Pfarrer Karl Sendker

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Predigt zum Evangelium:  Lk 2,41-52

Predigttext:      Lk 2,41-52

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich vermute einmal, dass heute am Fest der heiligen Familie dieses Evangelium vom zwölfjährigen Jesus im Tempel nur aus dem Grunde gelesen wird, weil am Ende steht: „Er kehrte mit ihnen nach Jerusalem zurück und war ihnen gehorsam.“ Das soll ja den Kindern eingetrichtert werden, dass sie den Eltern gehorsam sein sollen. Das stand auch schon in der Lesung aus dem Kolosserbrief: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn so ist es wohlgefällig vor dem Herrn.“ Aber was die Väter meistens nicht mithören, ist der letzte Satz der Lesung: „Ihr Väter schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.“ Das steht auch da. Beide sind angesprochen, die Kinder und die Eltern.

 

Aber ich möchte heute ihren Blick einmal auf einen anderen Gedanken aus diesem Evangelium lenken, der mir am Fest der Heiligen Familie für das Zusammenleben der Menschen, auch in der Familie, ganz wichtig zu sein scheint.

Noch einmal kurz die Situation: Jesus ist mit seinen Eltern auf der Wallfahrt, und er bleibt in Jerusalem. Drei Tage suchen Maria und Josef ihn. Jede Mutter und jeder Vater kann sich vorstellen, was das bedeutet: Unser Kind ist weg, und wir finden es drei Tage lang nicht. Und als sie dann nach drei Tagen in den Tempel kommen und sehen, wie er ganz selbstverständlich mit den Priestern und Lehrern diskutiert. Da ist es natürlich verständlich, dass es aus Maria herausbricht: „Wie konntest du und das antun? Wir haben dich voller Angst gesucht.“ Und dann die Antwort Jesu: „Wieso habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“

Und dann steht da ein Satz, der ganz wichtig ist: Sie, Maria und Josef, verstanden nicht, was er ihnen sagen wollte.

 

Das ist ja die große Not im Zusammenleben der Menschen, dass wir uns oft nicht verstehen.

Da redet man aneinander vorbei, etwa in einer Diskussion. Da hört man überhaupt nicht hin, wenn einer etwas sagt. Während der andere am Reden ist, überlege ich mir schon, was ich als nächstes sage.

Da sprechen Politiker miteinander in einer Weise, dass man meint sie reden chinesisch, weil sie sich nicht mehr verstehen.

Oder wie oft ist das so, dass Kinder ihre Eltern nicht verstehen. Warum verbieten die mir denn immer alles?

Oder dass Lehrer ihre Schüler nicht verstehen, wenn sie immer aufsässig sind in der Schule. Da ist einer ein „Zappelphilipp“ und man versteht gar nicht, warum das so ist.

Oder ältere Menschen verstehen die Jugendlichen nicht. „Die“ Jugend von heute ... Und dann geht es los.

Die große Not unserer Tage ist, dass wir uns nicht verstehen.

Aber es geht ja noch weiter. Oft ist das so, dass man auch Gott nicht mehr versteht. Ob das alles so stimmt, was in der Bibel steht ... Wieso lässt er Leid und Not in meinem Leben zu? Oft versteht man die Kirche nicht, manche Entscheidungen, die von Rom kommen.

Es ist die große Not: dass man nicht versteht.

 

Aber wenn wir etwas nicht verstehen, geschieht bei uns ganz schnell folgender Dreischritt: Erster Schritt: Versteh ich nicht.  Zweiter Schritt: Dafür hab ich kein Verständnis.  Dritter Schritt: Damit kann ich nichts anfangen; weg damit. Und schon ist der Riss da.

 

Von der Gottesmutter Maria können wir heute, am Fest der heiligen Familie eine Haltung lernen, die uns davor bewahrt, dass das „Tischtuch zerschnitten“ wird. Verstanden hat Maria ihren Sohn auch nicht, als sie ihn im Tempel fand. Aber dann steht eine kleine Bemerkung dabei: Maria bewahrte alles, was sie nicht verstand, in ihrem Herzen.

