Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

Philipper (12)
Home Nach oben

 

Grundton Freude

Kapitel 12

Das himmlische Bürgerrecht

Phil 3,12 – 4,1

 

„Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.

Das wollen wir bedenken, wir Vollkommenen. Und wenn ihr anders über etwas denkt, wird Gott euch auch das offenbaren. Nur müssen wir festhalten, was wir erreicht haben.“   (Phil 3,12-16)

 

Nachdem Paulus so große Aussagen gemacht hatte, könnte man denken: Der Paulus hat das Ziel seines Lebens erreicht und ist vollkommen. Aber dann schreibt Paulus: Nein, ich bin noch mit in der Laufbahn, das Ziel steht noch vor mir.

 

„Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.“  (3,14)

 

Er gebraucht hier wieder das Bild vom Sportler, Dem Siegespreis jage ich nach, man könnte sagen: dem Olympiasieg, der Goldmedaille. Ich bin noch mitten im Lauf wie ihr, ich habe die Vollkommenheit noch nicht erreicht.

In der Religionspädagogik ist es ja heute sehr modern, dass man sagt: Wir sind alle miteinander auf dem Weg. Oder ein anderer Grundsatz der heutigen Religionspädagogik: Wir müssen die Leute da abholen, wo sie stehen. Das ist richtig. Aber wenn wir zu den Menschen hingegangen sind, um sie abzuholen, dann dürfen wir unser Ziel, zu dem hin wir die Menschen abholen wollen, nicht aus den Augen verlieren.

Oder man sagt heute gerne: Der Weg ist das Ziel. Das klingt zwar sehr schön, ist aber letztlich gesehen Unsinn. Nicht der Weg ist das Ziel. Paulus sagt: Ich habe ein Ziel vor Augen, auf das ich zugehe. Ja, ich bin noch unterwegs, ich habe es noch nicht ergriffen, ich bin noch nicht vollkommen. Aber eins sollt ihr wissen: Ich habe ein ganz klares Ziel vor Augen, ein Ziel, auf das ich zugehe.

So eine Zielgerichtetheit vermisse ich heute manchmal in der Religionspädagogik und auch in der konkreten Seelsorge.

 

Da gibt es im ersten Kapitel im Johannesevangelium die Geschichte, wie zwei Johannesjünger zum ersten Mal Jesus begegnen. Jesus fragte sie: „Was sucht ihr? … Kommt und seht!“ Und sie blieben bei ihm. Es war die zehnte Stunde, nachmittags um vier Uhr. Dann heißt es da im nächsten Vers: Andreas (einer der Beiden) trifft als ersten seinen Bruder Simon. Und er führte ihn zu Jesus. (Joh 1,35-42)

Ich habe mich oft gefragt: Wenn ich heute einen Menschen zu Jesus führen will, wo gehe ich mit dem ganz praktisch hin? Wenn ich ihm sage: Geh sonntags in die Kirche, dann geht er unter Umständen rückwärts wieder raus, wenn er unsere oft so steifen Gottesdienste erlebt. Wo führe ich einen Menschen hin, wenn ich ihn zu Jesus führen möchte? Darüber muss man sich ja mal Gedanken machen.

Paulus schreibt, dass er das Ziel vor Augen hat. Was ist denn ganz praktisch das Ziel, auf das ich in meinem Leben zustrebe, wohin ich dann auch andere mitnehmen kann?

Ich lasse das an dieser Stelle offen, aber es lohnt sich darüber nachzudenken, ob mein Leben zielgerichtet ist, oder ob ich nur laufe.

 

Es lohnt sich auch, in diesem Zusammenhang eine Stelle zu lesen aus dem neunten Kapitel des ersten Korintherbriefes:

 

„Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt.“   (1 Kor 9,24-26)

 

Auch hier geht es darum, ob unser Lauf zielgerichtet ist, oder ob unser Wettkampf vielleicht nur eine „Luftnummer“ ist.

 

 

In Phil 3,15 schreibt Paulus:

 

„Das wollen wir bedenken, wir Vollkommenen“.

 

Paulus redet hier von „Vollkommenen“, und er bezieht offensichtlich sogar die mit ein, die in der Gefahr stehen, der Irrlehre zu verfallen.

