Pfarrer Karl Sendker

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Ostersonntag C
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Predigten

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Siehe auch unter:  Ostersonntag A   und   Ostersonntag B

Predigt zur 2. Lesung:  Kol 3,1-4

Predigt zum Evangelium:  Joh 20,1-18

Predigt zum Evangelium:  Joh 20,11-18

Predigttext:   Kol 3,1-4

 

Predigt im MP3 Format

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Der Apostel Paulus hat am Anfang der Lesung aus seinem Brief an die Kolosser, die wir eben gehört haben, einen ganz merkwürdigen Satz geschrieben: „Ihr seid mit Christus auf erweckt.“ Er hat nicht geschrieben: Ihr werdet einmal mit Christus auf erweckt bei der Auferstehung der Toten. Er schreibt: „Ihr seid mit Christus auf erweckt.“

Ist denn unser Auferstehung schon geschehen? Wenn wir Paulus so fragen würden, dann würde antworten: Ja, die Auferstehung, eure Auferstehung, ist schon geschehen. Und wenn man dann Paulus weiter fragen würde: Paulus, woran merkst du denn, dass du auferweckt bist? Du bist doch noch der gleiche wie vorher. Wahrscheinlich hätte Paulus an seine Bekehrungsgeschichte erzählt: Ich habe einmal Jesus verfolgt bis aufs Äußerste. Aber dann ist er, der Auferstandene, mir vor Damaskus begegnet. Es war wie eine große Lichterscheinung. Ich bin vom Pferd gefallen und bin blind geworden. Und als sich dann aufstand, und als mir in Damaskus der Ananias die Hände aufgelegt und für mich gebetet hat, da war ich ein neuer Mensch geworden. Da war meine Auferstehung schon passiert. Wenn einer in Christus ist, schreibt Paulus, dann ist die Auferstehung schon geschehen. Also sind wir alle schon auf erweckt?

 

Gestern Abend in der Osternachtsfeier haben wir in einer Lesung aus dem Alten Testament gehört, aus dem Propheten Ezechiel. Da hatte Gott gesagt: „Ich gebe euch ein neues Herz. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch. Und ich bewirke, dass ihr nach meinen Gebote und Gesetzen handelt.“ Nicht ihr müsst das tun, sondern ich bewirke das. Ich Verwandle euer Herz. Das ist das Geheimnis unser Auferstehung, dass Gott einem Menschen ein verwandeltes Herz schenkt.

 

In diesem Zusammenhang einmal die Frage an uns: Feiern wir nur Ostersonntagen, oder haben wir Ostern, unser Ostern schon erlebt?

Ich selber habe das Osterfest am tiefsten er lebt 1975. Ich war damals Kaplan in Recklinghausen. Damals waren wir in der Pfarrei noch zu drei Priestern, und so konnte ich über Kartage Exerzitien halten für CAJ-ler im Gudula Kloster in Rhede, in der Nähe von Bocholt. Etwa 20 junge Männer, die meisten waren noch in Ausbildung, in der Lehre. Sie hielten es Exerzitien im Gudula Kloster.

Und dann geschah etwas Furchtbares. Es war ein junger Mann dabei, ich weiß nur noch seinen Vornamen, er hieß Werner. Er hat mit allen Möglichkeiten versucht, diese geistlichen Tage kaputt zu machen. Den ganzen Mittwochabend und den ganzen Gründonnerstag über war es nicht möglich, mit den mit den jungen Männern auch nur irgend etwas Religiöses, etwas Geistliches zu tun. Die hatten einfach keinen Bock. Und warum? Bei der Werner sie geimpft hatte. Das ging schon los, als sie ihre Koffer und ihre Taschen ausgepackt haben. Als ich das gesehen habe, habe ich einen Schrecken bekommen. Der Werner hat eine Flasche Schnaps dabei und einige Flaschen Wermutwein. Und entsprechend lief es dann am Gründonnerstag auch.

Normalerweise war es bei Exerzitien der CAJ immer so, dass am Gründonnerstagabend eucharistische Anbetung in der Kapelle war. Ich habe die Jungen gefragt: Sollen wir nicht auch Anbetung halten? Wollten sie nicht. Karten spielen war angesagt, nicht Anbetung. Es war so schlimm, dass die CAJ Sekretärin, die als Begleitung mitgefahren war, zu mir sagte: Ich bring morgen früh den Werner nach Hause. Das hat keinen Zweck, der macht alles kaputt.

