Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (9)
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Grundton Freude

Kapitel 9

Leben wie ER

Phil 2,5-18

 

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

 

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,

sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.

     Sein Leben war das eines Menschen;

er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

 

Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen,

der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen

vor dem Namen Jesu

und jeder Mund bekennt: "Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters.“

(Phil 2,5-11)

 

 

Wir sind immer noch im zweiten Kapitel des Philipperbriefes.

Paulus hatte in den Versen 1-4 zunächst alles aufgezählt, was es in der Gemeinde in Philippi an Gutem gibt: Zuspruch aus Liebe, Gemeinschaft des Geistes usw. Dann hatte er geschrieben:

 

„Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ (Vers 2-4)

 

Der Vers 5 ist nun eine Überleitung zu dem Lied, das Paulus in den Versen 6-11 zitiert.

Paulus zieht mit dem Vers 5 gleichsam einen Schlussstrich unter seine Ermahnungen:

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“.

 

Dieser Vers ist nicht eindeutig zu übersetzen. Anders als die zitierte Einheitsübersetzung (wie auch die Lutherbibel) könnte man auch übersetzen: „Solche Gesinnung habt untereinander, wie sich auch in Christus Jesus war.“ Ich persönlich würde diese Übersetzung vorziehen, weil in dem anschließenden Christuslied, die Haltung und Gesinnung Jesu Christi gleichsam als Vorbild hingestellt wird.

 

Dann könnte man die ganze christliche Ermahnung auf den Nenner bringen:

Christ sein heißt: Leben wie ER.

Wenn man das bedenkt, dann kann man die Größe unserer Berufung erahnen. Gott traut uns zu, dass wir leben wie ER, wie sein Sohn Jesus Christus. Jesus selbst sagt in der Szene von der Fußwaschung im Abendmahlssaal:

 

„Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,14-15)

 

Aber dieses „Leben wie ER“ (oder: „wie es dem Leben in Christus entspricht“) hat noch eine viel tiefere Dimension.

Gott rechnet damit, dass wir in allem an dem Mensch gewordenen Gottessohn Maß nehmen. Der Sohn Gottes ist in diese Welt gekommen, auch, damit wir an Jesus von Nazareth ablesen können, wie Gott sich das Verhältnis der Menschen zu ihm und der Menschen untereinander gedacht hat:

 

Gott möchte, dass wir ein so persönliches Verhältnis zum ihm haben, wie Jesus es hatte. Dass wir wie ER rufen dürfen „Abba, lieber Vater“. In dieses ganz persönliche Verhältnis zum Vater nimmt Jesus uns mit hinein.

Gott möchte uns dazu befähigen, Wunder (oder sagen wir besser: Taten in göttlicher Vollmacht) zu wirken wie Jesus. Im Johannesevangelium sagt Jesus in den Abschiedsreden mit großem Nachdruck:

 

„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14,12)

 

Gott traut es uns zu, dass wir lieben können wie Jesus, nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist das Sterben des Stephanus. Bis in die Formulierungen hinein wird er Jesus ähnlich. Hatte Jesus angesichts der spottenden Menge unter dem Kreuz gebetet:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34),

so betet Stephanus im Sterben als die Steine fliegen:

„Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60)

 

Oder um Paulus selbst zu Wort kommen zu lassen. Mit Blick auf seine jüdischen Brüder schreibt er im Römerbrief:

 

„Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.“ (Röm 9,2-3)

 

Da ist Paulus bereit, verflucht zu sein, wie Jesus (vgl.: Gal 3,13: „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist“.), wenn er dadurch seine jüdischen Brüder und Schwestern retten könnte. Welch eine Liebe des Paulus wird da sichtbar, vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Paulus auf seinen Missionsreisen von seinen jüdischen Brüdern zu leiden hatte.

Lieben wie ER.

 

Ich denke auch an einen Mann unserer Generation: den Negerpastor Martin Luther King. Mitten in den Rassenunruhen der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in den USA ruft er der aufgehetzten weißen Menge zu: „Ihr seid meine Brüder, und ich liebe euch! Ihr könnt mich in Stücke reißen, und dann wird jedes Stück von mir euch noch zurufen: Ihr seid meine Brüder, ich liebe euch!“

 

An solchen Beispielen spürt man, welches Gewicht dieser Satz des Paulus hat: Habt unter einander solche Gesinnung, wie sie auch in Christus Jesus war.