Hier müssen wir darauf achten, dass wir nicht einen falschen Vollkommenheitsbegriff haben. Wir verstehen Vollkommen oft vom technischen Aspekt her. Eine Maschine kann perfekt funktionieren. Wir würden vielleicht einen Menschen vollkommen nennen, der ohne Fehl und Tadel, an dem nichts mehr zu verbessern ist. Aber das wäre dann ein Perfektionist und nicht ein Vollkommener, wie Paulus ihn versteht. Und genauso wie Paulus die Gemeindemitglieder alle als Heilige bezeichnen kann, kann er sie auch Vollkommene nennen. Zur Vollkommenheit gehört auch, dass man noch wächst. Und zum Wachsen gehört wiederum auch, dass man noch unterwegs ist.

 

Dann kommt am Ende von Vers 15 eine kleine Bemerkung, die mir ganz wichtig ist:

 

„Wenn ihr anders über etwas denkt, wird Gott euch auch das offenbaren.“

 

Ihr müsst das jetzt nicht annehmen, weil ich, der Paulus, das gesagt habe. Gott wird euch das schon offenbaren. Was liegt darin für eine Gelassenheit. Und dabei ging es doch um eine ganz wichtige Frage. Über dieser Frage, ist sogar das Apostelkonzil (Apg 15) einberufen worden.

Ich würde manchmal uns allen und auch unserer Kirchenleitung so eine Gelassenheit wünschen, die aus einem solchen Vertrauen heraus sagt:

 

„Wenn ihr anders über etwas denkt, wird Gott euch auch das offenbaren.“  

 

Aber Paulus sagt auch in Vers 16:

 

„Nur müssen wir festhalten, was wir erreicht haben.“

 

 

Wir lesen einen Abschnitt weiter:

 

„Ahmt auch ihr mich nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt. Denn viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.

Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann. Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder.“   (Phil 3,17 – 4,1)

 

Hier setzt noch einmal ein neuer Abschnitt ein. Es ist nicht ganz sicher auszumachen, ob sich dieser Abschnitt noch an die gleichen Leute richtet, die vorher angesprochen waren, an die Judenchristen, die Gesetzesfrömmigkeit gepredigt haben. Vielleicht ist hier eine andere Gruppe gemeint, die auch die Gemeinde in Verwirrung bringt. Das lässt sich nicht eindeutig erklären.

 

Es gibt eine Auslegung zum Philipperbrief mit dem Titel „Ratschläge für eine Gemeinde“. Paulus gibt der Gemeinde in Philippi Ratschläge.

Einen Ratschlag braucht man nicht beachten, den kann man auch übergehen. Es ist ja nur ein Ratschlag. Wenn aber jemand einen Ratschlag immer wieder anbringt, dann lohnt es sich schon, genauer hinzuhören oder hinzuschauen. Und wenn jemand einen Ratschlag unter Tränen gibt, dann ist vielleicht doch so ein Ratschlag wichtig, vielleicht sogar im buchstäblichen Sinn lebensnotwendig.

 

Paulus kommt hier auf eine Gruppe von Menschen zu sprechen, und er sagt: Ich habe schon oft von diesen Menschen zu euch gesprochen, und jetzt tue ich es unter Tränen. Das scheint ihm doch wohl sehr am Herzen zu liegen.

Was ist mit diesen Leuten? Er sagt in Vers 19 von diesen Leuten:

 

„Ihr Gott ist der Bauch.“

 

Aber vorab sagt er noch:

 

„Ihr Ende ist das Verderben“.

 

Die Haltung dieser Menschen endet in einer Katastrophe.

 

„Ihr Gott ist der Bauch.“ Bei solchen Leuten dreht sich alles um den Bauch, um Essen und Trinken.

Man muss in diesem Zusammenhang einmal Folgendes überlegen: Wie viel wenden Menschen heute auf für den Bauch, für Essen und Trinken, für materielle Dinge. Und wenn man dann vergleicht: Wie „viel“ wird im Verhältnis dazu aufgewandt für die Arbeit im Reich Gottes? Es geht alles nur um Essen und Trinken.

Oder wenn mal einmal bedenkt wie viel Zeit wird heute aufgewandt für Gastmähler. Und je länger die Gastmähler dauern, umso weniger ist noch Zeit für ein Tischgebet. Es dreht sich alles um Essen und Trinken.