Dann habe ihr gesagt: Lassen Sie den noch einen Tag hier bis zum Karfreitag. Und wenn morgen wieder alles daneben gegangen ist, dann bringen Sie ihn nach Hause.

Am Karfreitag haben wir dann folgendes getan: Wir haben nachmittags im Meditationsraum auf dem Boden gesessen, der Raum war abgedunkelt. In der Mitte stand nur eine Kerze. Ich habe den Jungen das Gleichnis vom Verlorenen Sohn vorgelesen. Wir hatten alle den Text in der Hand. Wir hatten vereinbart, dass anschließend still sein sollte, wo jeder dieses Gleichnis vom Verlorenen Sohn noch einmal lesen sollte. Und dann hatte ich gesagt: Und wenn Ihr möchtet, dann fangt doch einmal mit ganz einfachen Worten an, zu Gott ‚Du’ zu sagen. Beten bedeutet ja, zu Gott ‚Du’ sagen. Natürlich fallen einem die ersten Worte schwer. Aber ihr werdet merken, wie schön das dann ist.

Alle saßen im Kreis um die Kerze, die in der Mitte brannte. Ich hab den Text vorgelesen, dann war Stille. Nur einer räkelte sich auf dem Boden rum, der Werner. Er zeigt schon allein durch seine Körperhaltung, dass ihnen das überhaupt nicht interessierte. Und dann in der Stille fing der eine und der andere auf einmal an zu beten, zu Gott ‚Du’ zu sagen. „Vater, ich danke dir, dass zu dem Sohn entgegen gekommen bist“, oder so ähnlich. Ich weiß Gebetsworte nicht mehr im Einzelnen. Nur der eine, der Werner machte nicht mit. Ich hatte den Jugendlichen noch gesagt: Wenn wir so auf dem Boden sitzen und beten, dann ist es eine Hilfe, wenn wir die Hände offen haben. Das haben etliche beim Beten auch getan.

Und dann passierte auf einmal Folgendes: Der Arbeitskollege von diesem Werner, der jeden Tag mit ihm in der Autowerkstatt arbeitete, der fängt auf einmal laut an zu beten: „Jesus, lass den Werner das doch auch mal erleben, wie schön das ist, wenn man zu dir ‚Du’ sagen darf.“

Und in dem Augenblick ist mit dem Werner etwas passiert. Er fing an zu weinen, setzte sich hin, die Hände zu Fäusten geballt. Und dann hat es Minuten gedauert, in denen er auf einmal ganz langsam seine Hände geöffnet hat. Und dann fing dieser Werner an zu beten. Aber nicht mit Worten oder mit Sätzen, es waren nur Wortfetzen, die da heraus kamen. Wahrscheinlich hat er zum ersten Mal in seinem Leben erfahren, dass er mit eigenen Worten gebetet hat.

 

Und als dann unsere Meditationszeit zu Ende war und wir das elektrische Licht wieder eingeschaltet haben, da war der Werner bis in die Gesichtszüge hinein ein verwandelter Mensch. Vorher schaute er immer nur nach unten. Er konnte einen nicht anschauen. Jetzt strahlte er auf einmal jeden an, der mit im Raum war. Und es wurden dann noch wunderbare Tage. Das war Karfreitag.

Karfreitag am späten Nachmittag sagten einige von den Jugendlichen zu mir: „Gestern Abend haben wir bei der Anbetung gekniffen. Können würde heute vielleicht noch Anbetung halten, obwohl Karfreitag ist?“ Vorgesehen war das am Karfreitag eigentlich nicht mehr. Aber ich habe dann am Abend hat den Kelch mit den Hostien auf den Altar gesetzt, und wir haben Anbetung gehalten. Wir hatten vereinbart, dass die Anbetung bis Mitternacht dauern sollte. Um Mitternacht bin ich in die Kapelle gegangen, denn ich war nicht die ganze Zeit in der Kapelle. Man konnte übrigens während dieser Anbetungszeit kommen und gehen. Um Mitternacht habe ich den Kelch ins Tabernakel gesetzt und ihnen gesagt: Ich will euch jetzt nicht rausschmeißen. Wenn einer noch weiter beten will, dann kann er das tun. Und dann bin ich ins Bett gegangen.

Am anderen Morgen werde ich zwischen fünf und sechs Uhr wach, mach das Fenster auf, und seh durchs Fenster, dass die Jugendlichen vergessen hatten, in der Kapelle das Licht auszumachen. Die Schwester, die für die Sakristei zuständig war, war eine strenge Schwester. Ich bin schnell im Schlafanzug die Treppe runter gegangen, und wollte das Licht in der Kapelle aus machen. Der sitzen von den etwa 20 Jugendlichen noch 10 bis 15 in der Kapelle und haben die ganze Nacht gebetet. Einige waren dabei, die hatten sich aus dem Zimmer eine Wolldecke geholt und sich über die Schultern gehängt.

