Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (11)
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Grundton Freude

Kapitel 11

Das Glaubensfundament ist in Gefahr

Phil 3,1-11

 

„Vor allem, meine Brüder, freut euch im Herrn! Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig, euch aber macht es sicher. Gebt acht auf diese Hunde, gebt acht auf die falschen Lehrer, gebt acht auf die Verschnittenen! Denn die Beschnittenen sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vorzüge vertrauen, obwohl ich mein Vertrauen auch auf irdische Vorzüge setzen könnte. Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr. Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.

Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.“   Phil 3,1-11

 

Wir haben festgestellt, dass der Apostel Paulus den Philipperbrief beginnt mit einem Dank an Gott.

 

„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.“

 

Normalerweise fängt der Apostel Paulus seine Briefe immer so an; das gehörte in der Antike zum Briefstil. Wir haben jedoch oben gesehen, dass dieser Beginn bei Paulus mehr ist als der übliche Briefstil. Außerdem haben wir festgestellt, dass Paulus sehr tolerant und großzügig sein kann, wenn Leute Christus verkünden aus Neid und Streitsucht, Von manchen wurde Christus verkündet, nur um dem Apostel in seinen Fesseln noch Kummer zu bereiten. Das ist mir vollkommen egal, sagt Paulus, ich freue mich trotzdem. Hauptsache: Christus wird verkündet.

 

Aber dann hier am Anfang von Kapitel 3 plötzlich so eine harte Sprache, so ein totaler Stimmungsumschwung. Ich habe oben schon darauf hingewiesen, dass Paulus auch am Anfang des Galaterbriefes einen so harten Ton anschlägt. Wo in den anderen Briefen am Anfang eine Danksagung steht, heißt es im Galaterbrief:

 

„Ich bin erstaunt (ich bin bestürzt), dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet.“ (Gal 1,6)

 

Da spürt man das Ringen des Apostels um die Gemeinde. Da spricht er die gleiche harte Sprache, wie hier im dritten Kapitel des Philipperbriefes.

 

Übrigens, ich weise darauf hin, dass auch Johannes der Täufer seine Predigt am Jordan anfängt mit der Anrede „Ihr Schlangenbrut!“ Und die da zum Jordan kamen, wollten doch Buße tun, und sich taufen zu lassen.

 

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?“ (Mt 3,7)

 

Ich habe oft gedacht: Wie kann man die Leuten so vor den Kopf stoßen? Er hätte die Menschen doch wenigstens anreden können: „Liebe Brüder und Schwestern!“

Einen ähnlich harten Ton hat auch Jesus den Pharisäern gegenüber angeschlagen in den Weherufen.

 

„Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler!  …  Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?“   (Mt 23,13-33)

 

Warum diese harte Sprache auch hier in unserem Philipperbrief, der sonst so von Freude strotzt? Wa ist da eigentlich los in Philippi?

 

Ich muss vorab ein paar Begriffe erklären; wenn die nämlich nicht klar sind, gibt es nur Verwirrung. Der erste Begriff ist das Stichwort „Gerechtigkeit“.

Wir verbinden heute mit dem Begriff Gerechtigkeit etwas völlig anderes, als damals der Apostel Paulus. Gerechtigkeit bedeutet für uns heute etwa, dass ein Richter jeden gerecht beurteil. Er hat unparteiisch und von daher gerecht zu sein.

Wenn Paulus von Gerechtigkeit spricht, dann meint er normalerweise etwas anderes. Gerecht ist einer, der in den Augen Gottes „okay“ ist, der in den Augen Gottes „recht“ da steht.

Bei der Auseinandersetzung mit den Irrlehrern in Philippi geht es um die Frage: Wie kommt man dahin, dass man in den Augen Gottes okay ist, dass Gott von uns sagen könnte: „Du bist ein Mann, eine Frau nach meinem Herzen“?

 

Ein zweiter Begriff, der hier vorkommt, ist der Begriff „Fleisch“. Den kann man fast nicht übersetzen, ohne dass man Missverständnisse provoziert. Da schreibt Paulus (wörtlich übersetzt): „Wenn einer meint, er könne auf sein Fleisch vertrauen, so könnte ich es noch mehr.“ (Phil 3,4)

Hier denkt Paulus weder an Schweinefleisch noch an Rindfleisch. Er meint auch nicht irgendwelche „fleischlichen Gelüste“. Hier geht es auch nicht um Fragen der Sexualität.