Oder noch einmal in eine andere Richtung weiter gefragt. Wie sieht es eigentlich aus mit unserem Verhältnis zu den Menschen in der so genannten dritten Welt? Auch da dreht sich alles im Bewusstsein der Menschen heute alles auch nur um den Bauch, dass die Menschen zu Essen haben.

Ich will nicht missverstanden werden. Es ist wichtig, dass die Menschen genug zu essen haben. Aber wer ist noch engagiert dafür, dass die Seele der Menschen etwas zu essen bekommt, sowohl bei uns selber, in unserer Umgebung, wie in den Ländern der dritten Welt? Hier geht es um diese Einheit von Geist, Seele und Leib. Wer kümmert sich noch darum, dass die Seele Nahrung bekommt? Wer kümmert sich noch darum, dass die Botschaft von Jesus Christus, von der Erlösung durch Jesus Christus die Menschen erreicht? Entwicklungshilfe ist wichtig, aber es ist nicht gleichzusetzen mit Mission.

 

Jemand kann körperlich sterben; das ist schlimm. Aber wer kümmert sich denn ganz praktisch darum, dass es auch einen ewigen Tod gibt? Darum sorgen sich heute die Mensch kaum noch; das ist vielen vollkommen gleichgültig. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich darum kümmern, aber schwerpunktmäßig geht es uns heute darum, die Bedürfnisse des Bauches zu befriedigen. Das hat sich so dominierend in den Vordergrund geschoben, dass man fast wieder wie Paulus schreiben könnte: Der Bauch ist wie ein Götze geworden. Das ist ein typisches Kennzeichen der Leute, gegen die Paulus sich hier wendet.

 

Als zweites Kennzeichen dieser Leute nennt Paulus:

 

„Irdisches haben sie im Sinn.“  (Vers 19)

 

Ihr Sinn ist auf das Irdische gerichtet; sie gehen ganz auf in innerweltlichen Dingen. Ihr Lebensinhalt ist: Essen, Trinken, Beruf, Hobby, Tarifverhandlungen und so weiter und so weiter. Das Trachten dieser Menschen geht ganz in diesem Irdischen, Innerweltlichen auf.

Auch hier muss man sagen, dass diese innerweltlichen Dinge auch notwendig und wichtig sind. Aber ich erinnere an ein Wort, das Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Deutschlandbesuch 1980 gesagt hat: Problematisch wird es, „wenn der Lebensunterhalt der Lebensinhalt wird“

 

Weiter sagt Paulus hier von diesen Leuten:

 

„Ihr Ruhm besteht in ihrer Schande.“ (Vers 19)

 

Wenn diese Menschen so leben, dass überhaupt nichts Geistliches mehr in ihr Blickfeld rückt, dass sie ganz in innerweltlichen und irdischen Dingen aufgehen, dann rühmen sie sich dessen auch noch. Sie nennen sich vielleicht besonders weltoffen. Sie betonen, dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, dass sie auf dem Teppich bleiben, nicht wie die Spinner, die jeden Tag in der Bibel lesen, die jeden Tag zur Kirche gehen usw.

Über so eine Lebenseinstellung schreibt Paulus „Ihr Ende ist das Verderben“.

Das wird furchtbar enden. Und das wird nicht erst furchtbar enden im Gericht Gottes. Nein, wir können das heute hier in unserer Welt schon absehen: Je mehr wir gottlos geworden sind, im buchstäblichen Sinne „Gott los geworden“ sind, wie wir im Irdischen total aufgehen, um so mehr wird der Mensch zum Tier, zur Bestie, und geht auch entsprechend mit anderen um. Das erleben wir überall in unserer Welt heute.

Zu einer solchen Haltung, die im Irdischen aufgeht, sagt Paulus noch:

 

„Sie leben als Feinde des Kreuzes Christi.“ (Vers 18)

 

Da hat das Kreuz, die Erlösungstat Christi keinen Platz mehr.

 

Dieser Haltung setzt Paulus jetzt etwas was ganz Wichtiges entgegen:

 

„Unsere Heimat aber ist im Himmel.“ (Vers 20)

 

Da steht im Griechischen das Wort „politeuma“. Das könnte mach auch übersetzen mit „Staatsbürgerschaft oder Bürgerrecht“. Darin steckt das griechische Wort Polis (deutsch: Stadt). Unser Wort Politik kommt daher.