Hinterher, nach dem Frühstück, als wir uns gemeinsam wieder getroffen haben, habe ich sie dann gefragt: „Was habt ihr den die ganze Zeit nachts in der Kapelle gemacht?“ Da konnten mir viele keine Antwort darauf geben. Einige sagten: „Wir haben einfach nur gespürt, dass Jesus lebt, dass er da ist, mehr nicht.“ Einer hatte das ganze Johannesevangelium gelesen. Ein anderer hatte nur noch einmal das Gleichnis vom Verlorenen Sohn gelesen. Andere haben einfach nur still da gesessen. Aber sie haben erlebt: Jesus ist da, er lebt wirklich.

 

Und dann kam die Osternacht. Natürlich kann man mit einer solchen Jugendgruppe die Osternacht nicht feiern, wie wir das hier in der Kirche tun. Wir haben wieder im Meditationsraum gesessen, in der Mitte stand die große Osterkerze. Jeder hatte eine kleine Kerze in der Hand. Nachdem wir eine Lesung gelesen hatten und das Evangelium gehört hatten, habe ich ihnen gesagt: „Wer möchte, der kann es aufstehen und kann seine eigene Kerze an der Osterkerze in der Mitte anzünden. Und wenn jemand möchte, dann kann er uns mitteilen: Wo ist Jesus in diesen Tagen für mich zum Licht geworden? Wo ist es bei mir ein Stückchen heller geworden?“ Dann hat der eine dies gesagt, der andere das.

Und dann steht plötzlich der Werner auf. Er geht zur Osterkerze hin und zündet seine Kerze an. Und dann fängt er an zu erzählen. Er hat wohl eine Viertelstunde lang erzählt. Das war die tiefste Osterpredigt, die ich je gehört habe, von einem Lehrling in der Autoschlosserei.

Und da haben wir dann eigentlich erst erfahren, dass der nur mitgefahren war, um die Exerzitien kaputt zu machen. Das hatte er voriges Jahr geschafft, das wollte ich dieses Jahr auch schaffen. Aber dann hat er erfahren, dass Christus ihm begegnet ist.

Und dann steht er nach ungefähr einer Viertelstunde noch mal auf, geht quer durch den Kreis auf seinen Arbeitskollegen zu. Er gibt ihm seine Kerze und sagt: „Eigentlich gehört diese Kerze dir. Wenn du dich für mich gebetet hättest, dann hätte ich nie gemerkt, dass Jesus lebendig ist.“

Das ist Auferstehung. Da hätte Paulus zu den Jugendlichen gesagt: Ihr seid mit Christus auf erweckt. Und woran merkt man das? An eurem verwandelten Herzen.  

 

Schwestern und Brüder, diese Erfahrung ist wahrscheinlich bei jedem anders. Aber wer das einmal erlebt hat, wer einmal dem Auferstandenen begegnet ist, der ist nicht mehr der gleiche. Er ist wirklich in seinem Herzen verwandelt. Da wird aus Trauer Freude, da wird aus einem finsteren Gesicht ein leuchtendes Gesicht, der wird aus Verärgerung und Verbitterung Wohlwollen und Friede. Da geschieht Auferweckung, Auferstehung.

Und ich wünsche Ihnen allen heute am Osterfest nicht einfach nur „Frohe Ostern, dass Sie ein frohes Osterfest feiern. Ich wünsche Ihnen, dass sie wirklich Jesus dem Auferstandenen begegnen dürfen. Und ich wünsche Ihnen, dass er ihr Herz verwandelt. Vielleicht kann Paulus dann auch über uns schreiben: „Ihr seid mit Christus auferweckt.“  Amen.

