2-3)

 

Ich weise wieder darauf hin, dass die von Paulus gewünschte Einmütigkeit angesiedelt ist auf der Ebene ‚im Herrn’. Auf der rein menschlichen Ebene sind Streit, Eifersucht und Rechthaberei an der Tagesordnung. Aber auf der Ebene ‚im Herrn’ schenkt der Heilige Geist Einmütigkeit. Dieses Grundprinzip des christlichen Lebens ‚im Herrn’ zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Philipperbrief, ja es prägt das ganze Denken und Handeln des Paulus.

 

Paulus spricht hier einen Mann an, den er ‚treuer Gefährte’ nennt. Hier steht im Griechischen das Wort ‚Syzygos’. Das ist zunächst ein Eigenname, genau wie Evodia und Syntyche. Syzygos heißt wörtlich übersetzt: ‚Jochgenosse’, einer, der mit unter einem Joch geht. Weiter bedeutet Syzygos dann Gefährte oder Genosse.

Paulus gebraucht hier mit dem Namen Syzygos ein Wortspiel, das man im Deutschen so kaum nachmachen kann. Umschreibend könnte man sagen: „Wenn du schon Syzygos, Jochgenosse, Gefährte heißt, dann erweise dich jetzt den beiden Frauen gegenüber auch als das, was du heißt, als treuer Gefährte. Tu das, was dein Name bedeutet: Nimm dich ihrer an und bring sie auf den rechten Weg.“

Man könnte dieses Wortspiel mit dem Namen Syzygos im Deutschen etwa so vergleichen: Wenn du schon ‚Gottfried’ heißt, dann stifte auch Frieden, und zwar von Gott her.

 

Auch hier wird ein Grundprinzip des christlichen Lebens angesprochen, die brüderliche Zurechtweisung. Jeder von uns wird irgendwann einmal schuldig, läuft in die falsche Richtung. Wenn uns das passiert, dann haben wir von Jesus her ein Recht auf die brüderliche Zurechtweisung.

 

Paulus schreibt im Galaterbrief:

 

„Wenn einer sich zu einer Verfehlung hinreißen lässt, meine Brüder, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut wieder auf den rechten Weg bringen.“ (Gal 6,1)

 

Jesus sagt in der ‚Gemeindeordnung’ im Matthäusevangelium:

 

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen.“ (Mt 18,15)

 

Brüderliche Zurechtweisung ist nicht einfach nur eine unangenehme Pflicht unter Christen. Wir haben ein Recht darauf, dass wir zurecht gewiesen werden, wenn wir auf einem Irrweg sind.

 

Paulus sagt von diesen beiden Frauen:

 

„Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern. Ihre Namen stehen im Buch des Lebens.“ (Phil 4,3)

 

Hier wird beiläufig deutlich, dass offensichtlich in der ‚Mannschaft’ des Paulus Frauen im Verkündigungsdienst gestanden haben und zwar auf einer gleichen Ebene wie die Männer. Dem Paulus wird ja oft nachgesagt, er sei frauenfeindlich gewesen. Da werden dann Äußerungen aus den Paulusbriefen angeführt wie folgt:

 

„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt.“  (Kol 3,18)

„Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden.“ (1 Kor 14,33-34)

 

Ja, es stehen solche Äußerungen in den Paulusbriefen. Aber hier im Philipperbrief wird deutlich, dass die Situation doch wohl vielschichtiger war, als der volkstümlich abgeleitete Grundsatz: Die Frau soll in der Kirche schweigen. Hier im Philipperbrief wird diese Frage nicht ausdrücklich thematisiert. Aber es werden Frauen namentlich erwähnt, die im Verkündigungsdienst stehen. Sie werden in einem Atemzug genannt mit Klemens und den anderen (nur männlichen?) Mitarbeitern.

 

In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass die ersten Zeugen der Auferstehungsbotschaft nicht die Apostel waren, sondern die einfachen Frauen, die am Ostermorgen in aller Frühe zum Grab Jesu gekommen waren. Von den Aposteln heißt es sogar ausdrücklich:

 

„Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen (den Frauen) nicht.“ (Lk 24,9-11)

 

Es ist sicher richtig, dass Jesus keine Frauen zu Aposteln berufen hat. Aber es ist auch richtig, dass in der Schar der Jünger Jesu (entgegen der jüdischen Tradition) Frauen waren. (Lk 8,1-3). Und es ist auch eine Tatsache, dass Gott diese Frauen gewürdigt hat, die ersten Botschafter (Botschafter heißt auf griechisch Apostel) der Auferstehung Jesu zu sein.

 

 

Wir gehen wieder zurück zum zweiten Kapitel des Philipperbriefes.