Das ist nicht nur ein moralischer Appell des Apostels. Nein, „Leben wie ER“ kann man, wenn man wie Paulus sagen kann: „Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20). Der in mir lebende Christus wirkt durch mich in göttlicher Vollmacht.

 

 

Und nun zitiert Paulus in Phil 2,6-11 ein Christuslied, das wahrscheinlich in Philippi schon bekannt war. Jedenfalls hat Paulus dieses Christuslied nicht selbst geschaffen, sondern bereits vorgefunden. Vielleicht ist dies eines der ältesten Christuslieder überhaupt. Wenn man bedenkt, dass der Philipperbrief etwa um das Jahr 55 geschrieben worden ist, und wenn Paulus zu dem Zeitpunkt das Lied schon vorgefunden hat, dann reicht die Entstehung dieses Liedes doch ziemlich nahe an die Zeit von Tod und Auferstehung Jesu heran.

 

Schauen wir uns dieses Lied einmal etwas an.

 

 (6) Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest,

     wie Gott zu sein,

 (7) sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave

     und den Menschen gleich.

     Sein Leben war das eines Menschen;

 (8) er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,

      bis zum Tod am Kreuz.

 

           (9) Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen

      verliehen, der größer ist als alle Namen,

(10) damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde

        ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

(11) und jeder Mund bekennt: "Jesus Christus ist der Herr"

        zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Vielleicht fällt Ihnen beim Lesen auf, dass dieses Lied zwei Strophen hat. Achten Sie einmal beim Lesen darauf, wer in den einzelnen Strophen jeweils die handelnde Person ist.

 

In der ersten Strophe (Vers 6-8) ist die handelnde Person „ER“, Jesus.

Die erste Strophe beginnt in der Herrlichkeit Gottes: „Er war Gott gleich.“ Jesus war von Ewigkeit her der Sohn Gottes. Aber er „hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein“. In anderen Übersetzungen heißt es sinngemäß: Er hielt das Gott-Gleich-Sein nicht fest wie einen Raub, wie ein Beutestück, dass man festhält.

 

Die zweite Aussage in diesem Lied:

 

„Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.“ (Vers 7)

 

Die erste Stufe seiner Erniedrigung war, dass er Knechtsgestalt annahm, dass er Mensch geworden ist, einer von uns, dass er gleichsam in unseren Fußstapfen gelaufen ist.

Der Verfasser des Hebräerbriefes misst dem an mehreren Stellen eine ganz große Bedeutung zu:

 

„Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.“ (Hebr 4,15)

 

„Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.“ (Hebr 2,17-18)

 

Keiner von uns kann sagen: Gott versteht mich nicht. Jesus ist Mensch geworden wie wir. Er weiß um unsere Nöte und Schwachheiten. Er weiß, wie das ist, wenn man von den Menschen verlassen und verworfen wird. Er weiß wie das ist, wenn man von der geistlichen Leitung als Gotteslästerer verschrien wird. Er weiß, wie das ist, wenn man um seines Glaubens willen Spinner genannt wird, sogar von den eigenen Angehörigen.

Wenn Jesus in den Seligpreisungen gesagt hat:

 

„Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.“ (Mt 5,11), dann hat er am eigenen Leib erfahren, wie das ist. Auch darum hat Jesus sich entäußert und ist Mensch geworden.

 

Der Hinweis „Er wurde wie ein Sklave“, nahm Knechtsgestalt an, weist zurück auf das vierte Gottesknechtslied bei Propheten Jesaja:

 

„Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.“ (aus Jes 53,3-9)

 

Aber auch die zweite Strophe unseres Christusliedes klingt bei Jesaja an:

 

„Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“ (Jes 53,10-12)

 

Bleiben wir aber noch bei der ersten Strophe, wo es um die Erniedrigung geht.