 

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Predigttext:       Joh 20,1-18

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Es ist vielleicht eines der ältesten Lieder, die wir in unserem Gesangbuch, im Gotteslob haben: ‚Mitten im dem Leben sind wir vom Tod umfangen.’ Dieses Lied, das wir normalerweise zu Allerseelen singen, stammt aus dem 11. Jahrhundert. Es ist etwa tausend Jahre alt. ‚Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen’. Die Menschen haben immer schon gewusst, dass das Realität ist. Aber dieses Lied bekommt in unseren Tagen eine ganz unerwartete, dringliche Aktualität: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Der Papst spricht seit einigen Jahren davon, dass sich in unserer westlichen Welt eine ‚Kultur des Todes’ breit macht. Und sie nimmt in erschreckendem Maße zu. Gerade in diesen Wochen erleben wir, wie wegen der BSE-Krise und der Maul- und Klauenseuche massenhaft Tiere getötet werden (müssen). Ich will darüber gar nicht urteilen, ich stelle nur die Tatsache fest. ‚Kultur des Todes’. Millionenfach werden bei uns ungeborene Kinder im Mutterschoß getötet. Und wir gehen dabei immer mehr zur Tagesordnung über und wir sehen gar nicht mehr, dass das ein Skandal ist. ‚Kultur des Todes’. Sei es, dass heute kleine Mädchen missbraucht und dann ermordet werden. Sei es, dass Schüler anfangen, auf andere zu schießen und sie zu töten, nicht nur in den USA, nein, auch hier bei uns. Sei es, dass in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in den Niederlanden seit einigen Tagen aktive Sterbehilfe durch das Parlament erlaubt worden ist. Natürlich sagen bei uns die Politiker: Aktive Sterbehilfe kommt bei uns in Deutschland nicht in Frage. Aber glauben sie mir, es ist auch bei uns nur noch eine Frage der Zeit. Wenn ich die Umfrageergebnisse der letzten Tage richtig im Kopf habe, dann sind auch bei uns mehr als 70% für aktive Sterbehilfe. Wenn wir nicht gebrannte Kinder wären durch die Erfahrungen im Dritten Reich, wer weiß, ob wir dann nicht vielleicht sogar an der Spitze dieser Bewegung stehen würden. ‚Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen. Kultur des Todes.’

Und dann fragt man sich doch unwillkürlich: Hat angesichts dieser ‚Kultur des Todes’ ein Fest des Lebens, wie es das Osterfest ist, überhaupt noch einen Sinn? Oder sollten wir nicht vielleicht besser ein ‚Euthanasiefest’ feiern? Wäre das nicht viel gemäßer? Euthanasie heißt auf deutsch: ‚Schöner Tod’. Lasst uns das Leben in vollen Zügen genießen, lasst uns essen und trinken und dann dafür sorgen, dass wir uns einen ‚schönen Tod’ bereiten lassen. Hat die Botschaft vom Leben überhaupt noch einen Anknüpfungspunkt heute in unserer Gesellschaft? Wenn man diesen Gedankengängen einmal tiefer nachdenkt, dann kommt einem unwillkürlich in den Sinn: So können wir doch nicht weiterleben, im buchstäblichen Sinn. Mit dieser Grundhaltung, die sich bei uns breitgemacht hat, können wir im buchstäblichen Sinn nicht weiter leben.  Und dann sollen wir Ostern feiern?

 

Aber bei diesem Fest, Ostern, bei diesem Fest der Auferstehung geht es gar nicht um die Frage des Weiterlebens nach dem Tod. Dann hätten wir nämlich heute genau so gut das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus lesen können, wenn es nur ums Weiterleben ginge. Aber die Botschaft des Osterfestes ist eine total andere. Die Botschaft des Osterfestes heißt: Es geht um ‚Neue Schöpfung’, dass da etwas total Neues geworden ist durch Verwandlung.

In der Osternacht hat die Kirche in den Lesungen ganz bewusst einen ganz großen Bogen gespannt. Die erste Lesung handelt von der Schöpfung durch Gott. Ich glaube an einen Gott, der die Welt aus Nichts geschaffen hat. Und dieser Gott, der die Welt aus Nichts geschaffen hat, der kann auch heute noch aus Nichts etwas machen. Und wo kein Anknüpfungspunkt fürs Leben mehr da zu sein scheint, da hat unser Gott immer noch eine Möglichkeit, weil er der Schöpfer ist. Er ist nicht von unserem guten Willen abhängig; er ist nicht abhängig von Parlamenten oder von Meinungsumfragen. Er schafft Tatsachen. Angesichts einer Kultur des Todes schafft er Leben, indem er seinen Sohn gleichsam in einem Akt der Neuen Schöpfung aus den Toten auferweckt. Das ist die Botschaft der Auferstehung.