Der Anfang des zweiten Kapitels gibt uns einen kleinen Einblick, wie Paulus die Gemeinden ermahnt.

 

„Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig.“ (Phil 2,1-2)

 

Paulus zählt zuerst auf, was es in der Gemeinde alles an Positivem gibt.

 

Das tut Paulus übrigens auch, wenn er den ersten Korintherbrief schreibt, an eine Gemeinde, wo es nun wirklich viele Missstände gab.

 

„Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, so dass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet.“ (1 Kor 1,4-7)

 

In der Gemeinde in Philippi gibt es Ermahnung in Christus. (Ich weise wieder darauf hin, dass es nicht einfach heißt ‚Ermahnung’, nein es geht um Ermahnung „in Christus“. Im Mittelpunkt steht das „in Christus sein“.)

Für Ermahnung steht im griechischen Text das Wort Paraklesis. Das Wort Paraklet wird oft für den Heiligen Geist gebraucht. Luther übersetzt dieses Wort mit „Trost“. Der Heilige Geist wird ja auch oft in unseren Gebeten und Lieder „der Tröster“ genannt.

Eigentlich bedeutet dieser Ausdruck Parakletos, dass mir einer in vielleicht aussichtsloser Lage Mut zuspricht. So müsste man statt ‚Ermahnung’ eigentlich besser sagen ‚Ermutigung’. Ermahnung klingt halt immer etwas moralisch.

 

Was ist das etwas Großes, wenn man von einer Gemeinde sagen kann: Bei euch gibt es Ermutigung, ihr macht euch gegenseitig Mut. Achten Sie einmal darauf, wie viel es heute an Entmutigung gibt, wo ständig darauf hingewiesen wird, was schlecht läuft. Natürlich gibt es bei jedem Menschen und auch in jeder Gemeinde Gutes und Schlechtes. Da ist es wohltuend, wenn die „Ermahnung“ nicht nur darin besteht, dass man Schlechtes kritisiert und korrigiert. Es tut so gut, wenn man statt dessen das Gute hervorhebt und dazu ermutigt. Diese Haltung erlebt Paulus in der Gemeinde von Philippi. Es gibt bei euch Ermahnung, Ermutigung in Christus.

 

Weiter zählt Paulus auf: Es gibt bei euch „Zuspruch aus Liebe“. Im Epheserbrief fordert Paulus die Gemeinde auf, die Wahrheit in Liebe zu sagen (4,15). Wenn einer spüren kann, dass der Zuspruch, die Ermahnung und auch die Korrektur aus der Liebe heraus gesagt wird, dann baut man ihm eine Brücke, dass er den Zuspruch auch annehmen kann.

Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang die Geschichte von der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4) zu lesen. Wie liebevoll verpackt Jesus ihr gegenüber die Wahrheit über ihre fünf Männer, die sie gehabt hat.

 

Weiter schreibt Paulus: Es gibt bei euch „Gemeinschaft des Geistes“. Für Gemeinschaft steht hier wieder im Griechischen das Wort „Koinonia“. Der gleiche Ausdruck wie im ersten Kapitel, wo es um die „Gemeinschaft am Evangelium“ ging (1,5)

Weiter: Es gibt bei euch „herzlich Zuneigung und Erbarmen“.

Ich wünschte, dass man das alles von unseren Gemeinden heute sagen könnte.

 

Doch dann will Paulus noch eine Ermahnung loswerden. Aber er erhebt jetzt nicht den moralischen Zeigefinger (Ihr müsst – ihr dürft nicht – ihr solltet …), sondern er bleibt im „Grundton Freude“:

 

„macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr …“

 

Diese Art der Ermahnung ist typisch für den Apostel Paulus. Ich möchte nur noch ein Beispiel anfügen aus der ältesten Schrift des Neuen Testamentes, aus dem ersten Thessalonicherbrief. Da schreibt Paulus:

 

„Im übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener!“ (1 Thess 4,1)

 

Das Grundprinzip der Ermahnungen bei Paulus heißt: Ihr lebt schon so (nach dem Wohlgefallen Gottes) – werdet darin noch vollkommener, gleichsam überfließend.

 

Aber wie kann man denn noch ermahnen, wenn es schon so viel Positives in der Gemeinde gibt?

 

„Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig.“  (Phil 2,2)

 

Hier kommen wieder die Stichworte „einmütig“ und „einträchtig“ ins Spiel.