Unsere Staatsbürgerschaft, unser Bürgerrecht ist im Himmel.

 

Ich komme noch einmal auf den Anfang unserer Betrachtungen zurück, auf das sechzehnte Kapitel der Apostelgeschichte:

Paulus ist in Philippi. Was war das für ihn wichtig, dass er römischer Staatsbürger war, und dass er von diesem Vorrecht Gebrauch machen konnte. Er hätte ich Philippi gar nicht ausgepeitscht werden dürfen. Man hätte ihn gar nicht ins Gefängnis werfen dürfen, weil er eben römischer Staatsbürger war. Am Ende müssen ihm die Stadtbeamten ganz höflich das ehrenvolle Geleit aus der Stadt heraus geben. Sie hatten Angst, weil sie sich unterstanden hatten, ohne Verhör einen römischen Staatsbürger mit Ruten zu schlagen. Paulus wusste, was das bedeutet, Bürgerrecht zu haben. Er hat auch später von seinem römischen Bürgerrecht Gebrauch gemacht. (lies dazu Apg 25)

 

Überlegen Sie einmal, was das in der unserer Zeit bedeutet. Die Diskussion, ob und unter welchen Bedingungen heute jemand die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen darf, kommt in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung der Politik. Es ist ein erstrebenswertes Ziel für viele Menschen, die bei uns eine Zukunft suchen, dass sie nicht nur hier sein dürfen als geduldete Gäste, sondern dass sie deutsche Staatsbürger werden können. Mit der Staatsbürgerschaft sind neben den Pflichten eben auch viele Rechte verbunden.

 

Und jetzt sagt Paulus: Ihr habt das himmlische Staatsbürgerrecht. Und das bedeutet: Die himmlische Kraft, die Kraft Gottes steht euch zur Verfügung. Ihr seid nicht nur geduldete Gäste, sondern ihr seid Staatsbürger im Himmel. Und nun macht doch Gebrauch von den Vorrechten, die damit verbunden sind. Eure Heimat, eure Staatsbürgerschaft ist im Himmel. Das bedeutet: Ich habe im Himmel meine Verwurzelung, meine Verankerung, meine Staatsbürgerschaft.

Und weil ich meine Staatsbürgerschaft im Himmel habe, kann ich es mir zum Beispiel wie der Apostel Paulus leisten, dem Sterben gegenüber sehr gelassen zu sein. Meine Verwurzelung liegt nicht im Irdischen, im Innerweltlichen, sondern sie ist viel tiefer gegründet.

Weil meine Staatsbürgerschaft im Himmel ist, kann ich sehr gelassen sein dem Geld gegenüber.

Weil meine Verwurzelung, mein Bürgerrecht im Himmel ist, kann ich es mir leisten, sehr souverän mit Sorgen umzugehen. Auf diese Fragen kommen wir noch zu sprechen in Kapitel 4: „Um nichts macht euch Sorgen.“

Das alles hängt damit zusammen, dass Paulus gewiss ist: Unsere Staatsbürgerschaft, unsere Verwurzelung, unsere Heimat ist im Himmel. Und „im Himmel“ bedeutet letztlich wiederum „in Christus“. Auf diese Wirklichkeit kommen immer wieder zurück.

 

Paulus ist zielgerichtet, er hat eine Erwartung. Er erwartet seinen Retter vom Himmel her.

 

„Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter.“ (3,20)

 

Solche Aussagen sind im römischen Reich brisant. Wenn die Christen betonen: Unsere Staatsbürgerschaft ist letztlich nicht im römischen Reich, unsere Staatsbürgerschaft ist anderswo, nämlich im Himmel, dann bringt ihnen das unter Umständen den Vorwurf ein, Feinde des römischen Staates zu sein. Und genau dieser Vorwurf ist ihnen zur Zeit der Christenverfolgung dann auch gemacht worden.

Oder wenn man bedenkt, dass der römische Kaiser den Titel „Heiland“ oder „Retter“ trug, dann kann man vielleicht ahnen, welche Brisanz in solche der Aussage liegt: Wir erwarten unseren Retter vom Himmel her, nämlich Jesus Christus, und nicht von Rom her, den römischen Kaiser.