Oder nehmen Sie die zweite Lesung: Israel ist in der Sklaverei in Ägypten. Sie schreien zu Gott. Und Gott hat ihr Schreien gehört. Er hat sie aus der Sklaverei herausgeführt in die Freiheit. Er hat einen Weg gefunden, sie herauszuführen, da wo kein Mensch mehr einen Weg vermutet hat: Rechts und links die Wüste, vor sich das Schilfmeer, hinter sich die Ägypter. Wo soll denn da noch ein Aus-Weg sein? Aber Gott kann! Die Botschaft des Osterfestes heißt: Gott will die Menschen in die Freiheit führen, aus der Enge des Egoismus heraus, dass man immer nur daran denkt, woran ich heute Freude und Spaß habe und dass ich dann am Ende einmal einen ‚schönen Tod’ habe. Er will mich befreien, damit ich die Welt nicht nur genießen kann, sondern verantwortlich gestalten kann und erfüllen kann. Das ist die Freiheit, in die Gott uns führt. Und wenn wir keinen Weg mehr sehen: Ich glaube an einen Gott, der einen Weg finden wird, notfalls mitten durchs Wasser hindurch.

Wenn wir die dritte Lesung anschauen aus dem Propheten Ezechiel: Die Not des Menschen liegt ja nicht darin, dass er keinen guten Willen hat. Das Problem des Menschen ist, dass er ein kaputtes Herz hat. Indem er sich von Gott abgewandt hat, ist sein Herz (bildlich gesprochen) ein ‚Herz aus Stein’ geworden. Und an dem Punkt knüpft Gott an und sagt: Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch; ein Herz, das mitfühlen kann; ein Herz, das gegen die Kultur des Todes eine Kultur des Lebens setzt; ein Herz, das lieben kann. Gott verwandelt das Herz des Menschen. Ich rechne damit, dass Gott auch die Hartherzigkeit unserer Gesellschaft verwandeln wird, dass wir wieder eine Kultur der Liebe und eine Kultur des Lebens entwickeln.

 

Österlich geprägte Menschen sind Menschen, die geprägt sind von dieser Botschaft: Es geht um Neue Schöpfung. Es geht darum, dass Gott alles neu macht und dass Gott alles verwandelt. Aber wer sind denn diese österlichen Menschen? Gehen wir einmal in das Auferstehungsevangelium hinein, wie es uns Johannes aufgeschrieben hat. Da kommen drei Personen zum Grab Jesu: zwei Apostel und Maria von Magdala. Jetzt schauen wir uns diese drei Personen einmal etwas genauer an: Die beiden Apostel Johannes und Petrus kommen zum Grab. Sie schauen in das Grab und registrieren ganz nüchtern den Tatbestand: Die Leinenbinden sind noch da; das Kopftuch liegt zusammengebunden an einem besonderen Platz. Dass man den Leichnam weggenommen hat, wie Maria von Magdala meinte, kann eigentlich nicht sein. Von Johannes wird noch gesagt: Er sah und glaubte. Sie registrieren das alles einfach, aber dann – gehen die beiden wieder nach Hause. Das ist ungefähr so, als wenn heute ein Christ zum Gottesdienst in der Osternacht kommt und er registriert: Die Kirche ist wunderbar mit Blumen geschmückt, der Kirchenchor hat eine Mozartmesse gesungen. Natürlich haben wir auch gesungen: „Wahrer Gott, wir glauben dir; du bist mit Gottheit und Menschheit hier ...“, wir haben auch unser Taufversprechen erneuert. Und dann wünscht man sich „Frohe Ostern“ und geht nach Hause. Das war’s dann. So ähnlich war das bei den Aposteln. Das ist noch keine Ostererfahrung.

Aber da ist ja noch diese Frau, diese Maria von Magdala. Sie geht nicht nach Hause. Sie bleibt am Grab und weint. Sie hat den Mut, nicht abzuhauen, sondern an diesem Ort der Trauer auszuhalten und ihrer Trauer auch Ausdruck zu verleihen in ihren Tränen. Und das ist auch heute für uns der erste Schritt, dass wir Jesus, dem Auferstandenen, begegnen: wenn wir nicht zur Tagesordnung übergehen: Schönen Gottesdienst gefeiert und dann „Frohe Ostern“. Sondern wenn wir anfangen, über die Situation in unserer Gesellschaft und in unserem eigenen Leben zu trauern. Wenn wir anfangen zu trauern darüber, dass scheinbar Gott heute in seiner Kirche abwesend ist. Wir erleben ja diese Not, dass uns auch innerhalb der Kirche so vieles tot vorkommt. Aber die nicht abhauen, sondern die an diesem Ort der Trauer aushalten, und die dann in ihren Tränen auch ihre ganz Liebe zeigen zu diesem Jesus und auch zur Kirche und zur Gesellschaft. Es ist eine trauernde Liebe, aber ist immer noch Liebe, ein Zeichen des Engagiert Seins.