 

„Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“  (Vers 8)

 

Interessant ist, dass der Tod eine Gehorsamstat Jesu genannt wird. Der Tod Jesu ist nicht eine Panne im Heilsplan Gottes gewesen. Nein, er war als Baustein im Heilsplan Gottes vorgesehen, wie wir im vierten Gottesknechtslied bei Jesaja gesehen haben.

 

Nun sagen uns die Bibelwissenschaftler, dass dieser Vers 8 ursprünglich nur hieß: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod.“ Paulus hat dann von sich aus die Bemerkung angehängt: „bis zum Tod am Kreuz“. Wenn man bedenkt, wie wichtig dem Paulus die Botschaft vom Kreuz, bzw. vom Gekreuzigten war, dann kann diese Beobachtung durchaus richtig sein. Ob diese Bemerkung zum ursprünglichen Lied gehört oder von Paulus ergänzt wurde, ist für uns nicht so bedeutsam. Ich weise nur darauf hin, weil in manchen Auslegungen zum Philipperbrief darauf eingegangen wird.

 

Die zweite Strophe des Christusliedes ist nicht mehr die Abstiegsbewegung, sondern die Aufwärtsbewegung.

 

 (9)  Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen

       verliehen, der größer ist als alle Namen,

(10) damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde

        ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

(11) und jeder Mund bekennt: "Jesus Christus ist der Herr"

        zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Vielleicht haben Sie bemerkt, dass hier ein ganz anderes Subjekt ist, eine ganz andere handelnde Person ist, nämlich der Vater. Dahinter steht eine Aussage, die Jesus im Evangelium gemacht hat:

 

„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14,11).

 

In so einer Passivform wird in der Regel das Handeln Gottes ausgedrückt: „Wer sich selbst erniedrigt, den wird Gott erhöhen.“ Der braucht sich nicht selbst zu erhöhen. Jesus erniedrigt sich selbst, und er wird von Gott erhöht.

 

Im Johannesevangelium gibt es eine Reihe von Aussage Jesu wie diese:

 

„Ich bin nicht auf meine Ehre bedacht; doch es gibt einen, der darauf bedacht ist.“ (Joh 8,50)

 

Ich brauche meine Ehre nicht suchen, ich kann mich selbst verleugnen, ich kann absteigen, ich kann mich erniedrigen bis zum Tod am Kreuz. Gott wird dafür sorgen, dass meine Ehre nicht zu kurz kommt. Weil Jesus diesem Heilsplan gehorsam war, hat ihn Gott über alles erhöht.

 

Diese zweite Strophe strotzt nur so von Ausdrücken mit „über“. Das kann man in der deutschen Übersetzung fast gar nicht nachmachen. „Er hat ihn übererhöht“, müsste man eigentlich sagen. Er hat ihm den Namen gegeben der „über“ allen Namen ist, damit im Namen Jesu sich jedes Knie beuge im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.

 

Auch hier finden wir wieder Anklänge an das Alte Testament. Beim Propheten Jesaja wird von Gott angekündigt

 

„Ich habe bei mir selbst geschworen, und mein Mund hat die Wahrheit gesprochen, es ist ein unwiderrufliches Wort: Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird bei mir schwören:  Nur beim Herrn - sagt man von mir - gibt es Rettung und Schutz. Beschämt kommen alle zu ihm, die sich ihm widersetzten.“  (Jes 45,23-24)

 

Diese Ankündigung Gottes beim Propheten Jesaja „Vor mir wird jedes Knie sich beugen“ wird hier im Philipperbrief, in diesem Christuslied wieder aufgenommen.

 

Und noch einmal ist im Neuen Testament davon die Rede. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, darf der Seher Johannes einen Blick tun in den Himmel, in die Vollendung. Er sieht im Himmel den Thron Gottes und das Lamm Jesus Christus. Und dann sieht er um den Thron herum eine unübersehbare große Schar. Und dann heißt es dort:

 

„Alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. Und die vier Lebewesen sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an.“ (Offb 4,13-14).

 

Was beim Propheten Jesaja angekündigt war, was im Christuslied des Philipperbriefes besungen wird, das darf der Seher Johannes als vollendete Wirklichkeit sehen bei seinem prophetischen Blick in die Vollendung.

