Pfarrer Karl Sendker

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Philipper (13)
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Grundton Freude

Kapitel 13

Kompendium christlichen Lebens

Phil 4,4-9

 

„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.

Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“   (Phil 4,4-9)

 

Dieser kurze Abschnitt ist beinahe ein Kompendium, die kurze Zusammenfassung eines christlichen Lebens. Das ganze christliche Leben ist eingespannt zwischen zwei Pole: „Freude“ steht am Anfang, und am Ende steht „Friede“.

 

„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“

 

Hier geht es nicht um eine Fröhlichkeit, wo der Slogan das Karneval gilt: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei …“ Hier heißt es: Allezeit, immer! „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“

Aber auch hier heißt es nicht: Freut euch über den Herrn zu jeder Zeit. Auch nicht: Freut euch über eure Erlösung durch den Herrn. Wir haben schon mehrfach im Philipperbrief gesehen: Christliche Existenz heißt: Im Herrn sein. „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“

Auf der Ebene „im Herrn“ kann man Freude haben und zwar zu jeder Zeit. Wenn hier von Freude die Rede ist, dann ist das etwas anderes als Lustigkeit. Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, bedeutet auch nicht, dass man den ganzen Tag mit einem Lachen auf den Lippen herumlaufen muss. Es geht um eine Freude im Herzen, die auch dann noch da ist, wenn äußerlich gar kein Anlass dafür vorhanden ist.

 

Als Petrus und Johannes vom Hohen Rat in Jerusalem gegeißelt und mit Predigtverbot belegt wurden, da steht die scheinbar paradoxe Bemerkung dabei:

 

„Sie gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.“ (Apg 5,41)

 

Es ist die gleiche Freude, mit der Paulus und Silas im Kerker von Philippi nachts Loblieder gesungen haben. (Apg 16,25)

 

Vielleicht haben Sie einmal den Film „Quo vadis“ gesehen. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen des Films, wie die christlichen Märtyrer unten in die Arena geführt werden. Die Raubtiere sind bereits auf sie losgelassen. Und die Christen ziehen mit Lobliedern in die Arena. Kaiser Nero sitzt oben auf den Rängen und kann es nicht aushalten, dass die Christen da unten Loblieder singen. Er sagt zu einem Offizier, der neben ihm sitzt: „Bring die Christen zum Schweigen!“ Aber es traut sich keiner mehr in die Arena hinein, wo die Tiere schon losgelassen waren.

Das ist diese Freude, die auch dann noch da ist, wenn es menschlich gesehen nichts Erfreuliches mehr gibt. Das ist die stille Freude, mit der auch manche Märtyrer in Hitlers KZs noch zum Ausdruck brachten, dass sie eine Hoffnung hatten.

 

Der zweite Pol, den Paulus hier nennt, ist

 

„der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt“ (4,7)

 

Ein Friede, den man nicht mehr erklären kann.

 

Ich habe das in der Seelsorge oft erlebt, dass Menschen einen inneren Frieden hatten, die total „im Dreck“ gesteckt haben. Manchmal haben die Anderen gesagt: Woher hat der (oder die) das, dass sie so einen Frieden haben.

Ich habe manchmal Sterbende erlebt, die furchtbare Schmerzen hatten, die aber diesen Frieden hatten, und die eine Ausstrahlungskraft aus diesem Frieden heraus hatten.

Ich habe einmal von einem alten Vater gehört, der furchtbar gelitten hat. Der Sohn hat es mir erzählt. Als der Vater merkte, dass es zum Sterben ging, hat er alle seine Kinder zusammengerufen. Er war ein evangelischer Christ. Dann hat er im Sterbebett jedes einzelne Kind mit einem Bibelwort gesegnet. Er sagte zu seinem ältesten Sohn: „Hol mir einmal das Kreuz von der Wand.“ Er hatte gegenüber vom Bett ein großes Kreuz an der Wand hängen. Dann hat er das Kreuz in die Hand genommen, hat sich mit letzter Kraft im Bett aufgerichtet und gesagt: „Herr, ich lasse dich nicht, bis du mich gesegnet hast.“ (Mit diesem Ruf klammert sich im Alten Testament der Patriarch Jakob an Gott. Gen 32,11) Dann ist er aufs Bett zurückgefallen und ist gestorben. Die Kinder haben nur am Bett gesessen und haben geweint. Aber sie haben auch gespürt, dass da ein Friede sichtbar wurde und eine Kraft, die menschliches Begreifen übersteigt. Das ist hier gemeint.