Und dann geschieht das Wunder von Ostern. Als Maria von Magdala da sitzt und weint, da sieht sie plötzlich Jesus. Sie erkennt ihn gar nicht; sie denkt es ist der Gärtner. Und dann fragt Jesus sie: „Frau, warum weinst du; wen suchst du?“  Vielleicht erinnern wir uns bei dieser Frage an die Leidensgeschichte. Da hatte Jesus bei seiner Gefangennahme die Soldaten auch gefragt: „Wen sucht ihr?“ Aber wie anders ist jetzt bei Maria von Magdala die Antwort: „Wenn du ihn weggetragen hast, dann sag mir doch, wo du ihn hingelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Sie ahnt noch nichts von dem Neuen, das da geschehen ist. Und doch geschieht jetzt in diesem Augenblick Verwandlung, Neue Schöpfung. Jesus redet sie einfach nur mit ihrem Namen an: „Maria!“ Und da erkennt sie ihn. Hier geschieht in dieser Begegnung Neue Schöpfung durch Verwandlung: von Trauer hin zu Freude und Dankbarkeit. Und sie sagt ihm als ihre liebende Antwort: „Rabbuni, mein Meister.“ Und dann lässt sie sich zu den anderen Jüngern senden. Vorher war sie schon einmal zu ihnen gegangen und hatte ihnen gesagt: Kommt schnell mit, sie haben den Herrn weggenommen. Aber als sie jetzt zu den Jüngern geht, da geht sie mit einem jubelndem Herzen, da kommt sie mit einer Frohen Botschaft: Er ist auferstanden; er ist mir begegnet. Da ist diese Verwandlung des Herzens Wirklichkeit geworden. Da ist ihre Klage gewandelt worden in ein Freudenlied. Jesus war ihr ganz persönlich begegnet. Achten Sie einmal darauf, wenn an den kommenden Sonntagen in den Evangelien die Begegnungen der Menschen mit dem Auferstandenen gelesen werden: Österliche Menschen sind Menschen, die sich in aller Trauer über die Zustände (auch heute) ein liebendes und brennendes Herz bewahrt haben und die sich dann von Jesus, dem Auferstandenen haben anrufen lassen.

Und das ist dann weitergegangen in der Kirchengeschichte. Das hat Kreise gezogen z.B. bei Stephanus. Natürlich, den haben sie gesteinigt. Das war die Kultur des Todes, aber es steht in dieser Geschichte auch: Sie sahen sein Angesicht leuchten wie das eines Engels.

Das geht weiter zu einem Apostel Paulus hin, der angesichts des drohenden Märtyrertodes schreiben kann: Wenn mein Leben jetzt ausgegossen wird, wie ein Trankopfer: Ich freue mich darüber. Wieso freut er sich, den Märtyrertod vor Augen? Da ist diese Neue geschehen, was Ostern bei der Auferweckung Jesus zum ersten Mal sichtbar wurde. Paulus schreibt in seinen Briefen immer wieder von der ‚Kraft der Auferstehung’. Die wird jetzt an ihm sichtbar.

Diese verwandelnde Kraft der Auferstehung ist sichtbar geworden mitten in der Kultur des Todes im Dritten Reich. Lesen Sie einmal Berichte von Märtyrern, die in Hitlers KZs gestorben sind. Auf der einen Seite grinst ihnen von überall her die Kultur des Todes in grausamster Weise entgegen. Aber in vielen Zeugnissen, die erhalten sind, kommt immer wieder auch dieses „Dennoch!“ zum Vorschein. ‚Dennoch wird es eine gute Zukunft geben.’

Und es geht weiter bis in das letzte Jahr, ins Jahr 2000 hinein. Vielleicht erinnern Sie sich, dass im letzten Jahr eine Familie Wallert aus Göttingen in Jolo als Geiseln festgehalten wurde. Ständig hatten sie den Tod vor Augen. Und als sie befreit waren und wieder zurück in Göttingen waren, da haben sie öffentlich bekannt: Der Glaube an Jesus Christus hat uns die Kraft gegeben, durchzuhalten und nicht mutlos zu werden. Das ist österlicher Glaube, das ist Auferstehungskraft, die sichtbar wird.

Auf er einen Seite der Kultur des Todes ausgeliefert sein und auf der anderen Seite dieses ‚Dennoch’ festhalten, weil Jesus Christus die Kultur des Todes (oder sagen wir besser die Unkultur des Todes) besiegt hat.