 

Das ist eine wichtige Botschaft auch für uns. In dem Maße, wie wir hier auf der Erde unsere Knie beugen vor Jesus, in dem Maße nehmen wir ein Stück weit teil an der himmlischen Liturgie. Es realisiert sich im Lobpreis und in der Anbetung ein Stückchen Himmel auf Erden.

 

 

Ich möchte nun am Beispiel dieses Christusliedes etwas erklären, was mit dem Inhalt dieses Textes nichts zu tun hat. An diesem Philipperhymnus kann man ein Stückchen auch ablesen, wie hat sich das Neue Testament entwickelt hat.

 

An Anfang steht die mündliche Überlieferung. Man hat Jesusgeschichten erzählt und Jesusworte mündlich weitergegeben. Aber dann bilden sich kurze Glaubensformeln heraus, wo der Glaube in einem markanten Satz gleichsam auf den Punkt gebracht wird.

Dafür ein Beispiel aus dem Römerbrief. Da schreibt Paulus:

 

„Wenn du mit deinem Mund bekennst: «Jesus ist der Herr» und in deinem Herzen glaubst: «Gott hat ihn von den Toten auferweckt», so wirst du gerettet werden.“ (Röm 10,9)

 

Hier geht es zunächst um das Bekenntnis mit dem Mund. Und was soll man bekennen?: „Jesus ist der Herr!“ Das ist eines der ältesten und kürzesten Glaubensbekenntnisse der frühen Kirche. „Jesus ist der Herr“.

Das klingt für uns heute relativ blass. Das griechische Wort für Herr ist „Kyrios“ (Der Kyrieruf der heiligen Messe kommt daher.) Zur Zeit des Apostels Paulus war Kyrios ein Titel des römischen Kaisers. Dazu kommt noch, dass der römische Kaiser für sich beanspruchte, Sohn Gottes zu sein. Dann kann man ein wenig erahnen, dass es (auch politisch) brisant war, wenn die Christen ganz pointiert betonen: „Kyrios, Herr ist Jesus!“

Diese alte kurze Glaubensformel „Jesus Christus ist der Herr“ die finden wir nun gleichsam als Höhepunkt am Ende unseres Christusliedes im Philipperbrief. Um diese alte Glaubensformel herum wird gleichsam ein Christuslied verfasst.

Und der zweite Schritt der Entwicklung: Man hat solche Kernaussagen des Glaubens in Lieder gekleidet. Dafür gibt es eine Reihe von Beispielen im Neuen Testament. (Vgl. zum Beispiel Eph 1,3-14; Kol 1,15-20; 1 Tim 3,16) (Übrigens hat auch Martin Luther gewusst, dass es hilfreich ist, Glaubensinhalte durch Lieder den Menschen nahe zu bringen. So sind viele unserer Kirchenlieder zur Zeit der Reformation entstanden.)

Dieser zweite Schritt, dass man zentrale Glaubensaussagen in ein Lied gekleidet hat, der ist wahrscheinlich auch schon sehr früh geschehen.

 

Der dritte Schritt dieser Entwicklung, auch den können wir hier im Philipperbrief noch erkennen: Paulus zitiert dieses Lied in seinem Philipperbrief ja nicht, weil er den Philippern ein neues Lied beibringen will; das kannten die Philipper ja schon. Es geht dem Paulus gar nicht um das Lied als solches, sondern er nimmt das Lied als eine Beispielerzählung. Die Grundhaltung Jesu, der sich erniedrigt hat und vom Vater erhöht wurde, diese Grundhaltung will er den Philippern nahe bringen. So bettet er das Lied ein in seine Ermahnung:

 

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“. (Vers 5)

 

Und dann folgt das Christuslied. Indirekt sagt er: An diesem Christuslied könnt ihr ablesen, was die richtige Gesinnung ist.

Dies ist ein kleines Beispiel, wie das Neue Testament langsam, gleichsam in mehreren Schichte gewachsen ist.