 

„Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (4,7)

 

Wer diesen Frieden hat, der hat vielleicht Leid und Qual. Aber er kann nicht herausgerissen werden aus der Gemeinschaft mit Christus Jesus. „In Christus“, das bleibt ihm.

 

Freude und Friede, das sind die beiden Pole, in die das christliche Leben eingespannt ist. Mitten zwischen diesen beiden Polen steht der entscheidende Satz:

 

„Der Herr ist nahe.“ (4,5)

 

Aus dieser Gewissheit darf ein Christ leben: Der Herr ist nahe. Gott ist nicht ein ferner Gott, er ist uns in Jesus Christus ganz nahe gekommen.. Paulus kann im Galaterbrief schreiben:

 

„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)

 

„In mir“, das ist weit mehr als nur eine äußere Nähe.

Wenn ein Christ diese Erfahrung macht, dann realisiert sich Freude und ein Friede, der alles Verstehen übersteigt.

 

„Kompendium eines christlichen Lebens“ habe ich diesen Abschnitt überschrieben. Aber christliches Leben gestaltet sich ja auch auf den Nächsten hin. Auch diese Dimension finden wir in unserem Abschnitt. Wo ein Mensch aus dieser Freude und aus diesem Frieden heraus lebt, wo er die Nähe Christi erfährt, da realisiert sich:

 

„Eure Güte werde allen Menschen bekannt.“ (4,5)

 

Für „Güte“ steht im Griechischen ein Wort, das man nicht ganz leicht übersetzen kann. In manchen Übersetzungen heißt es: „Euer mildes Wesen“ werde allen bekannt. Grundlegend ist aber in allen Übersetzungen, dass man da nicht etwas „machen“ muss. Die Güte, das milde Wesen, das geboren ist aus Freude und Friede, aus der Erfahrung der Nähe Christi,  das strahlt einfach aus uns heraus, und strahlt über auf andere Menschen. Dann heißt es nicht mehr: „Du sollst deinen Nächsten lieben“, sondern: „Ich kann meinen Nächsten lieben“. Dann gilt nicht mehr als Gebot: „Liebe deine Feinde“, sondern die freudige Feststellung: „Ich kann es mir leisten, meine Feinde zu lieben“. Wiederum geht es wie am Ende des dritten Kapitels um die Verwandlung des Wesens durch Christus.

 

 

Dann kommt Paulus in Vers 6 auf einen ganz wichtigen Punkt zu sprechen: Wie gehen wir mit dem Thema Sorge um?

 

„Sorgt euch um nichts“,

 

schreibt er. Um nichts macht euch Sorge. Ich höre schon, wie die Philipper dem Paulus entgegnen: Die Sorgen muss ich mir gar nicht machen, die kommen schon von ganz allein. Aber um so wichtiger ist die Frage, wie wir mit Sorgen umgehen. Denn außer der Sünde gibt es kaum etwas, was den Glauben eines Menschen so sehr zerstört wie die alltäglichen Sorgen.

In dem Gleichnis vom Sämann, von dem vierfachen Ackerfeld, redet Jesus davon:

 

„Ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat, und sie brachte keine Frucht.“ (Mk 4,7)

 

In der Erklärung des Gleichnisses sagt Jesus: Diese Dornen, die da mitwachsen und das Samenkorn ersticken, sind die Sorgen dieser Welt.

 

„Bei anderen fällt das Wort in die Dornen: sie hören es zwar, aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen machen sich breit und ersticken es, und es bringt keine Frucht.“ (Mk 4,19)

 

Wie viele Leute haben mir das schon gesagt, und ich weiß es auch aus meinem eigenen Leben: Die alltäglichen Sorgen haben mich so in Beschlag genommen, dass ich nicht mehr innerlich frei bin, die Bibel zu lesen, dass ich nicht mehr wirklich aufnahmefähig bin, wenn ich am Gottesdienst teilnehme, dass ich nicht mehr in der Lage bin zu beten usw. Die Sorgen ziehen uns runter. Und ich denke, dass es für uns Christen eine ganz wichtige Frage ist: Wie gehen wir mit dem Thema Sorgen um?