Die Einheitsübersetzung hat (Gott sei Dank) den Begriff Fleisch verdolmetscht: „Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr.“

 

Wenn Paulus von Fleisch redet, dann gebraucht er das Wort normalerweise in zwei verschiedenen Bedeutungen.

 

Die erste Weise finden wir z.B. im Philipperbrief 1,23-24:

 

„Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.“

 

So übersetzt die Einheitsübersetzung. Wörtlicher müsste man den letzten Satz übersetzen: „Das Verweilen im Fleisch ist notwendig um euretwillen“. Verweilen im „Fleisch“ bedeutet hier: in diesem irdischen Leib noch zu verbleiben. Das ist die eine Weise wie Paulus von „Fleisch“ spricht.

 

Die zweite Weise – und die meint Paulus hier im dritten Kapitel – bedeutet: „Leben im Fleisch“ als Gegensatz zu „Leben im Geist“. Leben im Fleisch bedeutet dann: Ich lebe mein Leben aus meiner eigenen Kraft, ohne die Kraft des Heiligen Geistes. Ich versuche mein Leben zu gestalten aus meiner eigenen Kraft. Und darum umschreibt die Einheitsübersetzung diese Stelle hier im Philipperbrief (3,4):

 

„Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr.“

 

Ähnlich gebraucht auch Jesus den Begriff „Fleisch“ etwa in der Begegnung mit Nikodemus im dritten Kapitel des Johannesevangeliums.

 

„Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.“ (Joh 3,6)

 

Man könnte von dieser Stelle ausgehend sogar etwas überspitzt sagen: Es gibt nicht nur weltliches Fleisch, sondern auch „frommes Fleisch“

 

Den Unterschied möchte ich einmal in einer Karikatur deutlich machen. Zuerst: frommes Fleisch:

Da betet vielleicht ein Vorsitzender des Pfarrgemeinderates mit folgenden Worten: „Jesus wir sind gerade am Beginn der neuen Amtsperiode, und wir haben uns jetzt überlegt, was wir machen. Wir haben gedacht, zu deiner Ehre natürlich, dass wir als Pfarrgemeinderat das und das in Angriff nehmen wollen. Außerdem haben wir uns im Vorstand vorgenommen, unseren eigenen Glauben im Pfarrgemeinderat zu vertiefen … Bitte hilf uns dabei und gib uns dazu deinen Segen.“

Da steht immer das Ich und das Wir im Mittelpunkt. Das wäre „frommes Fleisch“. Es ist fromm, es ist auch in guter Absicht, aber es ist immer noch in eigener Kraft.

 

Ein Mensch, der vom Heiligen Geist geleitet wird, würde in einer vergleichbaren Situation folgendermaßen beten: „Jesus, wir haben gerade einen neuen Pfarrgemeinderat gewählt und ich bin Vorsitzender geworden. Aber eigentlich bist ja du der Herr der Gemeinde. Unser erstes Anliegen ist es nun, zu wissen, was du eigentlich mit unserer Gemeinde möchtest. Was hast du eigentlich für Pläne? Und sind wir eigentlich schon fähig deine Pläne auszuführen, oder müssen wir uns selbst von dir erst einmal erneuern lassen?“  Hier steht das „Du“ das „Du Gottes“ im Vordergrund und nicht das „Ich“.

 

Die Frage, wie ich in den Augen Gottes okay bin, darf nicht heißen, was muss ich tun, sondern was darf Gott an mir tun. Wenn die Frage heißt, was muss ich tun, dann bekommt man immer Angst.

Ich habe es oft erlebt bei älteren Menschen. Wenn die krank werden und sich möglicherweise auf das Sterben vorbereiten, dann kommt häufig bei älteren Menschen die Frage, manchmal unter Tränen: „Hab ich wohl genug getan, dass ich gut oben ankomme?“ Aber wie soll denn ein Mensch in Zuversicht und Freiheit (so wie Paulus) dem Sterben ins Auge sehen, wenn er ständig mit der Angst leben muss: „Habe ich wohl genug getan? Hab ich wohl alles richtig gemacht, dass ich gut oben ankomme?“

Das ist eine Grundfrage, die tief bei uns drin steckt. Aber die ist falsch.

Gerettet, und in den Augen Gottes okay wird man nicht durch das, was ich getan habe, sondern gerettet wird man durch das, was Gott getan hat.