 

Das wäre etwas Großes, wenn wir lernen das würden. Was wir bei anderen, bei der Kirche, bei Gott nicht verstehen, nicht zu verurteilen: Weg damit! Würden wir doch lernen, solches im Herzen zu bewahren. Wohl gemerkt: im Herzen, nicht im Kopf. Man kann nämlich auch darüber grübeln und grübeln, und man kommt überhaupt nicht weiter. Nein, es im Herzen bewahren.

Wer das lernt, Unverstandenes im Herzen zu bewahren, der wird erleben, dass irgendwann einmal der Augenblick kommt, wo Gott Dir das Verstehen schenkt. Da liest Du irgendein Buch, da hörst Du irgendeine Predigt oder eine Sendung im Radio, und plötzlich ist das genau die Antwort auf das Unverstandene, das Du vielleicht jahrelang in Deinem Herzen bewahrt hast.

Es kommt der Tag, wo Kinder ihre Eltern verstehen, warum sie damals die und die Dinge verboten haben. Es kommt der Tag, wo Lehrer auf einmal verstehen, warum eine bestimmte Schülerin immer so aufsässig gewesen ist. Das geht aber nur, wenn man sich angewöhnt hat, nicht zu verurteilen, sondern Unverstandenes im Herzen zu bewahren.

 

In diesen Weihnachtstagen hören wir das gleiche Wort von der Gottesmutter noch einmal. In der Weihnachtsgeschichte, als die Hirten zur Krippe kommen, da steht dieses Wort fast wörtlich auch. Nur steht da noch eine winzige Bemerkung zusätzlich dabei, die mir auch wichtig ist: Maria bewahrte es in ihrem Herzen und bewegte es in ihrem Herzen. Dieser kleine Zusatz ist mir noch wichtig: ...und bewegte es in ihrem Herzen.

Es gibt nämlich auch eine Art, etwas im Herzen zu bewahren, die verhängnisvoll ist. Die Psychologen nennen das Verdrängung. Da packt man alles Unverstandene ganz unten im Herzen in die letzte Kiste, in den Ordner für Unverstandenes. Da liegt es dann weggepackt, und man schaut nicht mehr rein. Nein, es geht darum, dieses Unverstandene nicht wegzupacken, sondern es immer wieder zu bewegen, es als Frage lebendig zu halten. Dann erst habe ich die Haltung, die schließlich zu einer Antwort und zu einer Lösung führen kann.

 

Es will es noch einmal mit einem Bild aus dem Haushalt sagen: Die meisten von Ihnen kennen so einen modernen elektronischen Wäschetrockner. Wenn so ein Wäschetrockner sein ganzes Trockenprogramm abgespult hat, dann gibt es ganz zum Schluss, wenn die Wäsche schon trocken ist, noch einen so genannten „Antiknittergang“. Da macht die Trommel ab und zu noch einmal eine oder zwei Umdrehungen. Da es geht nur darum, dass die Wäsche nicht Falten wirft. Damit die Wäsche nicht knittert, bekommt sie noch ab und zu etwas Bewegung.

Und so einen „Antiknittergang“ brauchst Du in Deinem Herzen. Da wird das Unverstandene in Deinem Herzen noch ab und zu bewegt, wird als Frage lebendig gehalten, damit es nicht zu Verknitterungen führt.

 

Wer das von der Gottesmutter Maria gelernt hat, der hat etwas ganz Wesentliches gelernt. Wenn die Gottesmutter Maria später als eine der ganz wenigen auch noch die Kraft gehabt hat, unter dem Kreuz ihres Sohnes auszuhalten, wo von den Jüngern außer Johannes alle abgehauen waren. Es liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass sie diese Haltung hatte: Unverstandenes im Herzen zu bewahren und zu bewegen.    Amen.

 

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