Viele Menschen, auch viele Christen gehen mit dem Thema Sorgen um, wie der alte Karnevalsschlager es ausdrückt: „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein.“ Das tun viele Menschen heute. Man trinkt Alkohol, oder man nimmt sogar Drogen, um seine Sorgen abzutöten. Man umgibt sich mit einer ständigen Geräuschkulisse, weil man die Stille nicht mehr aushält. Denn in der Stille könnten die Sorgen wieder hochkommen und mich ganz in Beschlag nehmen.

Aber wenn man die Sorgen in ein Gläschen Wein schüttet, dann sind die ja am nächsten Tag nicht weg, da man hat eventuell noch zusätzlich einen Kater, dann hat man noch eine Sorge mehr.

 

Was empfiehlt denn Paulus hier, wie man mit Sorgen umgehen soll? Was ist seine Alternative? Da schreibt Paulus:

 

„Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ (Phil 4,6)

 

Beim oberflächlichen Lesen könnte man sagen: Die Antwort des Paulus auf die Sorgen ist das Beten. Aber da müssen wir schon genauer hinsehen und diesen Satz einmal abklopfen.

 

Das erste, was Paulus sagt:

 

„in jeder Lage“

 

In jeder Lage, das kann zunächst ganz vordergründig bedeuten: ob du gerade im Bett liegt, ob du auf einem Stuhl sitzt, ob du in der Kirche in einer Bank kniest, ob du gerade spazieren gehst … Es ist egal, in welcher Lage du gerade bist, du hast immer das Vorrecht, dich an Gott zu wenden. Du musst nicht einmal die Hände falten: „In jeder Lage.“

„In jeder Lage“, das bedeutet aber auch: Selbst wenn ich zum Beten überhaupt nicht aufgelegt bin. Gerade wenn man Sorgen hat, ist man gefühlsmäßig nicht unbedingt zum Beten aufgelegt. Da gehört auch ein Stück Disziplin dazu. Und diese Disziplin muss man sich vorher erwerben, damit man gewohnt ist, in jeder Lage im Gebet vor Gott zu treten.

„In jeder Lage“ bedeutet aber noch ein anderes. Es gibt manche Menschen, die sagen: „Meine Lage ist so aussichtslos, da kann Gott mir auch nicht mehr helfen.“ Wie oft habe ich das schon gehört. Aber in der Bibel steht an etlichen Stellen: „Für Gott ist kein Ding unmöglich.“ (lies z.B. Gen 18,14; Jer 32,17.27; Mt 19,26; Lk 1,37) Und da steht kein „außer“ dabei. Aber die Menschen denken oft: „Wenn Gott meine Lage kennen würde, hätte er wahrscheinlich nicht in die Bibel schreiben lassen: „Für Gott ist kein Ding unmöglich.“ Aber es ist so: Es gibt keine Lage, die so aussichtslos ist, dass für Gott nicht eine Möglichkeit besteht, einzugreifen. Das muss man sich vor Augen führen.

Auf der anderen Seite: Es ist auch keine Lage so belanglos, dass ich damit nicht vor Gott gehen sollte. Manchmal kommen die Leute und sagen: „Der liebe Gott ist gerade beschäftigt, im Nahen Osten Frieden zu schaffen, da kann er sich doch nicht um meine kleinen Wehwehchen kümmern. Doch, Gott ist dein Vater, und ein Vater ist auch für die kleinen Dinge zuständig. Es sind oft nicht die großen Dinge, die uns kaputt machen, sondern die kleinen Dinge, die uns ständig bedrängen. Wenn du kleines Steinchen im Schuh hast, dann mach  damit mal eine Fußwallfahrt. Und es ist für uns wichtig zu lernen, diese kleinen alltäglichen Sorgen vor Gott zu bringen und uns nicht mit diesen Sorgen zu belasten. Soviel zu dem Gedanken: „In jeder Lage“.

 

Weiter sagt Paulus: Bringt in jeder Lage eure Bitten vor Gott

 

„betend und flehend.“

 

Diese Verdopplung beinhaltet den Gedanken „inständig“. Wie oft ist das so, gerade in Nöten und Sorgen: Da hat man dafür gebetet, sieht nicht sofort, dass sich etwas tut, dann betet man abends noch einmal dafür, vielleicht auch noch am nächsten Morgen. Und dann vergisst man es wieder. In dem Wort „inständig“ steckt das Wort „stehen bleiben“. Ist das wirklich noch so, dass wir vor Gott mit unserem Gebet stehen bleiben betend und flehend?