Für einen Christen, für einen österlichen Menschen, gilt beides: Auf der einen Seite: „Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen“. Aber es gilt genauso das andere: „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“ durch Jesus Christus, den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat. Das bedeutet Osterbotschaft, Botschaft vom Leben.

Amen.

 

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Predigttext:       Joh 20,11-18

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Wenn wir dem Bericht des Matthäus über die Auferstehung folgen, dann war die Auferstehung am Ostermorgen ein dramatisches Geschehen. Matthäus berichtet von einem gewaltigen Erdbeben und von einem Engel, dessen Gestalt wie ein Blitz leuchtete. Die Soldaten, die das Grab bewachten, die doch gewiss ‚gestandene Männer’ waren, begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden. Ein gewaltiges Geschehen. Und das spiegelt sich auch in vielen Fensterbildern oder Altarbildern in unseren Kirchen wieder.

Aber es gibt auch eine ganz andere Seite in diesem Auferstehungsgeschehen, eine gleichsam zärtliche, intime Seite, die ganz leise daherkommt. Am Ostermorgen sind beim Grab Jesu ja nicht nur die Soldaten, die da entsetzt zurückweichen. Es ist frühmorgens am Grab auch eine Frau, Maria von Magdala. Maria von Magdala ist keine Unbekannte. Von ihr sagt das Evangelium, dass Jesus aus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Sie war eine Besessene gewesen. Der Überlieferung nach ist Maria von Magdala die Frau, die im Abendmahlssaal ein Gefäß mit kostbarem Nardenöl zerbrochen hatte und Jesu Füße damit gesalbt hatte. Nardenöl war das kostbarste, was damals eine junge Frau hatte. Die anderen Jünger hatte da gemurrt. Aber Jesus hatte schon im Abendmahlssaal gesagt: Lasst sie, sie hat es vorwegnehmend für mein Begräbnis getan. Denn beim Begräbnis war keine Gelegenheit, weil die Sabbatruhe anbrach. Eine verschwenderische Liebe zu ihrem Herrn Jesus Christus wurde dort sichtbar. Und war das verwunderlich bei allem, was Jesus für sie getan hatte? Jetzt sitzt diese Maria aus Magdala am Grab Jesu und weint. Und man spürt auch hier an diesem Weinen, wie sehr sie Jesus geliebt hat. Nicht nur, dass ihr Meister tot war, das war ja schon schlimm genug. Nicht nur, dass er wie ein Verbrecher am Kreuz gehangen hatte. Jetzt war auch noch der Leichnam weg. Nicht einmal eine ordentliche Beerdigung konnte ihm zuteil werden, denn dazu gehörte, dass der Leichnam gesalbt, einbalsamiert wurde. Nicht einmal das. Und dabei war das Bestatten von Toten eine der wichtigsten religiösen Pflichten bei den gläubigen Juden. Und jetzt sitzt Maria von Magdala mit ihrer ganzen Liebe, mit ihrer ganzen Trauer am Grab und weint.

Und dann kommt für sie Ostererfahrung. Nicht dramatisch wie bei den Soldaten, nein ganz persönlich, gleichsam intim. Sie wird auf einmal von hinten angesprochen: ‚Frau, warum weinst du, wen suchst du?’ Sie glaubt, es ist der Gärtner. Sie hat den gar nicht erkannt, der sie da anspricht. Da bricht es aus ihr heraus: „Wenn du ihn weggebracht hast, sag mir doch, wo du ihn hingelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Und dann sagt dieser Unbekannt nur ein einziges Wort zu ihr: „Maria!“ Sie wird nur angeredet mit ihrem Namen, so ganz persönlich. Und da erkennt sie ihn. Sie dreht sich  um – und es ist sogar auf hebräisch überliefert: „Rabbuni, mein Meister!“ Vielleicht ist das die zarteste, persönlichste Begegnung mit dem Auferstandenen, die uns überliefert ist.

Aber so ist das eben, wenn der Auferstandene einem liebenden Menschen begegnet, dann ist das so etwas ganz Persönliches. Und wenn Jesus heute bei uns Menschen trifft, die für ihn ein liebendes Herz haben, glaub mir, er will als der Auferstandene auch Dir begegnen, so ganz persönlich, so zart gleichsam. Wie das konkret aussieht, das mag sehr unterschiedlich sein. Vielleicht erkennen wir im ersten Augenblick gar nicht, das ER es ist. Maria von Magdala hat ihn ja zunächst auch nicht erkannt. Sie hat gedacht, es ist der Gärtner.