Nun ist mir hier eine Kleinigkeit wichtig, die in der Einheitsübersetzung nicht so deutlich zum Ausdruck kommt. „Einträchtig“ müsste man vielleicht besser übersetzen: „Seid auf dasselbe bedacht.“ Das griechische Wort, das hier steht, hat es nicht mit einem Gefühlt zu tun, sondern mit dem Verstand, mit dem Denken. Es geht um Entscheidung, was zu tun ist. Auf der einen Seite geht es um Liebe, um Herzlichkeit. Aber diese Herzlichkeit muss sich bewähren in der Entscheidungsfindung, in einem ganz nüchternen Überlegen. Beides liegt in der Ermahnung des Paulus: das Moment der Liebe, aber auch: Seid auf das Gleiche bedacht, seid eines Sinnes, trachtet nach dem Gleichen.

 

Weiter schreibt Paulus:

 

„dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ (Phil 2,3-4)

 

Ehrgeiz ist nichts Schlechtes, aber kann ich mich noch freuen über die Leistungen eines anderen, der besser ist als ich? Ich erinnere mich, wie vor einigen Jahren im Biathlon eine Wettkämpferin sich mit einer anderen mitfreuen konnte, die den ersten Platz belegte, während sie selbst „nur“ den zweiten Platz errungen hatte. Und diese Freude war nicht verkrampft, sondern geschah in einer ganz großen Natürlichkeit. Da war nichts zu spüren von einem „Zickenalarm“, der manchmal bei Wettkämpferinnen in solchen Situationen sichtbar wird. Das ist diese demütige Grundhaltung: „in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst“, wobei man sich durchaus der eigenen Fähigkeiten und Stärken bewusst sein darf.

 

„Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“

 

Dieser Satz ist mir in den letzten Jahren in der Pfarrseelsorge immer wichtiger geworden. Es geht hier im Philipperbrief ja nicht zunächst um den Einzelnen, sondern um die Gemeinde.

Eine große Not in unseren Gemeinden besteht darin, dass einzelne Personen und auch einzelne Gruppen oft nur ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, und nicht mehr das Ganze im Blick haben. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen:

Da hat in der Pfarrei eine Familie Kinder im Kindergarten. Bei einer Elternversammlung fordert sie mit großem Nachdruck, dass der Pfarrer regelmäßig, mindestens einmal in der Woche, in den Kindergarten kommt.

Wenn die Kinder der gleichen Familie dann in die Schule kommen, dann erwarten sie vom Pfarrer mit großer Selbstverständlichkeit, dass er regelmäßig Religionsunterricht in der Schule gibt. Die Seelsorge im Kindergarten interessiert dann auf einmal gar nicht mehr.

Sind die Kinder dann im jugendlichen Alter, dann muss sich der Pfarrer intensiv um die Jugendarbeit kümmern.

Dass es auch noch die Alten- und Rentnergemeinschaft gibt, die Frauengemeinschaft, die einzelnen Verbände, die Seelsorge an den Kranken usw., das kommt in dem Augenblick kaum noch in den Blick.

 

Vom eigenen augenblicklichen Standpunkt aus gesehen, haben die Betreffenden immer Recht. Aber es gibt so wenige, die das Ganze im Blick haben, die sich klar machen, dass ein Pfarrer in der Seelsorge Prioritäten und Akzente setzen muss, dass er manches delegieren muss, und nicht alles mit gleichem Engagement persönlich erledigen kann.

 

Ein anderes Beispiel:

Es ist für einen guten Kirchenchor natürlich schön, wenn er am Weihnachtsfest die Christmette oder das Hochamt gestalten kann. Aber wenn dann für die mitfeiernde Gemeinde in der Christmette nur noch ein einziges Weihnachtslied zum Singen übrig bleibt (wo die Weihnachtszeit sowieso so kurz ist), dann ist das zwar für einen Kirchenchor erhebend, aber es ist an der Gemeinde vorbei gedacht.

 

„Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“

 

Wir müssen wieder lernen, vom Ganzen her zu denken und nicht nur von einem Teilbereich her. Das wird in dem Maße immer wichtiger, wie Gemeinden zu immer größeren Einheiten zusammengelegt werden, oder wo ein Priester für immer mehr einzelne Pfarreien zuständig ist.

Jeder sei nicht nur auf das bedacht was ihm nützt, auf das Eigene, sondern auch auf das der Anderen. Wenn wir das im Blick haben, dann wird es für alle, die in den Gemeinde Verantwortung übernommen haben, leichter, diesem Dienst auch gerecht zu werden.

 

Das beherrschende Stichwort in diesem ganzen Abschnitt war „Einmütigkeit“.

Die Einmütigkeit, von der im Neuen Testament die Rede ist darf man nicht verwechseln mit Gleichmacherei, mit Uniformität: „Alle im römischen Gleichschritt – Marsch!“ Vielleicht haben wir hier in der katholischen Kirche manchmal auch Fehler gemacht. Eine solche Einheitlichkeit wäre auf die Dauer auch sehr langweilig und wenig kreativ.