Wenn ältere Menschen von dieser Sorge getrieben werden „Hab ich wohl alles richtig gemacht?“, dann hab ich ihnen manchmal geantwortet: Die Frage muss heißen: „Hat Jesus wohl alles richtig gemacht, damit ich oben gut ankomme?“ Und ich habe mehr als einmal erlebt, dass dann ein Strahlen auf ihr Gesicht kam: „Ja, das will ich doch wohl meinen, dass Jesus alles richtig gemacht hat.“

Das ist die Freiheit eines Christenmenschen, dass wir entdecken: Jesus hat am Kreuz alles richtig gemacht. Vielleicht kennen Sie das letzte Wort Jesu im Johannesevangelium am Kreuz: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30) Da ist nicht von Eigenleistung des Menschen die Rede. Es ist vollbracht, endgültig vollbracht.

 

Die jüdische Gerechtigkeit, die aus dem Erfüllen des Gesetzes kam, aus dem Erfüllen von Geboten, hatte folgende Grundstruktur: Es war wie eine Waage. Auf der einen Waagschale waren die schlechten Werke auf der anderen Seite die guten Werke. Und je nach dem, welche Waagschale bei dir nun das Übergewicht hatte, warst du gerettet oder verloren. Gott hatte nach diesem Verständnis nur eine Möglichkeit, in das System einzugreifen: Wenn die Waage einmal gleich war, dann legte Gott aus seinem großen Schatz der Gnade ein gutes Werk dazu, damit die gute Seite runter ging und man gerettet war.

 

Wenn man dieses System vor Augen hat, dann auf einmal entdeckt man, welche Befreiung es bedeutet, wenn es bei Paulus heißt: Christus hat uns vom Gesetz frei gemacht. Jesus hat das Gesetz erfüllt, stellvertretend für uns. Und damit ist alles bezahlt, vollkommen. Darum kann Paulus in unserem Philipperbrief schreiben:

 

„Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt.“ (Phil 3,9)

 

Das war die Grundthese des Apostels Paulus Und wo dieses Fundament, die Freiheit vom Gesetz, angetastet wird, da kann Paulus ganz radikal werden. Wo das Fundament stimmt, kann er sehr großzügig sein. Aber wo dies angetastet wird, wird er ganz radikal.

 

Nun kann man natürlich fragen: Wenn Christus alles vollbracht hat, wenn es auf unser Tun gar nicht ankommt, um in den Augen Gottes gerecht zu sein, dann können wir ja drauf los leben, ja sogar drauf los sündigen. Oder?

 

Mit solchen Einwänden muss sich auch Paulus schon auseinandersetzen z.B. im Römerbrief.

Da hatte Paulus verkündigt:

 

„Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.“ (Röm 5,20)

 

Dann kommt sofort die Frage auf: „Heißt das nun, dass wir an der Sünde festhalten sollen, damit die Gnade mächtiger werde?“ (Röm 6,1) Auf keinen Fall!!!, sagt Paulus.

„Heißt das nun, dass wir sündigen dürfen, weil wir nicht unter dem Gesetz stehen, sondern unter der Gnade? Keineswegs!“ (Röm 6,15)

 

Wenn jemand wirklich in Christus verankert ist, wenn er Jesus angenommen hat als seinen Herrn, und wenn er von da her die Freiheit vom Gesetzt hat, dann kann so ein Mensch noch sündigen, aber er möchte nicht mehr sündigen. Solange man noch denkt: Jetzt habe ich einen Freibrief, weil ich ja frei bin von Gesetzeserfüllung, solange ist man noch nicht „in Christus“. Wer „in Christus“ ist, der möchte wie Paulus nur noch eins: „Christus will ich erkennen!“ (Phil 3,10) und ihm möchte ich gefallen.

 

Ich will es noch einmal mit einem ganz schlichten Beispiel auf den Punkt bringen. Sie kennen wahrscheinlich alle das kleine Kindergebet: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ Dieses Kindergebet ist in seiner Grundstruktur zutiefst falsch. Es verleitet uns zu dem Denken, dass ich in den Himmel komme, weil ich fromm bin.

Paulus würde dieses Kindergebet anders beten: „Lieber Gott, ich bin fromm, weil ich in den Himmel komm.“ Den Himmel hast du mir erworben durch Jesu Erlösungstat, und darum will ich fromm sein. Unsere Frömmigkeit ist nicht eine Leistung, ist nicht der Schlüssel, der mir die Himmeltür aufschließt.