 

 

Wir gehen zurück zu Kapitel 2 und lesen die Verse 12 bis 18

 

„Darum, liebe Brüder - ihr wart ja immer gehorsam, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit -: müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus. Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verdorbenen und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet. Haltet fest am Wort des Lebens, mir zum Ruhm für den Tag Christi, damit ich nicht vergeblich gelaufen bin oder mich umsonst abgemüht habe. Wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, freue ich mich dennoch, und ich freue mich mit euch allen. Ebenso sollt auch ihr euch freuen; freut euch mit mir!“  (Phil 2,12-18)

 

Möglicherweise knüpft Paulus hier an dem Stichwort „Gehorsam“ an, welches ja in dem Christuslied schon vorkam: Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Das Stichwort Gehorsam ist gleichsam die Brücke zum Folgenden.

 

Eine scheinbar paradoxe Aussage ist hier interessant. Auf der einen Seite fordert Paulus die Philipper auf:

 

„Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!

 

Luther hat diesen Ausdruck übersetzt: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ (Furcht ist in diesem Zusammenhang nicht dasselbe wie Angst. Furcht ist vielmehr die Ehrfurcht, die heilige Scheu vor dem großen Gott.) Es hat hier den Anschein, als ob unser Heil ganz von unserem Tun abhängt.

 

Aber im gleichen Atemzug schreibt Paulus in Vers 13:

 

„Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus.“

 

Man könnte diesen Satz auch (besser) übersetzen:  „Denn Gott ist es der in Euch das Wollen und das Vollbringen schafft nach seinem Wohlgefallen.“ Wenn Paulus diesen Satz mit dem Wort „Denn“ einleitet, dann verschärft er dadurch noch die Spannung zum Vordersatz: Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!

 

In dieser Spannung wird eine Grundtatsache des geistlichen Leben sichtbar. Manche geistlichen Lehrer haben das etwa mit folgenden Worten ausgedrückt: „Wirke dein Heil mit voller Kraft, als würde alles von deinem Tun abhängen. Aber sei gleichzeitig völlig gelassen, als würde alles vom Wirken Gottes abhängen.“ Dieses scheinbar paradoxe Ineinander von menschlichem Handeln und göttlichen Wirken zieht sich wie ein roter Faden durch das Neue Testament. Dafür zwei Beispiele.

 

Die erste Stelle ist Eph 2,10:

 

„Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat.“

 

Da die Einheitsübersetzung hier etwas zu glatt ist, füge ich den gleichen Vers an in der Revidierten Elberfelder Übersetzung:

 

„Wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“

 

Wir sind von Gott dazu geschaffen, gute Werke zu tun. Aber Gott hat diese guten Werke im Voraus bereitgestellt, damit wir darin wandeln. Es ist wieder dieses Ineinander von menschlichem und göttlichem Tun.

Mir kommt bei diesem Vers immer das Bild von einer Loipe, wo die Langläufer Ski laufen. Wir müssen die Loipe nicht selbst spuren, das wäre sehr mühsam. Das hat Gott bereits getan. Aber wir müssen in dieser Spur laufen. Wir müssen laufen, aber wir laufen in der von Gott gespurten Loipe.

 

Das gleiche Schema finden wir auch in Hebr 13,21:

 

„Er (Gott) mache euch tüchtig in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut. Er bewirke in uns, was ihm gefällt“.

 

Ich möchte auch hier wieder eine andere Übersetzung daneben stellen (alte Herder Übersetzung): „Er rüste euch aus in allem Guten, auf dass ihr seinen Willen vollzieht, indem er in uns wirkt, was wohlgefällig ist vor ihm.“ Auch hier wieder das Ineinander von göttlichem und menschlichem Tun. ER rüstet uns aus – WIR sollen tun – indem ER in uns wirkt.

Genau dieses Ineinander von menschlicher Anstrengung und göttlichem Wirken finden wir nun auch in unserem Vers 12 im zweiten Kapitel des Philipperbriefes.