Ich erinnere an eine Stelle im Buch Genesis Kapitel 18, wo Abraham vor Gott stehen bleibt. Gott will Sodom und Gomorra vernichten, und da bleibt Abraham vor Gott stehen und fängt an, mit Gott zu handeln: Wenn es zehn Gerechte in der Stadt gibt, willst du die Stadt dann vernichten mit den zehn Gerechten? Das kann doch wohl nicht sein. Abraham bleibt vor Gott stehen. Und Gott lässt mit sich handeln.

Gibt es das in unserem Gebetsleben, dieses „inständig“, dass wir vor Gott im Gebet stehen bleiben?

 

In meiner Kaplanszeit hat mir einmal bei einem Hausbesuch ein alter Mann, ein Witwer, sein „Gebetbuch“ gezeigt. Er holte aus der Schublade des Küchentisches ein total zerfleddertes Schulheft heraus. „Sie können ruhig reinschauen“, sagte er mir. Dieses „Gebetbuch“, dieses Heft hatte mehrere Spalten. In der ersten Spalte stand ein Datum, wo er angefangen hatte, in diesem Anliegen zu beten. In der zweiten Spalte stand ein Name, in der dritten Spalte in Kurzform ein Gebetsanliegen, und in der vierten Spalte meist ein Häkchen oder auch ein Datum. „Da hat Gott mein Gebet erhört“, sagte er mir.

In diesem „Gebetbuch“ stand der Name seines Sohnes: „Dass er wieder zum Glauben kommt.“ Dieser Vater hatte Jahre lang dieses Anliegen täglich vor Gott gebracht. Ich habe das Datum gesehen, wann er angefangen hatte, für seinen Sohn zu beten. Und seine Freude war jetzt noch riesengroß, dass er in die letzte Spalte ein Datum schreiben konnte: Sein Sohn war wieder zum Glauben gekommen.

In diesem „Gebetbuch“ stand auch der Name des Pfarrers, der zu dem Zeitpunkt schon tot war. „Dass er wieder Freude an seinem Dienst bekommt.“ Und in der letzten Spalte ein Häkchen. Erledigt!

Als ich dieses Schulheft so flüchtig durchgeblättert habe, spürte ich. Da war einer vor Gott stehen geblieben im Gebet, nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch.

Als ich ihm das Heft zurückgab, legte er es zurück in die Tischschublade und grinste etwas verlegen: „Sie stehen auch drin.“ Ich weiß nicht, welches Gebetsanliegen er für mich hatte. Aber ich hoffe, dass er auch bei mir einmal ein Häkchen machen konnte.

Da habe ich gespürt, was das heißen kann: Vor Gott stehen bleiben bittend und flehend.

 

Aber wir sind mit dem Vers 6, mit der Alternative des Paulus zum Thema Sorge noch nicht fertig. Es steht da noch das Stichwort „mit Dank“.

 

„Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“

 

Natürlich, wenn einem die Sorgen über den Kopf wachsen, dann ist die Danksagung nicht das nächstliegende. Meistens, wenn wir in Sorgen sind, vergessen wir die Danksagung. Auch da gehört ein Stück Disziplin dazu, das zu üben. Und auch hier muss man sagen: Es ist keine Situation so aussichtslos, dass man nicht irgendwie noch einen Anknüpfungspunkt findet, Gott zu danken. Danksagung bewirkt in uns Vertrauen, dass Gott auch meine jetzige Not wenden kann.

 

Was verspricht Gott, wenn wir so zu ihm kommen in unserem Gebet „in jeder Lage betend und flehend mit Dank“? Er verspricht uns nicht, dass dann alle Gebete sofort erhört sind, dass unsere Sorgen alle weg sind. Aber er verspricht:

 

„Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7)

 

Das dürfen wir nicht unterschätzen. Wenn man von Sorgen geplagt ist und dann einen tiefen Frieden im Herzen hat, das ist schon etwas. Außenstehende können das manchmal gar nicht verstehen: Wieso hat dieser Mensch einen solchen Frieden, wo es äußerlich bei ihm drunter und drüber geht.