 

Unsere Werke sind nicht völlig unwichtig. Aber unsere Werke haben keine Bedeutung für die Frage, wo ich die Ewigkeit verbringe. Diese Frage ist geklärt durch Jesus Christus. Christus hat alles vollbracht; da ist nichts mehr zu tun. Und ich darf mich einfach unter das Kreuz stellen und darf sagen: „Jesus, ich schaffe es alleine nicht, aber ich brauche es ja auch gar nicht schaffen. Danke, dass du es für mich getan hast.“ Das ist die Grundbotschaft des Paulus.

 

Und doch sind unsere Werke wichtig. Ich möchte einmal einen Abschnitt lesen aus dem 3. Kapitel des ersten Korintherbriefes. Da geht es zunächst um die Grüppchenbildungen in der Gemeinde von Korinth. Aber als sich Paulus zu dieser Unsitte der Grüppchenbildung äußert, kommt er beiläufig auf eine ganz Sache zu sprechen, die in unserem Zusammenhang wichtig ist:

 

„Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“   (1 Kor 3,10-15)

 

Wir müssen hier einmal ein wenig nachbohren: Wodurch wird man gerettet? Dadurch, dass der Grund gelegt ist, und das ist Jesus Christus und seine Erlösungstat. Das ist das Fundament. Wenn dieser Grund in meinem Leben gelegt ist, bin ich gerettet.

Nun kann ich auf diesem (richtigen) Grund das Haus meines Lebens weiterbauen entweder mit gutem Material oder mit minderwertigem Material. Das sind die Werke in unserem Leben.

Irgendwann wird mein ganzes Lebenswerk im Feuer geprüft werden. Wenn ich mit minderwertigem Material gebaut habe, dann wird mein ganzes Lebenswerk verbrannt, vernichtet, und ich muss den Verlust tragen.

Aber die Frage meiner Rettung wird davon nicht berührt. „Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“

Die Frage meiner Rettung ist eine Sache des richtigen Fundaments.

 

Das Gleiche mit einem anderen Bild ausgedrückt: Es kann sein, dass du im Himmel bist, weil Christus dich gerettet hat, und weil du diese Erlösungstat Christi angenommen hast. Wenn du dann vor dem Angesicht Gottes stehst, dann wird Gott den ganzen Film deines Lebens noch einmal an dir vorbei laufen lassen. Dann werden deine Werke sichtbar.

Wenn Gott dann durch dein Lebenswerk einen Strich macht und es für minderwertig erklärt, das tut weh, das ist furchtbar beschämend. Aber denk daran: das Ganze passiert bereits im Himmel und nicht in der Hölle.

Wenn Gott andererseits zu deinem ganzen Lebenswerk sagt: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ (Mt 25,21), das tut gut. Da kommen die Werke ins Spiel.

Das Fundament, warum ich im Himmel bin, warum ich gerettet bin, das ist Jesus Christus. Und ich tue die guten Werke nicht aus der Angst, sondern aus der Freude heraus: Gott hat mir den Himmel geschenkt durch Jesus.

 

Darum kann Paulus einen solchen Brief schreiben, der so von Freude strotzt. Was hat Paulus an Einschränkungen (auch das sind ja Werke) in Kauf genommen, aber nicht um in den Himmel zu kommen, sondern aus der Freude heraus: Jesus Christus hat mich erlöst. Man kann eigentlich nicht deutlich genug darauf hinweisen: Hier sitzt die Wurzel für frohes Christsein, hier sitzt die Wurzel der christlichen Freiheit. Und wo diese Wurzel angetastet ist, oder kaputt zu gehen droht, da ist Paulus ganz hart.

 

 

Wir gehen wieder zurück zum Philipperbrief. Paulus hat es im dritten Kapitel offensichtlich mit Judenchristen zu tun, die gesagt haben: Christus allein genügt nicht; da muss noch was anderes dazukommen. Ihr müsst euch noch beschneiden lassen.

 

Und das wäre ein dritter Begriff, den man erklären muss.

Die Beschneidung, dass die Vorhaut am Glied des Mannes abgeschnitten wird, ist möglicherweise zunächst einmal bei den Nomadenvölkern in der Steppe eine hygienische Maßnahme gewesen.