Vielleicht triffst Du heute irgendeinen Menschen, der Dir ein freundliches Wort sagt, das dich ermutigt und aufbaut, ein Wort, mit dem Du gar nicht gerechnet hast. Und auf einmal spürst Du: Hier redet nicht einfach ein Mensch zu mir, sondern hier redet der Auferstandene zu mir ganz persönlich.

Vielleicht begegnest Du in den nächsten Tagen einem Menschen, der in Not ist. Wie oft hast Du schon mit Menschen in Not zu tun gehabt. Aber auf einmal spürst Du: In diesem Notleidenden begegnet mir der Auferstandene. Das ist etwas anderes als die vielen Begegnung vorher. Da wird Dein Herz angerührt.

Oder Du liest in der Heiligen Schrift ein Wort, das Du schon ganz oft gelesen oder gehört hast. Aber auf einmal redet der Auferstandene zur Dir ganz persönlich durch diese Bibelstelle. Du weißt in dem Augenblick: Er meint mich ganz persönlich. Die Art und Weise wie das geschieht ist sehr unterschiedlich. Aber eins ist immer kennzeichnend für diese Begegnung mit dem Auferstandenen. Du weißt auf einmal: Ich bin persönlich gemeint.

Er ruft sie mit ihrem Namen an: „Maria!“ Da verwirklicht sich, was schon im Alten Testament beim Propheten Jesaja steht: „Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Du bist mein. Ich gehöre dir und du gehörst mir. Das ist die Begegnung zwischen dem Auferstandenen und einem liebenden Menschen.

Ob wir zurückweichen vor Entsetzen wie die Soldaten am Grab Jesu angesichts der Auferstehung, oder ob wir so im Tiefsten ihm begegnen wie Maria von Magdala, das entscheidet sich daran, ob unser Herz ihn liebt.

 

Aber eins muss man auch sagen: Wenn ein Mensch das erlebt hat: Er meint mich ganz persönlich. Das tut so ungemein gut; das ist so etwas Wunderbares. Von den Heiligen wird manchmal berichtet: Die wollten überhaupt nicht mehr aus der Kirche raus, wenn sie vor dem Allerheiligsten knieten. Diese Erfahrung möchte man unbedingt festhalten. Das wollte Maria von Magdala auch! Aber Du kannst diese Erfahrung nicht festhalten. Jesus sagt ausdrücklich zu Maria von Magdala: „Halte mich nicht fest!“

Aber dann kommt eine Weisung des Auferstandenen, die ganz wesentlich ist: Die Sendung zu den anderen hin: „Geh zu meinen Brüdern“, geh zu den anderen hin und sag ihnen: ER lebt, er ist wirklich ein lebendiger Gott. Geh zu den vielen Menschen hin, die immer glauben, Christsein bestünde darin, dass wir eine Summe von religiösen Pflichten und Geboten erfüllen. Geh hin und sag ihnen: Es geht um etwas anderes; es geht um Begegnung mit Jesus, dem Auferstandenen selbst. Geh hin und sag ihnen, wie schön das ist, wenn der Auferstandene mit Dir ganz persönlich ins Gespräch kommt. Sag es den Anderen! Das ist ein Kennzeichen aller Begegnungen mit dem Auferstandenen in den Evangelien und wohl auch heute.

 

Noch so eine winzige Kleinigkeit. Man muss ja immer genau hinschauen. Jesus sagt zu Maria von Magdala: „Geh zu meinen Brüdern!“ Gemeint sind die Jünger. Was war denn mit den ‚Brüdern’? Das waren die, die alle abgehauen waren. Erst hatten sie eine große Klappe gehabt im Abendmahlssaal: ‚Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich nicht verlassen!’ Nicht nur Petrus hatte so gesprochen, nein alle anderen auch. Und bei der Kreuzigung war dann außer Johannes keiner dabei. Alle waren sie abgehauen. Das waren die ‚Brüder’. Und genau zu denen sendet Jesus Maria von Magdala. Und das ist etwas ganz Wichtiges. Wenn jemand, auch heute, Jesus verlassen hat, wenn er ihm untreu geworden ist, - das gibt es heute auch im Kleinen wie im Großen: Jesus betrachtet Dich immer noch als Bruder und als Schwester. „Geh zu meinen Brüdern!“ Jesus hat keinen Menschen abgeschrieben. Jeder Mensch ist von ihm, dem Auferstandenen, geliebt. Und jedem möchte er begegnen; jedem möchte er die Erfahrung schenken: Ich bin ein lebendiger Gott. Ich bin für dich; und ich bin mit dir. Amen.

 

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