 

Paulus ergänzt seine Feststellung, dass er vom Himmel her Jesus Christus, den Herrn, als Retter erwartet, mit dem Hinweis:

 

„… der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.“ (3,21)

 

Unser Leib mit seinen Macken, mit seinen Verbiegungen, mein ganzes Leben, so wie es geworden ist mit meinen Veranlagungen, dieser ganze armselige Leib, unter dem wir oft so sehr leiden, den wird Christus verwandeln, in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.

 

Hier wird so beiläufig ein Grundprinzip erwähnt, das ganz wichtig ist: Erlösung (und auch Umkehr) bedeutet nicht: Ich muss mich bessern. Erlösung bedeutet: Ich darf mich verwandeln lassen. Das ist das Geheimnis.

Wenn wir nach dem Prinzip leben: Ich muss mich bessern, dann würde Paulus uns wieder „Werkgerechtigkeit vorhalten. Außerdem kommt man dann in eine geistliche „Trimm dich Spirale“, die sich verheerend auswirken kann. Irgendwann entdeckt man: Ich kann mich letztlich gar nicht bessern. Ich kann zwar ein paar Korrekturen anbringen, aber im Prinzip kann ich mich gar nicht bessern. Das ist eine leidvolle Erfahrung, die viele Menschen etwa anlässlich einer Beichte äußern.

Und da sagt uns Paulus: Du brauchst dich auch gar nicht selbst verbessern. Alles, was meine „Armseligkeit“ ausmacht, darf ich verwandeln lassen von Christus.

 

In dem Zusammenhang möchte ich einmal ein Erfahrung weitergeben, die ich vor Jahren bei Schulendtagen (Tagen religiöser Orientierung) mit Schülern eines neunten Schuljahrs gemacht habe. Ich hatte geplant, mit denen auch Beichtvorbereitung zu machen. Viele haben mir vorher gesagt: Unmöglich, im neunten Schuljahr lässt sich keiner mehr auf Beichte ein.

Ich habe die Schülerinnen und Schüler dann gebeten, einmal Folgendes aufzuschreiben:

 

Stell dir einmal vor, Christus könnte alles in deinen Leben verwandeln … Die Pickel in deinem Gesicht, deine abstehenden Ohren, aber auch deine Charaktereigenschaften, unter denen du so sehr leidest. Stell dir einmal vor: Alles, worunter du leidest, könnte verwandelt werden durch Jesus Christus.

Dann schreib doch einmal auf einen Zettel: Was möchtest du, was dann bei dir alles verwandelt werden sollte. Und an welchem Punkt sollte Christus mit der Verwandlung bei dir anfangen?

Die meisten Jugendlichen haben sich darauf eingelassen und haben so einen Zettel geschrieben.

Ich hatte ihnen gesagt: Wenn du mit deinem Zettel zur Beichte kommst, dann beginnt dieser Verwandlungsprozess. Fast alle sind zur Beichte gekommen. Und was dann als Beichte dabei herauskam, das hatte so einen Tiefgang, wie ich das vorher so noch bei keiner Beichtvorbereitung erlebt habe. Da hat keiner gesagt: Ich möchte, dass meine krumme Nase verwandelt wird, oder solche Äußerlichkeiten. Da spürte man auf einmal, wo wirklich die Wurzeln sind, worunter sie wirklich leiden. Und bei der Beichte, beim Bekenntnis, verquickt sich ja oft Sünde mit Veranlagung. Da kommt ja auch heraus, wo andere an mir schuldig geworden sind, wo das Leben vielleicht durch falsche Erziehung verbogen worden ist, wo ich mit mir und den anderen nicht klar komme, vielleicht auch mit Gott nicht klar komme. Das alles einmal aufschreiben zu dürfen, das alles aussprechen zu dürfen, und dann gesagt zu bekommen: Jesus nimmt dich trotzdem an so wie du bist, das ist schon der Anfang der Erlösung, da fängt Christus an, unsere Armseligkeit zu verwandeln.

Das ist ein Grundprinzip: Erlösung heißt Verwandlung. Wir müssen und dürfen lernen: Ich darf mich von Gott verwandeln lassen.

 

„Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder.“ (Phil 4,1).

 

zum nächsten Kapitel

zum Kapitelanfang

zum Inhaltsverzeichnis