Bei Abraham in Genesis Kapitel 17 wird die Beschneidung ein äußeres Zeichen für den Bund Gottes mit Abraham. Gott hat mit Abraham einen Bund geschlossen. Abraham hat Gott geglaubt, darauf weist Paulus im vierten Kapitel des Römerbriefes sehr deutlich hin. Als Zeichen dieses Bundes, und dass Abraham den Bund angenommen hat, verordnet Gott dieses Zeichen der Beschneidung.

So ähnlich wie es heute bei der Taufe das Übergießen mit Wasser gibt als ein äußeres Zeichen. Das Wasser allein bewirkt nichts, wenn kein Glaube da ist.

 

Was haben die Juden zur Zeit Jesu aus diesem Zeichen der Beschneidung gemacht: Es war das Zeichen dafür, dass man auf den Heilsweg ging, der darin gipfelte, das Gesetzt zu halten. Und wenn ich das Gesetz halte, dann bin ich vor Gott gerecht. Dafür wurde die Beschneidung im Laufe der Zeit immer mehr ein äußeres Zeichen. Und darum geht Paulus so massiv gegen die Beschneidung vor.

 

Auf der anderen Seite: Timotheus, den Paulus auf der ersten Missionsreise kennen gelernt hatte, stammte aus einer Mischehe. Die Mutter war Jüdin und der Vater war Heide, war Grieche. Den Timotheus hat Paulus beschneiden lassen, damit er kein Ärgernis erregt. Da merkt man schon, dass es Paulus nicht um ein Prinzip geht. Aber wenn die Beschneidung verstanden wird als Zeichen eines Heilsweges: Ich glaube dass man durch Werke des Gesetzes gerecht werden kann, dann, sagt Paulus, ist die Beschneidung verhängnisvoll. Da kann Paulus mit Blick auf die Irrlehrer im Galaterbrief sogar ganz sarkastisch werden.

 

„Diese Leute, die Unruhe bei euch stiften, sollen sich doch gleich entmannen (wörtlich: ver-schneiden) lassen.“ (Gal 3,12)

 

Ähnlich formuliert er in unserem Philipperbrief:

 

„Gebt acht auf diese Hunde, gebt acht auf die falschen Lehrer, gebt acht auf die Verschnittenen!“ (Phil 3,2)

 

Paulus geht jetzt im Philipperbrief folgendermaßen weiter vor: Wenn es danach ginge, auf irdische Vorzüge, auf Werke, auf menschliche Dinge, auf fleischliche Dinge sein Vertrauen zu setzen, dann könne ich, weiß Gott, einiges vorweisen.

Ich bin aus dem Volk Israel, ich bin am achten Tag beschnitten, genau so wie es das Gesetz vorschrieb.

Ich bin aus dem Volk Israel, und zwar nicht nur so allgemein, ich bin aus dem Stamm Benjamin; das war ein bevorzugter Stamm. Aus dem Stamm Benjamin stammte sein berühmter Namensvetter, der erste König in Israel, namens Saul.

Ich bin ein Hebräer von Hebräern. Das heißt - in Bayern würde man sagen – ich bin kein Zugezogener, sondern ich bin von Hause aus Jude. Ich bin wirklich vom Ursprung aus Hebräer, auch wenn ich in Tharsus geboren bin.

Dann geht es weiter: Dem Gesetz nach bin ich ein Pharisäer. Die Pharisäer waren diejenigen, die es mit den Geboten Gottes, mit dem Gesetz ganz besonders genau hielten.

Als Verfolger der Kirche bin ich aufgetreten; dem Eifer nach war ich ein Verfolger der Kirche. Wir kennen das ja aus der Apostelgeschichte.

Der Gesetzesgerechtigkeit nach, wenn es danach ginge, durch das Halten von Gesetzen gerecht zu werden, dann wäre ich untadelig.

 

Aber jetzt kommt seine Alternative. Er sagt in Vers 7-8:

 

„Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft.“

 

Als er erkannt hat: Christus ist es, der uns erlöst hat, da ist alles andere für ihn verblasst. Was er früher für Gewinn achtete, setzt er jetzt auf seine Verlustrechnung. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt:

 

„Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat (wörtlich steht da: halte es für den letzten Dreck), um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein.“ (Phil 3,8)

 

Was mir früher wichtig war (worauf ihr alle euer Vertrauen setzt), das ist in meinen Augen jetzt der letzte Dreck. Für mich gibt es nur eins:

 

Christus will ich erkennen (3,10)

und in ihm erfunden werden; in ihm will ich verwurzelt und verankert sein.