Übrigens: Wenn dieses Ineinander von menschlichem und göttlich Tun in richtiger Weise „funktioniert“, dann kommt als Ergebnis heraus, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat:

 

„So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16)

 

Die Menschen sollen unsere guten Werke sehen. Aber angesichts unserer guten Werke preisen sie nicht uns, sondern den Vater im Himmel. An der Art und Weise, wie wir gute Werke tun, wird deutlich, dass hinter unseren guten Werken der Vater im Himmel steht.

 

Anknüpfend an das Bildwort der Bergpredigt vom Licht der Welt in Mt 5,14-16 möchte ich noch einen Blick werfen auf Phil 2,14-15:

 

„Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verdorbenen und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet.“

 

Hier setzt Paulus das große Wort „Ihr seid das Licht der Welt“ gleichsam um in kleine Münze. Der Ausdruck „Lichter in der Welt“, den Paulus hier gebraucht, heißt eigentlich „Sterne im Weltall“. Wir Christen sollen leuchten wie Sterne im Weltall. An den Sternen im Weltall haben sich damals die Seefahrer orientiert für ihre Navigation. Dann bedeutet diese Aussage des Paulus: Mitten in einer verdorbenen und verwirrten Generation (und die haben wir heute nicht weniger als damals) sollen wir Christen gleichsam Orientierungsmarken sein, an denen sich die Menschen orientieren können. Das traut Christus uns zu, wenn er sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“.

 

Und wie wird man ein solcher Orientierungspunkt? Da sagt Paulus ganz schlicht im Vordersatz:

 

„Tut alles ohne Murren und Bedenken“.

 

Wenn wir von dieser Weisung des Paulus einmal einen Blick in das Alte Testament tun, dann müsste man bei der Betrachtung des Volkes Israel fast einmal eine „Theologie des Murrens“ schreiben. Wenn wir die Geschichte von der Wüstenwanderung anschauen, als Gott sein Volk aus Ägypten ins gelobte Land geführt hat, das ist eine Geschichte des ständigen Murrens gegen Gottes Führung.

Wenn Israel nichts zu essen hatte, haben sie gemurrt. Gott gab ihnen das Manna.

Aber sie wurden des Manna überdrüssig und murrten. Gott schickte ihnen Wachteln.

Aber Israel murrte und wollte zurück nach Ägypten.

Und so ging diese Geschichte des Murrens immer weiter.

 

Dabei unterscheidet das sich Murren deutlich von der Rebellion und von der Klage. Rebellion und Klage werden offen zum Ausdruck gebracht. Der Prophet Jeremia und besonders auch Ijob haben geklagt, fast möchte man sagen: bis hin zur Rebellion. Aber gerade Ijob, der sich gegen Gott aufbäumt, bekommt am Ende von Gott ein positives Urteil.

Dem gegenüber bleibt das Murren immer unter der Decke. Das Murren ist nicht greifbar.

 

Wie vieles bei uns geschieht unter Murren. Man muss etliche Aufgaben erledigen, aber man tut es mit Murren. Man ist gehorsam, aber es ist gleichsam ein zähneknirschender Gehorsam, ein geduckter Gehorsam.

Aber bei dieser Haltung des Murrens leidet die eigene Freude im Innern. Das Leben verliert eine gewisse Leichtigkeit. Und auch die Ausstrahlungskraft nach außen geht verloren. Dann ist man eben nicht mehr „Licht der Welt“, leuchtender Orientierungspunkt, an dem sich die Menschen orientieren können.

„Tut alles ohne Murren und Bedenken (Widerstreben)“ Es lohnt sich, über diese Weisung des Paulus gründlich nachzudenken.

 

Damit schließen wir diesen Abschnitt ab.

Die Verse 17 und 18:

„Wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, freue ich mich dennoch, und ich freue mich mit euch allen. Ebenso sollt auch ihr euch freuen; freut euch mit mir!“

gehören in den Zusammenhang von Phil 1,18-26, wo es um die Freiheit des Apostels dem Sterben gegenüber geht.

Aber es ist beachtenswert, dass Paulus seinen möglichen gewaltsamen Tod sieht als eine gottesdienstliche Handlung, als ein Opfer, das in diesem Gottesdienst dargebracht wird. Welch eine Glaubenssicht auf das Sterben!

 

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