 

Vor Jahren habe ich einmal eine englische Bibelübersetzung in die Hand bekommen, die in moderner, einfacher Sprache geschrieben war, vergleichbar der deutschen „Gute Nachricht Bibel“. In dieser englischen Übersetzung wurde das Wort „Einmütigkeit“ umschrieben mit dem Ausdruck: „in one accord“.

„In einem Akkord“, das ist ein Ausdruck aus dem Bereich der Musik. Ich habe den Eindruck, dass dieser Ausdruck „in one accord“ genau den Nagel auf den Kopf trifft, bei dem was die Bibel mit Einmütigkeit meint.

In einem Chor singt ja auch nicht jeder einstimmig den Ton „C C C C“. Das wäre auf die Dauer langweilig. Nein, da singt der eine C, der andere singt E, der andere singt G, jede Stimme ihre eigene Melodie. Aber es gibt einen Zusammenklang, eine Harmonie, und das ist das Entscheidende.

Natürliche gibt es in einem musikalischen Werk auch Dissonanzen, Reibungen. Manchmal prallen Klangblöcke richtig aufeinander, man hat den Eindruck, dass es ein einziger großer Missklang ist. Das muss manchmal so sein. Eine reine Schwelgerei im Wohlklang wäre auch auf die Dauer langweilig. Aber die Reibungen und Dissonanzen lösen sich wieder auf, und am Ende steht die Harmonie.

Das ist gleichsam ein Spiegelbild für die Gemeinde. In einer Gemeinde darf es durchaus auch einmal „knallen“. Da dürfen unterschiedliche Meinungen und Konzeptionen aufeinanderprallen. Aber am Ende darf nicht der Streit stehen, sondern muss Einmütigkeit sichtbar werden: „in one accord“

 

Damit das Ganze aber in Einmütigkeit, in one accord, in Harmonie zum Klingen kommt, sind zwei Voraussetzungen wichtig, in einem Orchester wie auch in einer Gemeinde.

 

Erste Voraussetzung: Alle spielen das gleiche Stück.

Es wäre ein Unding, wenn die Violinen sagen würden: „Wir spielen ‚die Fünfte’ von Beethoven“, während die Bläser sich vornehmen: „Wir spielen die ‚Unvollendete’ von Schubert“. Für ein Orchester ist das eine Selbstverständlichkeit. Aber in einer Gemeinde kann man in der Regel erleben, dass jeder Verein und jede Gruppierung ihr eigenes Jahresprogramm hat, ohne Rücksicht darauf, welche Schwerpunkte die anderen Gruppierungen setzen. Vieles in unserer Arbeit verpufft, weil wir in diesem Punkt nicht einmütig sind.

Was würde wohl passieren, wenn eine ganze Pfarrgemeinde sich auf einen einzigen Jahresschwerpunkt einigen würde? Vielleicht ist man im Pfarrgemeinderat zu der Erkenntnis gekommen, dass die Aktivierung der Jugendarbeit in diesem Jahr Vorrang haben soll. Das hätte dann Konsequenzen für alle Gruppierungen. Der Kirchenchor müsste dann vielleicht schwerpunktmäßig neue geistliche Lieder singen. Der Kirchenvorstand, die Kirchenverwaltung, müsste zusätzlich Gelder aus dem Haushalt für die Jugendarbeit frei machen (die dann natürlich anderswo eingespart werden müssen). Man könnte das für alle Gruppierungen weiter durchbuchstabieren.

Es kann ja dann durchaus sein, dass man sich im nächsten Jahr auf einen ganz anderen Schwerpunkt einigt, vielleicht auf die Aktivierung des Missionsgedankens oder was auch immer.

Wichtig ist, dass wir alle das gleiche Stück spielen, jeder mit seiner individuellen Melodie. Darin läge eine große Durchschlagskraft in den Gemeinden.

 

Ein Zweites: Wichtig ist im Orchester und in der Gemeinde, dass alle auf den Dirigenten schauen. Der Dirigent ist in diesem Bild nicht der Pfarrer; der Pfarrer ist einer der Spieler im Orchester. Der Dirigent ist Jesus Christus. Er entscheidet, welches Stück gespielt wird. Er schlägt den Takt und gibt das Tempo an. Er weiß, wie lang eine Generalpause gehalten werden soll.

Vieles an unguten Reibereien in unseren Gemeinden würde vermieden, wenn wir alle, angefangen vom Pfarrer, über den Pfarrgemeinderat bis hin zum letzten Kirchenbesucher, wenn wir alle uns ausrichten würden auf diesen „Dirigenten“, auf Jesus Christus. Was er vorgibt, ist entscheidend, nicht was ich möchte oder meine Gruppe.

Das alles liegt in diesem einen Wort: Einmütigkeit – in one accord.

 

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