 

Erkennen bedeutet in der Sprache der Bibel vom Alten Testament her und auch im Neuen Testament nie nur Erkenntnis mit dem Kopf. Wir kennen das ja aus dem Matthäusevangelium: Josef erkannte Maria nicht, bis sie ihr Kind geboren hatte. Das heißt: der Beischlaf zwischen Mann und Frau, diese tiefste Liebesgemeinschaft, wird mit dem Begriff „Erkennen“ bezeichnet. Darum geht es hier. Eine tiefe Liebesgemeinschaft wie sie Mann und Frau haben, wenn sie miteinander schlafen, das meint Paulus hier mit „Erkennen“. So eine tiefe enge Gemeinschaft möchte ich mit Jesus Christus haben.

 

In Christus sein, das ist das Geheimnis des Paulus, in ihm erfunden zu werden, nicht im Besitz meiner eigenen Gerechtigkeit, die ich mir durch Werke geschaffen habe, sondern jener Gerechtigkeit die aus dem Glauben an Jesus Christus, aus der Verankerung in Jesus Christus kommt.

 

Ihn will ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung. Nicht nur die Auferstehung als Tatsache, sondern die ganze Kraft, die da sichtbar wurde. Die Auferweckung Jesu ist der erste Akt der neuen Schöpfung, von der am Ende der Offenbarung des Johannes die Rede ist. Bei der Auferstehung Jesu ist ja nicht einfach nur ein Toter wieder lebendig geworden wie bei der Auferweckung des Lazarus, sondern da hat Gott etwas Neues geschaffen. Und diese Kraft, die da sichtbar wird, die möchte Paulus erkennen, und die Leidensgemeinschaft mit ihm, indem ich gleichförmig werde mit seinem Tod, ob ich da nicht hingelangen könnte zur Auferstehung der Toten, zu dieser Kraft, zu dieser neuen Schöpfung.

 

Da liegt das Geheimnis des Paulus. Und ich denke, wir haben noch viel zu tun, um das alles nachzuvollziehen. Aber eins ist sicher: Wer das im Tiefsten verstanden hat, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit seinem ganzen Wesen verstanden hat, der wird von einer Freude erfüllt, die man nicht mehr beschreiben kann.

 

Ich kann mich erinnern an eine Begebenheit, als ich noch junger Kaplan war. Ich lese jeden Abend, wenn ich zu Bett gehe, die Herrnhuther Losungen. Da gibt es für jeden Tag einen Vers aus dem Alten Testament und einen Vers aus dem Neuen Testament. An einem Samstagabend war aus dem Johannesevangelium das letzte Wort Jesu am Kreuz dran: „Es ist vollbracht.“ Wie oft habe ich dieses Wort schon gelesen. aber an dem Abend hat Gott mir aufgeschlossen, was das im Tiefsten bedeutet:

„Es ist vollbracht.“ Jesus hat alles vollbracht, eine komplette Erlösung.

Da ist eine solche Freude in mich gekommen, dass ich vor Freude buchstäblich auf dem Bett gehüpft bin. Wenn mich einer gesehen hätte, der hätte geglaubt, ich wäre verrückt. Aber so ist das.

Wenn man diese Botschaft richtig verstanden hat, dann möchte man nicht mehr in das Alte zurück.

Du darfst dich unter das Kreuz stellen. Und der Gekreuzigte wird dir sagen: „Es ist vollbracht.“ Alle Schuld ist vergeben. Da ahnt man, was Erlösung bedeutet.

 

Mir hat vor vielen Jahren, als ich darüber gepredigt habe, einmal ein Studienrat gesagt: „Wissen Sie, das ist mir zu billig. Es kann gar nicht sein, dass es so einfach sein soll, gerettet zu werden. Das ist mir zu billig.“ Ich habe ihm geantwortet: „Stellen Sie sich zu Hause einmal allein unter das Kreuz. Schauen Sie den Gekreuzigten an, und sagen sie ihm: „Das ist mir zu billig.“ Der Studienrat bekam einen knallroten Kopf und sagte nichts mehr.

Für Jesus hat das etwas gekostet, damit es für uns einfach wird. Aber darin liegt das Geheimnis der Erlösung.

 

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