Und wenn man bedenkt, wie wichtig dem Paulus in unserem ganzen Brief das „in Christus sein“ ist, dann bekommt dieser Satz seine tiefste Bedeutung. Äußerlich mögen unsere Sorgen noch da sein. Aber unsere Gemeinschaft mit Christus Jesus, die wird bewahrt, durch einen Frieden, den man menschlich nicht mehr verstehen kann.

 

Eigentlich ist dieser wunderbare Abschnitt, der eingerahmt ist von Freude und Friede, zu Ende. Aber dann fällt dem Paulus noch etwa Wichtiges ein. „Schließlich“, übrigens …

 

„Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“    (Vers 8)

 

Den letzten Ausdruck müsste man eigentlich wörtlicher übersetzen: „Dem denket nach“, „darauf richten euer Sinnen“.

Diese Weisung des Paulus bekommt ihre Tiefe, wenn man bedenkt, dass wir in unserer Welt normalerweise genau das Gegenteil tun. Wir richten unser Denken normalerweise auf das Schlechte, das Tadelnswerte, auf alles Negative. Nur ganz selten kommt das Positive zum Zuge. Das fängt schon bei den Nachrichten im Fernsehen oder in der Presse an. Eine gute Nachricht ist eine schlechte Nachricht. Die verkauft sich nämlich nicht, die lesen die Leute nicht. Ein Nachrichtenmoderator im Fernsehen muss sich schon entschuldigen, wenn er ausnahmsweise einmal eine gute Nachricht bringt. Achten Sie einmal darauf.

Oder denken Sie an Klassenarbeiten bzw. Tests in der Schule. Angestrichen werden Fehler, das Negative. Das Gute wird vorausgesetzt. Ich erinnere mich an meine Schulzeit im Gymnasium. Da hatten wir einen Griechischlehrer, wenn dem eine Übersetzung besonders treffend schien, dann schrieb er dick an den Rand „Gut!!!“ Was hat uns Schülern das gut getan, dass hier das Gute ausdrücklich vermerkt wurde. Vielleicht hätte ein anderer Lehrer das angestrichen mit der Bemerkung „ungenau übersetzt“.

Ich habe einmal bei einem Bibelseminar, wo die Teilnehmer(innen) aus verschiedensten Gemeinden kamen, gebeten, folgendes aufzuschreiben: „Ich finde an unserer Pfarrgemeinde gut …“ Da sagten etliche Teilnehmer: „Das ist schwer.“ Das Negative fällt uns halt immer schneller ein. Eine Teilnehmerin sagte: „Unser Pfarrer predigt gut.“ Doch dann kam gleich ein „Aber“ hinterher: „Aber er redet zu schnell und zu undeutlich.“

 

Achten Sie in diesem Zusammenhang einmal darauf, wie Jesus in den Evangelien mit den Menschen umgeht, z.B. mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4), mit der Ehebrecherin (Joh 8,1-11), mit der Sünderin, die sich zu seinen Füßen ausweint (Lk 7,36-50). Selbst vom Kreuz herab sucht er noch nach einer Entschuldigung für die, die da unten spotten und ihn verhöhnen:

 

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

 

Eine interessante Aussage macht Paulus 1 Kor 4,5:

 

„Richtet also nicht vor der Zeit; wartet, bis der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken wird. Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten.“

 

Eigentlich würde man erwarten: „Dann wird jeder von Gott seinen Lohn erhalten.“ Aber wenn Gott die Welt richtet, dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten. Das heißt aber: Gott wird bei jedem noch etwas zu loben finden.

Ich komme noch einmal zurück auf den Anfang des Philipperbriefes, auf die Danksagung (1,3-11). Bevor Paulus in seinen Briefen Kritisches zur jeweiligen Gemeindesituation anmerkt, richtet er seinen Blick zuerst auf das Lobenswerte, wofür er danken kann.

 

Paulus ermutigt uns, im Umgang mit Menschen das Gute zu sehen, das Gute zu registrieren und auch das Gute zu erwähnen. Warum soll man nicht öfter das Gute auch einmal erwähnen! Warum nicht öfter loben statt nur zu kritisieren. Es würde in unserer Welt vieles im Umgang der Menschen untereinander besser werden.

Darum, so vermute ich, hat Paulus diesen Zusatz noch angefügt:

 

„Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (4,8)

 

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